Unter Naturgewalten Richtung Madrid

Das Bachwasser an unserem Campingspot mitten im iberischen Gebirge unter der Straßenbrücke reichte für Trinkwasser – Körperwäsche war hier nur bedingt möglich. Auch auf unserer weiteren Route gibt es kaum Campingplätze oder andere Möglichkeiten, eine Dusche zu nehmen. Diese muss wohl bis Madrid warten…

Nach Sonnenuntergang, der die roten Felsen bei uns noch einmal so richtig zum Glühen brachte, wurde es schnell wieder frisch. Die Wetterapp kündigte die nächste Friernacht an hier auf 1.100 Metern mit 7 Grad – erfahrungsgemäß können hiervon noch einmal ein bis zwei  Grad abgezogen werden. Pullover und lange Unterhose waren wiedermal einsatzbereit bei 13 Grad Komforttemperatur vom Schlafsack. 🥶

In der Früh sollte ich denn auch durchgefroren aufwachen bei 5 Grad. Selbst ich als einer, der ohne Zögern beim Weckerklingeln in den Tag startet, brauchte lange, um mich zu überwinden, rauszugehen zum Kaffeekochen. Immerhin der Gasbrenner wärmte etwas.

Die Lage des Campingspots hatte nämlich einen erheblichen Nachteil: Umrahmt von hohen Bäumen und im Flussbett unter der Brücke brauchte es sehr lange, bis sich die Sonne mit ihrem wärmenden Strahlen durchkämpfen konnte. Beim Zusammenräumen wurden taktisch klug das Umziehen in die dünne, sportliche Kleidung und das Verschließen der Kleidungstasche als letzte Schritte vor dem Losfahren integriert 😉

Beim Losfahren heizte uns dann der direkte Aufstieg von über 200 Höhenmetern gleich ordentlich ein, ehe es landschaftlich spektakulär über fast 400 Höhenmeter wieder eine Geländestufe bzw. Hochebene nach unten ging, die sich während der Abfahrt in voller Weite öffnete.

Wieder runter.

Zu Tourenbeginn war Jannick wieder sehr fit, im verabredeten Ort Monreal del Campo 28 Kilometer weiter musste ich nicht einmal fünf Minuten auf ihn warten.

Unser anvisiertes Café zur Mittagspause hatte leider Betriebsurlaub, doch es waren Alternativen in der gleichen Straße vorhanden. Perfekte Lage, da ein Minimarkt direkt gegenüber war. Da so jeweils einer beim Café sitzenbleiben und auf die Räder aufpassen und der andere schnell einkaufen gehen konnte, wurde das dann quasi auch nebenbei erledigt.

Schnell waren wir also wieder startklar. Wie am vorherigen Tag sollte es nun alles wieder hochgehen von 900 Meter bis auf 1.300 Meter – jedoch über 27 Kilometer. Bei der kleinen Steigung gestaltete sich der Anstieg sehr entspannt. Bald führte der Weg in den Parque National del Alta Tajo, geprägt durch weite Sonnenblumenfelder. Ich machte eine Pause und knipste Fotos, wodurch Jannick mich alsbald einholte und an mir vorbeifuhr. So nutzte ich kurzerhand auch ihn als „Fotomodel“ 😉

Jannick auf der Überholspur 😉

Zügig wurde der Spieß umgedreht: Jannick macht Pause, ich überhole wieder. Auf den letzten Höhenmetern wurde es nochmal einen Ticken steiler, ehe wir wieder auf 1.300 Meter Höhe angekommen sind und es im welligen Gelände nun wieder tendenziell bergab ging. Die Gegenanstiege waren aber nicht zu verachten! Der Weg führte geradewegs auf Molina de Aragon zu.

Wir vereinbarten, unmittelbar vor dem Ort einen Campingspot zu suchen. Es gestaltete sich jedoch sehr schwierig, da fast alle Flächen an der Straße landwirtschaftlich genutzt oder im Privatbesitz waren.

Schließlich hielt ich fünf Kilometer vor Molina de Aragon an einer Einbuchtung und warf einen Blick ums Eck hinter das Gebüsch neben der Straße. Die Wiese hatte vielleicht ein halbes Prozent Gefälle, hatte durch die Büsche aber Sichtschutz zur Straße und war zudem außerhalb jeglicher anderer möglicher Beobachtung, da die nächste Siedlung hinter dem Wald fernab der Straße lag. Ich wartete also wieder auf Jannick, der ebenfalls den Platz unter die Lupe nahm. Er war zuerst skeptisch wegen der leichten Unebenheit. Doch aufgrund der spärlichen Plätze auf der Hinfahrt entschieden wir uns, diesen Platz nun einfach zu nehmen. Da wird wohl kaum noch etwas besseres zu finden sein. Ein Blick auf die Wetterapp ließ Böses erahnen: Vier Grad wurden für morgen früh hier oben auf 1.100 Metern Höhe angezeigt. Aus Erfahrung können ein bis zwei Grad abgezogen werden. Das wird hart! Nach kurzem Abendessen bereiteten wir uns vor. Meine dicksten Socken wurden herangezogen. Über die lange Unterhose wurde meine eine lange Hose drüber gezogen. Obenrum sollte wieder mein Kuschelpulli warmhalten mit Kapuze. Mein Handtuch legte ich als zusätzliche Isolationsschicht über den Schlafsack – hier wurden alle Trümpfe gegen die Kälte gezogen!Im Telefonat mit meinem Vater, der bereits ein Jahr am Stück gezeltet hat, empfahl dieser mir Fleece-Einlagen für den Schlafsack, erwerblich bspw. im Decathlon – erhöht wohl die Temperatur um fünf Grad im Schlafsack, ist leicht und unsperrig – muss ich mich mal in Madrid umsehen. Wenn wir in Marokko noch einen Schlenker ins Atlas-Gebirge machen, könnte es nämlich nochmals frisch werden 🥶 Falls die Leser weitere Vorschläge haben: Gerne in die Kommentare damit! 😁

Die Nacht wurde tatsächlich relativ gut überstanden in Form einer Mumie, die sich komplett in den Schlafsack verkroch. Nur bei einer Erleichterung gegen 4 Uhr in der Nacht merkte, wie kalt es eigentlich war. Das Wiedereinschlafen gestaltete sich dementsprechend auch mühsam.

Die Mumie.

In der Früh dachten wir eigentlich, dass ja das Feld nach Osten hin offen ist und die Sonne eigentlich schnell wärmen sollte. Na ja, da war noch eine große Hecke, in genau deren Schatten unsere Zelte standen. Die Hecke wollte die Morgensonne einfach nicht durchlassen. Überall war wärmende Sonne – wir standen im eisigen Schatten – zefix!

Nach langer Überwindung und Kaffee verlegte ich das Packen zehn Meter weiter in die Sonne. Auch das Zelt wurde relativ schnell abgebaut und in die Sonne gelegt. Es war nämlich nicht nur kalt, die Lufttemperatur fiel außerdem mal wieder unter die Taupunkttemperatur. Das bedeutete ein klatschnasses Zelt in der Früh. Die Sonne konnte wenigstens noch ein bisschen trocknen, ehe das Ding eingepackt werden musste zur Weiterfahrt.

Danach gab es wie immer das gleiche Prozedere: In Molina de Aragon wurde nach fünf Kilometern Abfahrt auf unter 1.000 Meter Höhe, die in ca. 12 Minuten absolviert waren, zugleich der obligatorische Café- und Einkaufsstopp eingelegt werden. Anschließend ging es – typisch für diese Gegend hier – natürlich wieder bergauf, immer der N211 entlang. Die Bundesstraße Richtung Madrid, an der uns der Weg seit Tagen entlangführt. Eine sehr einfache Wegführung.

Das wellige Gelände hatte wiederum etwas von der schwäbischen Alb mit den vielen landwirtschaftliche genutzten Flächen auf dem Hochplateau. Hier kommt man auch ohne markanten Anstieg definitiv auf seine Höhenmeter. Ein großer Anstieg wartete noch hinter der Ortschaft Mazarete. Es ging mit sieben Prozent durchschnittlicher Steigung nochmal auf die 1.300-Meter-Marke hoch. Südseitig und wahrhaft schweißtreibend. Aber auch schnell absolviert.

Denkt man, das hier wäre auf 1.300 Metern?

Die Strecke verlor jedoch nur langsam an Höhe, auch anschließend warteten noch giftige Gegenanstiege im Wechsel mit rauschenden Abfahrt, wo man schnell an der Marke der 60 Stundenkilometer krazte. Insgesamt ein Geländeprofil, das zumindest mir extremen Spaß bereitet – ich kam komplett auf meine Kosten, garniert mit der tollen Landschaft und den Ausblicken auf Pinienwälder und weite Hochebenen!

Wie immer: Weite!

In diesem Trott ging es, insgesamt natürlich leicht abfallend, weiter bis zur Ortschaft Alcolela del Pinar, wo ich auf Jannick wartete. Ihn plagten leichte Probleme an der Achillessehne. Vermutlich tritt er zu kräftig aus der Wade am Berg? Ich will da jedoch keine Ferndiagnose stellen. Die Schmerzen kamen jedoch bevorzugt beim Bergauffahren.

Da hier in dem kleinen Ort nichts los war und ich mein Fahrrad auch zwei Minuten neben einem Minimarkt unbeobachtet stehen lassen konnte, kaufte ich ihm gleich Wassernachschub ein. Haferflocken, die er ebenso noch gebraucht hätte, gab es leider nicht…

Anschließend entschied sich der Weg endlich, dieses Hochplateau ganz langsam mal verlassen zu wollen in Richtung von Sigüenza, dem nächsten Ort. Es ging eine idyllische Bergstraße runter. Freilich alles noch auf hohem Niveau – wir waren immer noch über 1.000 Metern Seehöhe. Mit bereits 75 Kilometern auf der Uhr entschieden wir, den nächsten einladenenden Campingspot am Wegesrand aufzusuchen. Ein Netter befand sich an einer Serpentine der zwischen den Felswänden eingeschnittenen Bergstraße hinter einer Böschung versteckt ca. 10 Meter weiter unten auf einem kleinen Wiesenstück. Die Versuchung war groß, da es jedoch weiter bergab ging, entschieden wir uns, zu „zocken“ bzw. weiterzufahren.

Es schien fast, als würde sich das rächen. Bald ging es nämlich nochmal leicht bergauf und die einladenden, versteckten Plätze am Wegesrand wurden auch spärlich – nicht gut.

Acht Kilometer später, es war bereits nach 18 Uhr, ging ein Schotterweg rechts von der Straße weg auf einen kleinen Hügel hoch. Wir probierten unser Glück und tatsächlich: Hinter der Hügelkuppe ging es in einen Pinienwald hinein – hier muss es doch was geben! Bei Eingang des Waldes gingen wir weg vom Schotterweg 150 Meter querfeldein, ehe sich tatsächlich ein ebener Platz zwischen den Pinien fand – Jackpot! Hier bleiben wir! Komplett allein abseits vom Straßenlärm mitten in der Natur!

Einer unserer Lieblingsplätze bis jetzt.

Na ja, komplett allein ist relativ. Nicht nur wir hatten Interesse an diesem Platz, auch zahlreiche Fliegen fühlten sich mehr als wohl – besonders in meinem Zelt. Ein wahrer Schwarm machte es sich unter meinem Vorzelt bequem nach Aufbau –  nervig! Na ja, dann wird erstmal nichts ins Zelt gebracht, bevor noch ein Quälgeist sich ins Innere verirrt und mir die Nacht verhagelt! Zur Not muss bis zur Dunkelheit gewartet werden, wenn die Viecher nicht mehr aktiv sind…

Nach dem Kochen in der warmen Abendsonne berieten wir über Lösungen. Eventuell eine Fliegenfalle? Schließlich kam uns in den Sinn, dass Jannick ja noch genug Brot und Honig in seinen Vorräten hat. Eine Scheibe wurde entbehrt und mit Honig bestrichen, anschließend auf das Innenzelt gelegt. Wenn die Fliegen sich hier draufsetzen, kommen sie in arge Nöte 😉

Da meine Kekse ebenfalls leer waren, wurde der Kartonmüll ebenso mit Honig bestrichen und daneben gelegt. Mit Erfolg: Bereits nach einer halben Stunde sind geschätzt um die 30 Fliegen in die Falle getappt und klebten an Brot und Karton fest. Durch die einsetzende Dunkelheit wurde das Problem zusätzlich gelindert, wodurch ich dann doch in Ruhe schlafen konnte.

Fliegenfalle.

Na ja – stimmt nicht ganz. Gegen Viertel vor 10, als ich noch wach im Zelt lag, traten etwas gruselige Geräusche auf. Was war das denn? Eventuell ein Hirsch? Jannick war sich sicher, dass es sich um ein Wildschwein handelte. So schnell wollte ich das Zelt jedoch nicht mehr verlassen. Ich hoffte, dass meine Essensvorräte, die neben dem Zelt standen, am Morgen noch da sind…

Immerhin konnte ich nochmal meine Gerätschaften wieder laden, da ich durch meine Kabelbinder-Konstruktion am hinteren Gepäckträger über das Solarpanel durch das sonnige Wetter wenigstens etwas Strom generieren konnte. Langsam wurde es echt knapp, auch wenn hin und wieder in Cafés angesteckt wurde…

Wenn man dringend Strom braucht, um nicht von der Außenwelt abgeschnitten zu sein.

Aufgrund von einsetzender Bewölkung in der Nacht war extreme Kälte gottseidank kein großes Problem mehr. Eher scheint wohl das Regen- und Gewitterrisiko wieder etwas erhöht zu sein. Na ja, mal schauen. Bis Madrid waren es noch 140 Kilometer. Kurz spielten wir mit dem Gedanken, das in einem Tag durchzuziehen. Es siegte jedoch die Vernunft: Komm, entspannt 2 mal 70 Kilometer und fertig!

Eine Frage blieb noch: Was machen wir mit dem Honigbrot? Wegschmeißen? Spontan hatten wir die Idee, doch einfach das Brot wegzunaschen als zusätzliche Proteinquelle und hiervon ein cooles Video zu machen. In Bezug auf Ekel sind wir beide ja eh sehr schmerzbefreit. Wir haben nun seit über fünf Tagen nicht mehr geduscht, haben kaum noch frische Kleidung. Unsere Schlafsäcke muffen, wir ekeln uns vor uns selber. Wird Zeit, dass Madrid erreicht wird und wir mal wieder Bett und Dusche genießen können 😉 Vorteilhaft, wenn die Schwester des Kumpanen ein Erasmus-Semester in Madrid macht und wir hierdurch nicht zeitlich an eine gebuchte Unterkunft gebunden sind.

Nach dem genüsslichen Frühstück (neben ekligen Haferflocken – versteht sich) peilten wir unsere vorerst letzte Wildcampingnacht vor der Madrid-Pause kurz vor Guadalajara an – die erste Stadt nach über 500 Kilometern, der wir begegnen werden.

Auf einer rauschenden Abfahrt ging es bis Sigüenza, ehe dieser Ort nördlich liegen gelassen wurde. Ein nochmals steiler Anstieg von 100 Höhenmetern wartete vor einer erneuten Abfahrt in das Örtchen Mandayona, wo das übliche Spielchen stattfand: Cappuccino, Bocadillo de Jamon, huevo y queso (lecker, sättigend und billig hier!) sowie ein kurzer Einkauf.

Es war die Mittagspause vor dem letzten markanten Anstieg vor Madrid: Durch die idyllische Bergortschaft „Castejón de Henares“ führte eine Passstraße noch einmal steil fast 250 Höhenmeter auf ein kleines Hochplateau, welches gute fünf bis zehn Kilometer auf letztmals über 1.000 Höhenmetern überquert wurde bis zur rasanten Abfahrt in ein langgezogenes Tal bei der Ortschaft Argecilla.

Im letzten markanten Anstieg.

Hier war es nun vorbei mit dem Gebirgsspaß, jetzt kannte der Weg wirklich nur noch eine Richtung: Bergab! Imposant, wie die Landschaft sich entlang dieser tiefen Schlucht bis zum Talschluss immer weiter Geländestufe für Geländestufe absenkte und die Straße sich hier hindurchschlängelte, immer leicht bergab.

Castejón de Henares.

Bestimmt 30 Kilometer durfte bei 25 bis 30 Stundenkilometern die leichte Bergabfahrt genossen werden durch das Tal, ehe man sich in Torre del Burgo wiederfand auf nur noch 700 Metern Höhe. Gefühlt auch deutlich wärmer hier!

Argecilla – nun immer bergab durch das Tal nach rechts hinten.

Nun wartete ich auf Jannick und suchte wieder nach einem Ort zum Übernachten. Eine Einbuchtung an der Straße sah vielversprechend aus, doch hier war entweder alles privat, uneben oder schlicht zu freistehend. Auch hinter einer Böschung 300 Meter neben der Straße, die ich über Schotter mühsam hinaufstrampelte, fand ich nichts Überzerzeugendes. Der Ausblick auf den Graveltrail mit der Landschaft machte immerhin gut was her.

Hier hätte es auch Spaß gemacht, zu übernachten.

Als Jannick an dem Ort ankam, teilte ich ihm mit, dass ich nicht überzeugt war. So fuhren wir erstmal weiter, nun wieder im leichten auf und ab. Es schien wiedermal schwierig, ehe mir beim Vorbeifahren ein Wiese unterhalb der Straßenböschung auffiel. Schnell wurde rechts rangefahren und über einen Schotterweg neben der Straße das Plätzchen ausgekundschaftet. Es war eben. Die Böschung war etwas lichte. Sagen wir es so: Wenn der Beifahrer im Auto uns sehen wollte, dann konnte er uns sehen. Man muss aber schon genau in dem Moment willentlich rechts runterschauen.

Wir nahmen, was wir bekamen und schlugen mal einfach unsere Zelte auf – wird schon schiefgehen. Sah zwar auch wieder privat aus, aber da wird bis morgen früh schon niemand kommen.

Etwas bedrückend war nach sechs Tagen  langsam der Hygienezustand. Das wurde vor allem beim Umziehen in die Campingkleidung bemerkbar – es klebte nur noch am verschwitzten Körper.

Umso neidischer wurde ich, als ich auf Instagram nach triumphalem 4:0-Erfolg im Kreisklassenderby meines Heimat-Fußballvereins (herzlichen Glückwunsch!) ein Jubelfoto der gesamten Mannschaft rund um ihren Tor-„Jäger“ in der Kabine mit Dusche erblickte! Das hätte ich jetzt auch gerne! Nein, stattdessen wälzte ich mich in meinem ebenfalls verschwitzten Schlafsack. Noch 24 Stunden bis zur Dusche, das wird ein Fest!

Am Abend und in der Nacht gingen die Kapriolen weiter: Wie immer hing ich meine Fahrradkleidung zum Auslüften über Nacht ans Fahrrad, damit es sich am nächsten Tag halbwegs angenehm trägt. Beim Liegen im Zelt konnte bereits eine Lightshow mit Donner beobachtet werden. Da war ein Gewitter nicht mehr weit! Schon nachmittags waren vereinzelte Schauerzellen sichtbar, auch wenn der freundliche Eindruck überwog.

Die Wetterapp zeigte 40 Prozent Niederschlagsrisiko für die Nacht an. Wird schon gut gehen, dachte ich mir und blieb untätig. Ein Fehler! Mehrere Schauer zogen über Nacht durch. Zelt und Klamottage waren klatschnass in der Früh. Super! So kann ich meine Fahrradhose kaum anziehen, um 75 Kilometer nach Madrid zu radeln. Außer ich will einen komplett aufgescheuerten Popo bei Ankunft!

Dann muss ich wohl mit meiner halb kaputten Ersatzradelhose fahren, wird schon irgendwie machbar sein…einfach nochmal durchziehen, bevor mehrere Tage Pause warten! Und Dusche! Und Wäsche!

Allein dieser Gedanke war in der Früh Motivation pur! Zusammenpacken und los! Höhenmeter begleiteten uns auch auf den ersten Kilometern nach Guadalajara weiter. Die ganzen Gegenanstiege ließen die Anzahl jener auf den ersten 20 Kilometern schnell wieder auf 200 ansteigen. Dann der Moment: Eine Stadt, Infrastruktur, Verkehr, viele Cafés! Wie ungewohnt, ein wahrer Kulturschock nach mehreren 100 Kilometern Pampa.

Cooler Stadtbeginn in Guadalajara.

Kaffeepause wurde in Guadalajara direkt neben dem Parque de la Concorida einlegt. Drei Kilometer weiter gab es auch endlich wieder einen Lidl! Wow, was für eine Auswahl! Da staunt der Zuschauer, und der Laie wundert sich! Wir nutzten die Gelegenheit, uns direkt etwas für das Abendessen einzukaufen, da wir bestimmt sehr hungrig ankommen werden.

An dem bewölkten Tag machte Guadalajara abgesehen davon nicht den spektakulärsten Eindruck. Zudem winkte die Dusche bereits! Also weiter! Erst parallel zur Autobahn mit stellenweise sehr gefährlichen Kreisverkehren bei den Ab- und Auffahrten, dann wieder ruhiger durch die Vororte Alcalá de Henares und Torrejón de Ardoz.

Alcalá de Henares.

Der Verkehr rund um die Autobahnkreuze wurde langsam wieder wild, insbesondere bei mehrspurigen Kreisverkehren musste man richtig aufpassen. Hierbei ging es immer weiter bergab bis auf nur noch knapp über 500 Höhenmeter, ehe es nach Madrid rein wieder über 100 Meter hochging, die Stadt liegt quasi auf einem Hochplateau. Die letzten Höhenmeter dieser Etappe!

Schließlich fand man sich am östlichen Stadtrand sieben Kilometer vor dem Ziel am Estadio Metropolitano wieder – der Heimstätte von Atletico Madrid. Wie passend, dass am gleichen Abend das Champions-League-Spiel gegen RB Leipzig stattfand und bereits reges Treiben herrschte! Jannick, bekennender Anti-Fußballfan, fuhr schon einmal vor zu seiner Schwester, während ich eifrig dokumentieren musste. Weiter Richtung Zentrum zeigte sich am Himmel bereits eine eindrucksvolle Gewitterfront. Ich ließ mir Zeit, Fotos vom Stadion zu machen, ehe ich weiterfuhr – an einem mehr als wilden, vierspurigen Kreisverkehr vorbei, wo ich mich dann doch lieber über den Gehweg mogelte…

Ab 21 Uhr ging’s hier rund.

Ich war noch tiefenentspannt, dass mich das Unwetter schon nicht erfassen wird. Sind ja nur noch vier Kilometer bis zum Ziel. Schließlich fing es an zu tröpfeln – und zwei Minuten später war alles zu spät. So schnell, wie die Regenwand da war, konnte ich gar nicht meine Regenjacke anziehen, die Sicht war zudem schnell auf 100 bis 200 Meter begrenzt. Sofort suchte ich an einer Bushaltestelle Unterschlupf. Doch zwei Minuten reichten, dass ich einmal von oben bis unten geduscht war – mit Hochdruck! Diese Art von Dusche habe ich mir jedoch nicht vorgestellt bei dem Gedanken an diesen Abend…

Das sah schon aus der Ferne böse aus…
Man kann das Ausmaß dieses Wolkenbruches hier erahnen…
Dusche der unerwünschten Sorte.

Beim Aussitzen der Wassermassen, unter denen die Straße schnell bis weit über den Knöchel verschwand, geriet ich ins Gespräch mit einem der deutschen Sprache mächtigen Einheimischen. Er wäre ebenfalls auf dem Heimweg, nur zwei Straßen weiter. Aber bei dem Wolkenbruch muss er auch kurz warten.

Mein Navigationshandy hat derweil unter der Dusche komplett den Geist aufgegeben und war unkontrollierbar. Mein halbwegs trockenes Ersthandy mit noch 10 Prozent Akku musste für die letzten drei Kilometer herhalten, um durch den Stadtverkehr zu kommen, als der Regen wieder nachließ. Leicht durchgefroren in wahrer Wasserschlacht durch die gefluteten Straßen Madrids zu fahren macht definitiv Spaß! Eigentlich hätte ich dieses Unwetter als Finale der Etappe von Barcelona nach Madrid mehr dokumentieren müssen, letztlich wollte ich jedoch nur ankommen in dem Moment…

Noch einmal über die vierspurige Hauptstraße kämpfen, dann war das Ziel endlich erreicht! Das Gepäck und Fahrrad konnten zum Trocknen weggestellt werden, die Klamotten endlich in die Waschmaschine geworfen werden! Der Strom, der nach den 10 Prozent Restakku komplett aufgebraucht gewesen wäre, endlich wieder nachgeladen werden! Endlich die „richtige“ Dusche genommen werden! Ein Bett statt einer Luftmatratze! Was ein geiles Gefühl! Und eine wohlverdiente Pause, die erste längere seit Innsbruck.

Für die Statistikfreaks: Die Etappe bis Madrid kann durchaus mit runden Zahlen bestechen: Seit Losfahrt in Flensburg bin ich nun genau zwei Monate am Weg gewesen, verteilt auf genau 50 Etappen (bis Barcelona waren es – wie passend – 40 😉).

Laut Strava wurden seit Start 3.741 Kilometer mit insgesamt 25.684 Höhenmetern zurückgelegt. Schau ma mal, wieviel da ab Mitte kommender Woche noch dazukommt 😉 Jetzt ist erst Erholung angesagt.

Insofern wird der nächste Blogbeitrag – Vorwarnung – zwar etwas „Off-Topic“ – dennoch kann ihn natürlich jeder, der sich für die Ereignisse während der Tage in Madrid bezüglich Sightseeing, aber auch Vorbereitung für die nächste große Etappe interessiert, gerne durchlesen 😉

Ein versöhnlicher Regenbogen nach dem Weltuntergang.

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