Atlantische Wetterturbulenzen

Am letzten Abend vor unserer Weiterfahrt im Airbnb in Lissabon überlegten wir uns, noch einmal Wäsche zu waschen, da wir nun auf unbestimmte Zeit ohne Waschmaschine auskommen müssen. Der Wetterbericht sagte, dass der Sturm in der Nacht dank des Ex-Hurrikans nochmal deutlich stärker werden soll. Regen war jedoch nicht gemeldet, weshalb wir frohen Mutes unsere Wäsche an der Leine vor dem Fenster des Airbnbs aufhingen, dass der Wind sie über Nacht trocken bläst.

Pustekuchen – natürlich hatte es über Nacht geregnet und stattdessen konnte man unsere Wäsche eher auswringen. Insbesondere suboptimal, da ich meinen Schlafsack mitgewaschen habe. Aus diesem Grund einigten wir uns darauf, nur etwas über 40 Kilometer zu einem Campingplatz in Setubal zu fahren, um hier die Wäsche gleich wieder aufzuhängen. So packten wir die nasse Wäsche inklusive aller anderen Utensilien ein, hinterließen die Schlüssel im Airbnb und machten uns auf in den Stadtverkehr von Lissabon.

Lange Zeit war es entspannt dank Fahrradweg, ehe wir noch einen steilen Anstieg hochpedalieren mussten, wo auch eine Tramlinie verlief. Dank des super Timings fuhr diese auch genau zu diesem Zeitpunkt durch, sodass wir den Anstieg pausieren und zur Seite gehen mussten. Bei 10 Prozent Steigung nun wieder anzufahren war abenteuerlich. Und die Autofahrer drängelten von hinten…

Nach dem fiesen Hügel ging es wieder runter an den Hafen. Der kurze Stadtverkehrspuk war nach 6 Kilometern geschafft. Dank unseres Timings mussten wir auch nur fünf Minuten auf die Fähre über den Tajo nach Almada warten. In weiser Vorraussicht haben wir 1,50 Euro auf unserer Öffi-Karte für 10 Euro draufgelassen und mussten daher kein extra Ticket mehr kaufen.

Warten auf die Fähre.

Im Stadtgebiet von Lissabon ging es noch einigermaßen aufgrund der vielen Häuser, doch hier merkte man nun, wie der Wind wirklich peitschte – der Tajo war rau und die Wellen peitschten. So sehr, dass dem manchmal leicht seekranken Jannick auf der zehnminütigen Fahrt schon leicht übel geworden ist, wie er mir hinterher verriet. Gut, dass es eine vergleichsweise kurze Überfahrt war…

Rückblick auf Lissabon über den aufgewühlten Tajo.

Immerhin bließ der Wind an diesem Tag mehrheitlich aus West, und unsere Tour führte grob nach Südosten – bedeutete leichten, schrägen Rückenwind, der durchaus spürbar war. Er schob uns auch bei so manchem Hügel südlich von Lissabon – Höhenmeter hatte diese Gegend mal wieder mehr als genug zwischen Almada und Setubal – inklusive  einer Rampe über 10 Prozent kurz vor „Passhöhe“ und der Abfahrt ans Meer Richtung Setubal – diesmal nun wirklich am Meer und nicht nur an einer Flussmündung 😉

Auch aufgrund der hügeligen Strecke und zeitweise auch Schotter und Sand konnte man ausnahmsweise mit etwas über 40 Kilometern zufrieden sein – schließlich waren ja auch noch andere Sachen zu erledigen.

Sofort nach Einchecken beim hübsch direkt am Meer gelegenen, günstigen Campingplatz sowie dem Zeltaufbau wurde die nasse Wäsche wieder aufgehangen, inklusive des Schlafsacks – der bis zum Schlafengehen am Abend doch halbwegs trocken werden sollte…Diesmal könnte der immer noch ruppige Wind uns gute Dienste leisten, auch wenn er im Vergleich zum stürmischen Vormittag etwas nachgelassen hat. Der Zeltaufbau gestaltete sich bei den Böen trotzdem mal wieder herausfordernd.

Ganz nette Küste am Campingplatz.

Außer Abwarten konnte man nun eh erstmal nichts machen, sodass wir uns an den Strand neben dem Campingplatz begaben und das erste Bad im Meer seit Barcelona genossen – was ein toller Moment! Nach Sonnenuntergang wurde es aufgrund des Windes auch relativ frisch. Der Pullover war immerhin halbwegs trocken – gottseidank. Und der Schlafsack wurde auch gut trockengeweht – erholsamer Schlaf war also gewährleistet – durchatmen! Die restliche Wäsche wurde mal über Nacht draußen gelassen…

In der Früh dann die große Enttäuschung: Der Wind schlief ein über Nacht bei sternenklarem Himmel am Meer – freie Bahn für den berühmt-berüchtigten Tau. Neben einem nassen Zelt war die Wäsche natürlich wieder gefühlt nasser als am Vorabend. Es half alles nichts: Wieder nass einpacken und am Abend wieder beim nächsten Campingplatz aufhängen.

Der erste vergebliche Vesuch.

Heute sollten wir vom Campingplatz wieder über einen kleinen Hügel ins Zentrum von Setubal fahren, um wiederum mit der Fähre an die Landzunge zu kommen, wo die südliche Atlantikküste des portugiesischen Festlandes beginnt. Setubal liegt nämlich wiederum auf einer Halbinsel, und ein Verzicht auf die Fähre in Form von „Außenrumfahren“ hätte über 30 Kilometer Umweg bedeutet. Das war es uns dann doch nicht wert…

Fähre – Klappe die zweite

Allgemein war es ein herrlicher Tag: Sonnig und windschwach. Zwei Campingplätze standen zur Auswahl: Einer nach 60 Kilometern und einer nach 90 Kilometern. Da der Weg eindeutig war, fuhren wir beide wieder unser eigenes Tempo – einfach mal immer nur die Landstraße parallel zur Küste runterdüsen. Aufgrund von Asphalt und keinem Wind flogen trotz des hügeligen Geländes die Kilometer nur so vorbei – es lief bzw. rollte. Aufgrund noch unspektakulärer Küste fielen auch Sightseeingstops mehr oder weniger weg.

Vor 15 Uhr waren es bereits nur noch weniger als 10 Kilometer bis zum ersten Campingplatz. Ich schrieb Jannick, und wir einigten uns schnell: Wir treffen uns am nächsten Lidl und peilen den hinteren Campingplatz an.

Am Lidl angekommen machte ich Snackpause, ehe Jannick aufschloss. Da Jannick nach dem Einkaufen selbige auch einlegen wollte, beschlossen wir, dass wir uns am Campingplatz treffen. 25 Kilometer noch – ich gab der Sandpiste eine Chance, über die mich Komoot führen wollte.

Ein Spaziergänge bremste mich: „No! With your Set-up, that’s impossible! Take the trail 500 meters further, just turn left there!“ Ich bedankte mich – hier wollte mich Komoot wohl schon wieder „trollen“. Die Gravel-Sandpiste war dann mit leichten Rampen auch durchaus spaßig – nur irgendwann musste ich wieder auf meine Route im Navi rüberqueren. Hier kam ich dann nicht mehr drum herum: Das Fahrrad musste ca. 300 Meter durch den Sand geschoben werden – gefühlt anstrengender als 70 Kilometer Fahrradfahren.

Dann war das Sandgespenst auch wieder Geschichte, über Asphalt ging es in Richtung Sines. Kurios: Ich fuhr parallel zur Autobahn und sah schließlich Jannick, wie er auf dem Seitenstreifen der Autobahn unterwegs war parallel zu mir. Der Schlingel! Um schnell ans Ziel zu kommen, kann man schonmal einen auf „Fuck the system“ machen😉

Nach dem Autobahnabschnitt war dann auch Sines erreicht – ein doch eher unspektakulärer Hafenort. Lediglich die steile Abfahrt runter an die Küste war erwähnenswert. Hinter Sines waren es noch 10 Kilometer bis zum Campingplatz. An der Landstraße wurden nun auch die ersten spektakulären Atlantikbuchten sichtbar. Bei zunehmend bewölktem Himmel zogen ganz schöne Brummer an Land – ein Indiz des nahenden Wetterumschwungs.

Kurz vor dem Campingplatz musste man noch einmal links von der Küstenstraße weg und ca. 600 Meter über Sandpiste und Graveltrail queren. Das ca. 50 Meter lange Sandbett ging immerhin bergab, sodass das Schieben nicht zu anstrengend war, ehe der Gravelabschnitt nochmal eine Rampe beinhaltete, die man mit Mühe im ersten Gang trat – irgendwie mittlerweile typisch für diese Gegend in Portugal.

Dann war die Etappe nach 90 Kilometern geschafft, nach Einchecken und Zeltaufbau wurde das letzte Tageslicht genutzt, um einmal der fetten Arlantikbrandung am Strand unten beizuwohnen – auf Schwimmen wurde weise verzichtet.

Starker Wellengang im letzten Tageslicht.

Nach Brotzeit im Dunkeln sowie der obligatorischen Dusche wurde der Tag für beendet erklärt. Aufgrund von angesagtem Regen musste das Wäsche aufhängen nochmal vertagt werden…

Ein Blick auf die Wetterapp ließ uns kurz vor dem Schlafengehen jedoch noch einmal in Schockstarre verfallen: Mittlerer Wind von 35 Stundenkilometern aus Süd am morgigen Tag, Böen bis Tempo 55 – die Ausläufer bzw. die Vorderseite des nächsten Ex-Hurrikans Milton…das wird morgen ganz hart. Auch wenn uns bewusst war, dass solche Probleme im Vergleich zum Schicksal einiger Bewohner von Florida natürlich Luxus sind.

Beim Aufwachen am nächsten Tag war das Wetter besser als erwartet. Noch wehte ein leichtes Lüftchen und die Sonne kam raus. Ich nutzte die Stimmung und fing den kleinen Fußballplatz unseres Campingplatzes vor der Atlantikküste ein.

Ganz nettes Motiv.

Beim anschließenden Zusammenpacken meldete sich dann alsbald der Wind, noch war es jedoch trocken. Aufgrund der Wettervorhersage waren nur etwas über 50 Kilometer bis Zambujeira do Mar geplant.

Als wir losfahren wollten, kam er dann plötzlich: Der weltuntergangsartige Wolkenbruch. Schnell wurden die Räder unter das Vordach des Cafés am Check-out gerettet und statt Losfahrens noch einmal ein Cappuccino getrunken. Nach 20 Minuten war der Spuck vorbei und wir starteten wieder weg von der Küste über den in Windeseile überschwemmten Graveltrail.

Auch auf anschließendem Asphalt war an schnelles vorankommen kaum zu denken, der Gegenwind hatte es in sich. In Böen musste man aufpassen, nicht von der Straße geweht zu werden. Hier kam mir der Satz des Franzosen in den Kopf, mit welchem ich mich in der Früh noch am Campingplatz unterhalten habe: „Je suis très content de ne pas devoir faire de vélo aujourd’hui.“ Er hat keinesfalls Unrecht!

Obendrein kam kurz nach Losfahrt der zweite „Weltuntergangsschauer“ und wir wurden einmal so richtig geduscht. Aber irgendwie hatte es in diesem Moment auch was spaßiges…man musste es in dem Moment einfach mit Humor und als Erfahrung sehen im quer kommenden Regen.

Ab dem Nachmittag war dieser immerhin dann durch nach einigen weiteren Schauern, der Wind jedoch blieb. Im Gegenteil – gefühlt legte er sogar noch deutlich zu! Vielleicht waren es jedoch auch einfach nur die schwindenden Kräfte…

Schöne Ausblicke auf Meeresbuchten hatten wir bei dem trüb-regnerischen Wetter eh nicht. Wir wollten lediglich den Campingplatz erreichen. Höhenmeter waren auf dieser Etappe ebenfalls rar. So manche Steigung war fast ein Segen, da es am Hügel einfach nicht so sehr zieht wie im ebenen, offenen Gelände.

Einer der wenigen grauen Meeresblicke.

Die letzten 10 Kilometer zogen sich wie Kaugummi. Auf den letzten Metern vor dem Campingplatz hätte es einige Strände und Buchten gegeben. In diesem Moment wollten wir aber einfach nur ankommen und Feierabend haben von dieser Etappe.

So waren der späte Nachmittag und Abend von nichts anderem außer Entspannung auf dem mit Schwimmbad, Restaurant und Minimarkt ausgestatteten Campingplatz geprägt. Wir fühlten uns wie nach einer Ü100-Kilometer-Etappe ohne Wind. Immerhin liefen im Restaurant auf dem Fernseher sogar die Highlights der Länderspiele der Nations League, was mein Herz als Fußballfan zumindest wieder etwas höher schlagen ließ. Auch wenn ich diesem Wettbewerb sonst wenig Interesse abgewinnen kann…

Ein seit Monaten im Vergleich zu vorherigen seltener Anblick.

In unserer Müdigkeit schlugen wir unsere Zelte ohne groß nachzudenken auf dem nächstbesten Platz auf nach dem Ankommen. Ein großer Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte. Die Wetterkapriolen waren nämlich noch lange nicht zu Ende. Zwar ließ der Wind etwas nach und die Sonne kam zu später Tageszeit noch heraus, doch dies war eine klassische Finte.

Ab dem späten Abend zogen Gewitter durch in den Fronten des Ex-Hurrikans durch, die sich „gewaschen“ haben. Im Prinzip war die gesamte Nacht von gewittrigem Starkregen geprägt. Und unsere Zelte standen ganz unten an dem leichten Hügel des Campingplatzes mit Böschung am Ende. Jannick hatte noch Glück, da er sein Zelt nicht direkt an der Böschung aufgestellt hatte – im Gegensatz zu mir.

Ohrenstöpsel ließen mich zwar halbwegs gut schlafen, das Aufwachen fand jedoch in einem nassen Zelt statt. Das Wasser ist aufgrund der Muldenlage ins Vorzelt gelaufen und staute sich unter dem Zeltboden. Irgendwann muss es unter meiner Luftmatratze wohl durchgesuppt sein. Immerhin bildete sich die Lache im Zeltinneren nicht bei meinen elektronischen Geräten…

Verschlammtes Gepäck.

Der Blick ins Vorzelt war schockierend: Alle Utensilien waren versifft und verschlammt. An schnelles Loskommen war so kaum zu denken – stattdessen musste erstmal eine Reinigungsaktion gestartet werden. Auch meine Radhose lag im Vorzelt – nun komplett voller Schlamm. Immerhin – GOTTSEIDANK – hatte der Campingplatz eine Waschmaschine! Was ein Glück im Unglück immerhin. Da wurden die fünf Euro gerne investiert, um das gröbste sauber zu machen. Dank des immer noch starken Windes war die schnelltrocknende Radhose nach den anderen Reinigungs- und Aufräumarbeiten dann auch einsatzbereit.

Hinzu kam das Problem mit der nassen Wäsche. Diese haben wir natürlich wieder rausgehangen. Nun konnte man sie wahrlich auswringen – egal, immerhin nicht versifft am Boden gelegen. Einpacken und dann neuen Versuch starten.

Das Zelt wurde unter der Campingdusche auch einmal abgewaschen und noch eine Stunde getrocknet. Das reichte dank Wind und etwas Sonne zum Trocknen – immerhin wieder ein sauberes und trockenes Zelt.

Es war 13:30 Uhr, bis wir nach dem „Notfall“ loskamen. Da zudem weiterhin der Gegenwind aus Süd kam, nahmen wir uns nur 40 Kilometer bis zu einem Wildcampingspot mit Bänken aus iOverlander vor (an der Küste greift man dann doch lieber wieder auf die App zurück).

Immerhin kam nun die Sonne richtig raus und ließ direkt zu Fahrtbeginn zwei prächtige Atlantikbuchten erstrahlen. Die Rampen von der Bucht wieder hoch auf die Steilküste hatten es jedoch durchaus in sich. Wenn ich schätzen müsste: So 13 Prozent Steigung – 100 Meter Vollanstrengung mit Gepäck.

Eine nette Bucht bei Sonnenschein.

Die Strecke blieb hügelig, wodurch der Gegenwind selten so richtig durchbrach. So machte es gefühlt wieder mehr Spaß. Der 100-Höhenmeter-Pass hinter Odeceixe wurde durch eine prächtige Aussicht auf das nette Dorf versüßt.

Odeceixe.

An gelegentlichen Sprühregenschauern merkten wir jedoch, dass die Wetterturbulenzen noch nicht fertig haben, trotz des freundlichen Gesamteindruckes.

In Erinnerung wird der Aufstieg aus der Ortschaft Alzejur auf den waldigen Bergrücken bleiben, wo der Wildcampingspot verortet war. Bei über 100 Höhenmetern auf weniger als zwei Kilometern sowie noch einer Mini-Abfahrt zwischendrin glühen die Oberschenkel – das war definitiv am Maximum! Immerhin lehnte sich das Gelände auf den letzten fünf Kilometern Graveltrail noch einmal leicht zurück. Diese Rampen hier – wahrlich „geistesgestört“, wie man in meinem Freundeskreis umgangssprachlich sagen würde.

Dieser Eurovelo verlangt einem schon einiges ab.

Der Campingspot war direkt neben der zumindest ganz sporadisch befahrenen Gravelpiste – man sollte also durchaus schmerzfrei sein, was Wildzelten betrifft.

Ich zögerte nicht lange und schlug mein Zelt einfach in der Bucht am Wegesrand auf – wir sind hier ja doch in einem kleinen Stück „Pampa“ mitten im Touri-Gebiet. Jannick waren die direkt daneben vorbeirauschenden Autos nicht geheuer. Er schlug sein Zelt ca. 50 Meter neben dem Weg auf einer kleinen Betonplattform mitten im Feld auf – beides auf seine Weise „wild“.

Aufgrund des starken Windes gestaltete sich der Zeltaufbau wiederum mühsam. Auch beim Kochen merkten wir, wie unberechenbar hier das Wetter ist: Aus scheinbar Sonne und klarem Himmel heraus zieht auf einmal aus dem Nichts Regen auf. Der Wettercharakter war trotz gelegentlich schöner Abendsonne ungemütlich, sodass wir uns schnell in die Zelte verflüchtigten – in Träumen bereits beim südwestlichsten Punkt des europäischen Festlandes, der nur noch ca. 40 Kilometer von uns entfernt ist. Wahnsinn!

Die Nacht war jedoch nicht erholsam: Die Intensität der Schauer steigerte sich, gefühlt waren die Platzregenschauer noch deutlich heftiger als in der Sintflut-Nacht vorher. Immer wieder wurde ich sogar trotz Ohrenstöpseln wach, als es nur so aufs Zelt einprasselte. In weiser Voraussicht habe ich meine Klamotten in der Nacht noch aus dem Vorzelt reingeholt…

Es kam nämlich, wie es kommen musste: In der Ausbuchtung neben der Straße stand mal wieder das Wasser in Form einer Wasserlache – in meinem Vorzelt. Immerhin habe ich in der Nacht beim Wasserlassen in weiser Voraussicht mein Radtrikot im Vorzelt auf die Taschen gelegt. Die restliche Wäsche hing auf der Bank draußen, neben dem Zelt. Immerhin wurde sie nicht runtergeweht. Man konnte die Kleidung zwar wieder mal auswringen in der Früh, aber immerhin war sie nicht verschlammt.

Natürlich bin auch ich im Zelt wieder in einer Lache aufgewacht. Die Campingutensilien im Vorzelt waren ebenso verschlammt. Da wir nun beim Wildcampen nicht die Annehmlichkeiten eines Campingplatzes genossen, musste man nun in den sauren Apfel beißen: Alles versifft einpacken. Vor Zeltaufbau konnte man das gröbste Regenwasser immerhin aus dem Zelt schütteln. Die Wäsche wurde ebenfalls triefend nass eingepackt.

So macht Zelten Spaß.

Die Highlightetappe von heute ließ uns die Probleme ziemlich schnell vergessen: Tolle Steilküste vom Atlantik, die letzte Bratwurst vor Amerika…Nein, da haben diese Probleme einfach erst hinterher wieder Platz in unserem Kopf.

Der Graveltrail vom gestrigen Ende zog sich nochmal 10 Kilometer weiter, beginnend wieder mit einer heftigen Rampe auf den ersten paar hundert Metern. Anschließend ließen einige Passagen mit Aussicht auf die Steilklippen vom Atlantik unsere Herzen höher schlagen – trotz weiterhin fiesen Gegenwindes aus Süd. Wie sollte es auch anders sein. Nach dieser Passage führte der Weg uns wieder auf die Hauptstraße bis Vila de Bospo – zumindest mich.

Aussichtsreiche Strecke über den Eurovelo 1.

Trotz der nur 46 Kilometer konnte ich nicht den komplett von den aktuellen Problemen abschalten. Der Schlafsack musste nämlich auch feucht eingepackt werden und brauchte dringend noch ein, zwei Stunden Sonne, um zu trocknen. Alles andere wäre schlicht suboptimal. So führte mich der Weg über Hauptstraße – im Missverständnis mit Jannick, der im Kopf hatte, dass wir den zweiten Klippenschlenker auch noch mitnehmen – und mir leider am Berg nicht mehr hinterherkam, bevor der entscheidende Abzweig war. Blöd, dass ich beim Fahren im Flow war und auch keine Handypause mehr gemacht habe unterdessen…

So trat ich die hügeligen 12 Kilometer bis zum Lidl durch, stellenweise bei Straßenschlenkern sogar mit Rückenwind und 25 Stundenkilometern. Angekommen ging ich bereits meinen Einkauf erledigen und schrieb selbiges Jannick. Dieser war verwundert und fragte, ob ich Hauptstraße gefahren sei. Er hatte noch 12 Kilometer aufgrund von Klippenpause und Schottertrail.

So schaufelte ich mir den Bauch voll mit Lidlsnacks am Parkplatz und machte lange Mittagspause. Mit Lidlsnacks waren vor allem Pizzataschen gemeint, da wir seit dem äußerst zuckerreichen Aufenthalt in Lissabon ein Spiel haben: Zuckersnacks wie Schokolade, Kekse, Gebäck und Eis sind verboten – wer schwächelt, muss dem anderen den nächsten Einkauf zahlen. Da will ich nicht aufgeben, auch wenn bei mir von Natur aus immer wieder die Versuchung da ist.

Nach insgesamt einer Stunde Pause kam Jannick nach und wir kauften gemeinsam etwas zum Grillen am Abend, da der angepeilte Campingplatz in Sagres eine Feuerstelle hatte.

Schließlich machten wir uns dann auf zum nächsten Schottertrail runter zum Etappenziel des südwestlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Mit schrägem Rückenwind war dieser nun herrlich zu fahren. Am Abzweig kurz vor dem „Ende der Welt“ waren dann bereits eine Menge Leute unterwegs – natürlich war dieser Ort durchaus touristisch.

Wir schlängelten uns zwischen den Fußgängern und Autofahrern hindurch und standen gegen 15:30 Uhr nach spannenden 40 Kilometern schließlich am Etappenziel des Leuchtturms. Seit Deutschland einmal ans südwestlichste Ende des europäischen Festlands geradelt – ein erhabendes Gefühl! Zudem waren die Steilklippen durchaus imposant. Für alle Statistikfans: Laut Strava wurden seit Beginn in Flensburg bis zu diesem Punkt ca. 4.630 Kilometer mit ca. 31.750 Höhenmetern zurückgelegt – da wird noch einiges hinzukommen!

Das Ende der Welt: Der südwestlichste Punkt des europäischen Festlandes.
Auch in die andere Richtung waren die Klippen sehr schön anzusehen.

Sehr auffällig war die Mehrzahl an deutschen Touristen. Man fühlte sich fast wie daheim. Ein schwäbischer Urlauber mit Frau fragte ungläubig, wie es denn finanziell und vor dem Hintergrund anderer Verpflichtungen überhaupt möglich sei, so etwas zu machen. Ich erspare mir jeglichen Kommentar hierzu, außer: Wo ein Wille, da ein Weg 😉

Nach vielen Fotos bei diesem Schönwetterfenster genossen wir noch die „letzte Bratwurst vor Amerika“ und holten uns das entsprechende Zertifikat ab. In diesem Moment schien alles im Reinen, während sich der Himmel langsam wieder bewölkte und im Hintergrund dunkle Wolken zu sehen waren – auch wenn es bei uns noch trocken war.

Die letzte Bratwurst vor Amerika…mit der letzten vor Afrika hat es sich bald wieder erledigt.
Ein Zertifikat muss natürlich auch sein 😉

Dunkle Wolken sollten auch auf dem Weiterweg nun wieder Richtung Osten zurück nach Spanien entlang der Algarve weiterhin eine gewichtige Rolle spielen. Ob die Wäsche irgendwann trocken geworden ist? Im nächsten Blogbeitrag wird es zu erfahren sein!

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