Ab ins Landesinnere: Zwischen Euphorie und Vernunft

Weniger rote Ampeln, weniger Verkehr, weniger Menschen: Jannick und ich genossen die Fahrt weiter Richtung Süden, raus aus der Großstadt, aber trotzdem noch immer die Küste entlang. Nach den Verzögerungen vom Abreisetag in Barcelona und der verfrühten Mittagspause ging unsere Etappe eigentlich erst um 13 Uhr so richtig los, an der Küste hielten wir uns lieber noch an die Campingspots von iOverlander. Ein Vielversprechender war noch 66 Kilometer vom McDonald’s im Süden von Barcelona entfernt – also auf geht’s beim Schichtl! Ok, der Spruch kommt eine Woche zu früh…

Die Radwege waren erstaunlich gut ausgebaut, unterbrochen von wenigen Kilometern Bundesstraße, die dann auch die meisten Höhenmeter der Tour beinhalteten, als man die folgende Bucht jeweils über einen Felsrücken an der Küste erreichen musste. Der schweißtreibende Anstieg neben den vorbeirauschenden Autos wurde immerhin mit einem super Tiefblick aufs Meer belohnt.

Netter Ausblick.

Der Weg lief wieder klassisch an einer Bahnlinie parallel zur Küste entlang und kreuzte diese ein paar Mal. Diesmal hatten wir wenigstens keinen Ärger mit Komoot und nicht barrierefreien Unterführungen.

Nach insgesamt nur einer Snackpause und einer Lidlpause, um nochmal Proviant zu holen, waren wir um 18:30 Uhr schließlich an dem mit vielen Bänken, Trinkwasserspendern und Mülltonnen gespickten Platz. Ebenso lag trotz Entsorgungsmöglichkeiten reichlich Müll herum – unverständlich für mich. Hinter dem großen Platz war eine Böschung, hinter welcher wiederum ein Wanderweg begann. Lief man diesen 50 Meter runter, so war hinter der ersten Kurve eine versteckte, ebene Fläche im Pinienwald, wo außerdem kein Müll herumlag.

Der Campingspot.

Ich entschied spontan, diesen Spot zum Zeltaustellen zu verwenden und zog um. Jannick folgte alsbald. Für Zeltaufbau und Kochen von Nudeln kochen reichte die Zeit noch, alsbald wurde es dunkel, sodass alsbald das Bett bzw. die Luftmatratze rief. Auch ich war sehr müde nach dem ereignisreichen und leicht stressigen Tag. Meinen glasigen Augen merkte man es beim abendlichen Musikhören im Zelt zur Entspannung an:

Müde.

Noch ca. dreißig Kilometer sollten wir an der Küste entlangfahren, ehe der Weg den Knick ins Landesinnere vollziehen würde. Nach über 1.100 Kilometern Meer seit Genua heißt es also Abschiednehmen und etwas neues wagen: Das bergige Inland von Spanien.

Wir einigten uns darauf, im Landesinneren nicht mehr unsere Route nach iOverlander zu planen, sondern einfach so lange zu fahren wie wir lustig sind und dann einen Spot zu suchen. Im ländlich-bergigen Inland wird das eh viel einfacher als an der touristischen Küste.

Jannick war hochmotiviert für dieses neue Kapitel, vor dem Schlafengehen meinte er zu mir: „Cypri, weck mich morgen um 7 Uhr, damit wir Kilometer machen können in Richtung Landesinneres!“ Ich war baff! Soll das ein Witz sein?! Meinst du das gerade ernst?! Du?! Willst du wirklich, dass ich dich um 7 Uhr wecke?! Jannick bestätigte seine Aussage.

Gut – so sei es! Auch wenn ich mich wie im falschen Film fühlte – aber mir soll es Recht sein. Jannick fügte eine Bedingung hinzu: „Du musst mich mit einem Kaffee wecken!“

So kochte ich am nächsten Morgen um 7 Uhr Kaffee und trug ihn meinem Kumpanen natürlich liebevoll ans Zelt. Dieser brauchte zwar trotzdem wie immer etwas in der Früh, war aber insgesamt erstaunlich früh auf den Beinen. Da wir kein fixes Ziel hatten, war ich ebenfalls tiefenentspannt, frühstücke ein großes Porridge mit Mango und packte entspannt mein Zeug.

Nachdem Jannick noch einen vergeblichen Versuch des Frühstückens startete, war es fast 10 Uhr, bis wir loskamen. Dennoch legten wir für unsere Verhältnisse mit dem Gepäck los wie die Feuerwehr. Trotz einiger Höhenmeter auf der welligen Küstenstrecke fuhren wir mit fast 20 Stundenkilometern im Schnitt Richtung Tarragona, wo der Abzweig ins Landesinnere beginnen sollte.

Um ca. halb 12 war 27 Kilometer später bereits der McDonald’s von Tarragona erreicht, wo wir ausgiebige Pause machten inklusive WLAN. Ich steckte meine zweite Powerbank an, da ich sonst irgendwann mal blank sein werde bei den vielen Wildcampingnächten, die anstehen.

Voller Motivation und Vorfreude auf das Landesinnere starteten wir nach einer Stunde wieder – auch wenn uns klar war, dass nun viele Höhenmeter warten würden. Laut Höhenprofil würde es gleich von Meereshöhe bis auf über 500 Meter hochgehen. Egal, wir hatten Bock!

Sobald wir nicht mehr mach Süd-Südwest fuhren, sondern genau Richtung Westen, frischte der Gegenwind stark auf, zudem ging es immer leicht bergauf. Das zerrte an den Kräften!

Die nächste Stadt nach Tarragona war Reus, bereits 100 Meter weiter oben liegend. Den Ort kannte ich vorher nicht, aber er wirkte immer noch sehr touristisch – vielleicht einfach wegen dem Ortsnamen aufgrund von Fußballfans?! (Ja, ich weiß – ist Quatsch und der Name hat nichts mit Marco Reus zutun – bitte mit Augenzwinkern nehmen 😉)

Da wir an einem Supermarkt vorbeifuhren, konnten die Wasservorräte noch einmal aufgefüllt werden, ehe wir Reus östlich liegenließen (sorry, Marco!).

Immer der gut befahrenen Bundesstraße folgend ging es weiter ins Landesinnere – und damit auch immer weiter nach oben. Kontinuierlich machten wir Höhenmeter bei angenehmer Steigung. Der Gegenwind war dafür umso unangenehmer.

Jannick machte mir bereits frühzeitig die Ankündigung, dass er nicht in Topform sei, sich heute ein bisschen schlapp fühle. Daher bat er darum, dass wir frühzeitig einen Wildcampingspot suchen. Am Anstieg war er dann auch schnell hinten dran und abgehängt. Bei Kilometer 53 seit Aufbruch machte ich Pause, um auf Jannick zu warten. Ich vertrieb mir die Zeit, und ging rechts neben der Bundesstraße in einen etwas verwucherten Trampelpfad. Bog man nach ca. 70 Metern ums Eck, so war hier eine ebene, sandige Fläche, wo geradeso zwei Zelte nebeneinander passen würden.

Die potentielle Campingstelle.

Von mir aus hätten wir durchaus noch weiterfahren können, aber ich fragte ihn einfach mal, wie es denn aussieht bei ihm – sind noch Körner da? Bald kam die unmissverständliche Antwort, dass der nächste Campingspot aufgesucht werden solle, falls ich auf ihn warte. So schickte ich Jannick meinen Standpunkt und wartete auf ihn, ehe wir auf diesem Platz 70 Meter versteckt neben der Straße unser Lager aufschlugen.

Um 16 Uhr und 53 Kilometer nach Aufbruch war unsere Tour für heute also vorbei. Immerhin war unser Zeltplatz nun auf 330 Metern Höhe. Gestartet sind wir heute früh noch quasi auf Meereshöhe. 570 Höhenmeter. War doch alles gar nicht so schlecht, und solche Tage gibt’s eben, da muss man dann halblang machen, wenn einer nicht mehr kann. Morgen ist ja dann auch wieder ein neuer Tag. Das einzige, was mir Sorgen bereitete, war Jannicks doch sehr abgeschlagener, schlapper und matter Zustand. Freund, du wirst doch mir jetzt hier wohl nicht krank?!?

Jannick wollte nichts ausschließen, ehe er sich einfach auf seine Unterlage in den Sand legte und von kurz nach 16 Uhr bis kurz vor 19 Uhr quasi durchschlief. Da war aber einer wohl wirklich am Ende mit den Kräften!

Ich nutze derweil den sonnigen Nachmittag, um über mein Solarpanel der Powerbank ein paar Prozent wertvollen Strom zu geben sowie mein Zelt neben meinem schlafenden Kumpanen aufzubauen. Außerdem kundschaftete ich ein wenig die Location aus – wahrlich idyllisch, trotz lauter Bundesstraße direkt nebendran.

Meint man, dass hier direkt ums Eck eine Bundesstraße wäre?

Außerdem merkte ich, dass auch ich körperliche Problemstellen habe: Am Tag der Ankunft in Barcelona die über Nacht regennasse Fahrradhose einfach anzuziehen, war nicht sehr klug. Zum ersten Mal meldete sich ein wund gescheuerter Allerwertester. Ich wollte mich auf einen Felsen setzen – doch die Schmerzen waren zu groß. Bepanthen-Wundcreme musste her. Das Auftragen und Einziehen war ebenfalls mit großen Wehwehchen verbunden. Hoffentlich geht’s morgen wieder im Sattel!

Als Jannick aufwachte, hätte ich ihn fünf Minuten später eh geweckt. Vielleicht will er ja noch sein Zelt aufbauen – oder was kochen. Weder noch!

Zum Abendessen gab es für Jannick Haferflocken – in der Hoffnung, dass diese ihm einen Schub geben für den nächsten Tag. Ebenso war Zelt aufbauen abgesagt. Erstens sei die Fläche fast schon zu klein, zweitens stand in seinem Zelt gestern die Luft – vielleicht auch ein Grund für den schlechten Zustand. Also diesmal lieber komplett an der frischen Luft unterm Sternenhimmel schlafen!

Ich nehm es zur Kenntnis, ließ Jannick sich erholen und verschwand selbst im Zelt. Der Wind blieb ruppig, frischte in der Nacht noch einmal böig auf. Nach dem doch sehr warmen Nachmittag am Vortag als wir ankamen, verstärkte das den doch frischen Eindruck am nächsten Morgen. 13 Grad hatte es laut Wetterapp – ich weiß, die Leser aus Deutschland verdrehen wohl gerade die Augen aufgrund des aktuellen Herbsteinbruches bei solchen Luxusproblemen😉

Jannick lag dick eingemummelt da in seinem Schlafsack, ich wollte zum Kaffeetrinken gar nicht das Zelt verlassen, viel zu kalt! Ich fragte Jannick, ob er gut geschlafen hat. Er bejahte und meinte, dass er sich deutlich fitter als gestern fühle. Ich war etwas verwundert – bei dem Straßenlärm und Wind ohne Ohrenstöpsel hätte ich wohl niemals ein Auge zugedrückt. Na ja, jeder Mensch ist anders und man muss nicht alles verstehen. Mir soll es Recht sein – dann können wir ja wieder durchziehen. Auch die Wundheilsalbe hat über Nacht gut gewirkt – mein Hintern zeigte sich gut regeneriert und einsatzbereit.

Ich trug Jannick den obligatorischen Kaffee heran, auf dass er schnell in die Gänge kommt. Auch bei mir brauchte es etwas aufgrund des ungemütlichen Flairs, ich fühlte mich noch nicht hundertprozentig bereit. Dennoch konnte ich mich langsam um kurz nach 8 Uhr motivieren, meine Sachen zu packen und mein Zelt abzubauen, ohne großen Stress. Wir haben ja kein festes Ziel, auch wenn die Erreichung eines Campingplatzes, der quasi auf dem Weg liegt, der Optimalfall wäre – Stichwort Wäsche waschen und Strom für die Powerbanks sowie WLAN.

Trotz entspanntem Tagesstart war ich dann doch um Viertel vor 10 bereit für die Tour. Umso entgeisterter war ich, als Jannick sich dann erst einmal entspannt etwas zum Frühstücken machte. Na gut, immerhin dauerte es dann nur 10 Minuten, ehe das Zusammenpacken weiterging. Gegen kurz vor halb 11 war schließlich Aufbruch.

Der Weg kannte zuerst nur eine Richtung: Nach oben! Auf den ersten sechs Kilometern ging es von 330 auf 560 Höhenmeter. Mit ein bis zwei Gegenanstiegen mussten hier bereits über 250 Höhenmeter absolviert werden. Dazu bließ der Gegenwind in voller Stärke, sodass man wahrlich im Gehtempo den Berg hochkroch und nebenbei vor sich hin fluchte. Am höchsten Punkt bog ich, wie Komoot mir anzeigte, ab auf eine ruhige Nebenstraße und wartete auf den am Berg abgehängten Jannick inklusive der Sendung meines Standortes via WhatsApp.

Idyllisch, aber windig.

Nach 10 Minuten Warten kam die Antwort, dass ihn Google Maps weiter über die Bundesstraße leitet, was doch der viel direktere Weg sei. Gut – dann treffen wir uns in Mora d’Ebre unten am Fluss Ebrus wieder. Ich fahr nach Komoot, da bin ich ein absoluter Dickkopf. Trotz des sporadischen Wahnsinns – ich habe dafür gezahlt und weiß, was ich von der App habe.

Ich bereute den minimalen Umweg über das Land dann auch nicht: Viel Abfahrt, idyllische Bergdörfer, Pinienwälder links und rechts vom Weg – kurz gesagt: Einfach schön! Zwischendrin gab es kurze, aber knackige Gegenanstiege, wie beispielsweise im Örtchen Marçà, wo die freihabenden, im Café sitzenden Spanier mich beim Hochkurbeln auf Spanisch anfeuerten und aufmunternd applaudierten – eine super Motivation, sodass ich gleich zwei Km/h schneller den Berg hochtrat! Kurz vor Mora d’Ebre kam ich wieder auf die Bundesstraße, wo ich zufällig schon vorher wieder auf Jannick traf.

Spanische Berglandidylle.

Nach der Abfahrt auf wieder nur 30 Meter Seehöhe suchten wir in dem schönen, kleinen Ort nach einem Imbiss für die Mittagspause sowie einer Einkaufsmöglichkeit.

Am Vorabend haben wir nämlich ein weiteres Problem entdeckt: Der 11. September ist der katalonische Nationalfeiertag – natürlich war er das schon vor dem Jahr 2001, falls sich nun jemand entgeistert an die Stirn fasst😉

Da es danach ziemlich lange durch die spanische Prärie ohne Lidl oder McDonald’s gehen sollte, wollten wir ursprünglich im nächsten größeren Ort Mora d’Ebre noch einmal einkaufen und die Vorräte aufstocken. Nun wussten wir nicht, wie streng die Katalanen mit diesem Feiertag umgehen und ob überhaupt irgendetwas offen hat.

Zu unserer Erleichterung wird es wohl nicht so streng gesehen wie in Deutschland, sodass wir unsere Taschen nun komplett vollmachten mit Proviant und Wasser. Mein Gepäck wog nach dem Einkauf wohl locker 40 statt 30 Kilogramm.

Nach der Mittagspause ging es weiter, langsam wieder an Höhe gewinnend. Komoot leitete mich weiter durch abgelegene Wein- und Olivenviertel, während Google Maps Jannick direkt wieder auf die Bundesstraße leiten wollte, da es die direkteste Route ist. Diesmal schloss sich Jannick mir an und gab Komoot eine Chance. Der Weg führte immer die Hauptstraße entlang durch die idyllische Gegend, immer leicht ansteigend bis zur Ortschaft El Pinell de Brai. Hier machte ich Pause, um auf Jannick zu warten.

Idyllischer Pausenplatz.

Dann eine Überraschung: Die Nachricht „Wo bist du?“ Wie, wo bin ich? Ich warte auf dich, geht doch immer nur die Hauptstraße entlang! Wo sollst du dich hier verfahren? Dann die Auflösung: Maps behaarte wohl auf seiner Bundesstraßen-Lösung und hat ihn irgendwo rechts von der Straße weggeleitet. Shit happens! Wir einigten uns darauf, dass es keinen Sinn macht, wenn wir unterschiedliche Routen in den Navis fahren und machten als möglichen Treffpunkt einen Campingplatz in der Ortschaft Bot aus – 15 Kilometer und 300 Höhenmeter von meinem Pausenplatz entfernt. Sollte ich jetzt um 16:30 Uhr noch easy schaffen.

Wir einigten uns darauf, dass jeder mal für sich weiterfährt und wir dann einfach schauen. Ich fuhr also einfach mal meine Route weiter, wo der Campingplatz ja quasi auf dem Weg liegt. Sie führte mich alsbald auf die „Via Verde“, die ihrem Namen alle Ehre machte: Durch sattgrüne, beeindruckende Landschaft führte mich die Route entlang einer Canyonschlucht – wow!

Farbenspiel.
Immer den Canyon entlang bergauf.

Immer wieder unterbrochen von kleineren und größeren Tunneln durch die Felswände. Hier merkte ich, dass mein Licht wohl erst wieder funktioniert, wenn ich es mit dem Hinterrad verbunden habe. Notdürftig musste in den unbeleuchteten, längeren Unterführungen die Handytaschenlampe gezückt werden. Es war wirklich stockfinster. Als das Ziel nur noch fünf Kilometer entfernt war und Jannick mir das Go gab als Treffpunkt, rief ich beim Campingplatz an und fragte nach dem Preis. 23 Euro für zwei Personen – erschwinglich! Ich reservierte sofort und kündigte ein Eintreffen in spätestens einer halben Stunde an.

Herrliche letzte Kilometer.

Nach den letzten Minuten durch eindrucksvolle Berglandschaft entlang der grünen Straße war ich um kurz vor 18 Uhr und 1.000 Höhenmeter später endlich da, der Check-in verlief unkompliziert. Für 4,50 Euro wurde sogar Waschservice angeboten, was ich zugleich Jannick mitteilte, der noch unterwegs war.

Anschließend baute ich in Ruhe mein Zelt auf und ging noch eine Runde schwimmen im Swimmingpool des Campingplatzes. Die dazugehörige kalte Dusche neben dem Swimmingpool war ein absoluter Segen nach zwei Tagen Wildcampen ohne jegliches Wasser. Ich konnte mich am Ende der heutigen Tour schon selbst kaum mehr riechen vor lauter Schweiß. Was ein geiler Tag in Summe, viele Höhenmeter, abwechslungsreiche Tour, eine Erfrischung als Belohnung! Ich war mehr als zufrieden, trotz so mancher Unwägbarkeit!

Herrlich nach einer langen Tour!

Um halb 8 traf dann auch Jannick ein – entkräftet und müde. Google Maps hatte ihn wohl über einen deutlich über hundert Höhenmeter großen Hügel mit grober Schotterpiste geleitet, wo er nur schieben konnte. Ich nahm es mit großen Augen zur Kenntnis – Google Maps und Komoot scheinen wohl beide ihre Schwächen zu haben, um es denn mal diplomatisch auszudrücken 😉

Im weiteren Verlauf wurden natürlich alle verfügbaren Steckdosen für das Anstecken der Powerbanks genutzt. Auch die Bluetooth-Kopfhörer mussten nach den in der Summe wahrscheinlich vielen Stunden Dauerbeschallung abends im Zelt, während ich meine Eindrücke in diesem digitalen Tagebuch niederschrieb, ebenso dringend aufgeladen werden. Vor Reisebeginn habe ich alle Abos gekündigt – bis auf Spotify Premium. Diese Investition stellt sich nun als Gold wert heraus – hat es mich doch bereits viele Male nach einem anstrengenden und aufregenden Tag wieder runtergeholt und entspannt. Der Geldgeber des FC Barcelona kann wohl doch etwas mehr als die Ansehnlichkeit der Großbaustelle des Camp Nous😉

Nachdem die dringend benötigte Wäsche meines halben Klamottageinventars fertig war, musste die Wäsche noch aufgehangen werden, bevor wir um halb 12 endlich in die Heia fielen – zumindest ich. Als letzten Akt schrieb ich Jannick, er solle seinen Kaffeebecher vors Zelt stellen, damit ich ihm wieder seinen Wachmacher zum Aufwecken bringen kann.

Am nächsten Morgen klingelte dann der Wecker auch wieder um 7 Uhr. Der erste Blick aus dem Zelt erfasste den umgestürzten Wäscheständer. Der Grund liegt auf der Hand: Der Wind blieb in Form von giftigen Böen mehr als ruppig. Eine solche hat wohl unsere Wäsche erfasst. Ohne Ohrenstöpsel wäre ich diese Nacht wieder definitiv wach gelegen. So bin ich fit und brenne auf die heutige Etappe in dieser eindrucksvollen Landschaft! Das wird super!

Der morgendliche Blick aufs Handy zeigte mir die Antwort von Jannick auf meine letzte Nachricht: Der vergangene Tag habe viel Kraft gekostet, er wäre insgesamt müde und in letzter Zeit ständig unter Strom gestanden und würde gerne ausschlafen und gemächlich in den Tag starten.

Erst nahm ich es mit leichtem Augenrollen zur Kenntnis: Kann der nicht einfach weiter durchziehen?! Jetzt muss ich wieder warten! Ich legte für mich selber fest, ganz entspannt zu frühstücken, Kaffee zu trinken und zusammen zu packen. Wenn er bis dahin nicht aufgestanden ist, würde ich nach Absprache mit ihm vorfahren.

Nach Besinnung und Abklingen meiner negativen Emotionen über Jannicks Nachricht begann ich jedoch, die Dinge aus einem anderen, rationaleren Blickwinkel zu sehen: Sind wir nicht eh eigentlich vor unserem „Zeitplan“, wenn es denn so etwas überhaupt gibt bei uns?! Kann man den „Ruhetag“ in Barcelona überhaupt als solchen deklarieren bei all unseren Besorgungen und der Sightseeingtour?! Ging es Jannick nicht schon vorgestern Nachmittag verdächtig schlecht?! War das die letzten Tage vielleicht alles ein bisschen viel?!

Langsam machte sich in mir ein Umdenken breit: Macht es unter den Gesichtspunkten überhaupt Sinn, heute weiterzufahren? Sollten wir uns eventuell lieber Ruhe gönnen, bevor unsere Körper sich die Ruhe erzwingen in Form von Krankheit? Dann wäre mit Sicherheit am wenigsten auch nur irgendjemandem von uns beiden geholfen! Die kommenden Etappen werden zudem nicht weniger höhenmeterreich, hier kann man wohl kaum von aktiver Regeneration sprechen, wenn der Weg uns mitten durch das iberische Gebirge führen wird…

Zudem haben wir hier am Campingplatz WLAN, Duschen, ein Restaurant, Wasser, Strom sowie eine tolle Landschaft in ruhiger, erholsamer Gegend…obendrein tut der 10er pro Person für eine Nacht mehr wohl keinem von uns beiden so wirklich weh – vor allem, nachdem wir ja in Barcelona mehr oder weniger umsonst übernachtet haben im Nachhinein 😉

Die Lage des Campingplatzes lud definitiv zum Verweilen ein.

Jannick schlief noch, während ich mich gewissermaßen über seinen Kopf hinwegsetzte und aufgrund der Vielzahl an Argumenten für uns beide beschloss: Heute wird Pause gemacht und Kraft getankt in Form eines „Gammeltages“! Durch den Gang zur Rezeption wurden Nägel mit Köpfen gemacht.

Als Jannick um halb 10 auf sein Handy schaute, schrieb dieser zurück, was ich bereits erwartet habe: „Wäre doch gar nicht nötig gewesen, ich bin fit – musste nur einmal ausschlafen.“

Nein, mein Freund – heute wird sich erholt, das habe ich jetzt so beschlossen zum Wohl von uns beiden, um morgen wieder durchstarten zu können! Und wie heißt es so schön: Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude 😉 In diesem Fall auf die nächste Etappe am viel zitierten „Gammeltag“.

Eine Antwort zu „Ab ins Landesinnere: Zwischen Euphorie und Vernunft”.

  1. Spotify einfach die beste App!

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