Abenteuer auf zwei Rädern: Die Entscheidung für Freiheit und Unvorhersehbarkeit

Wie sagte bereits Forrest Gump: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt.“

Auch ich wusste an diesem Abend des 29. Januars 2024 nach einem normalen Arbeitstag nicht, was ich „bekomme“, als ich ein Telefonat mit Jannick, meinem ehemaligen Mitbewohner aus Studienzeiten, startete. Es begann eigentlich unspektakulär, mit einem stinknormalen Austausch über die aktuelle persönliche Situation: Der eine auf der Zielgeraden seines Masterstudiums, der andere dabei, so langsam im Berufsleben Fuß zu fassen.

Zwangsläufig ergab sich bei Jannicks Schilderungen zu seinem Studium die allseits bekannte – und oftmals auch gefürchtete – Nachfrage: „Und wie geht’s danach für dich weiter? Hast du schon Pläne?“

Seine Antwort hierauf sollte mich definitiv aus den Socken hauen: Er möchte, in Deutschland startend, erst bis Afrika radeln und anschließend diesen riesigen Kontinent einmal komplett von Nord nach Süd durchqueren. Aufmerksam hörte ich seinen Erzählungen zu möglichen Routen, der Vorbereitung und anderen Planungen hierfür zu – wie spannend!

Jannick schloss seinen Monolog mit dem Verweis, dass er am liebsten dieses Abenteuer nicht alleine erleben würde: „Wie sieht es denn bei dir aus? Könntest du dir vorstellen, mitzukommen?“

Galt dies schon für seine spannenden Erzählungen, so ließ diese Frage bei mir endgültig die Kinnlade fallen – ich werde ernsthaft gefragt, mitzukommen?!?! Was für eine Ehre!

„Das muss ich mir erstmal gründlich überlegen“, konnte ich noch antworten in meiner Ungläubigkeit, ehe wir so verblieben.

Ich musste mir einmal mit Hilfe der App Komoot das Ausmaß dieses Projektes vor Augen führen: Egal wie man fährt, auf jeder Route orientiert sich die Streckenlänge an ca. 20.000 Km.

Ich beschloss für mich selber, mir das erstmal bis zum Faschingswochenende durch den Kopf gehen zu lassen. Dennoch war meine Grundhaltung, nachdem ich dieses Gespräch erstmal verarbeitet habe, von Beginn an: „Wieso eigentlich nicht?!“

Ich bin in meinen Mittzwanzigern, habe keine familiären und beruflichen Verpflichtungen, kann alle meine Verbindlichkeiten ohne große Schwierigkeiten auflösen. Und insgeheim war es auch seit jeher ein Traum von mir, einmal etwas Außergewöhnliches in meinem Leben zu machen. Und jetzt wird man auch noch wegen so etwas gefragt, weil ein ehemaliger Mitbewohner ebenfalls „einen an der Klatsche hat“?!?! Kitschiger geht es ja kaum!

Meine Tendenz zur Annahme dieses Projektes verfestigte sich durch Gespräche mit Freunden und Familie, die mich (bis auf wenige kritische Stimmen) in dem Vorhaben bekräftigten.

Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Dass ich unterwegs schwer krank werde? Ich kann mich auch verletzen oder krank werden, wenn ich mich gegen das Projekt entscheide und weiter einem normalen Alltagsleben nachgehe – mit dem Unterschied, dass ich dann kein Abenteuer erlebt habe, das mich für mein Leben prägt. Klar, eine gute Krankenversicherung kann so manchen Ärger ersparen. Das Thema „Krankenversicherung“ wird in späteren Beiträgen noch genauer beleuchtet werden.

Dass ich dann lange Zeit nicht in irgendwelche Renten- und Sozialkassen eingezahlt habe, wie die wenigen kritischen Stimmen anmerkten (eine der kritischsten Stimmen sogar in bestem konservativ-bayerischem Slang: „Ja zefix was will der Kasperl in der Weltgeschicht‘ umanand fahren?!?! Der soll arbe gange wie jeder normale Mensch, zefix!!“)? Wer sagt denn, dass ich überhaupt so alt werde, dass ich meine Rente in Anspruch nehmen kann? Und wer kann mir versichern, dass ich dann noch fit genug bin, um so etwas nach dem Arbeitsleben „nachzuholen“? Wer sagt denn, dass ich überhaupt eine ausreichende Rente bekomme? In der aktuellen soziopolitischen Lage kann einem das wohl niemand versichern.

Dass uns unterwegs das Geld ausgeht und wir das Projekt abbrechen müssen? Gottseidank – und hierfür bin ich wirklich dankbar – habe ich Freunde und Familie um mich herum, die mich, sollte es zu einer finanziellen Notsituation kommen, nicht im Stich lassen würden. Im schlimmsten Fall müsste man sich in den nächsten Flieger setzen und zurück in die Heimat kommen.

Dass wir ausgeraubt oder entführt werden könnten mit all unserem Hab und Gut oder fernab der Zivilisation mit Rahmenbruch am Fahrrad oder einer anderen schwerwiegenden Panne liegen bleiben könnten? Auch hierfür lässt sich das Risiko zumindest steuern, und das Leben ist nun einmal in vielen Situationen „lebensgefährlich“. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es im Leben einfach selten bis nie. Oder wie lautet das bekannte Sprichwort: „Shit happens!“ Wenn man es jedoch gar nicht erst versucht, wird man nie erfahren, ob man es geschafft hätte oder an einer dieser Unwägbarkeiten gescheitert wäre. Take the risk or lose the chance! Ok, jetzt musste ich genug Geld ins Phrasenschwein abtreten für diesen Absatz…

Nach all diesen Gedanken und Überlegungen, die ich tagelang bis zu dem ominösen Faschingswochenende Revue passieren ließ, kam ich letztlich für mich zu der Entscheidung, mich auf das Projekt einzulassen. Sonntagabends, als letzte Amtshandlung vor dem Start in die neue Arbeitswoche gepaart mit Rosenmontagsfeierlichkeiten, griff ich zu meinem Handy, rief Jannick an, um ihm drei Worte mitzuteilen, die mein Leben verändern sollten: „ICH BIN DABEI!“

Tschüss Alltagsleben, hallo Freiheit!

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