Wo Licht ist, da ist auch Schatten – das galt auch für den Campingspot, von dem ich im letzten Beitrag noch geschwärmt habe. Der friedliche Wettereindruck vom traumhaften Sonnenuntergang täuschte – als wir ankamen, frischte der Wind alsbald unangenehm auf. In wahrer Sturmstärke. Die Zelte wurden ordentlich durchgeschüttet, es war nicht nur von der Landschaft her ein leichtes Schottlandflair. Jannick ohne Ohrstöpsel hatte lange zu kämpfen, um ein Auge zuzudrücken bei der Lautstärke, während ich wie ein Stein schlief. Der morgendliche Blick aufs Handy zeigte eine Nachricht, dass ich Jannick erst nach 8 Uhr wecken solle.

Ich hielt mich dran und weckte ihn um Punkt 8:01 Uhr mit Kaffee – das zeigt durchaus Wirkung bei ihm! Schnell war er nach der Koffeinzufuhr am Packen, sodass wir sogar noch gegen 10 Uhr bereits loskamen. Auf dem Singletrail durch’s Nirgendwo zwischen den Kanälen preschte ich voran, sodass Jannick alsbald abgehängt war. Wieder in der Zivilisation, im Ort Port-la-Nouvelle, wartete ich auf ihn.
Die Zeit nutzte ich, um zu schauen, ob eine Postfiliale auf dem Weg liegt. Da meine Zeit in der gesetzlichen Krankenversicherung mit Ende August endete, machte mir eine Sachbearbeiterin unmissverständlich klar, dass die Versichertenkarte unverzüglich zurückgesendet werden müsse – sonst würden Konsequenzen drohen.
In dem Ort befand sich tatsächlich eine Filiale, wo ich meine Karte in einem Briefumschlag per internationalem Einschreiben in die Heimat schicken wollte, auf dass nun endlich Ruhe mit bürokratischen Verpflichtungen aus Deutschland ist. Ganz so einfach war es jedoch nicht, weil die Postmitarbeiterin kein Englisch konnte. Ich kann zwar etwas Französisch, aber nicht für den Bereich. Mit Händen und Füßen versuchte ich ihr klarzumachen, was ich wolle. Schließlich sprang die englischsprachige Kollegin in die Bresche und erklärte, dass ich einen „lettre suivi pour Allemagne“ brauche. Problem gelöst! Und wieder was gelernt: „Suivi“ heißt das Wort! Ich hatte meinen Beleg für die Versendung, den ich an die Krankenkasse schickte per Mail – in der Hoffnung, dass eine Sendung am dritten Werktag nach Ablauf der Versicherungszeit doch akzeptiert werden solle…
Na ja, wieder zu weniger nervigen Themen, wie beispielsweise unserer weiteren Route nach anschließendem Aldi-Einkauf (sorry, Lidl!). Es ging immer am Eurovelo 8 entlang, der jedoch auch mal drei Kilometer die Küste entlang über eine buckelige Schotterpiste führte, und anschließend über Sandtrail in Strandnähe, wo man sogar mal absteigen musste – wild! Danach gab es jedoch wieder Aspahlt, und ordentlich auffrischenden Wind, der uns ja schon seit gestern Abend begleitete. Immerhin mit Nordwestkomponente, also meistens leichtem Rückenwind. Eine kleine Anekdote zum Thema Wind noch: Als wir in der Früh packten, Jannick die Heringe vom selbststehenden Zelt löste und sich anschließend kurz etwas anderem zuwandte, wäre das Zelt beinahe im Kanal nebenan gelandet, wenn ich es nicht mitbekommen und geistesgegenwärtig das wegfliegende Zelt noch abgefangen hätte…wiedermal Glück gehabt!
Allgemein war das Wetter wieder sehr angenehm, um die 20 Grad und Bewölkung! Keine Spur von Hitze. Später sollte sogar noch richtiger Landregen kommen, der erste seit dem Comer See vor ca. 2 1/2 Wochen…was für eine Rarität! Ein Tag zum Genießen!
An einer Gabelung wollte Komoot mich rechtsrum immer den Eurovelo entlang leiten, Google Maps wollte Jannick linksrum über den scheinbar direkteren Weg leiten. Ich blieb diesmal stur wie ein typischer Schwabe: Ich habe dafür gezahlt, ich navigiere jetzt nach Komoot. So einigten wir uns darauf, dass jeder nach seiner eigenen Route fährt und wir uns nachher wieder treffen.
Ich pedalierte entspannt den nun wirklich sehr gut ausgebauten Eurovelo ohne viele Höhenmeter dahin, kam in meinem eigenen Tempo so richtig in den Flow. Das „kühle“ Wetter gab mir den letzten Schub, um entspannt Strecke abzureißen. Quasi ohne Pause fuhr ich über 40 Kilometer durch. Eine Location schien ganz nett für eine Einkehr, aber als FC-Bayern-Fan konnte ich hier aus Prinzip nicht essen gehen:

Pause machte ich erst wieder vor dem Ortsschild eines ganz besonderen Ortes, den ich schon immer mal besucht haben wollte: Saint Cyprien! Cyprien ist die französische Form meines Vornamens, Cyprian. Der Ort handelt daher vom „Heiligen Cyprian“ – ein Paradies für mich – wenn ich hier nicht mal meinen Lebensabend standesgemäß verbringen werde 😉

Spaß beiseite – ich machte ausgiebige Pause und knipste einige Bilder, während ich auf Jannick wartete, der nach 40 Minuten eintrudelte. Gemeinsam brachten wir die letzten 12 Kilometer bis zum gebuchten Campingplatz hinter uns – mit Sonderpreis für Radfahrer: Nur 10 Euro pro Person und Nacht. Perfekte Gelegenheit, um WLAN zu haben, Kleidung mit Rei-Waschmittel unter die Dusche mitzunehmen und Powerbanks aufzuladen nach dem ganzen Wildcampen!
Jannick kündigte zudem an, dass er noch seine Kette wechseln müsse am nächsten Morgen. Ich war etwas uneinverstanden: Wir haben 17:30 Uhr…mach das doch heute Abend! In der Früh kommst du doch schon so kaum zu Pötte! Wir haben fast 90 Kilometer zu absolvieren!
Mein Fahrrad zickt auch ein wenig rum: Beim kräftigen Treten, beispielsweise bergauf, mit dem linken Bein, meldete sich ein leichtes Quietschen. Ohne größere Ruhepause war es mir jedoch zu heiß, selber tätig zu werden. Auch aus Angst, noch mehr kaputt zu machen bei meinen (vielleicht noch?!) begrenzten handwerklich-mechanischen Fähigkeiten. Da wir am Samstag jedoch laut Etappenplan nur noch 30 Kilometer bis Barcelona zu absolvieren haben und ein gut bewerteter Fahrradladen von 10 bis 13 Uhr offen hat, werde ich das Fahrrad dort zu einer Wartung vorführen…die 210 Kilometer bis Barcelona wird das Fahrrad wohl noch durchhalten ohne Panne, so denke ich mir…und dann ist es auch fit für die weiteren Etappen, die viele Höhenmeter beinhalten werden, ohne zu viel zu verraten…und ich habe natürlich einen Grund gegenüber Jannick, dass ich früh losfahren muss 😉
Bezüglich Wäsche wurden die dringenden Klamotten einmal schön unter der Dusche mitgewaschen. Das Wetter war zum Trocknen optimal. Nach einem letzten Regenschauer war es über Nacht trocken, der Wind blieb ruppig.
Tatsächlich war am nächsten Morgen alles trocken – bis auf ein T-Shirt, das es auf den Boden geweht hatte. Ich hängte es nochmal über eine Wäscheleine in der Nähe – in der Hoffnung, es beim Packen nicht zu vergessen.
Jannick hatte – nicht anders zu erwarten – seine Kette nicht mehr am Abend vorher gewechselt. Ein Blick aufs Handy in der Früh zeigte zudem eine Nachricht, dass er wieder (vielleicht wegen dem Wind?!) ewig nicht einschlafen konnte und ich ihn nicht vor halb 9 wecken solle – ich könne jedoch vorfahren, wenn ich will.
Ich fühlte mich leicht schlecht, doch nach Abwägung der Umstände mit fast 90 Kilometern beschloss ich, mal zusammenzupacken und wenn Jannick dann wirklich noch gar nicht so weit ist, selber zu fahren. Ich ließ mir viel Zeit, trank Kaffee, tankte nochmal letzten Strom und sprach mit Jannick, als er wach war. Kein Problem, versicherte er – er würde es selber später auch alleine zu dem Wildcamping-Spot schaffen, den wir wiedermal über iOverlander gescoutet haben. Ok, dachte ich mir, dann bist du für dich selber verantwortlich – bis später!
Um kurz vor 10 Uhr fuhr ich schließlich los, für meine Verhältnisse schon echt spät. Als ich in Gedanken versunken Richtung Pyrenäen pedalierte, kam mir das T-Shirt in den Kopf – Mist, vergessen! Da schlug die Verpeiltheit mal wieder zu…ich hinterließ Jannick eine Nachricht, der wohl sicher noch da war – Glück gehabt, danke Kollege, dein spätes Aufstehen ist wohl doch für etwas gut!

Erleichtert trat ich gleich mal stärker in die Pedale, als die Pyrenäen und damit Höhenmeter sowie der Grenzübergang näher kamen. Ganz ungewohnt, so viele Höhenmeter nach den vielen flachen Etappen die Küste entlang. Traumhafte letzte Kilometer auf französischem Boden erwarteten einen, durch bergig-grüne Landschaft – schee!

Die Idylle wurde lediglich vom regen Verkehrsaufkommen rund um Le Perthus getrübt, dem Ort des Grenzüberganges. Zahlreiche Touristen sorgten hier für Stau. Am Ende des Ortes war es dann endlich – das lang ersehnte Spanien-Schild! Adieu la France, holà españa! Wahnsinn, jetzt ist man schon auf der iberischen Halbinsel angekommen!

Voller Freude genoss ich die kurze Abfahrt nach dem Grenzübergang runter nach Spanien, bevor ich durch La Jonquera geleitet wurde, der erste Ort hinter der Grenze auf spanischen Boden. Ein relativ belebter Touristenort voller Cafés und Restaurants. Ich war jedoch aufgrund meines eigenen Rhythmus und Tempos voll im Flow – keine Lust auf eine Pause!
Weiter wurde ich über die Bundesstraße geleitet – mit großzügigem Pannenstreifen. Hier fühlte ich mich sehr sicher, auch wenn die Autos mit 100 Sachen an mir vorbeirauschten. Auf super Asphalt wurden obendrein ordentlich Kilometer geschrubbt.
Relativ bald war ich bereits in Figueres, der ersten größeren Stadt auf der Route. Wie es der Zufall so will: Der Weg führte mich direkt an einem Aldi mit einem McDonald’s nebendran vorbei – manchmal soll es wohl einfach so ein! Bei Burger und Eiscafé rastete ich eine Stunde, voller Entspannung – es war halb 2 mittags und es waren nur noch 30 Kilometer zu absolvieren. Ich kann mich gar nicht zurückerinnern, wann ich das letzte Mal so tiefenentspannt Pause gemacht habe. Die späten Abfahrtszeit der letzten Tage sorgen doch immer für etwas Stress bei mir…

Nach dem anschließenden kurzen Abstecher im Aldi ging es wieder aus Figueres raus aufs katalanische Land. Die Strecke erinnerte mich etwas an die Etappen durch den Schwarzwald und über die schwäbische Alb. Nicht unanstrengend. Welliges Gelände, immer auf und ab. Dazu weite, landwirtschaftliche Flächen und viel Grün – unterbrochen von kleinen Dörfern, nur diesmal bereits im typisch spanischen Stil. Dazu keine Bundesstraße mehr, nur noch Abgelegenheit – eine für meinen Geschmack super Wegführung von Komoot! Heute überwiegt bei den super landschaftlichen Eindrücken bei der Hassliebe eindeutig der hintere Teil vom Wort.

Schnell waren 86 Kilometer absolviert und ich um 16:30 Uhr angekommen bei dem abgelegenen Campingspot mit zwei Bänken und einem kleinen Flüsschen nebendran. So viel Zeit! Kurz im Fluss erfrischen, Gepäck vom Fahrrad nehmen und einfach Seele baumeln lassen! So entspannt angekommen bin schon lange nicht mehr, trotz ambitionierter Kilometerzahl und immerhin 700 Höhenmetern…

Ich war nicht lange alleine, ein charmantes französisches Paar mit Camper entdeckte den Platz über die App „Park4Night“. Schnell kamen wir ins Gespräch und ich erzählte ihnen von meinem – bzw. unserem Vorhaben. Nach besten Wünschen boten die beiden noch an, dass ich meine Geräte im Camper aufladen sowie meine Wasservorräte auffüllen könne – das nahm ich mit Handkuss an. Mit wieder vollen vier Litern muss ich bei meinem Trinkverhalten gar nicht nachkaufen auf der Strecke morgen 😉.
Nach Zeltaufbau auf einem kleinen, grasigen Eck des Platzes erkundigte ich mich nach Jannick. Bei ihm sah es leider nicht so gut aus. Nach spätem Start und mangelhafter Navigation über einen Wanderpfad von Google Maps wird er es heute nicht mehr zu meinem Platz schaffen. Er suchte sich einen anderen Schlafplatz.

In diesem Moment verspürte ich in zweierlei Hinsicht Liebe: Wie ohnehin schon gegenüber Komoot – und gegenüber meiner Gabe als Morgenmensch und Frühaufsteher 😉
Ich verbrachte für mich einen sehr entspannten Abend und brannte bereits auf die morgige Tour, 96 Kilometer warteten bis zu unserem Warmshowers-Gastgeber vor den Toren Barcelonas, wo ich auch wieder auf Jannick treffen sollte. Für ihn waren es 120 Kilometer. Schauen wir mal, ob wir uns morgen Abend wieder sehen😉
Ich brannte so sehr auf die Etappe, dass ich nach dem Wecker um 7 Uhr sogar Kaffee und Frühstück übersprang und direkt mein Zeug zusammenpackte, um 8 Uhr war ich abfahrbereit. Kaffee- und Frühstückspause plante ich nach den ersten zehn Kilometern im Zentrum vom wohl sehr schönen Girona ein. Ich ließ mich überraschen – Fußball spielen können sie ja schonmal, wie man letzte Saison gesehen hat😉

Nach den ersten Kilometern Bundesstraße und Wegen durch das doch sehr ruhige Einzugsgebiet Gironas, immer am Fluss „Ter“ entlang (hier habe ich auch gecampt) war das Zentrum ruckzuck erreicht. Leider war es so früh, dass die meisten Cafés wohl noch nicht im Vollbetrieb waren. Na ja, immerhin gab’s einen Cappuccino und einen Croissant. Der Platz war aber sehr schön, ebenso die kleinen Gassen entlang des Flusses, über die mich Komoot durchs Zentrum leitete.

Schnell war die Stadt auch schon wieder passé, und über abgelegene, aber gut zu fahrende Schotterwege sowie einen durchgehenden Fahrradweg ging es über das katalanische Land im leichten auf und ab – sehr, sehr schön!
Was machte eigentlich Jannick? Er schrieb mir, dass wir doch in Lloret de Mar schlafen könnten und eine Runde feiern gehen könnten. Kollege, ich habe seit 2016 und einer zehntägigen Abifahrt mehr als genug von diesem Ort. Außerdem will ich Samstagvormittag im Barcelona mein Bike warten lassen…und ich habe nur noch 60 Kilometer bis zu unserem Warmshowers-Gastgeber und wir haben halb 11. Ich will jetzt entspannt und ohne Umplanung weiterfahren, wo es so gut läuft…bzw. rollt 😉
Am Horizont tauchten jedoch dunkle Wolken auf, die nichts Gutes verhießen. Da sah nicht nach lockerem Landregen wie noch vorgestern aus – das sah nach Dusche aus…und ich fahr direkt in diese Richtung…
Noch einige Kilometer hielt das Wetter, ehe im Örtchen Videreres der Himmel seine Schleusen öffnete. Erst fing es an zu tröpfeln. In dem Moment, wo ich mein Handy in meiner Drybag verstauen wollte, begann unvermittelt der Platzregen. So war die Drybag natürlich immerhalb von Sekunden zweckentfremdet. Und die Gepäckträgertasche auch innerhalb von Sekunden innen nass…ich griff zudem in Sekundenschnelle nach meiner Regenjacke. Doch – wie schon häufiger – klemmte der Reißverschluss. Bis ich sie komplett zu hatte, war ich eh bereits geduscht…egal jetzt hab ich sie eh schon an!
Immerhin dauerte der Regen nur fünf Minuten, da die Intensität dem Touchscreen meines Navigationshandys nicht gerade zuträglich war. Leider lag die Schutzhülle, die ich mir extra zugelegt habe, ganz unten im Gepäck verstaut. Regen hatte ich Dödel leider nicht auf dem Schirm. Bei strömendem Regen die Taschen umgraben, macht erwiesenermaßen auch keinen Sinn…
Aber nun ja, es hörte ja wieder auf. Daher fuhr ich weiter. 10 Minuten später ging der Spaß von vorne los. Erneut kübelte es wie aus Eimern. Ich hätte es gerne dokumentiert, nur leider war mein richtiges Handy ja in der „Drybag“.
Der Touchscreen meines Navigationshandys jedenfalls gab innerhalb kurzer Zeit komplett den Geist auf, verlor jegliche Kontrolle. In dieser Passage rollte ich auf dem Pannenstreifen der Bundesstraße und musste nun eine Zwangspause bei einer Tankstelle auf dem Weg einlegen (unter dem Vordach). Ich verschlang eine Packung Kekse, ehe sich der Touchscreen langsam regenerierte. Alsbald war dann auch dieser Regenschauer durchgezogen, sodass ich leicht genervt wieder startete. Ich konnte es immerhin in positive Energie umwandeln und pedalierte energisch die Höhenmeter dieser Passage weg.
In Tordera, dem letzten Ort vor Erreichen der Küste, stellte sich der letzte Buckel in den Weg, bevor die Abfahrt zum Meer erfolgte.
Dieser Buckel hatte es in sich, die ca. 70 Höhenmeter wurden auf etwa 500 Metern zurückgelegt mit durchgängig deutlich über zehn Prozent Steigung. Da kam ich bei der Rampenlänge doch an meine Grenze, auch wenn ich es treten konnte…
Die Abfahrt zum Meer erfolgte wiederum über die Bundesstraße. Diesmal ohne Pannenstreifen. Schon nicht ohne, wenn die Autos hier mit 100 Km/h an dir vorbeiballern…trotz deiner eigenen ca. 40 bis 50 Km/h.
Es folgte ein Moment, wo ich das erste Mal wieder am „Verstand“ von Komoot zweifelte: Es leitete mich links von der Bundesstraße ab, ohne extra Linksabbiegestreifen. Ich musste einen spektakulären und gefährlichen „U-Turn“ hinlegen von der rechten Seite einmal quer über die Bundesstraße – puh!
Danach kam ich ohne Probleme in Pineda del Mar ans Meer. Hier hat es wohl auch ordentlich geschüttet – die Wege jedenfalls waren stellenweise sehr geflutet – wahrhaftes Aquaplaning mit dem Rad. So setzte der Weg über sandige Pisten am Meer dem Radel ganz schön zu. Der Gatsch fraß sich schnell Richtung Kette, die bereits unrund lief und merklich ruckelte aufgrund der Unterbodenwäsche aus Sand und Matsch – eine Reinigungspause musste eingelegt werden, verbunden mit ausgiebiger Mittagspause in dem nicht unbekannten Ort Calella. Vorweg: Nein, für mich gab’s keinen Alkohol!

Schwimmen bot sich übrigens nicht an, der Wind peitschte bei roter Flagge zwei Meter hohe Wellen an Land. Ich konnte es später jedoch nicht lassen, mich immerhin im Uferbereich von der Brandung durchspülen zu lassen bei einer kurzen Pause 😉

Im weiteren Verlauf schwang meine Liebe zu Komoot noch mehr zunehmend wieder in Hass um.
In Canet de Mar leitete es mich wiedermal über Treppen unter der Bahnlinie hindurch, die durchgehend parallel zur Küste verläuft. Ein wahrhaftiges Oberkörperworkout war die Folge. Immer im Wechsel: Stufe hochdrücken, Bremse ziehen, verschnaufen, Stufe hochdrücken,…
Damit jedoch nicht genug. Im nächsten Ort Arenys del Mar leitete es mich immer weiter die Küste entlang auf einem zunehmend schmaler werdenden Singletrail, der in einer Sackgasse endete neben den Bahngleisen. Komoot wollte mich unter den Gleisen durchleiten über eine Unterführung, die man nur Abklettern von Felsen erreich konnte, um anschließend das Fahrrad wieder einen Meter auf eine Mauer hochzuwuchten…ernsthaft?!?!?!

In mir kam das Gefühl von Wut auf…was hab ich verbrochen, Komoot?!?! Die letzte Unterführung unter den Gleisen war bestimmt mindestens fünf Kilometer entfernt im vorherigen Ort, umkehren daher keine Option.
Es half also nichts: Alles Gepäck vom Fahrrad abbauen und dann alles die Felsen runtertragen und dann wieder hoch in die Unterführung…

Hinzu kam, dass ich voller Wut und Hektik nach dem Abbauen vom Gepäck vergaß, meine Expander durch Einhängen am Rahmen zu sichern. Beim Schieben verhakten sich diese in den Speichen und verkanteten sich schließlich zwischen Speichen und Schaltkranz. Bis ich es merkte, haben sie sich bereits dreimal herumgewickelt und eingeklemmt. Hilfe, auch das noch! Jetzt kommt’s ganz dicke. Ok, ruhig Brauner! Jetzt nicht verrückt machen lassen…
Nachdem Rad plus Gepäck rübergetragen wurden, zückte ich also mein Campingmesser und stocherte in dem Zwischenraum herum. Ich musste den Expander irgendwie durchgeschnitten bekommen hinter dem Haken, der alles blockierte. Immerhin ist dieses Messer extrem scharf, wie mein Schienbein bereits erfahren musste…
Das bisschen Herumgestochere zwischen den Speichen reichte daher aus zum Zerteilen des Expanders, wodurch ich die eingeklemmten und blockierenden Haken entnehmen konnte. Mit etwas Geduld, Geschicklichkeit und Frimelei zwischen den Speichen konnte ich anschließend die Reste der Seile abwickeln…R.I.P. Expanderpaar Nummer eins. Der Ersatz musste hervorgeholt werden, anschließend musste noch das Fahrrad wieder neu bepackt werden. Alles in allem kostete der Spaß mich ca. 40 Minuten Zeit. Als i-Tüpfelchen vergaß ich zudem noch meine Fahrradhandschuhe, die ich für die Arbeiten ausgezogen habe, bei Losfahrt. Das fiel mir fünf Kilometer später auf. Wieder dumm gelaufen!

Aber das war mir in dem Moment egal, ich hatte ehrlich gesagt keinen Bock mehr und wollte nur noch einen Haken hinter diese Etappe machen. Morgen ist wieder ein neuer Tag!
Da ich schnell durchkommen wollte und „die Schnauze gestrichen voll“ hatte von Komoot in dem Moment, fuhr ich die restlichen ca. 14 Kilometer über die Bundesstraße.
Gegen 17:30 Uhr war ich dann letztlich nach ziemlich genau 96 Kilometern am Ziel in Villasar del Mar, Warmshowers-Gastgeber Cesar empfing mich herzlich. Ich nahm draußen im Garten eine schöne Dusche und durfte dort mein Zelt aufbauen.
Cesar besaß Hunde-Zwillinge, die sich neckten und rund um die Uhr in die Haare kriegten. Das erinnerte mich an vergangene Zeiten mit meinem Zwillingsbruder…
Glücklicherweise stelle Cesar mir seinen Gartenschlauch zur Verfügung, sodass ich das Fahrrad einmal hochdruckmäßig von Schlamm und Sand befreien konnte aus der überschwemmten Küstenregion. Es hat am Ende aus vielen Ecken schon echt komische Geräusche gemacht. Passend, dass ich morgen mal einen Check machen lasse. Auch die Speichen sollten nach dem Vorfall wohl besser mal angeschaut werden…
Nach all diesen Erledigungen meldete sich Jannick: Er sei noch eine gute Stunde vom Ziel entfernt. Falls ich Einkaufen gehe, solle ich ihm zwei Tiefkühlpizzen mitbringen, die wir bei Cesar großzügigerweise in den Ofen schmeißen konnten, nachdem ich einen erholsamen Einkaufsspaziergang eingelegt habe.
Nach Rückkehr trudelte Jannick alsbald ein. 130 Kilometer mit 1.050 Höhenmeter hat er letztlich bis zur Ankunft gegen 19:45 Uhr zurückgelegt. Losgefahren ist er bereits um 8:45 Uhr! Die zehn Kilometer mehr kamen daher, dass er unbedingt über Lloret de Mar fahren wollte und den Ort sehr schön fand!Respekt, Kollege! Ich bin stolz auf dich, super Leistung! Dann sind wir ja jetzt wieder vereint. Mit der Gourmet-Mahlzeit namens Tiefkühlpizza wurde der Tag dann beendet, wir waren beide sehr müde von dem anstrengenden und ereignisreichen Tag.
Da der Fahrradladen in Barcelona um 10 Uhr öffnete, stellte ich mir den Wecker auf Viertel vor 7, um spätestens um 8 Uhr loszukommen und zur Öffnung vor der Tür zu stehen nach 25 Kilometern.
Über Nacht hatte es nochmals sehr stark geregnet. Das Zelt inklusive der zum Auslüften aufs Zelt gelegten Sportklamotten waren klatschnass. Egal – ich ziehe sie ja eh an. Ein Tshirt wurde am Fahrrad zum Trocknen fixiert. Das nasse Zelt wird schon zwei Tage eingepackt sein können, ohne Schimmel anzusetzen. Zack, zack habe ich zusammengepackt und war um 8 Uhr auf dem Radel.
Wiederum leitete mich Komoot auf die vom Regen feuchtsandige Strandpromenade – da war das Fahrradwaschen schnell wieder für die Katz! Ich schlängelte mich zwischen den Spaziergängern hindurch und ahnte schon Böses, falls Komoot mich wieder auf die Autostraße rechts von der Bahnlinie führen wollte…
So kam es dann auch, bei einer Unterführung musste ich vom Strand aus wieder mein Fahrrad über Felsen wuchten. Diesmal nur eine Stufe nach oben, weshalb ich es mit Ach und Krach und maximaler Kraftanstrengung schaffte, ohne das Gepäck abzunehmen. Doch damit nicht genug: Der Aufgang auf der anderen Seite war natürlich wieder nicht barrierefrei, sondern führte über eine steile Treppe. Mit wiederum maximaler Kraftanstrengung und Einsatz der Bremsen zum Verschnaufen wuchtete ich mein Fahrrad nach oben. Komoot, ich verfluche dich einfach nur noch. Mit Bahnlinien direkt an der Küste scheint der Algorithmus wohl einfach nicht klarzukommen…wird Zeit, dass die Küste zu Ende geht und wir wieder ins Landesinnere fahren! Im Inland hat sich Komoot nämlich wiederum echt bewährt…
Später leitete mich Komoot noch einmal auf die Strandpromenade, was bei mir wiederum Bauchschmerzen verursachte. Diesmal unbegründet: Der Wechsel führte überirdisch direkt über die Gleise. Das wars dann auch mit Promenade, das Stadtgebiet von Barcelona begann, auffällig mit den vielen „Parallelogrammen“, durch die man fuhr. Hier hat sich der Stadtplaner echt was gutes ausgedacht. Die Fahrradwege waren zudem exzellent ausgebaut, jede Straße hat einen extra Fahrradstreifen! So macht Fahren in der Großstadt Spaß! Hut ab!
Um 9:50 Uhr stand ich vor der Fahrradwerkstatt, die um 10 Uhr öffnete. Ich führte direkt mein Fahrrad vor, dann jedoch der Schock: Der Besitzer sei samstags alleine, er hätte keine Zeit, mein Fahrrad zu warten. Wie bitte?!?! Ich habe vorgestern mit euch noch telefoniert und es hieß, ich solle einfach um 10 Uhr vorbeikommen?!?! Hab ich mich jetzt völlig umsonst so beeilt in der Früh?!?!
Ich schilderte ihm meine spezifischen Probleme, worauf hin er immerhin meine Kette kontrollierte, die wohl noch top in Ordnung ist. Immerhin fand er die Ursache für das Quietschen beim kräftigen Bergauftreten an der linken Seite: Das linke Pedallager hat wohl minimales Spiel. Als ich ihm von meiner Reise erzählte meinte er bloß: „Oh, boy! When you do such a long journey, you will have to deal with such little problems. That’s nothing really important, not urgent! Just fix it when you have time. You will often have things like this! Just relax a little bit, it’s normal.“
Zudem empfahl er mir, dass ich mein Fahrrad reinigen sollte. Vielen Dank, ich bin gerade über die Sandpiste gefahren und das weiß ich selber!
Immerhin ließ er mich kostenlos meine Reifen nachpumpen, sodass ich mich freundlich verabschiedete.
Ich gab in Komoot unser gebuchtes Airbnb ein, das drei Kilometer entfernt war. Und nun musste ich drei Stunden tot schlagen, bis ich einchecken konnte, mein Bike wegbringen und so Barcelona in Ruhe ohne Diebstahlangst genießen konnte…Jannick ist bestimmt gerade erst aufgestanden, während ich mich fast unnötig gehetzt habe…
Ich fuhr weiter in Richtung der Unterkunft und suchte nach einem Platz zum Verweilen auf dem Weg. Alsbald führte mich der Weg an der bekannten Sagrada Familia vorbei, vielleicht dem Wahrzeichen von Barcelona.

Wie passend, dass direkt daneben ein McDonald’s war. Während ich diese letzten Zeilen schrieb, verweilte ich also am Platz der Sagrada Familia bei zwei Eiscafé und ließ die Zeit verstreichen…immerhin waren genug Touristen da, die ich damit beauftragen konnte, auf das Fahrrad aufzupassen, während ich drinnen bestellte…und es ist ja auch schön, mal chillen zu können anstatt Stress zu haben…
Wahrscheinlich fragen sich bereits einige, warum ich immer im McDonald’s einkehre: Die Gründe hierfür sind einfach wie simpel: Draußen sitzen können und das Fahrrad im Blick haben, erschwingliche Preise und – ganz wichtig – WLAN! 😉
Außerdem schlug die Müdigkeit leicht zu, auch die knapp 30 Kilometer nach Barcelona gingen nicht so leicht von der Hand wie sonst immer – war auch echt viel an Kilometern die letzten Tage. So ist das eben, wenn man etwas Fixes, Unstornierbares bucht und die Etappen knallhart durchziehen muss. Vielleicht ist dieser Tag Pause jetzt echt einfach mal dringend notwendig! Auf erneute Vollgasetappen ab Montag!


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