Zurück ins Abenteuer

Aufgrund der ganzen Verpflegung und der Neuanschaffungen warf ich mein Packsystem über Bord. Es glich eher einem Tetrisspiel: Alles irgendwie reinbekommen, bis jede Tasche randvoll und tonnenschwer war. Schließlich ließ sich noch geradeso eine 1,5-Liter-Flasche Wasser reinquetschen, ohne dass man anfängt, mit Expandern auf dem freien, vorderen Gepäckträger rumzuexperimentieren.

Als es nach dem großen Zusammenräumen unseres Lagers für fünf Tage bei Jannicks Schwester um 11:30 Uhr endlich losging, war das Extragepäck auch deutlich spürbar. Gas geben konnten wir jedoch so oder so nicht, denn Jannicks Schwester wohnt relativ im Osten von Madrid, und wir wollten weiter Richtung Westen. Hieß also: Einmal sich durch den Stadtverkehr kämpfen, inklusive Plaza España. Hier ließ uns Komoot wiedermal die Fahrräder eine Treppe runterschleppen. Immerhin war diese Treppe nicht steil und die Stufen sehr groß, weshalb es gottseidank nicht weiter problematisch war.

Am Stadtrand gingen schließlich wieder Höhenmeter los, da man sich Madrid in einer Trichterlage wie Stuttgart vorstellen kann: Einwärts gibt’s Höhenmeter, ehe es ins Zentrum wieder bergab geht. Ebenso gibt es dann rauswärts den Anstieg, ehe es am „Trichterrand“ wieder bergab geht.

Jannick auf der Schotterpiste raus aus dem „Trichter“.

Zwischenziel war ein Baumarkt am westlichsten Rand von Madrids Einzugsgebiet, wohin uns Komoot über die typischen, fast obligatorischen Schotterpisten leitete. Hierbei fing mein Schutzblech wieder an, am Hinterreifen zu schleifen. Das war schon vor Madrid ein regelmäßiges Problem, ehe ein Festdrehen der Schraube vorübergehend Abhilfe geschaffen hat. Nun also wieder.

Während Jannick im Baumarkt Gaskartuschen holte, kümmerte ich mich um mein Schutzblech. Umständlich, da ich nicht mein ganzes Gepäck abbauen wollte. Als ein Baumarktmitarbeiter mich etwas unbeholfen am Fahrrad hantieren sah, kam er auf mich zu und fragte nach meiner Reise und meinem Problem am Fahrrad. Er sei schließlich Fahrradmechatroniker. So kamen wir in ein nettes Gespräch.

Er schaute sich mein Fahrrad an und bat mich schließlich darum, die hintere, rechte Gepäcktasche abzumachen, bevor er zwei Schrauben am Gepäckträger festdrehte. Da dieser nämlich leicht verzogen war wegen den lockeren Schrauben und zudem mit dem Schutzblech verbunden, hing dieses ebenfalls schief – und dementsprechend kam es zum Schleifen. Gebührend dankte ich dem Mechatroniker, bevor wir uns verabschiedeten. Glück muss man haben.

Nachdem Jannick wieder da war, tranken wir noch einen Kaffee. Da sich die Fahrt durch Kreuzungen, Ampeln und Stadtverkehr fast zwei Stunden gezogen hat, werden wir wohl eh nicht mehr so viel Strecke schaffen. Erstmal wieder in die „Pampa“ zum Wildcampen. Nach den letzten Vororten südwestlich, Mostoles und Arroyomolinos, ging diese dann auch langsam los.

Komoot schickte uns alsbald wieder auf eine Sandpiste, die aber gut zu befahren war. Mittlerweile war es nach 17 Uhr und ein Fluss in der Nähe, sodass wir wieder Ausschau hielten nach einem Spot. Nach einem erfolglosen Versuch führte bald ein Weg runter zu dem Fluss bzw. Bach. Es sah schon sehr einladend aus, nur bot sich die andere Flussseite etwas mehr an zum Campen. Ob man da rüberkommt?

Ich testete es aus und watete einmal durchs Flussbett. Der Untergrund war zwar sandig, doch das Wasser ging kaum über den Knöchel. Fazit: Mit vollbepacktem Fahrrad bleibt man stecken, aber wenn man vorher abbaut und Radel und Gepäck getrennt rüberträgt, sollte das kein Problem sein.

In vier Zügen war so schließlich alles auf die andere Seite befördert. Bei näherem Hinsehen war Jannick doch skeptisch bezüglich der Plätze. Schließlich schaute er 100 Meter weiter vom Fluss entfernt, wo es eine Reihe guter Plätze unter den Bäumen gab. So entschied er sich, kurz ein paar Meter umzuziehen.

Einmal rüber.

Ich hatte keine Lust, die Taschen nochmal umzuziehen. Eventuell aus Faulheit, vielleicht auch Tollkühnheit oder einfach auch Gedankenlosigkeit wählte ich meinen Platz direkt am Flüsschen. Jannick warnte mich vorsichtshalber: „Da ist überall noch Tierkot. Wer weiß, was für Tiere dort nachts rumlaufen am Wasser.“ Ach, was soll schon groß passieren, dachte ich mir. Wir sind ja noch nicht in Afrika, wo man Angst vor einem Flusspferd haben muss…

Spot my tent 😉

So kochten wir etwas räumlich getrennt und legten uns schlafen. Wie im Wetterbericht Tage vorher bereits vorhergesagt, hat der Gegenwind bereits am Nachmittag deutlich aufgefrischt. Er war auch am Abend beim Zeltaufbau ständiger Begleiter, ehe er kurz abflaute. Dafür ging es in der Nacht weiter, in Böen wurde das Zelt ordentlich durchgerüttelt beim Schlafen.

In der Früh gab es eine andere Diskussion: Wie weiterfahren bis zur nächsten Ortschaft fünf Kilometer weiter? Für mich war klar: Ich packe mein Zeug wieder auf die andere Flussseite und folge dem Komoot-Weg weiter. Jannick sah auf seiner Karte einen wenig mit einem Kilometer Umweg, ohne den Fluss wieder überqueren zu müssen. Komoot zeigte diesen mir jedoch nicht an. Und wenn selbst Komoot diesen nicht anzeigt, dann sollte man wohl wirklich die Finger davon lassen.

Jannick brachte zudem das Argument der Zeit an, die es braucht, um das Zeug wieder alles auf die andere Flussseite zu transportieren.

Alles klar, ich war fertig und er brauchte noch kurz. Also dachte ich mir, nehme ich eben die zeitlich längere Variante und wir treffen uns im Ort.

Gesagt, getan. Ich schleppte mein Zeug wieder rüber, baute hier mein Fahrrad auf und fuhr los im ruppigen Gegenwind. Die fünf Kilometer bei Sandpiste und Gegenwind zogen sich wie Kaugummi. Fast eine halbe Stunde brauchte ich zur kleinen Siedlung, ehe ich Jannick schrieb. Er war gerade losgefahren, sodass ich mich kurz in ein Café nebenan hockte – und wartete…und wartete…

Schließlich meldete sich Jannick, dass er auf seinem Weg nicht weiterkommt. Komplette Sandpiste, er steckt fest, muss zurück zu unserer Campinglocation und doch über die andere Seite fahren. Er braucht mindestens noch eine Stunde. Puh – ok.

Hier führte Google Maps Jannick entlang. Man könnte sich fragen: „Soll das ein Witz sein?!?!“

Ich wollte jetzt auch nicht ewig warten, daher entschied ich, bis zur nächsten größeren Ortschaft mit Cafés und Supermarkt zu fahren und dort wieder zu warten. In diesem Fall Fuensalida, ca. 22 Kilometer weiter. Auf der Hälfte dieser Strecke kam man noch durch die kleinere Ortschaft Chozas de Canales. Ab hier zogen dann neben dem ruppigen Gegenwind auch Regenwolken auf. Wie passend, der Reißverschluss der Regenjacke wieder klemmte…

Durch Schauer und Gegenwind mit Böen bis 80 Km/h kämpfte man sich mit etwas über 10 Stundenkilometern dahin –  frustrierend allemal, trotz wenig Höhenmetern. Nach weiteren 1 1/2 Stunden Fahrt erreichte ich Fuensalida, hockte mich ins nächstbeste Café am Straßenrand und wartete weiter. Von Jannick kam die Meldung, dass er mittlerweile die Sandpiste verlassen habe und wieder auf Asphalt unterwegs sei – ja immerhin!

Ich wartete nochmals über 1 1/2 Stunden, glotzte Löcher in die Luft und dezimierte meinen eigentlich wertvollen Handyakku. Irgendwann kam die Botschaft von Jannick, dass ich ja im Supermarkt schonmal Wasser für ihn mitkaufen und hinter dem Ort nach einem guten Spot schauen soll. Das ließ ich mir mir nicht zweimal sagen, langsam machte mich das Däumchendrehen wahnsinnig. Zudem war es mit dem stürmischen Wind bei Bewölkung auch echt langsam frisch, nur dazuhocken…

An dem Supermarkt konnte man das Fahrrad sogar in Sichtweite abstellen, sodass ich ohne Sorgen kurz Nachschub holen konnte für uns beide. Anschließend ging es auf ein letztes in den fiesen Gegenwind. Ich verließ Fuensalida und suchte neben der Straße nach geeigneten Stellen.

Immerhin ging es immer weiter bergab, sodass der Gegenwind halbwegs aushaltbar war. Fünf Kilometer nach der Ortschaft sah ich schließlich ein kleines Waldstück auf der rechten Seite, wo auch ein kleiner Wirtschaftsweg nach rechts abzweigte. Ich bog ab und checkte den Wald aus. Die Flächen um das Waldstück sahen stark nach Landwirtschaft aus, doch genau in der Waldmitte sollte einen niemand entdecken. Hier war sogar eine Feuerstelle – wie passend!

Der Spot im Wald.

Ich schickte Jannick den Standpunkt sowie ein paar Fotos und baute mein Fahrrad ab, die Regenjacke hing ich zum Trocknen auf einen Busch. Hierbei habe ich die Rechnung jedoch ohne Petrus gemacht. Mitten im Zeltaufbau schickte er eine Regenfront mit feinstem Sprühregen wie aus der Zerstäubermaschine gen Boden.

Einmal richtig schön geduscht worden. Hater würden sagen, es liegt am Trikot 😉

Der Zeltaufbau dauerte nur fünf bis zehn Minuten, dennoch war ich, nur im Sportshirt, hiernach einmal komplett geduscht. Immerhin war der Wald windgeschützt – wenn das noch dazugekommen wäre…

Nässe…

Direkt nach Aufbau rettete ich meine durchnässten Taschen ins Vorzelt und schnell umgezogen bzw. abgetrocknet, flüchtete ich mich ins Innere. Der Sprühregen blieb noch eine ganze Weile, ehe der Spuk sich verflüchtigte. Auch Jannick blieb wohl nicht verschont. Er schrieb mir, er würde den Regen bei einem Döner aussitzen – für 4 Euro. Gönn dir, Brudi!

Nach nur etwas über 30 Kilometern wad heute also Schluss – aber solche Tage muss und wird es wohl einfach auch geben. Abhaken und fertig, auch wenn es aufgrund der Wettersituation natürlich schon sehr enttäuschend ist.

Ca. 1 1/2 Stunden nach meiner Ankunft war er dann eingetroffen. Mit etwas Schwierigkeiten, da meine Stelle echt super versteckt war und er mich erst auf den letzten Metern im Wald entdeckt hatte – das nehme ich mal als Kompliment an.

Da ich im Zelt dank Heißhunger ca. 10 bis 15 Scheiben Toast mit Erdnussbutter vernichtet habe, ersparte ich mir das Kochen an diesem Abend. Weil nach Ankunft von Jannick sich jedoch noch einmal die Abendsonne erbarmte, krümelte ich mich nochmal aus dem Zelt, um die wärmenden Strahlen einzufangen.

Kann man das als Kunst zählen?

Die Nacht verlief dann unspektakulär, keine wilden Tiere im Wald. Das einzig bemerkenswerte war Partymusik, die ganz in der Nähe zu uns drang. Wahrscheinlich ein klassischer Bauwagen am Waldesrand, wie ich es aus meiner Heimat kenne.

Ansonsten war Ruhe angesagt. Bei der nächtlichen Erleichterung genoss ich einen spektakulären Sternenhimmel, so komplett ohne Störlicht. Das bedeutete auch: Am nächsten Tag wird die Sonne wieder knallen.

Am Abend debattierten wir über die weitere Wegwahl nach dem nächsten Ort Torrijos. Man konnte untenrum über San Bartolomé fahren, oder obenrum über die Kleinstadt Talavera de la Reina.

Nach etwas Diskussion entschieden wir uns, knappe 10 Kilometer mehr zu fahren über Talavera de la Reina – zugunsten von weniger Höhenmetern.

GuMo – irgendwo aus dem Wald.

So fuhren wir gemeinsam los bis Torrijo, ehe ich Jannick etwas abgehängt habe, wie es schon öfters vorkam.

In der nächsten Ortschaft Alcabón führte Komoot mich links weg. Da ich wusste, dass Jannick auch den Ort Talavera de la Reina im Navi hatte, bekam ich einen ersten kleinen Egoismusanfall. Wieso hier in der Pampa warten? Ich kann ja auch gemütlich in Talavera de la Reina ca. 40 Kilometer weiter auf ihn warten.

So fuhr ich wie im Flow weiter, die Landschaft war super, die Sonne schien und ich machte unbeschwert Strecke durch nette spanische Dörfer, durfte nochmal so richtig die ländliche Seite Spaniens erleben. Zwischendurch wurde die Euphorie etwas gebremst von Sandpiste, wo ich kurz schieben musste, sowie immer noch lebhaftem, wenn auch nicht mehr unerträglichem Gegenwind aus Südwest.

Ganz nette Dörfer hier.

Um 15 Uhr erreichte ich Talavera de la Reina, ca. 60 Kilometer nach Aufbruch. Wie passend, dass hier direkt am Straßenrand ein Burger King war. Ich kehrte ein, schob mir in meinem Hunger einen großen Burger hinter die Kiemen und teilte Jannick meinen Standpunkt mit. Dieser war weniger erfreut, da ihm Google Maps mal wieder mehrere Alternativen anzeigte und er nicht wusste, wie ich gefahren bin. Ja, ich verstehe. Ich versuche mich ja auch zu zügeln. Ich kann Teamplayer sein, aber auch verdammt oft ein Eigenbrödler, wenn gewisse Umstände dazukommen. Eine meiner großen Schwächen, würde ich behaupten, doch hierzu bald mehr.

Nach etwas über einer Stunde Pause im Burger King trudelte Jannick schließlich ein. Wie passend, dass es hier auch einen Lidl gab. Ich kaufte hier gleich vier Liter Wasser ein, da ich wusste, dass uns der weitere Weg wieder dutzende Kilometer durch die Pampa führen wird. Über die Fahrradroute „Via Verde de la Jarra“. Die nächste Ortschaft, El Camillo de la Jarra, sollte erst nach über 40 Kilometern kommen. Die Route startete in der Ortschaft Calera y Chozas an einem verlassenen Bahnhof, ehe sie grob entlang einer stillgelegten Bahnlinie durch die Natur führen sollte.

Um kurz nach 17 Uhr brachen wir wieder vom Burger King auf, um noch ein bisschen Strecke zu machen. Der Weg führte immer eben bis leicht bergab die Straße entlang. Trotz Gegenwind konnten wir, raus aus Talavera de la Reina, nochmal 15 bis 20 Kilometer an Strecke machen, ehe wir kurz vor Calera y Chozas an dem verlassenen Bahnhof in der Pampa herauskamen.

Spontan schlug Jannick vor, doch einfach hier zu übernachten. Ich war zuerst skeptisch – einfach unter dem Vordach vom Bahnhof?! Schließlich kam ich jedoch zu dem Schluss, dass wir uns an diese Nacht wahrscheinlich ewig erinnern würden. Komm, wir bleiben hier – trust the adventure! Es wird schon gutgehen! Außerdem war hier sogar ein Waschbecken draußen angebracht, eine Wasserquelle. Ein unschlagbares Argument!

Der ungewöhnliche Übernachtungsplatz.

Jannick überlegte zudem, wieder einmal einfach so unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Die tau- und regennassen Zelte ließen uns dann jedoch diese auf dem Betonboden aufbauen. Beim Aufbau wären uns diese aufgrund des immer noch ruppigen Windes fast weggeflogen. Nach Aufbau war schnelles Beschweren der Zelte angesagt. Immerhin kamen die Windböen dem Trocknen entgegen.

Unter dem Vordach wurd sichs bequem gemacht.

„Das ist mal richtiger Obdachlosenlifesyle“, witzelten wir, während wir uns unterm Vordach des Bahnhofes neben dem Bahnsteig unser Essen in der Abendsonne zubereiteten. Vor uns sollte eine landschaftlich eindrucksvolle Etappe liegen.

Kochen am Bahnsteig.

Alles schien trotz so mancher Schwierigkeit im Reinen, voller Harmonie und Positivität…doch der Schein trügt manchmal…

Fortsetzung folgt im kommenden Blogbeitrag.

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