Auf den letzten Kilometern zum Campingplatz vor Lissabon wurde es bereits spürbar: Schon wieder meldet sich der Wind. Diesmal aus Süd. Da wir noch Richtung Westen fuhren, zog es nur unangenehm von der Seite. Dennoch war uns bewusst, was uns am nächsten Tag auf der Fahrt nach Lissabon erwarten wird. Na ja – ansonsten war es nur heiß und die Sonne schien am Campingplatz. Ideales Wetter, um nach Zeltaufbau bei vorhandenem Schlauch noch einmal die Fahrräder zu waschen. Wir machten uns einen Spaß hieraus und kombinierten Fahrradpflege mit Erfrischung.

Am nächsten Tag war die Erfrischung aus dem Schlauch dann auch gar nicht mehr notwendig. Wir einigten uns im Vornherein darauf, dass wir getrennt fahren, jedoch ohne Stress, da wir erst um 15 Uhr in unser Airbnb einchecken konnten. Jannick wollte jedoch noch Säuberungsarbeiten an Zelt und Material vornehmen (zudem ist er ja bekanntlich eh nicht der Schnellste in der Früh – Spaß beiseite 😉).
Nach Ausschlafen, Frühstück und Kaffee war ich um 11 Uhr abfahrbereit, um ohne Stress mit einer größeren Mittagspause die knapp 35 Kilometer reinzurollen in die portugiesische Hauptstadt. Es kam, wie es kommen musste: Direkt nach Fahrtbeginn begann die Dusche bei auffrischendem Gegenwind. Bei unwirtlichen Bedingungen kämpfte ich mich durch den bereits recht urbanen Verkehr im Einzugsgebiet Lissabons Richtung Süden. Eine Gruppe Rennradler überholte mich, nicht ohne süffisanten Kommentar: „Yea, that’s the best weather to explore Portugal – enjoy it!“
Hinzu kommen die wilden portugiesischen Autofahrer, die einen ohne Not mit 30 Zentimetern Abstand überholen. Die Nerven wurden mal wieder sehr strapaziert.
Nachdem in Böen immer mal wieder ganz schöne Brummer durchzogen, hatte ich auf halbem Wege im Ort Povoa de Santa Iria genug, ein ordentlicher Burger wurde sich im McDonald’s „reingepfiffen“ – im Menü mit einer Erbsensuppe. So etwas habe ich im McDonald’s auch noch nie erlebt. Nach einem zusätzlichen Eis zum Nachtisch ging’s weiter, Kilometer für Kilometer durch Gegenwind und wilde Autofahrer. Am Anfang vom Stadtgebiet fingen dann auch noch einmal die Höhenmeter an, Lissabon machte seinem Ruf als hügelige Stadt direkt alle Ehre.
Ich war bereits einen halben Kilometer vor dem Ziel, als ich durch eine zugeparkte Einbahnstraße fuhr. Der Autofahrer hinter mir meinte allen Ernstes, sich zwischen mir und den Autos durchquetschen zu müssen, hierbei nahm er mit seinem Außenspiegel noch meinen Lenker mit. Ich konnte mich auf dem Fahrrad halten, war jedoch innerlich außer mir. Vielleicht fünf Zentimeter, und er hätte meine Taschen mitgenommen und mich komplett vom Fahrrad geholt. Immerhin blieb er kurz darauf ums Eck stehen und stieg aus: „I am sorry, man!“ Danach zog er wieder davon. Ich beendete kopfschüttelnd meine Fahrt und kontaktierte unseren sehr unkomplizierten, netten und zuvorkommenden Airbnb-Host.
Nach üblicher Schlepperei von Bike und Gepäck ins Untergeschoss sowie kurzer Einweisung ließ mich Inimar, mit welchem ich per Übersetzungsapp auf portugiesisch-deutsch kommunizierte, alleine und mich ganz heimisch fühlen in der Wohnung. Die Fahrräder stellten wir zusammengeschlossen ins Eck vom Treppenhaus. „Da passiert hier nichts“, versicherte mir Inimar – so sei es, wir vertrauen. Ich machte mich breit und wartete auf Jannick.
Dieser traf dann eineinhalb Stunden später auch ein. Da es noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang waren, nutzten wir die Zeit und gingen gleich nochmal eine Runde spazieren.
Erste Station vom Airbnb in dem untouristischen, ruhigen Wohnviertel war die Fonto Luminosa, eine sehr imposante Brunnenanlage. Von hier aus ging es weiter zu zwei untouristischen Aussichtspunkten: Miradouro da Penha de Franca und Miradouro do Monte Agudo. Für schöne Aussichten war das Wetter allerdings zu trüb und grau. Immerhin konnte man bei letzterem Hügel einen Blick auf die Brücke „Ponte 25 de abril“ werfen – das lissabonsche Pendant zur Golden Gate Bridge. Natürlich setzte sich daneben auch die Senatuário de Cristo Rei prächtig in Szene.

Danach folgte noch kleiner, altbewährter Abstecher zum super auf der Runde gelegenen Lidl, dann wurde es auch schon dunkel und der Tag für beendet erklärt, ehe das Sightseeing-Programm am nächsten Tag richtig losgehen sollte.
Der Tag startete damit, dass ich natürlich deutlich früher wach war als Jannick. Die Zeit und Ruhe nutzte ich in der Früh, um den Spaziergang vom Abend noch einmal zu wiederholen, da nun die Sonne schien und ich die Aussichtspunkte fotografisch in Szene setzen wollte. Nun hatte man vom Miradouro de Penha de Franca auch einen Blick auf die Brücke „Ponte Vasco da Gama“, die die Halbinsel von Lissabon mit dem portugiesischen Festland verbindet über den allseits bekannten Rio Tajo.

Am Miradouro de Monte Agudo war bei Sonne nun auch die Aussicht auf die andere nicht unbekannte Brücke deutlich ansehnlicher. Da ist er, der Atlantik (na ja, fast – es ist quasi die Mündung des Tajo in den Atlantik)! Vor ca. vier Wochen sind wir im Barcelona am Mittelmeer gestartet, jetzt, ca. 1.300 Kilometer später, haben wir die iberische Halbinsel also einmal von Ost nach West durchquert – ein herrliches und zugleich auch sehr motivierendes Gefühl!

Auffällig an Lissabon sind außerdem die extrem steilen Straßen – hier könnte Radfahren echt anstrengend sein 😉 Es hat definitiv in mehrfacher Hinsicht Parallelen zu San Francisco.

Auf dem Rückweg wurde mir noch einmal bewusst, dass wir nun wieder in einer touristischen Stadt sind: Der Cappuccino vom Bäcker kostet hier wieder über zwei Euro 😉
Zurück am Airbnb starteten wir dann relativ bald die eigentliche Sightseeingtour. Dank der sehr gut angebundenen Lage waren wir mit der Metro in fünf Minuten an der Station „Rossio“, so ziemlich dem Zentrum von Lissabon. Unser erster Weg führte uns zum Elevador de Santa Justa. Wieso anstehen und bezahlen für den Aufzug? Flott gingen wir die Treppen hoch zur Aussichtsplattform – ein cooler Blick über die Dächer von Lissabon!

Anschließend knurrte mal wieder der Magen – und der Burger King war direkt unten ums Eck. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Obendrein war es perfektes Timing, da kurz nach Eintritt in die Fast-Food-Räumlichkeiten ein satter Wolkenbruch loslegte.
Nach Durchzug setzten wir frisch gestärkt unsere Tour fort, hin zum Arco da Rua Augusta – so ziemlich der Hauptplatz von Lissabon direkt am Meer mit Reiterdenkmal. Dementsprechend viele Touristen waren vor Ort – für unseren Geschmack fast zu viele, nachdem man so viel Ländlichkeit gewöhnt ist. Schade ist zudem, dass man für die meisten auf der Straße nun wieder eine Person ist, der man potenziell irgendwas verkaufen und damit Geld abnehmen kann.


Auf dem Land haben sich die Leute noch wirklich für dich interessiert, nicht nur für deine Brieftasche…aber so ist das eben in einer städtischen Touristenhochburg. Die einprägsamste Erfahrung haben wir hierzu auch beim Eintritt in den Burger King gemacht, als jemand uns sehr aufdringlich und direkt aufforderte, ihm sein Essen auszugeben. Als wir verneinten (wir können nunmal nicht die Welt retten und brauchen unser Geld selber), wurde diese Person sehr aggressiv, sodass wir doch Angst bekamen und uns erstmal wieder schnell aus dem Staub machten, ehe wir zurückkamen.
Um es mal so zu formulieren: In Lissabon gibt es mit Sicherheit andere Möglichkeiten, sich ein Sandwich beim Burger King leisten zu können, als Touristen auf unfreundliche Art und Weise dazu aufzufordern, ihnen selbiges auszugeben – vor allem in jungem Alter, wie diese Person den Eindruck auf uns machte. Klar kenne ich den Hintergrund dieser Person nicht und möchte hier auch keine Vorurteile hegen, dennoch befindet sich diese mit Lissabon in einer wirtsschaftsstarken Stadt mit genügend Jobmöglichkeiten sowie einem soliden Sozialsystem – zumindest im Vergleich zu anderen Ländern auf dieser Erde. Aber Themenwechsel, diese allgegenwärtige Problematik wird in Medien und Politik ja eh genügend ausgeschlachtet und polarisiert einfach zu stark, als dass ich weiter drauf eingehen möchte😉 Es ist zumindest meine Meinung hierzu, aber ich akzeptiere es auch, wenn manche Leute das anders sehen.
Vom Arco de Rua Augusta aus setzten wir unseren Spaziergang fort in Richtung Ponte 25 de Abril. Schnell waren wir abseits der Touristenhotspots, wo sich auch alsbald am Wegesrand der Müll tummelte. Na ja – wir sind ja auch nicht in Singapur 😉 Dennoch kein schöner Anblick.
Nach langem Spaziergang kamen wir an der Brücke im Künstlerviertel von Lissabon an, der LX Factory. Einige mögen es vielleicht, unseren Geschmack hat die Street Art, mit welcher die Fressbuden verziert wurden, nur bedingt überzeugt. Zudem haben die dortigen Preise uns nach kurzem Rundgang wieder das Weite suchen lassen…
Weiter spazierten wir wieder direkt am Tajo entlang mit Blick auf die San-Francisco-Brücke in Richtung Belem. Bei der Bäckerei Pasteis de Belem wurden Pastel de Nata verkostet. Der Blätterteig in Verbindung mit der Puddingfüllung darf durchaus als Gaumenschmaus deklariert werden – und ließ unser Kalorienkonto noch einmal ordentlich ansteigen 😉

Diese wurden jedoch wieder verbrannt, da wir unseren Spaziergang in Richtung Mosteiro dos Jeronimos fortsetzten. Ein nettes Kloster mit Park. Fertig stellten wir unsere Runde mit dem mittelalterlichen Turm des Torre de Belem, ehe es mit Tram und Metro zurück zur Wohnung ging. Jetzt haben wir also mit einem großen Spaziergang quasi alle Touri-Highlights von Lissabon abgeklappert. Nach abendlichem Einkaufsbummel beim Aldi ums Eck waren 35.000 Schritte voll – Regeneration at its best!

An unserem zweiten vollen Tag in Lissabon ließen wir es dementsprechend ruhiger angehen. Wieder mit Startpunkt Rossio wollten wir nun die Aussichtspunkte weiter im Osten der Stadt begutachten. Wir machten uns auf zum Hügel vom Castelo de S. Jorge. Oben angekommen eine erste Enttäuschung: Hier gibt es keine Aussicht auf die Stadt, außer von der Burg aus, die 15 Euro Eintritt kostet. In Verbindung mit der 100 Meter langen Schlange vor dem Eintritt gingen wir weiter.
Wir spazierten entlang der Tramlinie, die durch die schmalen Gassen den Hang hochkommt – fast, wie man es aus den Reiseführern von Lissabon kennt. Aufgrund der Tram und der Burg ums Eck war es jedoch gebrochen voll von Touristen, weshalb ich euch hier ein kitschiges Lissabon-Tram-Foto ersparen muss 😉
Zwei Ecken weiter waren jedoch schon deutlich weniger Menschen da, und die hügeligen Gassen hatten ihren „Vibe“ – es hat uns hier sehr gefallen! Angekommen am Miradoura da Graca wimmelte es wieder vor Touristen, die Aussicht war nun aber kostenlos – und durchaus beeindruckend über das Zentrum von Lissabon. Das Sahnehäubchen war eine öffentliche Toilette am dem Platz, welche wir kostenlos mit Handkuss zur Erleichterung nutzten.

Weiter ging’s zum dritten Aussichtspunkt – Miradouro da Nossa. Bei dem freistehenden Aussichtspunkt zeigte sich zum ersten Mal, was für ein Sturm sich hier eigentlich aufgrund der Ausläufer des Ex-Hurricans entwickelt – der Wind pfiff ordentlich. Das ist der Vorteil einer zugebauten Stadt: Hier bekommt man erstmal vom Wind nicht so viel mit. Abgewesen von zwei Schauern blieben wir auch trocken in den zwei Tagen, das Wetter erwischten wir also deutlich besser als vorhergesagt. Spoiler: Wir werden noch bald mehr als genug mit dem Wind und Regen zutun haben.

Stand jetzt jedoch setzten wir unseren Spaziergang nach ein paar Fotos bei Schönwetter fort und gingen wieder in die windgeschützten Talgefilde. Über nette, untouristische Gassen abseits des Aussichtspunktes erreichten wir alsbald den Parque Eduardo VII, der durch seine labyrinthartigen Heckenmuster besticht. Am oberen Ende des am Hang liegenden Parks zeigt sich zudem ein toller Blick Richtung Tajo und Meer. Gestört nur durch die allgemein zahlreichen Baukräne in Lissabon. Der Blick auf die Marquês de Pombal machte diese ästhetischen Makel jedoch mehr als wieder wett.


Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass es am Park einen McDonald’s gibt, wo wir wiedermal eine Snackpause eingelegt haben? Wohl eh klar, aber jetzt haben die Leser die Bestätigung 😉
Oben am Parkende war es das dann mit dem höhenmeterreichen Sightseeing-Spaziergang. Weiter gings mit einem Besuch im Decathlon nebenan. Vielleicht haben die ja den Schwalbe Marathon Mondial – sie hatten den Mantel tatsächlich…nur in 28 Zoll. Wenn ich jetzt einen Mantel bräuchte hätte ich wohl kein Problem, während Jannick langsam in Nöte gerät bezüglich eines qualitativ hochwertigen Ersatzschlauches…
Abgeschlossen wurde der Tag natürlich mit einem Besuch beim Lidl eine Ecke hinter dem Decathlon, um sich für die nächsten Tage einzudecken. Per Metro fuhren wir anschließend zurück zum Airbnb, um letzte Vorkehrungen für die Weiterfahrt am nächsten Tag zu treffen, zwei Tage Lissabon vergingen in Windeseile.
Unser Fazit für den Kurzaufenthalt in Lissabon war überwiegend positiv, jedoch auch mit gemischten Gefühlen. An den sog. „Tourihotspots“ war es tatsächlich sehr schön, jedoch auch überlaufen, was natürlich der ganzen Stadt ein wenig die „Gemütlichkeit“ nimmt. Hinzu kommt das ständige Gefühl, dass jede Person – oder zumindest die meisten – es nur auf dein Geld abgesehen hat. Aber na ja – das soll keine Beschwerde sein, in Afrika werden wir damit noch viel öfter klarkommen müssen – lediglich die Feststellung eines Eindruckes. Am besten hat es uns tatsächlich in den Gassen abseits der Hauptplätze gefallen, da es hier abseits der vereinzelten Menschenströme auch sauber und unvermüllt war.
Nun mussten wir uns mit dem Fahrrad noch einmal durch die chaotische Stadt vom Airbnb bis zum Hafen vorkämpfen am nächsten Tag, ehe uns der Weg gen Süden zum südwestlichsten des europäischen Festlandes führen sollte, dann wieder abseits urbaner Zentren. Dieser Etappenabschnitt wird im kommenden Blog genauer beleuchtet.


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