Nach einer sehr kuscheligen Zeltnacht am Dümmer See war ich im Gegensatz zur Begleitung sehr früh wach. Früh kochte ich mir einen Kaffee mit dem Campingbrenner und genoss die Ruhe. Fünf Tage nach Aufbruch sind knapp 400 Km zurückgelegt – läuft. Nach einiger Stille kam Leben in das Lager. War auch bitter nötig, denn es warteten wieder knapp 95 Kilometer. Bald brachen wir im wahrsten Sinne des Wortes die Zelte ab, checkten aus und nach kurzem Frühstück ging es um halb 10 los. Erstmal 20 Kilometer durchs Flachland in Erwartung des ersten „Berges“, der dann bei der Ortschaft mit dem Namen „Ostercappeln“ kam. Es gab mal 80 Höhenmeter am Stück bei bis zu 5 Prozent Steigung – ungewohnt.
Ansonsten ging es meist parallel zur Bundesstraße in Richtung Osnabrück. Gegen halb 1 und 40 Kilometer später waren wir im Zentrum. Hier musste Philipp aussteigen, da ihm die Zeit ausging. War schön mit dir, viel Erfolg auf deinem weiteren Weg an dieser Stelle! 😉 Der Abschied war standesgemäß mit einem der besten Döner, die wir jemals gegessen haben im „Multi Kebab“ – da waren wir uns einig.

Nach der Stärkung stand der nächste Berg an im Teutoburger Wald hinter Osnabrück. Ca. 100 Höhenmeter und bis zu 10 Prozent Steigung! Für den kurzen Kraftakt entschädigte die Abfahrt über knapp zwei Kilometer. Anschließend ging es weiterhin schön durch die Ebene über das Münsterland durchs Grün, immer wieder unterbrochen von kleinen Dörfchen. Baustellen und Umleitungen ließen unsere lange Etappe noch ein bisschen länger werden. Endlich war am späten Nachmittag der Dortmund-Ems-Kanal erreicht, der in die Innenstand vom beschaulichen Münster führte. Nach 98 Kilometern war der Fahrradtag beendet.
Hier trafen wir auf unseren Warmshowers-Gastgeber, ein zugezogener Schweizer, der bereits in Südamerika und Neuseeland radeln war. Eine sehr spannende Persönlichkeit, die uns herzlicherweise bereits bei Ankunft eine gesunde Mahlzeit bereitgestellt hatte: Linseneintopf. Unterbrochen wurde die Gespräche von einem kleinen, abendlichen Spaziergang durch das Münsteraner Zentrum mit dem Dom. Wir wussten, dass wir es nun entspannter angehen lassen können, da wir am nächsten Tag nur 60 Kilometer nach Dortmund fahren sollten.

Schließlich kamen wir am nächsten Tag nach einem langen Frühstücksplausch mit unserem Gastgeber um Viertel vor 11 los. Nach wenigen Kilometern Stadtverkehr führte uns die Route wieder über den Dortmund-Ems-Kanal aufs Land, ehe viele Kilometer entlang der Bundesstraße dahingingen bis zur Ortschaft Werne, wo wir eine kleine Mittagspause einlegten. Hiernach ging es wieder ins Grüne durch die Vororte von Dortmund, garniert mit einem kleinen, aber kontinuierlichen Anstieg zum Tagesziel. In Dortmund war ca. 340 Kilometern in den letzten vier Tagen seit Hamburg der Ruhetag mehr als willkommen bei der Familie. Kraft tanken für die Strecke durchs bergische Land über Wuppertal am Samstag.

Am Ruhetag wurde in Dortmund die Fußballkultur der Stadt ausgecheckt, inklusive Fußballmuseum und Signal-Iduna-Park. Eine beliebte Aktivität von uns war zudem das Zählen von Dönerbuden im Zentrum. Irgendwann hörten wir auf, aber zweistellig war die Anzahl auf jeden Fall. Es war die aktive Regeneration für die über 100 Km am nächsten Tag quer durch den Pott über Wuppertal bis Köln. Zudem tat der ausgiebige Austausch mit der Familie und vor allem der ein oder andere süffisante Kommentar meines humorvollen Onkels zu meinem Vorhaben echt gut („Ich sehe es schon kommen Cypri – du bleibst in Afrika und findest dort noch die Liebe deines Lebens!“). Soviel vorweg: Onkel, ich werde dich nicht enttäuschen! Auch Oma war da und überbrachte mir die besten Wünsche für die Tour gen Süden. Wir werden uns bald wieder sehen, ca 19.500 Kilometer später!

Nach ausgiebigem Frühstück startete am nächsten Tag die Etappe durch das bergische Land. Erstmal vorbei am Phönixsee und durch den Süden Dortmunds ging es in Richtung Wuppertal über das Bergische Land. Das erste Mal über 200 Höhenmeter Anstieg am Stück. Bei 3 bis 4 Prozent Steigung und dem Maßstab des bayerischen Alpenvorlandes aber mehr als machbar. Im langen Abstieg zeigte sich bereits das pöttisch-hügelige Panorama von Wuppertal. Unterbrochen von dunklen Tunneln durch die Felsen hindurch schlängelte sich der Fahrradweg an der Stadt vorbei. Hinter Wuppertal und mit 50 Kilometern auf der Uhr gab es eine kurze Snackpause am Aldi. Das Wetter hielt bis dato trotz angekündigter Regenfront.

Frohen Mutes, dass der Wetterbericht sich mal wieder nicht bewahrheitet, zogen wir weiter. Doch alsbald fing es an zu tröpfeln. An Solingen vorbei kurz vor der Meisterstadt Leverkusen zog eine regelrechte Regenwand auf. Es war ein Regentanz durch die Sintfluten der Regenfront von Westen. Die Taschen wurden durch die Pfützen von unten zusätzlich nass, das Wasser stand überall. Leverkusen hat wirklich nur Regenwetter für Bayern-Fans übrig…

In Köln angekommen hörte dann der Wolkenbruch auch relativ bald auf, als wir zur Feier des Tages kurz an der Rheinpromenade unsere Energiereserven auffüllten in Form von Spaghetti Carbonara (ja, ich bin noch nicht vollständig vegetarisch unterwegs. Allesesser zu sein hat einfach seine Vorteile!)

Als wir die letzten 8 Kilometer zu unserer Unterkunft bei meinem in Köln heimischen Bruder fuhren fing der Regen wieder an. Die mittlerweile halb getrockneten Sachen wurden wieder durchnässt. Nach weiteren Verzögerungen aufgrund von mangelhafter Absprache mit dem Gastgeber hatten wir um 21 Uhr endlich eine warme Dusche (es wurde irgendwann echt kalt).
Der Tagesausklang fand nach dem Bewältigen des logistischen Unterfangens des Transportes der Fahrräder in eine Wohnung im 11. Stock in Form eines Austausches mit – sagen wir – interessanten Persönlichkeiten aus dem osteuropäischen Raum statt. Für eine Hausparty hatten wir nach 100 Kilometern Fahrrad fahren nur noch wenig übrig, so dass dann doch bald gegen Mitternacht die Heia wartete.
Nach immerhin einigen Stunden Schlaf und zwei Vollkornbrotscheiben zum Frühstück wurde der logistische Akt rückabgewickelt. Um 10 Uhr haben wir den Kölner Südwesten verlassen und starteten weiter gen Süden. Ein Hindernis gab es: Mein Handy ist durch den Regen am Vortrag aufgrund von Navigation und Fotos so nass geworden, dass der USB-Port wegen vorhandener Feuchtigkeit immer noch keinen Strom ziehen wollte – bei 10 Prozent Restakku. Nach gefühlt 100 Versuchen und einer Stunde Fahrtwind und Sonne zur Trocknung dann die Erlösung bei der ersten Pause: Endlich wieder überlebenswichtiger Strom über die Powerbank! Fast ein bisschen befreit flogen danach die nächsten Kilometer dahin, immer die Rheinpromenade entlang an Bonn vorbei.
Es war oftmals ein Slalomfahren zwischen den Fußgängern und und anderen Radlern in dieser touristischen, aber wunderschönen Region des Rheintals – einen Beinaheunfall inklusive. Bei Kripp wurde per Fähre auf die östliche Rheinseite gewechselt. Es waren die ersten Weinanbaugebiete zu erkennen, durch die wir durchfuhren. Jetzt sind wir endgültig in der Pfalz angekommen! Ciao, Nordrhein-Westfalen, ciao Pott!

Bei bestem Sonnenwetter erreichten wir gegen 15 Uhr unseren Campingplatz in Leutendorf kurz vor Koblenz. Der Nachmittag war dann nach dem ereignisreichen Vorabend von Erholung geprägt, unterbrochen von einer kurzen Erfrischung im Rhein nebenan nach Zeltaufbau. Auch die Tour wurde deswegen nur auf 65 Kilometer angesetzt. Nach einem kleinen Abendessen ging es an diesem malerischen Schönwetter-Sommerabend nochmal im Uferbereich des strömenden Rheins zum Plantschen. Was ein Kontrast zu gestern, wo wir befürchten mussten, dass unsere regendurchnässten Klamotten gar nicht trocken werden bis zum nächsten Tag.
Mein Kumpane und ich „plantschten“ fast eine Stunde im Fluss und unterhielten uns über das Lieblingsthema des Reisens im Spannungsfeld zur Erwartungshaltung der Gesellschaft einer 40-Stunden-Woche und des Steuerzahlens für die Allgemeinheit. Über Für und Wider unterschiedlicher Lebensentwürfe in der Hinsicht könnte ich mich ja ewig unterhalten.
Na ja – wie dem auch sei – aufgrund eines vorbeilaufenden Hundes, der seine Notdurft auf dem Handtuch meines Kollegen verrichtete, wurde aus einem goldigen Abend im wahrsten Sinne des Wortes noch „Scheiße“. Der beißende Geruch bei Rückkehr zu den am Ufer plazierten Sachen ließ bereits Böses erahnen. Na ja – Schwamm drüber!

Wir freute uns nach dem Übermaß an sozialem Leben und Unterhaltungen mal über einen Abend in Ruhe und ohne Menschen. Unspektakulär legten wir uns alsbald schlafen, den Wecker auf 6 Uhr gestellt. Früh losfahren war die Devise aufgrund der angesagten Hitze.
Die klare Nacht jedoch war sommerfrisch mit 12 Grad und einem taunassen Zelt in der Früh. Egal – nach Morgenkaffee wurde angefangen, alles wieder aufzuräumen. Wie immer ein kleiner Act, doch um kurz nach halb 8 waren wir schließlich abfahrbereit, um den Tag mit einem Ausritt durch die malerischen Pfälzer Weinberge zu starten. Es lief bei den morgendlich angenehmen Temperaturen. Nach 30 Kilometern erreichten wir um 9:30 Uhr Koblenz für eine Frühstückspause. Die Temperaturen stiegen. Weiter ging es immer den Rhein entlang durch die wunderbare, fast mediterrane Landschaft des Rheintals. Ohne große Anstiege ging es dahin, sodass um halb 2 bereits nur noch ein Halbmarathon auf zwei Rädern zu absolvieren war. Günstigerweise, da die Hitze uns langsam in den Schwitzkasten nahm. Auf diesen letzten Kilometern frischte jedoch der Südostwind böig auf, sodass wir mit Ziel Bingen am Rhein gegen die Luftströmung ankurbeln durften. Trotz Flachland etwas schlauchend bei den Temperaturen. Um kurz vor 15 Uhr war es nichtsdestotrotz geschafft und wir genossen die Abkühlung im strömungsfreien Uferbereich des Rheins. Schnell bekamen wir zudem Hunger, da wir auf der Strecke nur kurz gesnackt haben bei einem Supermarkt. Wir verließen uns auf das Bistro des Campingplatzes. Alsbald der Schock: Montag Ruhetag! Und wir hier außerhalb vom Zentrum Bingens in der Pampa am Rhein! Wir googelten nach Restaurants. Eines soll sich gleich auf der malerischen Burg am Hang hinter dem Campingplatz befinden, sodass wir die Anstrengung auf uns nahmen und hochstiefelten in Adiletten. Die Preise des Restaurants ließen uns jedoch alsbald wieder den Abstieg antreten.

Dann die Rettung in der Not: Der Geistesblitz einer Pizzalieferung an den Campingplatz über Lieferando! Das funktionierte schließlich bestens, sodass wir am Rhein in der Abendsonne alsbald noch unsere verdienten und dringend benötigten Kalorien inhalieren konnten.
Zufrieden und auch etwas müde legten wir uns anschließend nach kurzem Eintauchen in den Rhein und einer Dusche ins Zelt und ließen den Tag ausklingen. Für die nächste Etappe gab es nur ein Ziel: Kaiserslautern, der Wecker aufgrund von Hitzealarm wieder auf 6 Uhr gestellt!

Nach dem allmorgendlichen Umzug des „Hausstandes“ aufs Fahrrad nach wieder klarer, frischer Nacht und morgendlicher Kühle kamen wir um ca. halb 8 bei noch angenehmer Luft los. Eben ging es vom Rhein aus südwärts in das Städtchen Bad Kreuznach, wo wir nach 23 Kilometern eine ausgiebige Frühstückspause einlegten in einem Café in der Altstadt.

Frisch gestärkt ging es am idyllischen Flüsschen namens „Nahe“ dahin – auch wenn wir natürlich die Ferne als Ziel haben. 😉

Langsam stieg das Gelände immer weiter an durch die grüne Landschaft, ehe nach ca. 50 Kilometern eine erste Rampe kam, die an die Strecke auf den Auerberg bei mir in der Heimat erinnerte. Mit größter Mühe kam ich die steile Strecke hinauf, ehe trailartig eine rasante Abfahrt folgte. Unten angekommen folgte, wieder auf der Landstraße der deutlich längere Anstieg durch den Pfälzer Wald. Mit drei Prozent Steigung, unterbrochen durch einmal steilere ca. 500 Meter sechs Prozent war der Anstieg über ca. sieben Kilometer human. Um mit den Kräften hauszuhalten, machten wir der Ortschaft, die wir passierten, alle Ehre.

Bei über 30 Grad in der Mittagshitze kamen wir dennoch schweißüberströmt an. Die Abfahrt führte mit einigen Gegenanstiegen über einen stellenweise etwas wilden Wald-Schottertrail, wo mein Reisebike gleich mal zeigen konnte, was es aushält. Nach einigen Kilometern Trail war die Asphaltabfahrt durch Weinanbaugebiet schließlich die Krönung. Anschließend ging es noch knapp drei Kilometer durch’s Wohngebiet, ehe das Ziel Kaiserslautern erreicht war. Eine coole, abwechslungsreiche Strecke die viel Schweiß und auch Konzentration erforderte, nur bei vielleicht etwas zu hohen Temperaturen. Wie dem auch sei: Ab jetzt sind wir zu zweit unterwegs bis Südafrika! 💪

Da mein neuer Kumpane ab jetzt noch einiges erledigen musste, genossen wir den Nachmittag in der Fußballstadt Kaiserslautern bei einem Treffen mit meinem Fahrradkumpel Sebi aus einem Lanzarote-Urlaub im Frühling. Er ist auch ab morgen auf zwei Rädern auf unbestimmte Zeit unterwegs, quasi ein Gleichgesinnter. Bei einem Eis ließ sich die Hitze gemeinsam am besten aushalten.

Als Fazit zur heutigen Tour musste ich als bekennender Fußballfreak an das Spruchband der deutschen Fans beim EM-Finale 1972 (3:0 gegen die UdSSR) denken: „Wir sind von Bingen angereist, auf dass der Europameister Deutschland heißt.“ Wurd ja nichts mit Europameister – aber vielleicht ja ein gutes Omen, dass der Aufsteiger 2025 1. FC Kaiserslautern heißt. 😉
Für die Statistikfreaks unter den Lesenden: Ca. 878 Km bin ich nun seit Aufbruch alleine oder mit den Kollegen Matthias und Philipp gefahren. Ab jetzt kommt Jannick dazu. Damit ist auch das Kapitel Westdeutschland offiziell beendet. Fortsetzung folgt dann in Süddeutschland. 😉


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