Von hochalpin bis mediterran

In der leerstehenden Wohnung in Landeck, wo wir einfach auf unseren Isomatten auf dem Fußboden übernachteten, haben wir uns besprochen über die weitere Route. Zur Wahl stand der Fluelapass bis Davos, um anschließend einmal die Schweiz einmal von Ost nach West zu durchqueren und über das Rhônetal in Frankreich bei Montpellier an die Mittelmeerküste zu gelangen.

Die andere Option war der Weg über das Engadin bis zum Comer See, um über Mailand nach Genua ans Meer zu fahren und hier immer der Küste über Monaco und die Côte d’Azur bis Barcelona zu folgen.

Wir waren hin- und hergerissen, aber aus Gründen der Abwechslung und auch des Finanziellen entschieden wir uns für letztere Route.

Mit dieser Klarheit im Rücken statteten wir einem Fest in unserer ehemaligen Heimatstadt Landeck noch einen kleinen Besuch ab. Hier trafen wir auch auf einen ehemaligen Mitstudenten. Als wir in seinem Kreis von dem Projekt erzählten, kam die typische Frage: „Und wie macht ihr das mit dem Geld?!“ Mittlerweile schmunzel ich nur noch über diese Frage.

Na ja – nach einem Glas Wein ging es auch früh in die Heia, da wir am nächsten Tag weiter durchstarten wollten. Diesmal mit etwas Verzögerung erst um 10 Uhr. Der Schlüssel, den die nette ehemalige Vermieterin von Jannick uns rausgelegt hatte, musste noch zurückgegeben werden.

Mehr oder weniger ausgeschlafen nach einer Nacht auf dem Fußboden ging es los. Es war eine wahre Erinnerungsfahrt an frühere Zeiten, als wir das Oberinntal durchfuhren. Sei es der Abzweig zur Ortschaft Fliess, wo ein guter Freund aus dem Studium wohnte, oder der Badesee bei der Ortschaft Ried. Oder die Abzweigung zum Kaunertaler Gletscher in Prutz – wie oft sind wir früh in der Saison hier entlang gefahren, um auf den Brettern stehen zu können?!?!

Der Inn bei Prutz.

Es folgten noch die Ortschaften Tösens und Pfunds, ehe der Anstieg in Richtung Grenzübergang bei Martina begann. Relativ zügig, etwas mehr als fünf Kilometer hinter Pfunds, war die Grenze überquert. Hier traf ich durch Zufall auf meinen ehemaligen Frosch-Kollegen Franz, der ebenfalls per Fahrrad im Engadin unterwegs war. Die Welt ist einfach doch so klein, unglaublich diese Begegnungen! Nach einer kurzen Abfahrt war dann auch das Zollamt bei Martina erreicht. Die Kontrolleure ließen uns passieren 😉

Zufälliges Treffen mit Franz (rechts)

Immer leicht bergauf ging es nun durch’s Engadin. Eine Frage war noch offen: Wo und wie pennen wir heute eigentlich? Uns war klar, dass an Wildcampen diesmal kein Weg vorbeiführt. Nur wo? Ein paar Kilometer wollten wir noch machen, auch wenn Jannick langsam signalisierte, dass sein Akku bald leer ist. Insbesondere die vielen Schotteranstiege auf dem Fahrradweg machten ihm zu schaffen. Wir sahen ein paar Spots auf dem Weg, doch jedes Mal war einer von uns nicht komplett überzeugt. Auch eine Grillstelle war uns zu offen vom Gelände her.

Wir fuhren noch bis hinter die Ortschaft Sûr En. Ich sah auf der Karte, dass hier der Weg noch einmal fernab der Zivilisation am Inn entlanggeht. Schließlich sah ich einen Platz hinter einer Böschung versteckt zwischen Flussufer und Weg. Ich zeigte Jannick die Stelle, doch er war nicht hundertprozentig überzeugt, da man das ganze Zeug inklusive Fahrrad erstmal die steile Böschung über einen Trampelpfad runterbekommen musste. Wir schauten noch einige hundert Meter weiter, doch mit dem nachfolgenden Wasserkraftwerk war es das mit versteckten Plätzen. Ich erklärte Jannick, dass ich ein sehr gutes Gefühl mit dem Platz habe und wir auch alles da runterbekommen. So fiel unsere Entscheidung dann doch recht flott für diesen Platz. Wir fuhren zurück und transportierten unser Gepäck vom Fahrrad. So ließen sich alle Sachen relativ unkompliziert in mehreren Schüben runtertragen. Wir fühlten uns sicher und unbeobachtet.

Gute Nacht.

So gab es erstmal einen „Waschgang“ im eiskalten Inn, ehe wir uns Nudeln kochten. Ursprünglich wollten wir unsere Zelte aufstellen. Ein Blick auf die Wetterapp zeigte jedoch ein nur noch dreißigprozentiges Niederschlagsrisiko. Es sollte also trocken bleiben. Wir beschlossen daher kurzerhand, unser Zelt eingepackt zu lassen und einfach nur unsere Isomatte mit Schlafsack herzurichten. Was eine Erfahrung! Das erste Mal unter dem Sternenhimmel schlafen! Da die Temperatur auf 11 Grad in der Nacht fallen soll aufgrund von Aufklaren, hielt ich lange Unterhose und Langarmshirt bereit. Nach etwas Seele baumeln lassen und dem Rauschen des Inns zuhören wurde es bald dunkel und wir schliefen. Insgesamt erstaunlich gut. Nur zweimal wurde ich wach: Einmal um mich zu entleeren, und das andere Mal ganz in der Früh, als es dann doch etwas frisch war. Wir haben ja auch auf über 1.100 Meter Höhe campiert. Beim ersten Mal wach werden versuchte ich, den imposanten Sternenhimmel mit meiner Kamera festzuhalten – leider ohne Erfolg!

Für den kommenden Tag hatten wir ein ambitioniertes Ziel: Da uns ein Warmshowers-Gastgeber zugesagt hatte, wollten wir direkt bis Sankt Moritz fahren. 74 Kilometer, 1.300 Höhenmeter. Aber wir einigten uns darauf, dass wir versuchen wollen, das durchzuziehen.

Etwas widerwillig akzeptierte ich, dass wir erst um 9 Uhr loskamen. Wir wussten auch im Hinterkopf: Es wird heute im wahrsten Sinne des Wortes wieder brennen! Hitze wie die letzten Tage auch schon. Immerhin sind wir schon auf einer gewissen Höhe. Und diese stieg rasch an, zu Beginn wurden die Höhenmeter nämlich im wahrsten Sinne des Wortes gefressen. Von Scoul aus ging es über 400 Höhenmeter hinauf in vielen Kehren bis zu einem Skiort. Nach 9 Kilometer haben wir bereits über 500 Höhenmeter gemacht – wohl der Inbegriff von „Ballern“. Ich konnte mich jeweils immer wieder erholen, bis Jannick hochkam den Bergpass. Die Aussicht war ja dazu auch ganz schön 😉

Immer bergauf mit Aussicht.

Oben angekommen, schrie Jannick nach Kohlenhydraten (ich hatte erstaunlich wenig Hunger), sodass wir nach kurzer Abfahrt in einem netten Bergdorf 200 Meter weiter unten den ersten Supermarkt auf dem Weg ansteuerten. Allerdings mit kurzer Verzögerung, da Jannick seine Cap auf der Abfahrt verloren hat. Ich genoss die Abfahrt und habe nicht bemerkt, dass er hinter mir abgerissen hatte. Daher hatte ich schon Sorge, er wäre gestürzt…

Fast italienisches Flair im Engadin.

Nach der Abfahrt ging es immer den Inn entlang wieder leicht aufwärts über Schotterpisten bis Susch. Schotterpisten und Jannick – die beiden werden definitiv keine Freunde mehr 😉 Aber Jannick kämpfte sich durch. In Susch wäre auch der Fluelapass abgezweigt, aber wir hielten uns nun südwestlich Richtung Sankt Moritz. Ich stellte Jannick die Frage nach den Körnern, die er noch im Tank hat. 40 Kilometer und 500 Höhenmeter würden noch warten. Falls er gesagt hätte, er würde das nicht mehr schaffen, so wären wir einkaufen gegangen und hätten nach einem Spot zum Campen gesucht. Doch Jannick biss auf die Zähne, wollte das Ding durchziehen. Auch wenn er wusste, dass er an seine Grenze gehen muss. Hut ab! Dann auf geht’s!

Nach flachen Kilometern bis zum Örtchen Zernez kam der nächste Schotteranstieg über 200 Höhenmeter in der Nachmittagshitze hier auf 1.600 Metern. Oben angekommen bat Jannick darum, doch einfach Straße zu fahren, da wir so schneller und unanstrengender vorankommen. Ich änderte also die Routenführung auf Komoot schnell zu „Rennrad“, um über Asphalt geleitet zu werden.

Doch hierbei kam die Kehrseite dieser Routenführung zum Vorschein: Bereits nach wenigen Minuten Straße wurde ich mit vielleicht 30 Zentimetern Abstand von einem Wohnmobilfahrer überholt, was in mir innerlich die Hutschnur platzen ließ. Auch danach folgten teils wilde Überholmanöver. Egal, die knapp 30 Kilometer werden wir schon überstehen. Langsam aber sicher kamen wir dem Ziel näher, doch immer wieder kamen nochmals Höhenmeter hinzu. Außerdem hatte der böige Gegenwind kein Erbarmen mit uns, er ließ uns verzweifelt strampeln. Die Krönung war ein nochmals knackiger 100-Höhenmeter-Anstieg rein nach Sankt Moritz, bevor man einmal kurz beim Durchfahren in die Welt der Reichen und Schönen eintauchte: Tommy Hilfiger und Co. pflasterten unseren Weg. Wobei die Preise im Lidl doch eher auf deutschem Niveau waren…seltsam.

Unser Gastgeber kündigte bereits Barbecue für uns an bei Ankunft. Die letzten sieben Kilometer nach Sankt Moritz zogen sich noch einmal, Jannick lief „auf der letzten Rille“, bevor wir kurz nach 19 Uhr endlich den Campingplatz Silvaplana mit dem Camper vom Gastgeber erreichten, wo wir drin schlafen durften. Ein wunderschöner Campingplatz da oben in der Engadiner Bergwelt direkt am See. Aber auch ein bisschen frisch hier oben auf 1.800 Metern – vielleicht einer der höchsten Punkte der Tour! Duschen durfte man auf dem Campingplatz übrigens unbegrenzt lange kostenlos, was uns gerade Recht kam.

Netter Barbecue-Abend auf 1.800 Meter Höhe.

An diesem Abend musste Jannick die Geselligkeit übernehmen. Ich merkte beim Herunterfahren meines Körpers, dass ich einfach tot war und eigentlich gleich schlafen könnte. Bei Barbecue und ein bis zwei Gläsern Wein dauerte es mit dem Schlafen im Campervan natürlich trotzdem bis 23 Uhr. Der Warmshowers-Gastgeber gab uns wertvolle Tipps, wie wir am Comer See fahren sollen. Danke hierfür! Er empfahl uns die Westseite, was wir dann auch beherzigen sollten auf der morgigen Tour.

Traumhaftes Engadin.

Da es bis zum Comer See nur 150 Höhenmeter sein sollten und wir eine lange Abfahrt haben, ließen wir es in beidseitigem Einvernehmen etwas gemütlicher angehen. Das Wetter soll ja auch halten. Nach Espresso und ein paar Snacks kamen wir um 11 Uhr los. Ich war natürlich schon um 7 Uhr wach und genoss die Morgenstimmung am See.

Los ging es erstmal eben die ersten 10 Kilometer mit teilweise fiesem Gegenwind aus Südwest mal wieder. Wann kommt diese Abfahrt endlich??! Von 1.800 Meter bis auf ca. 200 Meter…das wird bestimmt geil!

Guten Morgen.

Der Maloja Pass kam dann auch früh genug, und dann ging der Spaß los. Kehre um Kehre schoss man wie ein Motorradfahrer herunter. Es ging bergab, bergab und bergab. Meine Uhr zeigte mir eine Zwischenzeit von sieben Minuten für fünf Kilometer an – traumhaft! Eine der geilsten und längsten Abfahrten, die ich jemals per Rad gemacht habe. Langsam ging es vom frischen, hochalpinen Flair in eine deutlich wärmere Luftmasse.

Chiavenna.

Nebenbei ließen wir auch die Grenze und das italienische Zollamt links liegen mit locker 35 Stundenkilometern und erreichten alsbald Chiavenna in schon schwülwarmer Luft mit den typischen italienischen Gassen. Der Kaffee kostete hier dann auch nur noch einen Euro statt ein Vielfaches in der Schweiz 😉 Wir genossen das mediterrane Flair und machten uns alsbald weiter auf die letzten 30 Kilometer Richtung Comer See, erst noch leicht absteigend, dann eben mit ein paar Gegenanstiegen. Die Luftmasse war drückend. Richtig was gegessen haben wir den Tag über auch noch nicht, was wir jetzt merkten.

Zudem gab es noch ein anderes großes Problem: Wir wissen immer noch nicht, wie wir übernachten. Wildcampen wird wohl am touristischen Comer See streng kontrolliert, und alle Campingplätze sind wohl restlos voll. Zudem gibt es hier weit und breit keine Warmshowers-Gastgeber. Ich sah, dass es im Ort Domaso am nördlichen Westufer eine ganze Reihe an Campingplätzen gab. Wenn man lieb frägt, haben die bestimmt ein Eck frei…

Wir entdeckten direkt zu Beginn an der Nordspitze vom See einen Platz, wo ich einmal nachfragte. Sie konnten uns tatsächlich ein Eck anbieten, aber für 18 Euro pro Person nicht gerade günstig.

Ich rief nach Zufallsprinzip einen der weiteren Campingplätze in Domaso an. Der Betreiber machte erst klar, dass nichts zu machen sei. So drückte ich ein wenig auf die Tränendrüse: „But we are so desperated about searching a place! Maybe a small corner? We don’t need much space and comfort! Would be so kind!“ „Ok. Let’s come to us, then we can see what is possible.“ Na also – das hörte sich doch schon deutlich positiver an.

Wir folgten dem engen Weg direkt am Ufer die letzten drei bis vier Kilometer bis zur Ortschaft Domaso. An der Campingpromenade steppte der Bär bei heißem Sonnenwetter. Wir wurschtelten uns hindurch und waren dann gegen 17:30 Uhr endlich an der Rezeption. Der Betreiber gab uns einen kleinen Platz direkt ums Eck beim Rezeptionshaus. Für 10 Euro pro Person – also obendrein noch einen echten Schnapper gemacht. Ende gut, alles gut!

Endlich Abkühlung in der Hitze!

Nach Zeltaufbau erfrischten wir uns im Comer See – so verdient und so überfällig! Danach kochten wir uns klassisch die Nudeln und stießen mit einem Glas italienischen Weines auf den Tag an! Willkommen am Comer See. Unglaublich, vor fast einem Monat in Flensburg gestartet, jetzt bereits im mediterranen Italien! Obendrein empfing der Comer See uns auch noch mit einem prächtigen Regenbogen, da es am Ostufer geregnet hatte.

Prächtiger Regenbogen.

Doch es war nicht alles Gold, was glänzte.  Relativ bald musste ich mich vom gemütlichen Zusammenhocken mit Jannick verabschieden, da ich sehr müde war und mich zudem unwohl fühlte. Ich lag noch ein wenig im Zelt und schlief dann auch relativ schnell ein. Mitten in der Nacht wurde ich wach, da ich stark aufstoßen musste. Ich versuchte es in den Griff zu bekommen, doch das Gegenteil war der Fall. Schließlich musste ich mich tatsächlich ins Vorzelt übergeben. Jannick hörte das im Nachbarzelt und half mir dabei, Klopapier zu holen, um die Sauerei aufzuwischen. Danke!

Der Fall war mir unerklärlich: Habe ich etwas falsches gegessen? War es die große Hitze die letzten Tage in Verbindung mit körperlicher Anstrengung? Zu wenig getrunken? Vermutlich eher die letzten beiden Punkte. Vielleicht auch einfach die Stressreaktion des Körpers, dass man nun niemanden mehr kennt und immer spontan schauen muss, wie man unterkommt bzw. nächtigt in Verbindung mit der Angst, beim möglichen Wildcampen vor allem in den streng kontrollierten, touristischen Regionen erwischt zu werden…ich bin einfach der Typ, der in dieser Hinsicht nicht so stressresistent ist wie vielleicht manch andere, wenn ich nachmittags noch nicht weiß, wie ich die kommende Nacht verbringe. Aber ich werde mich schon irgendwie dran gewöhnen, in nächster Zeit werden wir da kaum drum herumkommen…

Auf jeden Fall auch für mich ein Warnschuss, auf den Körper zu hören und nicht zu übertreiben, besonders bei der Hitze, die nun seit einiger Zeit unser steter Begleiter war. Da am Sonntag ergiebige Regenfälle gemeldet waren, war ein Ruhetag jetzt gerade richtig, nachdem wir innerhalb von vier Etappen quasi einmal die Alpen überquert haben von Innsbruck bis zum Comer See – die Anstrengung war also schon nicht ohne.

Wir wachten dann auch bei strömendem Regen und Land unter auf. Eine Nacht länger zu bleiben war kein Problem, sodass wir den Vormittag vor allem in unseren Zelten verbrachten, ruhten und den Regen aussaßen.

Ich habe wohl auch ein bisschen Aufmerksamkeit in der Nacht auf mich gezogen. Eine besorgte Camperin sprach mich an: „Are you ok now? You had a rough night, no? Too much sun?“ „Yes, thank you for asking! I think I’m fine again. Maybe too much sun and effort.“ Insgesamt ein sehr netter Smalltalk mit der zuvorkommenden Dame. Eins wusste ich auf jeden Fall sicher: Heute werde ich nichts tun außer ausruhen und italienisches Essen genießen – sofern mein Magen das ok gibt! Eventuell mal wieder ein paar Italienisch-, Französisch- oder Spanischlektionen machen, da man merkt, dass Englisch hier nur sehr begrenzt hilft, auch einfach mal den Überschuss an Erlebnissen und Eindrücken der letzten Tage verarbeiten und Zeit für sich haben…dann sollte es doch morgen hoffentlich schon wieder ganz anders aussehen und wir können mit frischer Kraft und aufgeladenen Akkus weiter…

Einmal Vollwaschgang für das Zelt.

2 Antworten zu „Von hochalpin bis mediterran”.

  1. Dankeschön für deinen so wunderbaren Reisebericht!

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    1. Danke dir vielmals, ich versuche zu berichten, als wäre man live dabei 🙂

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