Ein Ausflug in ungeahnte Höhen

Der bereits im vergangenen Blogbeitrag angepriesene „Gammeltag“ konnte wahrlich als solcher bezeichnet werden. Nicht einmal zum Schwimmen im Pool nebenan war mir zu Mute, da das Wetter doch sehr windig blieb – ich bevorzugte, ganz gegensätzlich zu meinem Ruf als harter Eisbader, die heiße Dusche in den sanitären Anlagen.

Wir genossen es, unsere frisch gewaschene Wäsche wieder ins Gepäck zu nehmen und allgemein ohne große Sorgen einfach mal die Seele baumeln zu lassen und schlicht nichts zu tun.

So mancher Arbeitnehmer kann diese Worte jetzt in seinem stressigen Arbeitsalltag wohl kaum ernst nehmen, aber auch auf dieser Reise ist man unterwegs fast permanent auf Achse – nicht nur mit Fahrradfahren. Auch die Wartung gehört dazu, die Organisation von Zelt- und Übernachtungsplätzen, die Logistik von Lebensmitteln, die Pflege der Gepäckbestände, das Updaten dieses Blogs, die weitere Route planen, am Abend kochen, am Morgen alles wieder Zusammenräumen und aufs Fahrrad packen – all das sind Themen, die uns tagtäglich begleiten und uns ständig unter Strom stehen lassen. Zudem möchte ich, dass dieser Blog authentisch ist. Es sollen nicht nur die heile Welt und tolle Landschaften aufgezeigt werden, sondern auch Momente der Schwäche und eventuelle Schattenseiten – das gehört nämlich einfach dazu!

Natürlich machen wir das alles freiwillig und genießen jeden Moment und jeden Aspekt davon mit Herz und Seele. Das wollte ich nur einmal loswerden, auch wegen Rückfragen der „Unbelastbarkeit“ von meinem Kollegen. Es ist eben nicht nur „ein bisschen Fahrradfahren und ansonsten Urlaub machen“, wie von der ein oder anderen Person das Vorurteil verbreitet wurde…

Zudem möchte ich einmal eine Lanze für Jannick brechen: Klar, am Berg sind wir (vielleicht noch) auf einem unterschiedlichen Level, aber auch er hat seit Beginn der Tour enorm an Fitness zugelegt und mir abseits von Höhenmetern auch schon bei anderen Sachen sehr geholfen, wo ich ansonsten Schwierigkeiten gehabt hätte und wofür ich sehr dankbar bin! Jeder hat eben andere Stärken und Schwächen und wenn man sich so gut ergänzt, ist ja alles top!

Außerdem: Er lässt sich nie hängen und zieht am Ende doch alles durch, halt am Berg in seinem Tempo – dann warte ich eben! Und jeder darf mal müde sein oder einen schlechten Tag haben, ist doch ganz normal! Hatte ich dann auch, aber dazu später mehr. Selbst wenn ich viel auf Jannick warten musste und muss: Das ist eben Teil der Story und ungeschönten Wahrheit, aber trotzdem übertrifft er alle um Weiten, die daheim auf dem Sofa liegen! Als kurze Message an alle, die Jannick als „Schwächling“ gesehen haben in diesem Blog…

So – zurück zur Chronologie nach diesem kurzen Einwurf (mehr Plattform möchte ich solchen Wortmeldungen auch nicht bieten): Es war quasi wie ein spontaner, freier Tag. Jannick machte einen Ausflug in die Ortschaft Bot einen Kilometer weiter, ich war selbst hierfür zu faul. Am Gammeltag mache ich nichts!

So zog der Tag in herrlicher Landschaft ins Lande, ehe am Abend bei Sonnenuntergang noch eine Premiere erfolgte: Ich musste bei dem weiterhin böig-stürmischen Wind das erste Mal meinen im Decathlon erworbenen Pullover auspacken. Am 56. Tag auf Tour war es also so weit – einmal ist immer das erste Mal. Der Sommer ist wohl auch in Südwesteuropa so langsam zu Ende…

Das erste Mal Pulli beim abendlichen Kochen.

Schließlich zog der Ruhetag schnell vorüber. Die Vorfreude auf erneute Action stieg schnell. Das Problem: Es war Freitag, der 13te! Wir sinnierten schon darüber, was da wohl für ein Unglück passieren wird?! Eventuell mein erster Platter nach über 3.300 Kilometern seit Aufbruch in Flensburg?! Jannick meinte: „Ich rechne ziemlich bald damit bei dir. Das Material von so einem Schlauch gibt ja auch irgendwann nach.“ Na ja – verschreien wir es mal besser nicht, sondern gehen brav schlafen und schauen, was so kommt!

So waren wir denn auch früh auf den Beinen, um weiterzukommen. Nach Müsli und Kaffee für mich und Jannick habe ich fix gepackt und noch bei einem weiteren Cappuccino im Bistro auf Jannick gewartet. Alles schien soweit startklar, ehe wir sahen, wie der Rezeptionist ein paar Gästen seine Standpumpe lieh. Standpumpe! Geil! Nochmal ohne Anstrengung ein bisschen Luft auf die Reifen!

Wir fragten nach der Pumpe, die uns der freundliche aber leider nur spanischsprachige Rezeptionist gab. Dann die erste Enttäuschung: Der Rezeptionist hatte für so gut wie jedes Ventil einen Aufsatz – bis auf das französische Ventil. Wir zeigten ihm unser Ventil und fragten uns, was „französisches Ventil“ auf Spanisch heißt…nichts zu machen. Entweder er versteht einfach nicht, was wir wollen, oder er hat wirklich keinen geeigneten Aufsatz hierfür…

Das Blöde hieran war, dass durch die ständigen fehlgeschlagenen Pumpversuche natürlich mehr Luft entwich, als dazukam. So mussten wir mit der Handpumpe mühsam wieder die paar verlorenen Bar draufpumpen.

Dann der nächste Schock: Jannicks Ventil war durch das viele Handpumpen und die Seitwärtsbewegung beim Pumpen bereits verbogen. Schließlich kam der große „Knall“: Der Ventilaufsatz löste sich und auf einen Schlag trat die Luft aus dem Reifen aus. Kann man das als Platten zählen? Ich finde ja! Also Jannicks 5. Platter – wie passend am Freitag, den 13. – irgendeinen musste es ja treffen, wenn nicht mich 😉

Statt losfahren war nun Gepäck abbauen, Rad ausbauen und Schlauch wechseln angesagt. Das ganze Prozedere kostete uns eine ganze Stunde zusätzlich zu dem Pumptheater mit dem Rezeptionist. Es war kurz vor 12 Uhr, als wir loskamen – bzw. loskommen wollten.

Wir waren abfahrbereit, traten in die Pedale. Ich fuhr los zum Abzweig Richtung Fahrradweg (ca. 300 Meter), als mir auffiel, dass Jannick gar nicht hinterher kam. In mir riss innerlich ein mal mehr oder weniger dicker Geduldsfaden. „Was ist denn nun schon wieder los?!?!?!“, dachte ich mir, versuchte zweimal vergeblich anzurufen. Schließlich war es mir in dem Moment dann egal, ich wollte jetzt ENDLICH fahren!! So schickte ich Jannick kurzerhand eine Wegbeschreibung, um vorzufahren. Hierbei übersetzte ich den Namen des Fahrradweges „Via Verda“ wortgemäß in „(grüne) Straße“.

Wie ich dann eine Viertelstunde später feststellte, führte das bei Jannick zu Irritationen, weil es ja ein Fahrradweg war und keine Straße. Ich hätte doch einfach kurz warten können…

Ja Kollege, es tut mir leid und ja der Platte war unglücklich und nicht deine Schuld, aber das war bei mir einfach der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich habe mich falsch verhalten, ich weiß. Aber manchmal brennen leider auch mir zumindest innerlich die Sicherungen oder auch so manche Geduldsfäden durch…

Schnell vergaß ich den kleinen Konflikt und genoss für mich die beeindruckend grüne Landschaft der Via Verde. Wie im Nationalpark, die Weite, die bergige Landschaft. Eifrig mussten Bilder geknipst werden.

Eine Landschaft wie im Nationalpark.

Der Weg führte ständig leicht ansteigend Richtung Westen in den ersten 20 Kilometern von 260 Metern am Campingplatz bis auf fast 600 Meter, ehe ich 40 Minuten Pause machte, um auf Jannick zu warten, bis dieser aufschloss – und Pause machen wollte. Immerhin war es für ihn legitim, dass ich wieder losfahre – das ist immerhin unkompliziert mit ihm, wenn es Tage gibt, wo man einfach ein anderes Tempo hat. In Afrika müssen wir dann eh gemeinsam fahren – also halb so wild. Wenn Jannick schneller wäre, hätte ich ja auch kein Problem damit, ihn in seinem Rhythmus fahren zu lassen. Ich erfuhr, dass er noch seine Bremsen einstellen musste vorhin. Ok – das ist natürlich ein legitimer Grund! Ohne funktionierende Bremsen wäre es wohl schnell vorbei mit der Tour…

Anschließend ging es über 10 Kilometer bergab, bevor es wieder auf 600 Meter hochging. Danach ging es wieder auf die Bundesstraße. Ich teilte Jannick scheinbar alle Gabelungen und Abbiegungen mit, da Maps ihn ja grundsätzlich anders leiten wollte. Scheinbar – Jannick meinte, er hätte sich genau an meine Anweisungen gehalten und wäre viel früher auf die Bundesstraße zurückgekommen und zudem einen großen Umweg gefahren. Hmm ok – ja die Wegführung von Komoot ist ja manchmal auch wild. Aber für einen selber, wenn man nur nach Navi fährt, doch recht ersichtlich…Stichwort subjektives Empfinden!

Es wurde bergiger.

Egal – über die Bundesstraße ging es erst weiter hoch bis auf erstmals seit langem wieder über 600 Meter, ehe über die Landstraße wieder eine lange Abfahrt erfolgte bis auf 300 Meter Seehöhe. Im Ort Torrecilla de Alcañiz machte ich Pause, um den Sand-Fußballplatz vom Dorf zu bewundern (dass es sowas noch gibt!), ehe der Weg mich weiter nach Castelséras führte, wo es einen kleinen Supermarkt gab. Es war ein ganz kleines süßes Dörfchen (so wie fast alle hier) auf dem spanischen Land, wo keine Menschenseele herumlief. So hielt ich es sogar für vertretbar, mein Fahrrad nur unbewacht beim Einkaufen anzuschließen – war dann auch nach den 10 Minuten nichts gestohlen und ich wieder frisch versorgt.

Auf einer Parkbank nebenan nutzte ich die Zeit für ein kleines Nickerchen, bis Jannick nachkam, der noch Benzin nachtanken musste für seinen Kocher. Gemeinsam suchten wir nach einem geeigneten Schlafplatz.

Kurzes Nickerchen nach langem Tag.

Zwei Kilometer hinter Castelséras befand sich schließlich neben der Straße, 50 Meter neben einem Strommast, ein ebenes Plätzchen hinter zwei Büschen. Aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit von 19 Uhr zögerten wir nicht und schlugen unser Lager auf. Schnell aufbauen und noch etwas kochen – und natürlich Fotos machen von dem spektakulären Abendlicht in der schon leicht felsigen Landschaft, ehe das Tageslicht auch schon verschwand und wir nach dem doch anstrengenden Tag relativ schnell schliefen.

Spektakulär.

Durchschlafen sollte ich jedoch nicht, da die Kälte schnell ins Zelt kroch. Bereits am Abend zog ich mir meinen Decathlon-Pulli an, es wurde doch relativ bald frisch. Verfroren wälzte ich mich im Zelt, in der Früh hatte es 8 Grad. Hinzu kam das taunasse Zelt, da der böige Wind über Nacht endlich eingeschlafen ist. Man konnte seinen eigenen Atem sehen. Frisch!

Der Kaffee wärmte wenigstens etwas – neben der Sonne.

Gottseidank war die Fläche nach Osten hin komplett offen, sodass bald die Sonne wärmte. So konnte man schon angenehmer seinen Kaffee kochen und sein Müsli in der tollen Landschaft genießen, ehe es nur ein Motto gab: Up, up! Noch waren wir auf 330 Meter Seehöhe, bis über 1.000 Meter sollte es nun hochgehen.

Wie passend bei dieser anstrengenden Etappe, dass ich bald merkte, dass ich nicht 100-prozentig fit war. Nach dem Frühstück kam bereits ein Schwummrigkeitsgefühl mit leichtem Unwohlsein, was ganz nach einer Kopfschmerzattacke aussah, die bei mir bevorzugt bei starkem Luftdruckanstieg kommen. Aber auch die Kälte in der Nacht und das Schlafen mit Kopf außerhalb vom Schlafsack kann ursächlich sein. Als ich deswegen aufwachte, verkroch ich mich zwar komplett in meinen Schlafsack, aber mein Kopf war stundenlang der Kälte ausgesetzt.

Ich schleppte mich aufs Fahrrad und schaute mal, was so ging – klein beigeben wollte ich nicht, dafür habe ich mich zu sehr auf diese Etappe mit den vielen Höhenmetern gefreut!

Es ging von Anfang an beständig bergauf, aber es war in Ordnung! Bis zur nächsten Ortschaft Calanda nach 11 Kilometern haben wir bereits fast 200 Höhenmeter gemacht, ehe eingekehrt wurde in einem sehr schönen und günstigen Café in dem netten, kleinen Ort. Der Kontrast zur Küste ist hier schon sehr greifbar: Quasi keine Touristen, überhaupt nichts los und alles ist halb so teuer. Sehr entschleunigend, diese Stimmung auf dem Land Spaniens im iberischen Gebirge! Eine Seite von Spanien, die ich so vorher noch nie kennengelernt habe.

Einen großen Fehler habe ich dann bei der Bestellung gemacht: Ich trank einen Cappuccino – erst hinterher wusste ich wieder, dass sowohl Zucker als auch Milch bei meinem Zustand tabu sind – dieser verschlechterte sich rapide.

Am Berg ließ ich deutlich nach, musste wahrlich kämpfen. Jannick und ich waren diesmal quasi ein Tempo 😉 Im nächsten Ort Alcorisa, 14 Kilometer weiter und nochmals knapp 150 Höhenmeter weiter oben, wurde der nächste Stopp eingelegt zum Einkaufen. Mein Zustand war am Tiefpunkt. Eigentlich hatte ich auch keine Lust, mir was Einzukaufen – wie soll ich mir denn jetzt was kaufen, wenn ich bei meiner Appetitlosigkeit beim Gedanken an Essen gerade eher mich übergeben könnte?! Jannick und ich einigten uns darauf, dass wir den Ort Gargallo 22 Kilometer weiter anvisieren, ab welchem wir uns etwas zum Schlafen und Ruhen suchen. Ca. 450 Höhenmeter bis dahin! Ich bin zwar schlapp, aber gemächlich sollte es mit viel Zeit und in entspanntem Kurbeltempo doch machbar sein, sagte ich mir, während mein Auge unter der Seite, auf der die Kopfschmerzen drückten, tränte.

Ich erzählte Jannick, dass eigentlich schwarzer Kaffee mit Zitrone in diesem Zustand mein Wunderheilmittel sei. „Wieso holst du dir nicht noch schnell Zitronen und presst eine in deine Wasserflasche?“, fragte er daraufhin.

Kollege, wieso konnte ich da nicht selber drauf kommen?! Zu müde und matt?! Vielen Dank für die doch sehr naheliegende Idee. Einen Versuch ist es wert! Nach der Prozedur inhalierte ich einen halben Liter Zitronenwasser. Und siehe da: Allein durch das Vitamin C der frischen Zitrone besserte sich mein Zustand auf der Weiterfahrt doch merklich, auch die Tempohärte am Berg zog wieder an, wodurch ich den langen Anstieg von etwas über 600 Meter auf knapp 1.000 Meter sehr gut wegstecken konnte, ehe nach kurzer Abfahrt, erneutem Gegenanstieg und nochmals kurzer Abfahrt Gargallo erreicht war – hier konnte ich zumindest eine kurze Fotopause beim Warten einlegen, um die schroff-wilde Landschaft hier zu dokumentieren, ehe Jannick nachkam 😉

Auf 1.000 Metern.

Erstmal genossen wir die weitere Abfahrt von dem doch wunderschön-wilden Gebirgsort auf knapp 1.000 Meter Seehöhe runter auf wieder 900 Meter, ehe ein erneuter Anstieg wartete. Kurz nach Beginn sahen wir in einer Einbuchtung neben der Straße eine Überdachung mit Bänken und Tisch. Kurz überlegten wir, einige Kilometern wäre schon noch im Tank gewesen.

Angesichts der Warnsignale meines Körpers entschieden wir uns jedoch dazu, es nicht zu übertreiben und langsam zu machen. Nach knapp 48 Kilometern war Schluss – und immerhin 850 Höhenmetern. Damit war ich bei meinem Zustand heute doch zufrieden und freute mich aufs regenerien – auch wenn es mir eh schon deutlich besser ging, das Kopfweh mit Übelkeit war nur noch leicht da.

Der Schlafplatz direkt neben der Straße.

Der Unterstand war von der Straße aus gut sichtbar, doch wir lernten mittlerweile, dass wir hier im spanischen Gebirge eh quasi allein sind und es die paar Leute, die vorbeifahren, eh nicht interessiert 😉 Und vielleicht hilft das Dach ja ein bisschen, falls es nächste Nacht wieder frisch wird – Stichwort Wärmeabstrahlung. Jannick entschied sich deshalb, zur Abwechslung mal wieder nur auf seiner Luftmatratze zu schlafen – mutig! Dazu war ich definitiv nicht in der Stimmung, baute lieber mein Zelt auf dem Betonboden auf.

Vorteilhaft an dem Ort war zudem, dass direkt ums Eck ein reichlich gespickter Traubenbaum stand. So gab es bei mir Naturjoghurt mit Trauben als Abendessen. Auf Süßigkeiten wurde ausnahmsweise sowohl während der Tour, als auch im Nachgang, konsequent verzichtet.

Rückblick, von wo wir herkommen.

Nach einigen Fotos von den glühenden Felsbergen gegenüber unseres Hochtals im letzten Licht legte ich mich schlafen, um am nächsten Tag auskuriert zu sein. Jannick war ebenso müde und schlief bereits tief und fest neben mir auf seiner Luftmatratze, sodass um 21:30 Uhr Nachtruhe war – diesmal mit langer Unterhose und Pulli im Schlafsack!

Alpenglühen in Spanien.

So sollte ich denn auch durchschlafen und topfit um 6 Uhr aufwachen. Da es noch dunkel war, drömelte ich noch lange im doch sehr kalten Zelt, ehe ich mich nach draußen wagte zum Kaffee kochen – 7 Grad, es war wahrlich zum Bibbern! Immerhin kam um kurz nach 8 Uhr die Sonne heraus über den Bergen gegenüber, die gleich ordentlich einheizte und das Kaffeetrinken angenehm gestaltete. Unsere Seehöhe war 940 Meter. Heute sollte es auf bis 1.300 Meter gehen! Ab ins spanische „Hochgebirge“!

Nach üblichem Zusammenpacken war wiedermal um halb 11 Abfahrt. Bzw. ich war fertig, Jannick hatte noch etwas an seinem Gepäck zutun. Und da es immer nur der Bundesstraße, der N-211 entlang in Richtung Madrid ging, fuhr ich vor. Treffen in einem ausgesuchten Café in der nächsten Ortschaft Castel de Cabra. Der Weg kannte direkt wieder nur eine Richtung: Nach oben!

Immer weiter hoch in toller Kulisse.

Schnell war, angezeigt per Schild, wieder die 1.000-Meter-Marke geknackt, mit tollem Panorama alsbald die 1.100 Meter. Nach 250 Höhenmetern auf den ersten acht Kilometern gab es die schöne, steile Abfahrt mit Blick auf den netten Ort Castel de Cabra mit seinen für Spanien typischen engen Gassen. Etwas verwinkelt, erblickte ich bei Ankunft das Café. Es gab einen Außenbereich, dieser war jedoch nur über den Innenraum zugänglich. Der Zugang war zudem nicht barrierefrei. In Bezug auf unsere Räder mehr als suboptimal, was ich Jannick sogleich mitteilte.

Castel de Cabra auf der Abfahrt.

Wir beschlossen schnell, noch eine Ortschaft weiter zu fahren nach Montalbán. Da es mit kurzem Gegenanstieg immer nur bergab ging bis auf nur noch 850 Höhenmeter, waren die 10 Kilometer schnell absolviert in beeindruckender, farbenfroher Gebirgslandschaft. Pause in einem netten Café direkt an der Straße. Ein zweiter Kaffee für 1,50 Euro musste her. Bei den Preisen konnte man sich gut eine kleine Mittagsmahlzeit gönnen.

Ein weiterer landschaftlicher Eindruck.

Anschließend wollten wir nochmal Wasser nachkaufen – wollten, wohlgemerkt! An der Küste hat man den Sonntag in den Supermärkten nie ernst genommen, hier in der untouristischen Gebirgspampa jedoch schon. Wir schauten für jeden Ort auf der Strecke auf Google Maps nach Supermärkten – alles geschlossen! Damit haben wir die Rechnung jetzt nicht gemacht. Also einmal noch gechlortes Leitungswasser auf der Toilette nachfüllen in die zweite Flasche, dann müssen die knapp 2,5 Liter wohl bis morgen reichen, inklusive Kaffee und Kochen. Immerhin waren noch genug Essensvorräte im Gepäck.

Schnell waren die Gedanken zu dieser Problematik auch wieder verflogen, denn der schweißtreibende Anstieg wartete – alles wieder hoch! Erst kaum merklich mit einem halben Prozent Steigung, schließlich zog das Gelände in unendlicher Weite, fast wüstenartiger Landschaft an! Bald erschien wieder das 1.000-Höhenmeter-Schild, dann das 1.100-Höhenmeter-Schild. Daneben ein Schild, dass es noch vier Kilometer mit fünf Prozent durchschnittlicher Steigung bergauf geht. Laut Adam Riese macht das also nochmal zusätzliche 200 Höhenmeter, sodass schließlich bei ca. 1.300 Metern Passhöhe, mit weitem wüstenartig-felsigem Ausblick. Herrlich, wieder eine Seite, die ich so von Spanien nicht auf dem Schirm hatte! Auf einer Fahrradtour erlebt man es!

On top of spain.

Es hatte ein bisschen was von Kalifornien oder Arizona in den USA: Zwischendurch mal ein kleines Dorf, eine Landstraße und ansonsten nicht als Weite und Landschaft so weit das Auge reicht in dem bergigen Gelände – ein Wahnsinn, hier gefühlt „on top of Spain“.

Wie so oft: Nichts als Weite!

Die verdiente Abfahrt wurde im Anschluss leicht vom Gegenwind verhagelt, dennoch waren die Felsstrukturen weiterhin beeindruckend. Landschaftlich eine Etappe, die ganz oben bei mir steht!

Farbenspiele.

Als die Abfahrt vorbei war auf 1.100 Höhenmetern und der Weg wieder bergauf geführt hätte, fuhr bei einem Parkplatz ran und schaute mal, was mein Kollege so treibt, bergauf fahren wir halt nunmal unser eigenes Tempo.

Da er noch ein bisschen brauchte, erkundete ich einmal die Location nach potentiellen Campingspots. Bei der Abfahrt habe ich noch mitbekommen, dass unter der Brücke 100 Meter entfernt ein Bachlauf war. Ich spazierte also ins Flussbett unter der Straßenbrücke. Laut Karte sollten auf der Route viele Flüsse gewesen sein, nur waren diese alle ausgetrocknet. Hier also war von dem Fluss zumindest noch ein kleiner Bachlauf übrig geblieben. Ging man durch das Flussbett unter der Brücke durch auf die andere Seite, so war hier ebenso eine ebene Fläche für potentiellen Zeltaufbau.

Ich war klassisch zwiegespalten: Eine Stunde hätten wir locker noch fahren können, aber Wasser ist natürlich ein Gamechanger! Als Jannick dann bald nach der Erkundungstour eintrudelte, machte dieser sich ebenso ein Bild – und war ebenso unentschlossen.

Nach reichlich Überlegung entschieden wir uns wegen der Wasserquelle, nach 49 Kilometern hier zu bleiben und unser Lager aufzuschlagen – garniert mit der Szenerie roter Felshügel hinter dem Zelt! Es soll so sein, dieser Spot ist perfekt – insbesondere mit Wasserfilter im Gepäck, der sich nun bezahlt macht 😉 Für die Statistikfreaks: Das erste Mal wieder Wildcampen auf über 1.000 Metern Seehöhe seit der Schweiz – ein kleines Novum und nach den letzten Wochen entlang der Küste wahrlich ungeahnte Höhenluft!

Die Szenerie unserer Location.
Der Campingspot.
Von der Straße aus gesehen.

Und – als abschließende Worte für diesen Blog – das ist das Schöne an der Kombination von uns beiden: Wir ergänzen uns so echt gut: Jannick fährt sein Tempo, ich nutze die Wartezeit und kann so bereits Campingspots ausfindig machen so wie diesen – und am Ende sind beide glücklich und genießen jeden Moment dieser Tour, selbst wenn es hier und da mal ein paar Probleme gibt. Und auch hier hat Jannick die immerhin deutlich über 800 Höhenmeter auf nicht einmal 50 Kilometer letztlich mit Bravour gemeistert! Ankommen ist alles, und letztlich ist der Weg das Ziel! Wir wollen ja keine Rekorde aufstellen, sondern das Abenteuer unseres Lebens komplett auskosten!

3 Antworten zu „Ein Ausflug in ungeahnte Höhen”.

  1. Schöne letzte Worte!

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    1. Ihr seid ein tolles Team. Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Ausdauer. Mir ist es zwar persönlich ein Rätsel, wie man Höhenmeter mit dem Fahrrad lieben kann, aber jeder hat ja bekanntlich andere Hobbies. In den Cafés, beim Lidl und abends bei den schönen Sonnenuntergängen wäre ich sofort dabei.
      Bild 5 finde ich eine besonders schöne Aufnahme
      Liebe Grüße auch an Jannick.
      Freu mich auf neue Abenteuer von euch.

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      1. Wie ich es ja in einem der letzten Blogs schon beschrieben habe: Manche Sachen bei anderen Leuten muss man nicht verstehen – und das ist auch gut so 😉

        Gefällt 1 Person

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