Wiedervereint nach Portugal

Beginnen möchte ich diesen Blog mit der Auflösung der angeteaserten, nicht trivialen Unterkunftsart: Mein Gastgeber führte mich in eine große Tiefgarage mit einer Tür zu einer Abstellkammer mit Doppelbett und Schreibtisch. Das Fahrrad und meine Taschen passten rein. Duschen musste ich bei meinem Gastgeber daheim, der Toilettengang wurde in einem Raum am anderen Ende der Parkgarage absolviert. Immer wieder fuhren Autos ein und aus direkt hinter der Tür zu meinem Übernachtungsplatz, doch dank der Ohrenstöpsel und meiner Müdigkeit tat dies meiner Nachtruhe keinen Abbruch.

Ein Problem war jedoch noch ungelöst: Eigentlich habe ich mich darauf verlassen, dass ich Wäsche waschen könnte. Mit dieser Unterkunft ist das aber wohl kaum möglich. So nahm ich meine dringendsten Sportsachen mit ins Waschbecken auf der Toilette und spülte diese einmal mit Rei aus. Aufgrund fehlender Fenster in dem Tiefgaragenraum tat ich gut daran, die Wäsche einfach in der Tiefgarage aufzuhängen. Die Autofahrer werden schon kein Diebstahlinteresse an meiner Sportkleidung haben…

Wäsche trocknen.

Nach einer erholsamen Nacht plagte mich weiterhin ein schlechtes Gewissen, als ich in Ruhe am nächsten Morgen die Geschehnisse der letzten Tage rekapitulierte. Auch Gespräche mit meinen Eltern gaben mir zu verstehen, dass ich mich falsch verhalten habe und sowas in Afrika nicht mehr vorkommen sollte. Ich habe verstanden – aus Fehlern lernt man, hoffentlich…auch wenn ich in gewisser Hinsicht sicherlich unbelehrbar bin 😉 Ich hoffte, dass Jannick bei Ankunft mir verzeiht und nicht nachtragend ist…

Derweil genoss ich die Ruhe, stockte meine Essensvorräte wieder auf und spazierte ein wenig durch die wirklich nette Kleinstadt Merida. Außerdem fand ich endlich Zeit, mal meinen Blog zu updaten…

Schönes Merida.

Gegen späten Mittag trudelte Jannick schließlich ein, nach seinen 50 Kilometern von Don Benito aus. Aufgrund ausschließlich privater Flächen fand er keinen geeigneten Schlafplatz und kam letzte Nacht schließlich bei einer Familie unter, die er angesprochen und um Hilfe gebeten hat, als es dunkel wurde. Und ich dachte schon, meine letzten Tage waren wild…

Jannick war auf jeden Fall nicht nachtragend, der Konflikt war kein Thema mehr. Da ticken wir immerhin ähnlich: Was sollen wir uns denn jetzt an so einem Mini-Streit aufhalten, wenn wir ein Jahr bis Südafrika radeln? Das bringt am wenigsten, abhaken und nach vorne schauen! Das Schlechteste wäre, wenn so etwas unser großes Ziel gefährdet bei all den anderen Risikofaktoren, die wir schon nicht beeinflussen können – Stichwort schwere Verletzung, schwere Krankheit, irreparable Panne am Fahrrad, etc. Nein – da soll es an so etwas nicht scheitern!

Um nun gleich vorzusorgen, führte uns der Weg alsbald in den Decathlon von Merida, um den dringend benötigten Ersatzmantel zu holen. Als wir ankamen, jedoch der Schock: Die Schwalbe Marathon Mondial waren ausverkauft, es gab nur billige Mäntel. Für den absoluten Notfall ist mit Sicherheit auch so einer besser als gar keiner – oder man pokert eben und schaut woanders nach. Jannick entschied sich für letzteres, da es in Merida noch einen Fahrradladen gab, der auf dem Weg zurück zu unserer Unterkunft lag.

Wir schauten vorbei, und erklärten dem nur spanischsaprachigen Besitzer per Übersetzer die Lage. Doch leider hatte dieser auch keinen der gewünschten Mäntel auf Lager. Was nun? Jannick entschied sich, im Decathlon in Badajoz noch einmal nachzuschauen. Wenn wir die 70 Kilometer bis dahin nur Asphalt fahren, sollte ja hoffentlich nichts passieren mit dem geflickten Mantel. „Mach, wie du denkst“, kommentierte ich.

Hinterher waren wir um halb 10 (ja, wir passen uns der spanischen Esskultur an) noch mit unserem Gastgeber Juan und seiner Freundin zum Essen im Herzen von Merida verabredet. Bei lecker Pizza unterhielten wir uns über die geplanten Fahrradprojekte. Juan plant in dreieinhalb Wochen eine Reise durchs Atlasgebirge in Marokko. Zefix – das ist leider zu früh, sonst wäre des der nächste super Zufall gewesen.

Nach dem Abendessen gab Juan uns noch eine kleine Führung durch die antiken Sehenswürdigkeiten von Merida. Wirklich ein super Typ – wir wünschen dir viel Spaß auf deiner Reise in Marokko!

Sightseeing mit Juan.

Um Mitternacht lagen wir schließlich im Bett, bereit für den nächsten Tag. Aber was heißt schon bereit? Vielleicht war es das späte Essen, vielleicht der emotionale und physische Stress der letzten Tage – auf jeden Fall war mein Schlaf aufgrund von Bauchkrämpfen und magendarmartigen Symptomen eher zum Vergessen.

„If anyone is too tired or needs a longer rest – you can stay as long as you want“, hatte der herzensgute Juan am Vorabend noch verlauten lassen. Als ich beim Packen aufgrund meiner trägen Verfassung einfach nicht in die Gänge kam, war ich kurz davor, hiervon Gebrauch zu machen.

Ich gab mir Zeit, und als es etwas besser wurde, begann ich ganz langsam. Ein bisschen was wird heute schon irgendwie gehen! Irgendwann war das Zeug doch zusammengepackt und wir waren abfahrbereit gegen Mittag. Nach Einkaufsstopp kamen wir schließlich um 13:45 Uhr so wirklich los – bei wieder einmal äußerst fiesem Gegenwind aus West. Auch auf den spärlichen Abfahrten aufgrund der ebenen Strecke Richtung Badajoz wurden kaum 20 Stundenkilometer erreicht.

Ursprünglich war der Plan, bereits in Portugal zu übernachten. Ob wir es bei der späten Abfahrtszeit und dem Gegenwind überhaupt bis Badajoz schaffen heute? Wir einigten uns darauf, einfach mal zu schauen, wie weit wir kommen, und bei gegebenem Zeitpunkt einen Zeltplatz zu suchen.

Der Weg bestand eigentlich fortlaufend aus privaten, landwirtschaftlichen Flächen – das könnte schwierig werden heute. Aber na ja – erstmal Kopf aus und einfach Strecke machen. Bei der Wegführung konnte man den Kopf dann auch ausschalten. Es ging einfach immer nur die Ex-206 entlang, der portugiesischen Grenze entgegen. Über 50 Kilometer folgten wir dieser, ehe wir nach 18 Uhr so langsam einen Schlafplatz suchten.

Bei einem Schotterweg, ca. acht Kilometer vor Badajoz, fuhren wir weg von der Landstraße. Ein Platz schien nett, war aber eben privat und gut sichtbar für vorbeikommende Autos auf der Piste – schwierig! Wir fuhren weiter weg von der Hauptstraße bis zu einem Bach. Hier wäre es gut gewesen – wenn nicht eine Dieselmaschine einen ohrenbetäubenden Lärm erzeugt hätte. Nebenan war ein – wahrscheinlich privates – Feld, welchem wir ein paar hundert Meter folgten ins Nirgendwo. Irgendwann war der Lärm weg – und der Schotterweg auch in genug Entfernung und gut versteckt. Schließlich entschieden wir uns, hier zu bleiben.

Zeltplatz im Abendlicht.

Der Wind war freilich immer noch ruppig. Ich hatte Glück, als mein Zelt trotz Beschweren beim Aufbau wegflog, jedoch am nächsten Busch hängen blieb – durchatmen! Zudem war der Boden sehr ausgetrocknet. Die bei dem Wind lebensnotwendigen Heringe in den Boden zu kloppen, glich einem puren Gewaltakt. Ein wahrhaft abenteuerlicher letzter Abend in Spanien!

Aufgrund der langen Zeit für den Zeltaufbau mussten die Nudeln mit Pesto wiederum bereits in der Dunkelheit verdrückt werden. Wir einigten uns noch darauf, dass wir ja in Badajoz frühstücken bzw. Kaffee trinken können.

Sieht im Zelt heller aus, als es draußen noch war…

In der Früh schließlich gab Jannick mir zu verstehen, dass ich ja bis Badajoz vorfahren und bei einem Kaffee auf ihn warten könne – so wird das halt mal gemacht, wenn man in der Früh einfach unterschiedliches Tempo aufweist 😉

Das letzte Mal zusammenpacken auf spanischem Boden.

Ich rollte daher langsam wieder aus der kompletten Pampa in Richtung Hauptstraße nach Badajoz, um die Stadt relativ unkompliziert immer geradeaus folgend in 35 Minuten zu erreichen. In einem Café kurz vor der Grenze zu Portugal wartete ich bei 2 Cappuccinos auf Jannick. Als dieser noch länger brauchte, holte ich mir ein Frühstück im McDonald’s nebenan, bevor die Nachricht kam, dass wir uns direkt bei Decathlon treffen können. Dies war schließlich um 13:15 Uhr der Fall.

Der Decathlon war ganz im Westen von Badajoz und daher wirklich unmittelbar vor der Grenze. Hier gab es zwar auch keinen Schwalbe Marathon Mondial, aber immerhin einen recht pannensicheren in 26 Zoll – immerhin mal ein Ersatzschlauch, auch wenn Jannick seinen aktuell geflickten noch weiterfahren will. Richtig so: Hier wird runtergefahren bis zum Geht-nicht-mehr, keine Verschwendung😉

Lange Wechseln war dann auch nicht drin: Es war bereits fast 14 Uhr und 55 Kilometer mit 600 Höhenmetern lagen noch vor uns. In die Pedale treten war angesagt – freilich wie immer bei Gegenwind.

Ein paar Kilometer nach dem Decathlon schienen wir bereits in Portugal zu sein – aber nanu? Wo war das Grenzschild?!? Anscheinend ist das hier nicht üblich. Ein Blick aufs Handy verriet es: Tatsache – wir sind in Portugal!

Auch in Portugal blieb der Gegenwind jedoch ruppig. Zudem kamen direkt nach Grenzübertritt wieder Höhenmeter, da man über zwei kleinere „Pässe“ musste. Wir einigten uns daher auch wieder darauf, unser Tempo zu fahren und uns im Zweifel bei unserem Warmshowers-Gastgeber in Estremoz zu treffen. Noch ist das ja möglich, während wir in Afrika dann wirklich immer zusammen bleiben sollten.

Der Weg war zudem auch sehr einfach: Immer der N-4 folgen. Bis auf eine spektakuläre Burg war der Weg nicht wirklich von Highlights gespickt. Eher ging es durch Einheitslandschaft mit einigen Pinienwäldern dahin. Auffällig war zudem der viele Müll am Wegesrand – unschön!

Meine Prognose der Ankunft für die Warmshowers-Gastgeber passte gut, um Punkt 17 Uhr war ich vor ihrem Garten, Schluss nach insgesamt knapp 70 Kilometern in Estremoz.

Nach warmer Dusche und Lager aufschlagen verging die Zeit bei Gesprächen mit den Gastgebern. Wo blieb Jannick? Es war schon fast dunkel, als er den Weg doch noch fand. Auflösung: Er hatte – mal wieder – einen Platten, sein Zehnter, also ein kleines Jubiläum🥳🥳 Diesmal ist der durch eine spitze Klammer am Wegesrand gefahren. Der Pechvogel – sowas hätte mir auch passieren können! Der Mantel ist jedoch immer noch drauf: Die Einstichstellen in Schlauch und Mantel wurden wiederum geflickt. Eine äußerst respektable Herangehensweise – hier wird wahrlich kein Material verschenkt!

Es handelte sich wieder einmal um eine nicht alltägliche Übernachtungsmöglichkeit: Wir wurden auf Matratzen in einer Scheune untergebracht, für die Notdurft stand eine Trockentoilette zur Verfügung für anschließende Kompostierung.

Das verheiratete Paar mit zwei ausgezogenen Kindern kam ursprünglich aus der französischen Schweiz, hat anschließend in Zürich gelebt und ist im weiteren Verlauf nach Portugal gezogen. Die beiden haben schon Radreisen durch Asien und Südamerika gemacht, bei letzterer sogar ihre Kinder mitgenommen. Bilder in dem Zuhause dokumentieren dick eingemummelt eine Fahrt in den Anden in luftigen Höhen – wahrhaft verrückte und abenteuerbegeisterte Menschen.

Beide können dank ihrer Vergangenheit auch erstaunlich gut Deutsch, ihre Hauptsprache ist natürlich Französisch. Die Kommunikation war auf jeden Fall kein Problem.

Auch kulinarisch wurden wir von den beiden verwöhnt mit Wein, Kaktusfrucht und einem üppigen Abendessen mit Reis sowie Grillfleisch.

Als wir von unserem Projekt erzählten, vermittelte uns Joao zudem einen Kontakt zu einem Radreisenden, der die genau selbe Strecke fährt und aktuell in der Elfenbeinküste ist. Er hatte vor einigen Monaten ebenfalls dort übernachtet. Was ein Zufall mal wieder, man muss einfach die richtigen Leute kennenlernen! Schließlich wurden wir hierüber in eine WhatsApp-Community für Radreisende in Westafrika aufgenommen, wo untereinander Tipps und Erfahrungen ausgetauscht werden. Besser geht es wirklich nicht! Vielen Dank für alles, Joao!

Natürlich durften wir bei den super netten Gastgebern auch noch unsere Wäsche waschen – wenn auch wir uns am nächsten Morgen verwundert die Augen rieben: Nebel, leichter Niesel – das Flair entsprach einem typischen Novembertag in der Heimat. Dementsprechend ist die Kleidung natürlich auch kein Stück getrocknet. Egal – alles nass einpacken und weiter geht’s! Dann trocknen wir es halt heute Abend oder morgen bei Gelegenheit…

Lange tauschten wir uns auch beim Frühstück noch aus, ehe nach einem Abschiedsfoto und herzlicher Verabschiedung der Weg fortgesetzt wurde. 180 Kilometer trennen uns noch vom nächsten Meilenstein, Lissabon.

Mit Joao uns Valérie.

Nach einigen Kilometern lichtete sich der Nebel und die Sonne kam zum Vorschein, der Wind war endlich mal kein Thema mehr.

Weiterfahrt. Danke für alles, Joao!

Nach einer kurzen Abkürzung dank Komoot kam ich im Ort Vimieiro vorbei, wo ich an einem Café mit einer Portugiesin ins Gespräch kam, die mit ihrem Ehemann in der Umgebung ein paar Tage Radurlaub machte. Über unsere Tour zeigte sie sich beeindruckt, hielt es jedoch nicht für unrealistisch: „Of course, when you do between 50 and 100 Kilometer every day, you can get far. And with every tour you get better and it’s more easy to ride these distances! If you have enough time, it’s amazing.“ Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können!

Nach Wasserkauf verabschiedeten wir uns. Nach Kontakt mit Jannick gab’s aufgrund der Pause ein ungewohntes Bild: Er ist einige Kilometer vor mir und fährt voraus. Na dann verliere ich keine Zeit und schwinge mich wieder in den Sattel.

Im nächsten größeren Ort, Pavia, bekam ich langsam großen Hunger. Meine Snacks waren seit gestern nämlich aufgebraucht. Daher hielt ich an einer Tanke am Wegesrand. Hier hab es immerhin Magnum-Eis. Beim Bezahlen gab es jedoch ein kleines Problem: Kartenzahlung war erst ab 5 Euro möglich – und ich hatte nur einen 50-Euro-Schein, den die Kassiererin mir nicht wechseln konnte. Ich verabschiedete mich schon von meinem Eis, ehe eine Britin, die per Camper unterwegs war und hinter mir an der Kasse stand, spontan aushalf und mir das Eis zahlte: „You really need this energy. It’s no problem – enjoy!“ Wow, so liebe und großzügige Menschen, manchmal bin ich echt sprachlos! Voller Dankbarkeit genoss ich mein Eis, ehe es mit vollen Carb-Speichern wieder weiterging. Hinter dem netten Örtchen Mora traf ich dann auch wieder auf Jannick, sodass wir wieder zusammen weiterradelten.

Das nächste kleinere Dorf war Couço. Zwar hatte der erhoffte Supermarkt zu, es gab jedoch ein Café, wo wir uns nach 70 Kilometern eine Pause mehr als verdient haben. Wiederum zeigten Einheimische großes Interesse an unserer Tour, bei Cappuccino und Kuchen zu dorfüblichen Preisen plauderten wir über unsere Route und auch die langen Fahrten durch die Pampa. Die Bewohner konnten es nur sehr gut nachvollziehen: Badajoz in die eine und Lissabon in die andere Richtung waren die einzigen größeren Städte. Schon für einen größeren Supermarkt muss man ins 30 Kilometer entfernte Corouche fahren, hier auf dem Land gibt’s nur das Allernötigste an Versorgung. So etwas kennt man natürlich auch aus seinem eigenen Heimatdorf, aber eben mit viel mehr Versorgungsmöglichkeitrn in der näheren Umgebung und insgesamt weniger Pampa zwischen den Dörfern, einfach dichter besiedelt.

Um kurz nach 16:30 Uhr fuhren wir weiter, noch waren es ja fast drei Stunden bis zur Dunkelheit, um weiter Strecke zu machen. Relativ bald fielen uns ein paar leerstehende Häuser und Häuser auf. Wir spielten mit dem Gedanken, hier zu schlafen. Dieser wurde jedoch relativ schnell verworfen – wir haben immer noch zwei Stunden Zeit zu fahren!

Abgesehen davon war die Landschaft jedoch wieder von vielen privaten Flächen und Landwirtschaft geprägt. Bald schon erreichten wir die Vororte von Coruche, besagtem Ort mit dem nächsten größeren Supermarkt. So war es mit Pampa als Voraussetzung für Wildcampen auch erst einmal vorbei. Mehrere Kilometer ging es durch die Zivilisation, erst bei bereits 90 Kilometern auf der Uhr kamen wir wieder in ruhigere Gefilde.

Mittlerweile war ich etwas müde und auch hungrig. „Wir nehmen einfach den nächsten Platz, der sich irgendwie anbietet“, wies ich Jannick an. Das Problem: Es kam einfach nichts Passendes.

Eine Sandpiste weg von der Hauptstraße endete an einem Bauernhof, der verlassen schien. Auf dem breiten Feld wäre die perfekte Stelle für unsere Zelte gewesen. Wäre – Jannick lief kontrollhalber einmal um den Stall herum, und auf der anderen Seite befand sich ein kleffender Hund – hier scheint es wohl doch bewohnt zu sein.

„Ach komm, sollte jemand kommen, dann erklären wir einfach, wie erschöpft wir waren, der wird bestimmt Verständnis haben“, warb ich um den Zeltaufbau an dieser Stelle. Aufgrund von oben genannten Faktoren stellte sich bei mir eine Scheißegal-Haltung ein. Ich wollte einfach nur Feierabend haben! Und es ist auch nur noch eine Dreiviertelstunde bis Sonnenuntergang…

Jannick jedoch war skeptisch: „Das ist Privatgelände – das wäre einfach nur frech und nicht jeder reagiert verständnisvoll.“ Seufz – ich musste mir wohl eingestehen, dass hier bleiben keine Option ist…also weiter! Langsam war ich ungeduldig und meine Nerven leicht am Ende…

Knapp einen Kilometer weiter ging eine neue Sandpiste rechts weg. Neuer Versuch, neues Glück! Nach ca. 500 Metern schien der Platz gefunden neben dem Weg in einem Feld. Bei genauerem Hinsehen konnte es sich hier jedoch auch um einen grasigen Pfad handeln. Schlechte Idee, wenn wir hier die Zelte aufstellen und morgen früh möchte hier noch jemand mit seinem Bulldog durch…also weiter. Nochmal 500 Meter weiter kam wieder ein Feld, wovon ein Teil direkt neben dem Weg runtergemäht war. Jackpot! Das hier soll es nun endlich sein. Dazu ein kleiner Bach nebenan. Nach 96 Kilometern machten wir nun endgültig Feierabend. Die Zeit reichte noch für den Zeltaufbau und eine schnell gemachte Portion Haferflocken (ein sehr unkonventionelles Abendessen), ehe es dunkel wurde.

Nun waren wir noch 80 Kilometer vor Lissabon, und unser Airbnb war erst für Übermorgen gebucht. Wir hatten es daher sehr entspannt. Bei einer Besprechung einigten wir uns schnell, morgen 50 Kilometer bis Vila Franca de Xira an einen Campingplatz zu fahren, um am Tag darauf entspannt die letzten 30 Kilometer nach Lissabon reinzurollen.

Dementsprechend entspannt ließen wir es am nächsten Morgen angehen. Nach viel Zeit bei Frühstück, Kaffee uns Zusammenräumen ließen wir Teil 1 des „Landeanflugs“ auf Lissabon angehen.

Knapp 40 Kilometer ging es noch einmal entlang der Landstraße durch Einheitslandschaft mit Pinienwäldern und viel Pampa, ehe es in Samora Correia damit endgültig vorbei war: Lidl, Aldi, Burger King, McDonald’s, Shopping, viel Verkehr – wir waren endgültig wieder im urbanen Raum!

Heute beließen wir es bei einer Snackpause beim Lidl, ehe es bei regem Verkehr weiter ging nach Vila Franca de Xira, welches nach der Überquerung einer imposanten Brücke über den großen und bereits bekannten Rio Tajo erreicht war. Hinter der Brücke ging es runter von der Bundesstraße zum Campingplatz. Erwähnenswert: Komoot leitete mich über die Ausfahrt der Gegenfahrbahn von der Bundesstraße ab. Das bedeutete einen spektakulären Linkssabbieger mit Wechsel von ganz rechts nach ganz links, während die Autos mit 100 Stundenkilometern durchschossen. Spannend und zugleich sehr gefährlich! Manchmal hat es dieses Komoot wirklich faustdick hinter den Ohren…

Die letzten Kilometer verliefen dann eigentlich unspektakulär über einen Hügel zum Campingplatz. Jedoch traf ich beim Hochpedalieren eine nette portugiesische Dame mit einer Tüte Feigen am Wegesrand. Sie lud mich ein, zu probieren. „Really good!“, kommentierte ich das Geschmackserlebnis. Daraufhin drückte sie mir spontan die ganze Tüte in die Hand: „Take it – you need it! Have a good ride!“ Ich war mal wieder sprachlos, was für nette Leute man unterwegs trifft. Wann drückt jemand einem einfach so eine Tüte Feigen in die Hand?!?! Was wohl Jannick dazu sagt, der kurz vorher noch zum McDonald’s abgebogen ist?! Er hatte so sehr Hunger, dass er erst nach einer Mahlzeit auf den Campingplatz wollte…hätte er das geahnt 😉

Was für ein nettes Geschenk!

Ich checkte ein beim Campingplatz, baute mein Zelt auf und genoss das Präsent, in voller Vorfreude auf Lissabon…

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