Als ich nach viel Zeit verstreichen lassen mich langsam weiter auf den Weg zum Airbnb machte, begann erneut die Zeit der Zufälle: Durch Zufall führte mich die Route an einem kleinen Fahrradladen vorbei, betrieben von einem zugezogenen Nigerianer. Fragen kostet nichts, dachte ich mir. Zumal ich eh noch genug Zeit hatte bis zum Check-in bei meiner Unterkunft 150 Meter weiter ums Eck. Und tatsächlich: Er hatte Zeit, mein Fahrrad ausführlich zu warten.
Als erstes fiel ihm auf, dass mein Licht gebrochen ist. Uff, das ist hier bisher nicht aufgefallen – bin ja auch immer tagsüber gefahren! Er verbaute mir ein neues. Sein sonstiges Fazit ist positiv: „For nearly 4.000 Kilometers since april, you don’t need to complain!“
Ich erzählte ihm von meinem Projekt. Auch, dass ich ebenso durch Nigeria fahren werde. „Hopefully, your bike won’t still look like that when you arrive“, kommentierte er süffisant und zeigte sich zugleich beeindruckt. Als Einheimischer klärte er mich über die Zustände in seiner Heimat auf: „The oil is the real problem. Oil means much money out of luck. The people in Nigeria don’t want to accept that they have to work for money. So they search other possibilities like criminality.“
Zudem gab er mir eine gewisse Vorfreude auf Ghana: „Ghana – this country is just calm and safe, there is no criminality. The people know how to live with each other. Just say it like this: For living, Ghana is 6 stars out of 10, Nigeria is 1, maybe 2 stars out of 10.“ Uff – das hört sich gar nicht mal so positiv an…
In Bezug auf die Fahrradwartung legte er mir nahe, die Kette lieber früher als später zu wechseln, da ich keinen Ersatzkranz dabei habe. Und meine jetzige hat ja bereits mehrere tausend Kilometer weg. Er bot mir den Wechsel für einen 10er an. Selbst wenn die Kette noch einwandfrei ist – sie verschleißt trotzdem und damit auch die Ritzel. Zudem erklärte er mir alle Schritte, damit ich mich dann einmal sicherer fühle beim Nachmachen. Aktuell bin ich – wie die Leser ja bereits wissen – noch ein absoluter Anfänger in Bezug auf handwerkliches Geschick am Fahrrad.
Er zeigte mir zudem, wie ich das vordere Licht mit dem hinteren verbinden kann, damit dieses auch per Dynamo leuchtet. Aktuell ist dieses nur batteriegetrieben – mit lediglich begrenztem Saft. Wenn ich Zeit habe, solle ich es erledigen. Mal schauen, wie gut ich mir die Sachen mit Pluspol, Minuspol etc. merken kann…
Insgesamt eine sehr interessante Persönlichkeit, wir tauschten E-Mails aus, da er über das Projekt auf dem Laufenden gehalten werden wollte. Clémente, ich werde dich in Erinnerung behalten, wenn ich mit dem wie neu aufbereiteten Fahrrad durch die spanischen Berge heize!

Dann ging es über zu einem weniger schönen, turbulenten Teil des Tages: 100 Meter ums Eck war das Airbnb, welches wir gebucht haben – die einzige erschwingliche Unterkunft in Barcelona, die anderweitig ihren „Preis“ haben sollte: Der Gastgeber wirkte bereits im Chat vorher bei der Vereinbarung des Check-ins leicht aggressiv und allgemein unsympathisch. Immerhin durften wir für schlappe 20 Euro Aufpreis unsere Räder bei ihm in die Wohnung stellen, nachdem der logistische Akt des Transportes von Gepäck und Rädern über den Fahrstuhl abgeschlossen war.
Ich musste nach Erledigung noch einige Zeit auf Jannick warten. Er hatte mal wieder einen Platten, bereits sein Vierter! Der Typ hat ein Pech hey! Diesmal nicht auf Felgenseite, es war wohl ein Loch im Mantel, wodurch ein Fremdkörper eingedrungen ist. Zudem hat sein Hinterrad Spiel bekommen und er hat zwar viel Werkzeug dabei, aber nicht jenes, um die Schrauben hierfür wieder festzumachen. Von Hand machte er sie so fest wie möglich, was notdürftig bis Barcelona klappte. Aber hilft nichts – es ist wohl vernünftig, wenn er auch einmal zu meinem nigerianischen Helfer geht – übrigens mit super Preis-Leistungsverhältnis: Für zwei Stunden Wartung mit allen Komponenten, Austausch der Kette, Komplettreinigung und Reparatur vom Licht zahlte ich 70 Euro.
Um 17 Uhr war er schließlich auch angekommen im Airbnb, der Vermieter war wohl wirklich nur an unserem Geld als an Gastfreundschaft orientiert: Insgesamt vier Zimmer zu je geschätzt 4 Quadratmetern mit Stockbett wurden für zwei Personen vermietet. Die Wohnung hatte keine Fenster, die Luft stand also, in unserem muffigen Zimmer waren sogar leichte Schimmelansätze. Das einzige, was vom Gastgeber kam, waren aggressive Ansagen, wie uns zu verhalten haben und was wir nicht dürfen. Ein typisch überheblich-aggressiver Vermieter, wie man sie aus den Zentren von Großstädten eben kennt…
Vorher hieß es, wir dürften die Küche mitbenutzen. Als wir dann da waren, wurde kurzerhand ein Vorhängeschloss installiert: Es sei ein Fehler in der Beschreibung gewesen, Küche sei nicht in der Buchung enthalten. Kurzum: Für einen Tag Barcelona war es ausreichend, aber wir waren schon sehr froh, dass wir Montag wieder abhauen können und dann den Fall an Airbnb melden sowie eine „nette“ Bewertung schreiben können. Sobald wir unsere Räder wieder haben, die bei ihm unterstehen, versteht sich😉
Für mich war klar: Hier wird nur geschlafen, den Rest des Tages verbringe ich außerhalb dieser Bude. Immerhin verbrachten wir noch einen schönen Abend am Playa de la Barceloneta, dem Stadtatrand von Barcelona, inklusive spektakulärem Sonnenuntergang. Die Stadt ist zudem sehr, sehr schön! Wir waren uns einig: Durch das katastrophale Airbnb wollten wir uns den Kurzaufenthalt hier nicht vermiesen lassen!

Als ob Barcelona für uns unter keinem guten Stern stehen sollte auch noch das: Am Vormittag unseres freien Tages goss es wie aus Kübeln. Wir saßen bei Kaffee im McDonald’s nebenan und saßen die Naturdusche aus. Hoffentlich behielt der Wetterbericht Recht, dass es ab dem Mittag besser werden sollte…

Wir nutzten die Zeit im McDonald’s am Vormittag, um die weitere Planung und mögliche Besorgungen zu besprechen. Jetzt wissen es nämlich alle Leser: Wir haben uns bereits lange vorher dazu entschieden, nicht einfach weiter die Küste runterzufahren, sondern über das Landesinnere nach Madrid und dann weiter nach Lissabon zu fahren – eine fast wie am Lineal gezogene Linie von Nordost nach Südwest. Anschließend soll es über die Algarve und Cadiz nach Gibraltar zur Fähre gehen.
So weit so gut – das nächste große Thema waren Besorgungen für den nächsten großen Step Richtung Madrid. Der Kaltlufteinbruch in Deutschland sollte auch den Südwesten Europas tangieren. Die Wetterapp zeigt einstellige Nachtwerte an. Da komme ich mit meiner aktuellen Bekleidung bezüglich Zeltübernachtungen im Gebirge über 1000 Meter Höhe zwischen Barcelona und Madrid nicht weit…zumindest ein kuscheliger Pulli muss her. Außerdem sollte ich nochmal eine Gaskartusche als Reserve holen…zudem steht nach den Learnings der letzten Tage natürlich neues Flickzeug hoch im Kurs.
So führte unser nächster Weg uns bei nachlassendem Regen zu Decathlon, um die Besorgungen in die Tat umzusetzen.
Da nochmal eine Regenfront über uns hinwegzog, legten wir nochmal eine ausgiebige Siesta im muffigen Zimmer ein. Um 14:30 Uhr war schließlich der Spuk vorbei, die Sonne kam raus. Jetzt aber auf! Wir wollen noch ein bisschen Barcelona erleben.

Mit einem Spazierdöner auf die Hand begann die große Sightseeing-Gaudi – im wahrsten Sinne des Wortes. Über das Gaudi-Haus führte uns der Weg mit einigen Höhenmetern direkt zum Parc Güell, wohl dem Touristenmagneten Barcelonas – der Andrang war dementsprechend. Egal – bald sind wir eh wieder „off the beaten track“. Die klassischen Touribilder bei nun bestem Wetter durften natürlich nicht fehlen.

Als nächstes wurde ein Lidl in unsere Spazierrunde durch halb Barcelona integriert, um Snacks für die kommenden Tage zu holen, bevor wiederum die Sagrada Familia bereits im Abendlicht auf dem Plan stand. Die Kräne sind zwar etwas fehl am Platz – aber trotzdem einfach eine beeindruckende Sehenswürdigkeit. Eifrig wurden Fotos zwischen den Besuchern geknipst, bevor es nach über 10 Kilometern langsam wieder Richtung Airbnb ging.


Auf diesem Spaziergang realisierte man es eigentlich erst so wirklich: Man ist bereits in Barcelona, gute 1 1/2 Monate nach Aufbruch! Unfassbar! Kann mich jemand zwicken? Außerdem wuchs die Vorfreude auf den bevorstehenden Meilenstein: Madrid!
Im Endeffekt ein wirklich friedlicher, schöner Tag in Barcelona. Dennoch geht natürlich nichts ohne ein Nachspiel. Am Abend packten wir unser Zeug schon einmal vor, alles schien in Ordnung. Mit unserem Gastgeber machten wir 9 Uhr zum Abholen der Fahrräder aus. Die 20 Euro auf die Hand habe ich natürlich vorher brav am Automaten abgehoben am Sightseeingtag.
So stellten wir uns den Wecker auf 8 Uhr, was entspanntes Ausschlafen bedeutete. Nach Zusammenpacken stand ich pünktlich um 9 Uhr vor seiner Wohnung im Stockwerk tiefer, um die Räder abzuholen. Doch ich traf niemanden an. Eine Nachricht im Airbnb-Chat brachte auch nichts, ebenso wenig ein Anruf. Knapp eine Stunde warteten Jannick und ich im Treppenhaus mit gepackten Taschen, ehe uns durch Klingeln andere Bewohner der Wohnung aufmachen. Wir holten unsere Räder. „Pech gehabt“, dachten wir uns, dann gibt’s halt kein Geld.
Als wir alles am Fahrrad installiert haben und die Wohnung verlassen wollten, rannte er auf einmal das Treppenhaus herunter ums Eck. Keine Entschuldigung, dass wir eine Stunde warten mussten, nicht mal ein „Hola“, stattdessen: „So twenty euro in cash please!“
Wie bitte?! Ernsthaft?! Du lässt uns eine Stunde warten und das einzige was dir einfällt ist, die 20 Euro einzukassieren? Wir haben eine Stunde verloren, wo wir längst unterwegs sein könnten! Und noch nicht mal ein Wort der Entschuldigung.
Aus Prinzip weigerten wir uns, die 20 Euro zu zahlen. Zeit ist schließlich auch bares Geld, wie wir gelernt haben. So machte der Vermieter kurzen Prozess und sperrte vor uns die Eingangstüre zu: „You can think about it – give me the money and I will open!“
Jetzt auch noch Erpressung?!?! Wir saßen es aus. Sobald jemand raus oder rein will, geht seine Rechnung eh nicht mehr auf.
10 Minuten vergingen, ehe ein Besucher in die Wohnung wollte. Was natürlich nicht ging, da die Tür verriegelt war. Nach Beschwerde musste unser Gastgeber öffnen und uns ziehen lassen. Er wollte nun über Airbnb die 20 Euro eintreiben und machte mir ein wenig Psychoterror mit drohenden Nachrichten.
Wir ignorierten und kontaktierten ebenso den Support von Airbnb, schilderten alle Vorfälle mit Fotos und Screenshots aus den Chats. Mal schauen, was Airbnb sagt. Im Zweifel zahlen wir halt die 20 Euro extra…
Damit war dieses Thema erstmal abgehackt. Vor Losfahrt ließ Jannick bei dem – anders als unser Gastgeber – fairen und zuverlässigen nigerianischen Fahrradhändler sein Hinterrad richten. Ohne Probleme in 20 Minuten und günstig.
Mittlerweile war es nach 11 Uhr. So – jetzt aber los, südwestwärts raus aus der Stadt. Nächster Halt war das Camp Nou, das ziemlich gut auf dem Weg lag. Als Fußballfan natürlich ein absolutes Muss!
Es zog sich bereits, die fünf Kilometer hier hin zu kommen. Die Radwege sind zwar gut ausgebaut, aber jede rote Ampel mitzunehmen nervt auf Dauer nur noch. Nach über 30 Minuten waren wir am Stadion.
Umso größer war die Enttäuschung, als dieses von außen eher einer riesigen Baustelle glich – keine Stadionästhetik. Eventuell müssen wir in zwei Jahren nach Fertigstellung einfach nochmal herkommen. Wir schoben nur kurz unsere Räder über den Nebenplatz vom Stadion mit Museum und Barcelona-Café. Hoffentlich komme ich dann bald mit dem Estadio Santiago Bernabéu mehr auf meine Kosten als Fußballfan 😉
Co-Trainer Heiko Westermann habe ich leider nicht angetroffen. Als ehemaliger, beinharter Verteidiger hätte er mir im Gespräch bestimmt gute Tipps geben können, falls ich nach der Reise doch mal wieder mit Fußball anfangen will. Na ja – ohne Briefing von HW4 wird das wohl eher nichts mit dem Comeback 😉
Nach ein paar Fotos zur Dokumentation ging es weiter, bisher hatte ich nur einen kleinen Snack und gar keinen Kaffee heute. Wir entschieden uns, in einem McDonald’s auf dem Weg zwei Kilometer weiter eine verfrühte Mittagspause zu machen. Drei Kaffee, einen Burger und ein Eis später war ich dann auch bereit, um mit Verspätung am Nachmittag die Etappe abzureißen, die wir geplant haben – mehr dazu im kommenden Blog.

Wir waren auf jeden Fall froh, dass wir damit quasi raus waren aus Barcelona und alles wieder ein wenig ruhiger und „off the beaten track“ wurde 😉
Eins schon einmal vorweg: Wir haben uns diebisch gefreut, als am Nachmittag die Meldung kam, dass Airbnb uns Recht gibt und wir eine quasi komplette Rückerstattung der Buchung erhalten, da die Leistungserbringung nicht wie abgemacht erfolgte. Wie war der Spruch nochmal mit dem Karma? Wir fühlten in diesem Moment nur eins: Genugtuung! Und ein schönes Eigentor von unserem Gastgeber, sich an Airbnb zu wenden 😉 Und jetzt: Abhaken, weitermachen und an’s Positive denken, bspw. schöne Nächte im eigenen Zelt in der Natur!


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