Der „Obdachlosenlifestyle“ – diesen fühlten wir wahrlich, als wir am unter den ersten Sonnenstrahlen am Bahnsteig des verlassenen Bahnhofes von Calera y Chozas aufwachten. Voller Vorfreude starteten wir auf der Fahrradroute der „Via Verde de la Jarra“. Nach kurzem Frühstück und dem obligatorischen Zusammenräumen ging es los auf dem Split-Teerbelag mitten in Pampa und Natur.

Wie bei der letzten „Via Verde“ vor Madrid wurden wieder einige Tunnel durch den Fels durchfahren, als der Weg sich durch die bergige Landschaft bahnte. Ein Highlight war sicherlich die Überquerung der Brücke des Rio Tajo – der Fluss, der uns bis Lissabon immer wieder begleiten sollte. Ein eindrucksvoller Ausblick inmitten der felsig-grünen Landschaft.

Anschließend machte der Weg einen Bogen und folgte dem Rand des Flusstals, wo sich ebenfalls nochmals ein Pausenplatz mit beeindruckendem Tiefblick zeigte – was für landschaftliche Highlights!

Jannick und ich genossen die Schönheit Spaniens, ehe der Weg sich vom Fluss Rio Tajo entfernte und wieder in die sprichwörtliche Pampa durch die Hügel und Berge führte.
Da es leicht bergauf ging, bin ich wieder etwas vorgefahren, ehe ich an einer Brücke mit weitreichendem Ausblick entschied, Pause zu machen. Als ich auf mein Handy schaute, kam eine Hiobsbotschaft: Jannick hat schon wieder einen Platten, es war sein Sechster. Etwas anderes ist mir an diesem Tag auch zum sechsten Mal widerfahren, doch die Auflösung hiervon erfolgt an anderer Stelle.
Jedenfalls schrieb Jannick mir drei Minuten vorher, ich solle anhalten, da er einen schleichenden Plattfuß habe. In meinem Gepäck befindet sich ja die Standpumpe, mit der man bequem aufpumpen kann. Anscheinend hat sich auf dem Splitt-Teer irgendein spitzer Stein durch den Mantel gebohrt. Also wartete ich direkt auf der Brücke.

Als ich nachfragte, schrieb Jannick, dass er es nicht mehr zu mir geschafft habe und schon am Wechseln sei. Eventuell war ich in dem Moment zu faul, zurückzufahren und es war purer Egoismus von meiner Seite. Aber ich wartete darauf, dass Jannick mir zu verstehen gibt, ich solle bitte zu ihm zurückfahren und ihm helfen.
So bot ich an, dass er ja mit der Handpumpe den Reifen anpumpen könnte auf 3 Bar und dann zu mir rollen und per Standpumpe die letzten zwei schwierigen Bar draufpumpen. Jannick verneinte und meinte, er würde es gleich komplett mit Handpumpe machen, eventuell in der Erwartung, dass ich aus Eigeninitiative zurückkomme (vielleicht war er ein bis zwei Kilometer weg) – ein schwerwiegendes Kommunikationsproblem.
So wartete und ich und machte Mittagspause. Der Wind fauchte ordentlich auf der freien Brücke, es war fast etwas frisch hierdurch. Als Jannick mir schrieb, dass das Ventil beim ersten Schlauchwechsel schief in der Felge war und er daher nochmal die Luft ablassen und von vorne beginnen musste, fuhr ich ein paar Kilometer weiter, um einen schattigen und windgeschützten Platz zum Warten zu finden – wohl im Nachhinein eine Aktion purer Ignoranz. Schatten war rar. An meinem landschaftlich jedoch mehr als sehenswerten Warteplatz verbrachte ich anschließend ein Nickerchen von einer halben Stunde.
Anschließend fragte ich Jannick nach einem Update. Es sah sehr schlecht aus – beim erneuten Pumpen ist wohl wieder aufgrund der Seitwärtsbewegung das Ventil abgerissen, alles nochmal von vorne…
Langsam hatte ich ein schlechtes Gewissen, andererseits wollte ich auch jetzt nicht nochmal alles zurückfahren. Und ich hatte nur noch wenig Wasser und war hungrig, was den Egoismus verstärkte. Manchmal bin ich eben auch ein sehr launischer Mensch.
Der nächste Ort El Camillo de la Jarra war noch 18 Kilometer und 200 Höhenmeter weg. Selbst wenn Jannick jetzt etwas länger braucht, das wird er wohl noch schaffen im Anschluss, so mein Gedanke. Ich warte im Café auf ihn und dann suchen wir gemeinsam einen Zeltplatz. Eventuell kann ich ja auch schon etwas einkaufen.

So weit, so gut. Ich fuhr weiter, verließ die Fahrradroute und erreichte den Ort über einige Höhenmeter einen Hügel hinauf. Im Ort dann der Schock: Der Supermarkt hat Siesta, macht erst wieder um 18 Uhr auf. So hockte ich mich einfach ins einzige offene Café und wartete auf Updates von Jannick.

Nach zwei Café con lêche kam die nächste Hiobsbotschaft: Kurz nach Weiterfahrt hatte er wieder einen Platten. Sein Mantel sei wohl nachhaltig beschädigt und ein Stein hätte sich wieder durchgedrückt. Er würde heute nicht mehr weiterkommen und irgendwo an der Fahrradroute übernachten.
Uff! Und jetzt? Zurückfahren? Das war nicht in meinem Interesse. Aber kommt Jannick so jetzt überhaupt weiter? Er hat ja leider noch keinen Ersatzmantel im Gepäck…ich war mit der Situation schlichtweg überfordert.
So fuhr ich erstmal aus dem Ort wieder raus, um nach einem Schlafplatz zu suchen. Nach einigen erneuten Höhenmetern fiel mir eine Ruine 100 Meter neben der Straße auf, mit toller Rundumsicht in die hügelige Landschaft – wenn auch relativ freistehend und angrenzend an Privatgelände.
Eigentlich wollte ich mein Zelt direkt am besten Ausblick platzieren, doch dann fuhr ein Auto vorbei und parkte 50 bis 100 Meter weiter auf der Privatfläche. So wählte ich den Platz hinter der Ruine außerhalb vom Sichtfeld des Autos.
Der Sonnenuntergang und die tolle Natur ließen mich die Sorgen wegen Jannicks Fahrradpanne etwas vergessen.


Als Sahnehäubchen kam nach Sonnenuntergang noch ein zugezogener Waliser an den Ort. Erst zuckte ich zusammen, da ich meinte, beim Campen erwischt worden zu sein. Doch der Waliser war nur da, um seiner Lieblingslocation beim Sonnenuntergang einen Besuch abzustatten – er war eventuell etwas zu spät.
Wir kamen ins Gespräch auf Englisch, das erste Mal seit Ewigkeiten, dass ich mich so problemlos unterhalten konnte. Er war tief beeindruckt von dem Vorhaben: „You are such an inspiration, man!“ Auch erzählte er mir, wie sehr er das Landleben in Spanien genießt im Vergleich zu seiner Vergangenheit im vereinigten Königreich. Dank ihm bekam ich noch ein schönes Foto mit Zelt an dieser tollen Location, ehe wir uns mit besten Wünschen verabschiedeten. Ein schöner Tagesausklang! Nebenbei wurde noch mein letztes Glas Pesto zu den Nudeln verkocht und in der Dunkelheit schließlich verschlungen…

Ich schrieb Jannick, dass ich am nächsten Morgen mal in den nächsten Ort Puerto de San Vicente fahren würde und wir dann weiterschauen.
Als ich bereits im Land der Träume war, kam die Meldung, dass er seinen Mantel wohl flicken konnte und es wohl hoffentlich reichen sollte bis zur nächsten Stadt, Merida. Na immerhin!
Da ich nun allein war, begann ich den Tag in meinem Rhythmus. Auf Kaffee und Müsli verzichtete ich aufgrund von Wasserknappheit. So war ich nach wunderbarem Tagesstart und einer atemberaubenden Aussicht auf den Sonnenaufgang aus dem Zelt relativ schnell startklar um kurz vor 9 Uhr. Auch der Wind war endlich kein Thema mehr – ein herrlicher Fahrtag, auf geht’s!Nach kurzem Anstieg und acht Kilometern war ich im nächsten Ort.

Im Café in Puerto de San Vicente schrieb ich Jannick um 9:15 Uhr direkt, wie es denn bei ihm aussehe und ob er schon wach sei. Ich trank zwei Café con lêche, zudem gab es ein Marmeladenbrot mit Frühstücksei – alles für 4,50 Euro, was für Preise! Ein nettes Gespräch mit der holländischen Bedienung obendrein, die starkes Interesse für meine Fahrradreise zeigte. Außerdem durfte ich meine Wasserflaschen gratis auffüllen – was ein Luxus!
Nach einer Stunde kam von Jannick ein lapidares „Ja“ auf meine Frage. Was soll ich denn jetzt damit anfangen? Bist du gerade erst aufgestanden? Bist du schon unterwegs?
Eigentlich bin ich, das werden viele Leser sicher bestätigen, ein sehr ruhiger und ausgeglichener Zeitgenosse. Aber die Summe des vielen Wartens (ich hasse Warten allgemein, das hatte nichts mit Jannick zutun, die Verzögerungen waren ja weitestgehend Pech und nicht selbstverschuldet) in den Vortagen mit dieser Nachricht ließ bei mir innerlich die Gäule durchgehen – auch wenn ich mich natürlich vorher falsch verhalten habe. Ich ging in diesem Moment davon aus, dass er trödeln würde – wie an vielen Morgenden einfach! Und zwischen den Zeilen verstand ich seine Nachricht, als wenn es ihm egal wäre, dass ich auf ihn warten müsse.
So legte sich in diesem Moment bei mir innerlich der Hebel um auf den Modus: „Gut, dann mach ich eben mein eigenes Ding!“ Unkollegial und keine feine Art, aber in dem Moment war ich leider zu emotional aufgeladen – jeder macht Fehler, ich in diesem Fall viele auf einmal.

Ich zahlte und machte mich weiter auf den Weg. Nach der weiteren Auffahrt über einen kleinen Pass folgte eine rauschende Abfahrt in toller Umgebung, ehe es einen erneuten Pass bergauf ging in Richtung Alia. Hier leitete mich Komoot natürlich wieder im oberen Stück ab auf eine Schotterpiste. Die Steigung war mit bis zu 10 Prozent ordentlich, auch wenn ich es geradeso auf dem Schotter treten konnte. Die ebenso steile Abfahrt nach Alia belastete dann vor allem die Bremsen auf der Schotterpiste.

In der beschaulichen Ortschaft folgte der nächste Blick aufs Handy. Jannick fragte, wo ich denn nun sei, woraufhin ich ehrlich antwortete, dass ich weitergefahren sei.

Leider wusste ich nicht, dass Jannicks Reifen immer noch nicht perfekt aufgepumpt ist und er meine Standpumpe dringend gebraucht hätte. Da auf der geplanten und von mir gefahrenen Route keine Tankstellen sind, musste er nun außenrum über die Bundesstraße fahren, um seinen Reifen vollzumachen.
Uff, also fahren wir auch heute und morgen wohl komplett getrennt! Na ja, ich folgte erstmal weiter meiner Route und gab Komoot nochmal eine Chance über die Schotterpiste zwischen Alia und Cañamero, da dies doch der deutlich direktere Weg war im Vergleich zur Landstraße mit einem Bogen über die Ortschaft Guadalupe.
Ich sollte mich hiermit bitter verzocken. Die Schotterpiste ging zwar noch gemäßigt los, verwandelte sich jedoch bald phasenweise in einen wahren Mountainbiketrail mit backsteingroßem Geröll mit Sand, dazu zerklüftet und mit den klassischen Spurrillen. Bei Rampen mit 13 Prozent Steigung ist es keinen Spaß, hier sein Fahrrad hochschieben zu müssen – nassgeschwitzt und mit maximaler Kraftanstrengung sowie Hilfe der Bremsen.

Schon mit den Füßen hatte man auf dem Untergrund bei der Steigung keinen guten Halt. In Trippelschritten kämpfte man sich nach oben. Nach insgesamt vier solcher Rampen und in Summe bestimmt 300 Höhenmetern war ich definitiv am Ende meiner Kräfte. Ich schwitzte am ganzen Körper, fluchte und schob mal wieder einen unglaublichen Hass auf Komoot. Hinzu kam nämlich die Hitze, die hier langsam auch wieder ein Thema war.
Ich war kurz davor, umzudrehen, wieder nach Alia zu fahren und die Asphaltstraße zu nehmen. Dann jedoch der Sinneswandel: Komm, du bist schon viel zu weit drin – was bringt dir jetzt zurückfahren? Irgendwann hast du das durchgestanden! Beiß dich da jetzt durch, gib nicht auf!! Fluchend machte ich einfach weiter. In vielen Passagen wurde jeglicher Fahrversuch von dem nächsten großen Stein auf der Piste, der mein Fahrrad ausbrechen ließ, jäh unterbunden. Meine Nerven! Und die Mountainbike-Passage schien endlos…
Dann endlich – nach fast 20 Kilometern Schotter – war ich heilfroh über eine schöne Asphaltabfahrt zur Ortschaft Cañamero. Aber zu früh gefreut: Unmittelbar vor dem Ort ging es wiederum 70 Meter hoch. Ich in meinem etwas matten Zustand konnte wahrhaft kotzen: Diese sch*** Höhenmeter! Ich hab die Schnauze voll!
Zudem erinnerte ich mich daran, dass die Holländerin mich informiert hat, dass in Guadeloupe, das an der Asphaltroute lag, ein Supermarkt sei, der am Sonntag offen hat. Und meine Vorräte sind mittlerweile knapp! Doppelt verzockt!
Nach dem Anstieg war ich in Cañamero heilfroh über eine Café-Pause – ich habe ja auch noch nichts gescheites gegessen diesen Tag…und war komplett erschöpft.

Dann der nächste Schock: Hier gab’s nur Kaffee und andere Getränke – nichts essbares. So trank ich nur zwei Café con lêche – vielleicht gibt mir das Koffein ja schon Auftrieb genug. Immerhin durfte ich mein Wasser nochmal auffüllen.
Mein Plan war, bis hinter die Ortschaft Logrosán weiterzufahren, wenn die Route über die nächste Via Verde – die Via Verde las Vegas del Guadiana y las Villuercas wieder gute 55 Kilometer durch die Pampa führt, entlang einer verlassenen Bahnlinie.
Auf dem Weg nach Logrosán warteten weitere Höhenmeter in Gegenanstiegen auf der Asphaltstrecke, die ich nun weiteren Schottervarianten von Komoot vorzog. Widerwillig spulte ich die Anstiege ab, eigentlich mag ich ja Höhenmeter, mit der heutigen Vorgeschichte gingen sie mir nur noch gegen den Strich.
In Logrosán gab es zwar keinen ersehnten, offenen Supermarkt, aber immerhin ein paar Cafés. Nochmal einkehren, Wasser auffüllen? Irgendwas essen (man hatte ja bis auf ein Marmeladenbrot und ein paar Riegel bisher noch nichts)?
Nein, ich wollte in diesem Moment einfach nur in die Pampa verschwinden und meine Ruhe haben, war einfach zu genervt. Zudem soll es ja auf der Via Verde einen Fluss in der Nähe geben. Hier kann ich ja notfalls durch meinen Wasserfilter etwas Wasser holen.
Entnervt kurbelte ich dem Nirgendwo entgegen in der Spätnachmittagssonne, auf der Suche nach einem guten Platz für das Zelt. Aber es war wie verhext: Überall war Richtung Fluss Privatgelände, die Bereiche abgezäunt.
Nach etwas über 10 Kilometern einwärts in die Pampa entdeckte ich ein verlassenenes Bahnhofsgebäude. Kurz überlegte ich, dann fiel der Entschluss: Egal, hier bau ich das Zelt auf. Und mal schauen, vielleicht komme ich ja irgendwie an Wasser. Der Flusslauf soll laut Karte ganz in der Nähe sein. Und 76 Kilometer mit 1.200 Höhenmetern sollten für heute echt genug sein – besonders in meinem müden Zustand. Von hier aus sind es noch flache 92 Kilometer bis Merida, der nächsten Stadt, wo wir ja auch eine Unterkunft über einen Warmshowers-Host haben – sollte schon irgendwie machbar sein morgen!

Ich baute also mein Zelt auf, verstaute meine Taschen und ging dann noch einmal Querfeldein abseits vom Weg, um eventuell Wasser zu finden. Ich fand einen Bachlauf zum Fluss, der aber leider ausgetrocknet war. Diesem folgte ich bis zum nächsten Schock: Hier ist wieder Privatgelände und ein Zaun…aber da! Ein Loch im Zaun! Und die Luft schien rein, also schlüpfte ich hindurch und betrat das Gelände. Es schien zum Glück auch kein Hund in der Nähe…
100 Meter weiter war es schließlich da: Das ersehnte Wasser, zumindest ein stehender Tümpel als Abfluss vom Fluss. Es schmeckte etwas modrig, aber in dem Moment egal! Ich filterte drei mal einen halben Liter, die ich jeweils direkt trank, um mich zu hydrieren, ohne auf meine Wasservorräte zurückzugreifen, die ich ja morgen noch brauchte, ehe ich wieder in der Zivilisation bin nach 40 Kilometern. Den vierten halben Liter benutzte ich zum Kochen.
Als ich nach Rückkehr die verlassene Bahnhofsruine auskundschaftete, wo leider so mancher Müll rumlag, entdeckte ich durch Zufall eine unberührte 1,5-Liter-Flasche! Was ein Dusel! Dieses Wasser wurde zum Kochen verwendet. Doch was kochen? Meine ursprünglich riesigen Vorräte sind begrenzt, ich habe nicht mal mehr Soße für die Nudeln…
Letztlich entschied ich mich, meine restlichen Eier (bitte nicht doppeldeutig verstehen😉) mit den Nudeln festzukochen und somit eine Art Nudel-Eier-Salat zu machen. Etwas trocken – also wurde noch Erdnussbutter aus den Vorräten reingemixt. Das Resultat war solala, aber besser als nichts. Und bald bin ich ja wieder in der Zivilisation und habe wieder mehr Möglichkeiten…
Der Tag endete schließlich in einer gepflegten Auseinandersetzung mit Jannick aufgrund der Vorkommnisse, wo wir uns – wie manche es nennen würden – gepflegt die Meinung gesagt haben aufgrund von Warterei und Unkolleglialität und den Reisekumpanen im Stich lassen – ja, ich gebe meine Fehler zu. Es war asoziales Verhalten von mir!
Vielleicht war das auch mal nötig, um für die Zukunft drauß zu lernen – und gehört eventuell auch mal dazu bei so einem großen Projekt – niemand ist schließlich fehlerfrei. Wir verblieben mit einem Wiedersehen in Merida, auf dass Jannicks Mantel durchhält. Er würde es jedoch erst übermorgen dahin schaffen, sodass ich morgen nochmal alleine fahre und auch alleine ankomme…danach ist hoffentlich alles wieder gut und wir reunited! Immerhin war es für unseren Warmshowers-Host schon einmal kein Problem, dass wir länger bleiben, als ich ihm die Lage schilderte…
Was ein intensiver Tag mit so vielen Hochs und Tiefs, ich war fix und fertig – vielleicht einer der intensivsten der Reise bisher!
Eigentlich wollte ich nur schlafen, doch das Zelten in dem verlassenen Bahnhofsgebäude mit den verschiedensten Tiergeräuschen komplett alleine mitten in der Pampa hielt mich noch etwas wach, war definitiv etwas unheimlich. Schließlich konnte ich dank meiner Ohrstöpsel die Nachtruhe finden…
Aufgrund von Lebensmittel- und Wasserknappheit bei noch 40 Kilometern ohne Infrastruktur wurde am nächsten Morgen auf Kaffee und Frühstück verzichtet. Einfach schnell zusammengepackt bei den ersten Sonnenstrahlen und los. Das bedeutete trotzdem 9 Uhr, da wir ja ganz im Westen der MEZ waren. Die Sonne ging dementsprechend erst nach 8 Uhr auf.

92 Kilometer trennten mich von Bett, Dusche und Zivilisation. Ich war immer noch etwas müde vom gestrigen Tag und hatte aufgrund des Kraftaktes der Schieberei das erste Mal so richtig Muskelkater am ganzen Körper. Aber es half ja nichts – irgendwie musste es ja weitergehen, raus aus dem Nichts.
Ich fuhr einfach los und strampelte Kilometer um Kilometer weg auf der ebenen Strecke, erst fünf, dann zehn, dann zwanzig, dann fünfundzwanzig – die Pampa blieb bestehen, keine Aussicjt auf Zivilisation, einzig hin und wieder verlassene Bahnhöfe. Sparsam ging ich mit meinem restlichen Wasser um, bei einer kurzen Pause wurden meine letzten Snacks in Form von Nüssen und Knoppers-Riegeln vernichtet, nachdem ich über zwanzig Kilometer nüchtern gefahren bin. Noch 15 Kilometer Einöde – die Region Extremadura macht ihrem Namen alle Ehre!
Immerhin gingen die Kilometer schnell weg auf der flachen Strecke, ehe nach 40 Kilometern Einheitsstrecke nur geradeaus endlich Don Benito als die nächste Stadt erreicht wurde. Ich suchte direkt nach Einkehrmöglichkeiten. Und siehe da: Ein Burger King lag direkt auf der Strecke am Nordwestrand des Zentrums von Don Benito. Wie passend nach genau 46/92 Kilometern – der klassische Streckenteiler 😉
Endlich wieder unbesorgt schlemmen können – in meinem großen Hunger fuhr ich mir ein ordentliches Menü mit Eis in meinen Magen rein und füllte mein Aquaris, ein spanischer Iso-Drink, zweimal nach zur Hydrierung bei der Wärme von 27 Grad. Schließlich wurde hiermit auch noch meine Trinkflasche vollgemacht, um über Teil zwei der Strecke zu kommen.
Nach zweistündiger Mittagspause und dem Genuss von städtischer Infrastruktur ging es weiter – nochmals wieder raus aufs Land, dank Komoot bald wieder auf eine ewig lange Schotterpiste mit festem Kies, die mich ordentlich durchrüttelte. Schnell schlug meine Stimmung wieder von entspannt auf entnervt um – muss das denn schon wieder sein?!?!
Immerhin führte es an einem Fluss entlang mit einladender Badestelle, wo ich bei der Hitze nicht widerstehen konnte. Meine Badehose war leider ganz unten in den Taschen – aber egal, hier ist ja eh keine Sau, der Vorteil von Pampa😉 Splitterfasernackt genoss ich die Erfrischung und filterte mir noch einen halben Liter Trinkwasser, ehe es weiterging: Noch 35 Kilometer!

Die Schotterpiste schien endlos, zwischendrin waren sogar Sandwehen von den Feldern nebenan auf der Piste, die mich zum Schieben zwangen. Die zehn Kilometer schienen schier nicht aufzuhören, ehe endlich wieder auf Asphalt die letzten 25 bis 30 Kilometer in Angriff genommen werden konnten. Die Aussicht auf Erholung trieb mich an, ich gab Gas.
Die einzigen nennenswerten Höhenmeter wurden kurz vor dem Ziel absolviert, um den Hügel zu überschreiten, hinter welchem die Abfahrt nach Merida beginnt. In meinem Modus zu diesem Zeitpunkt wurden aber auch diese 100 Höhenmeter schnell heruntergewürgt, ehe nach diesem langen Tag mit viel Hitze der „Zieleinlauf“ bzw. die Abfahrt rein nach Merida anstand. Dass es auf den letzten drei Kilometern noch einmal bergauf ging – egal! Um 17:15 Uhr und etwas über acht Stunden nach Aufbruch war ich am Ziel – müde aber einfach glücklich über Zivilisation und ein Bett! Ich traf sogleich meinen Gastgeber an, der mir die nicht ganz ordinäre Unterkunft zeigte (mehr hierzu im nächsten Blog). Besonders freute ich mich jedoch über die ersehnte Dusche. Auch der Ausfall von Warmwasser tat der Freude keinen Abbruch – die Erfrischung war mehr als willkommen nach fast einer Woche!

Ein wahrhaftes Happy End dieser sehr kräftezehrenden und durchaus turbulenten, anstrengenden letzten Tage, besonders dem Vortag mit einigen echt grenzwertigen Situationen. Jetzt muss nur noch Jannick heil ankommen und wir uns wieder vertragen, dann ist wieder alles im Lot…
Das Ende vom Lied: An diesem Abend, dem ersten in einem Bett seit Madrid, schlief ich bereits um 22 Uhr tief und fest – ich war einfach tot! 😴😴 Da kam ein Erholungstag aufgrund von Jannicks späterer Ankunft mehr als gelegen, um in der netten Kleinstadt Merida zu entspannen…


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