Europa-Endspurt

Als wir uns am Campingplatz in Fuseta mit den deutsch-französischen Bekanntschaften unterhielten, kamen wir zu dem Schluss, dass wir auf der gleichen Strecke unterwegs sind zurück Richtung Spanien. So beschlossen wir kurzerhand, gemeinsam am nächsten Tag in Richtung des Grenzüberganges bei Vila Real de Santo Antonio zu radeln.

Das Ziel wurde über die App iOverlander schnell ausgemacht: Ein ca. 38 Kilometer hinter dem Grenzfluss Guadiana gelegener Wildcampingspot mit Bänken und Feuerstellen mitten im Pinienwald. Insgesamt ca. 78 Kilometer, was bei nur wenigen Höhenmetern auch gut machbar sein sollte. Die Französin schloss sich auf ihrem gleichen Weg nach Marokko diesem Plan an, während das deutsche Paar nur etwas nach Spanien reinfahren wollte, um am nächsten Tag nach Huelva und von dort dann per Zug nach Sevilla zu reisen.

So wussten wir auch, dass wir uns eventuell in Sevilla wiedertreffen könnten. Für unsere Route gab es nämlich genau zwei Möglichkeiten ab dem schönen Örtchen Huelva: Immer die Küste runter über Cadiz nach Tarifa oder den Schlenker ins Landesinnere nach Sevilla fahren und von dort aus direkt südlich nach Tarifa, insgesamt 70 Kilometer mehr als die Küstenvariante.

Das Problem an der Küstenvariante: Man muss hier durch den Doñana-Nationalpark. Hier gibt es keine asphaltierte Straße, man muss fast 40 Kilometer über den Sandstrand fahren. Zudem muss die Strecke an einem Tag geschafft werden, da Wildcampen aufgrund des Nationalparks streng verboten ist und kontrolliert wird.

Wir fragten in einer WhatsApp-Gruppe von Fernradlern nach bezüglich der Machbarkeit. Sofern man den perfekten Zeitpunkt relativ am Ende von der Ebbe erwischt, sich beeilt, bevor die Flut kommt und dann die perfekte Linie in der Mitte des Strandes findet, wo der Sand nicht zu nass und auch nicht zu trocken ist, so hat man eine realistische Chance, ohne viel Schieben durchzukommen.

Insbesondere mit unserem schweren Gepäck waren uns dies jedoch zu viele Eventualitäten. Und falls eine dieser Eventualitäten eintritt, so kann man schonmal einen Tag einplanen, den man nur die Räder durch den Sand schiebt. Wir entschieden uns für die asphaltierte Variante über Sevilla. Zwar länger, aber dafür ohne Risiko. Nach Rücksprache mit der netten Französin Christel folgte diese unserem Plan, sodass wir ab diesem Zeitpunkt zu dritt unterwegs waren.

Am Tag des Grenzüberganges nach Spanien waren wir nun erstmal zu fünft unterwegs. Jedoch nicht lange, da ich schnell in meinem Pedalier-Flow davongefahren bin, was die anderen aber nach Rücksprache nicht störte. Über wiedermal teils Hauptstraße, teils schottrigen Eurovelo mit letzten Meerblicken und wenigen Höhenmetern wurde über kleinere Ortschaften rasch Vila Real de Santo Antonio erreicht nach 40 Kilometern. Die Fähre rüber nach Ayamonte fuhr stündlich um halb.

Da ich kurz vor halb 2 in der Ortschaft war nach dem späten Aufbruch kurz nach 11 Uhr war die selbige Fähre nicht mehr zu erreichen, sodass ich eine Shopping- und Snackpause beim Lidl einlegte. Ich kontaktierte den Rest der Gruppe, welche wohl den Eurovelo über Stock, Stein und Sand an der Küste entlang voll ausgefahren hat und dementsprechend noch Zeit brauchte. So ging ich auf die Fähre um halb 3 und dachte mir, dass ich im Zweifel schon einmal den Campingspot auschecke.

Bye bye, Portugal

Vor dem Lidl sprach mich aufgrund meines FC-Bayern-Trikots ein anderer Radreisender an: „Kein gutes Trikot – der Kiez ist das einzig Wahre!“ Natürlich ein Hamburger als St. Pauli Fan. Er arbeitet hier immer mal wieder in der Gegend und pendelt immer mal wieder zwischen Marokko und Andalusien mit Fahrradtouren, nachdem er lange durch Europa reiste per Fahrrad. Auch er bestätigte mich in der Entscheidung, über Sevilla runter zu fahren – ein netter Zeitgenosse, ehe ich mich langsam aufmachen musste zur Fähre.

Als ich ankam, um die fünf Euro für eine Fährfahrt zu bezahlen, musste ich nochmal mein Gepäck umgraben, da nur Barzahlung möglich war. Ob die hier auch irgendwelche Steuern umgehen wollen? Egal, ich kramte eine 5-Euro-Note hervor und begab mich auf die Fähre. Quasi an der Kaimauer stand das Portugal-Landesschild. Nun hieß es also bye, bye Portugal, hello Spain again.

Über den Grenzfluss.

Die 20-minütige Fährfahrt ging schnell vorbei, da ich von vielen Leuten aufgrund meines bepackten Fahrrades angesprochen wurde. Sie konnten sich kaum vorstellen, dass ich den kompletten Weg von Deutschland hierher gefahren bin…

Im Hafen von Ayamonte machte ich mich ohne Verzögerung auf den Weg der verbleibenden 38 Kilometer, erst über die Hauptstraße, dann ab dem Ort Lepe an Cartaya vorbei über eine Fahrradroute an einem Kanal entlang, der in den Pinienwald hineinführte.

Kanalweg.

Nach fünf Kilometern Pinienwald über Sand-Schotter-Trail war das Ziel errichtet, ein wunderbar weitläufiger Picknickplatz. Am hintersten Ende baute ich neben einer Bank mein Zelt auf und breitete mein Chaos schon auf dem Platz aus. Nach dem Klassiker der Nudeln mit Pesto wartete ich auf die anderen beiden Kollegen, während es immer später wurde.

Am Campingspot.

Als die Dunkelheit hereinbrach, bekam ich leichte Zweifel, ob es die beiden heute noch schaffen. Dann die Erlösung: Zwei Lichter näherten sich dem Pinienwald. Ich half beim Zeltaufbau mit meiner Handytaschenlampe, ehe wir noch einen geselligen Abend verbrachten.

Wir besprachen die weitere Route. Christel wollte 40 Kilometer Umweg in Kauf nehmen, um die Küste bis zum Doñana Nationalpark entlangzufahren und dann wieder nordöstlich Richtung Sevilla abzubiegen, wir bevorzugten die direkte, etwas über 100 Kilometer lange, direkte Strecke nach Sevilla.

So brach Christel am nächsten Morgen früh auf, während wir uns eine Stunde länger Zeit ließen. Allgemein ist es verrückt, wenn der Wecker um 8 Uhr klingelt und es noch stockdunkel ist. Aber halt normal, wenn man sich im Oktober ganz am westlichsten Ende der mitteleuropäischen Sommerzeitzone aufhält. So fuhren wir um 10 Uhr entspannt los. Der Plan war, so nah wie möglich Richtung Sevilla zu fahren und dort nach einem geeigneten Platz zu suchen zum Wildcampen.

Der erste Stopp wurde in dem netten Städtchen Huelva etwas über 10 Kilometer entfernt eingelegt, wo Lidl und ein McDonald’s für Kaffee und Internet wieder einmal direkt nebeneinander lagen. Wir machten dann auch etwas länger Pause, da Jannick noch etwas recherchieren musste bezüglich seiner Ausrüstung. Aber wir hatten ja Zeit, konnten ja danach durchfahren bis zum Sonnenuntergang, Sightseeing-Stopps waren nicht geplant.

Es war eine klassische Baller-Etappe: So weit fahren wie man nur kommt, um am nächsten Tag Zeit für Sightsseeing in Sevilla zu haben. Die Strecke war passend hierzu: Kaum nerviger Wind, viel Asphalt, ein paar Höhenmeter und Anstiege aber nicht unbedingt die Welt, abgesehen von einem kurzen und einem markanten Pass bereits 20 Kilometer vor Sevilla. Stellenweise war die breite Asphaltstraße bei Rückenwindverhältnissen wie eine Rennstrecke, man heizte nur so drüber und die Kilometer flogen nur so weg.

Typische Ortschaft zwischen Huelva und Sevilla.

Auch Jannick zeigte sich in beeindruckender Form, zog mir stellenweise sogar davon. „Was hast du dir heute früh eingeworfen?“, fragte ich ihn mehr als erstaunt. „Heute läufts!“, so die einfache Antwort.

Von 107 Kilometern bis Sevilla zu Beginn waren kurz nach halb 4 noch 45 Kilometer übrig. „Lass mal noch mindestens zwei Stunden fahren und dann irgendwas zum Schlafen suchen“, so der einhellige Tenor. Also fuhren wir weiter: Noch 40 Kilometer bis Sevilla…noch 30 Kilometer bis Sevilla…noch 25 Kilometer bis Sevilla.

Als nach dem größeren Pass der Ort Sanlucar la Mayor erreicht war, fehlten noch 20 Kilometer bis ins Zentrum von Sevilla. Bereits im Einzugsgebiet der Großstadt pedalierten wir nach kurzem Supermarktbesuch weiter, wirklich Schlafplätze gab es hier keine. Als wir nach 19 Uhr noch weniger als fünf Kilometer bis ins Zentrum hatten kam die große Frage auf: Wo schlafen wir jetzt eigentlich?

Linkerhand, wieder etwas weg vom Zentrum sah es nach einem hügeligen Park aus. Er sah ganz nett, aber nicht perfekt aus. Auf der anderen Seite einer größeren Straße waren einige Hügel, wo man einen perfekten Ausblick auf Sevilla haben musste. Der Traum dieses aussichtsreichen Zeltplatzes ließ uns den bergigen Umweg angehen – wohlwissend, dass es mit der Dunkelheit echt knapp wird, wenn das angepeilte Ziel jetzt nicht sitzt! Ich hatte bereits wieder etwas Bammel, während Jannick wie immer tiefenentspannt war – seine Nerven hätte ich manchmal gerne.

Die letzten steilen Meter auf den Hügel mussten wir das Fahrrad hochschieben, ehe das Plateau erreicht war: Eine ebene, große, leicht sandige Fläche am Stadtrand von Sevilla mit Blick über die Innenstadt. Trotz des Mülls am Rand der Fläche durchaus mit dem Attribut „traumhaft“ zu beschreiben – außerdem war es für einen anderen Spot jetzt schlicht zu spät. Zwar unversteckt, aber weit weg von Straße und Zivilisation. Zwar kamen ein paar Spaziergänger und Jogger vorbei, aber kaum zu vergleichen mit bspw. dem Olympiaberg in München. Die Aussichten über die Städte waren jedoch ähnlich.

Über den Dächern von Sevilla.

In der blauen Stunde nach Sonnenuntergang bauten wir unser Lager auf nach 105 Kilometern und machten einige Fotos vom Spot, die unsere Handykameras trotz der bereits bescheidenen Lichtverhältnisse noch gut hinbekamen. Der Blick über das Lichtermeer der Großstadt war ein wahres Wildcampingerlebnis.

Nach Brotzeit und Nachtruhe war der Sonnenaufgang am nächsten Morgen das nächste Highlight, ein Tagesstart wie aus dem Bilderbuch. Wir verabredeten uns mit Christel im Zentrum von Sevilla als erneuten Treffpunkt. Sie hatte am Tag vorher auch ordentlich Gas gegeben und über 100 Kilometer gemacht, campte 25 Kilometer vor Sevilla. Jedoch war sie nach Ansicht der Fotos natürlich maximal neidisch auf unseren Spot, auch wenn sich der Schlenker über die Küste laut ihrer Aussage wohl durchaus lohnte.

Sonnenaufgang über Sevilla.
Jannicks Zelt im Morgengrauen. Im Hintergrund kann man erahnen, dass noch Höhenmeter auf uns zukommen werden…

Nach dem Sonnenaufgang packten wir wir wieder unser Zeug, voller Vorfreude auf Sevilla – beobachtet wiedermal von so manchem Morgensportler, der den Hügel erjoggte. Bald machten wir die Abfahrt runter ins Stadttal. Schnell merkten wir, warum Sevilla als so fahrradfreundlich ausgezeichnet wurde: Beste Fahrradwege begleiteten uns auf dem Weg ins Zentrum, ehe wir stellenweise durch ein paar Baustellen schieben mussten.

Dann war aber mit dem Plaza Nueva auch schon das durchaus ansehnliche Zentrum erreicht. Ich als Junkie trank in der Fußgängerzone meinen Cappuccino während dem Aufpassen auf die Räder, sodass Jannick herumlaufen und fotografieren konnte – wer will es ihm verdenken beim ersten Mal in der andalusischen Stadt. Ich hielt natürlich auch die ein oder andere Erinnerung dieser wahrlich wunderschönen Stadt fest.

Das Zentrum von Sevilla.

Auffällig waren die dick eingekleideten Einheimischen in der Fußgängerzone – bei 23 Grad und Sonnenschein am Vormittag. Wahnsinn! Da merkt man, welche Temperaturen man hier normalerweise gewohnt ist an einem der Hitzehotspots Europas. Später wurden es hier noch knapp 30 Grad – für uns an einem 20. Oktober als Mitteleuropäer im Gegenteil durchaus ungewohnt!

Vom Plaza Nueva führte uns die Runde weiter zur Cathedral de Sevilla und über den Platz der Sehenswürdigkeit weiter zum Burger King am netten Puerta Jerez. Bei der Zwischenmahlzeit trafen wir wieder auf Christel, die früh wach war, 25 Kilometer nach Sevilla reinradelte und in einem Waschsalon bereits Wäsche gewaschen hat – fleißig, fleißig!

Schieben durch die Gassen von Sevilla.
Am Puerta Jerez.

An dem Burger King trafen wir zudem durch Zufall auf das deutsche Bikepacking-Paar vom Campingplatz, das per Zug von Huelva anreiste und seine Fahrräder im Hotel ließ, um zu Fuß Sevilla zu erkunden. Die Großstadt scheint manchmal doch klein!

Blick auf die Kathedrale.

Nach der Pause machten wir uns gemeinsam weiter auf zum Torre del Oro und von hier aus zum wirklich eindrucksvollen Plaza España – auch die kurze Radfahrt durch den angrenzenden, grünen Stadtpark: Wunderschön!

Am Plaza España.

Hiernach war die Sightseeing-Runde auch schon mehr oder weniger beendet, der Weg führte uns wieder raus aus der Stadt Richtung Süden. Wir waren schon fast draußen aus der Stadt, ehe Jannick einfiel, dass er eine Sehenswürdigkeit unbedingt noch besichtigen müsse und auf eigene Faust ohne Internet noch einmal in die Stadt zurückfährt. Ich gab ihm Hotspot, um einmal die Karte am Handy zu laden. Sonst werden wir uns wohl schon irgendwie zusammenschreiben bezüglich des Wildcampingspots…

Auch Christel wollte in einem südlichen Vorort nochmal eine Pause einlegen, während ich vor allem eins wollte in dem Moment: Fahren! Die Muskeln waren warm, ich wollte jetzt einfach ein paar Kilometer machen und rollen.

Problemlos einigten wir uns auf ein späteres Wiedersehen, wodurch ich die letzten Industrieviertel im Einzugsbereich Sevillas hinter mir ließ und vorbei an Dos Hermanos meine Bahnen zog.

Da sich fast 30 Kilometer südlich von Sevilla in Los Palacios y Villafranca ein Burger King für eine nachmittägliche Pause anbot, verweilte ich hier bei einem späten Kaffee, um wiederum auf Christel zu warten.

Eigentlich sollte es dabei bleiben, doch ich kam mit einigen anderen Besuchern des Fast-Food-Restaurants in Kontakt, die auf mein schweres Fahrrad aufmerksam wurden. Nach Erzählung meines Vorhabens zeigten sie sich tief beeindruckt. Später kam einer auf mich zu mit seinem Burger: „Just take this Burger! I ordered too much and I don’t need it! You need this energy for jour Trip!“ Puuhh – eigentlich wollte ich keinen 2. Burger heute essen…aber einem geschenkten Gaul – bzw. einem geschenkten Whopper – schaut man nunmal nicht ins Maul, sondern man schiebt ihn sich in selbiges! Was für zuvorkommende Mitmenschen! Ich war fast sprachlos…

Schließlich traf Christel ein, die ebenfalls berührt war von meiner Geschichte. In der späten Nachmittagssonne machten wir uns auf den Weg, um einen Wildcampingspot zu finden. Christel wollte lieber früher als später etwas finden, da sie am vorherigen Tag in die Dunkelheit geriet, wie sie mir erzählte. Da war ich ganz bei ihr, diese Erfahrung blieb mir gottseidank bisher erspart, auch wenn wir manchmal – wie gestern – ganz knapp davor waren.

Wir fuhren weiter über die Landstraße und guckten bereits links und rechts ein wenig: Es sah schwierig aus, das Gelände allgemein sehr landwirtschaftlich geprägt. Direkt hinter dem Ort El Tropal zweigte immerhin mal links ein Wirtschaftsweg von der Hauptstraße ab. Und hier gab es nach 100 Metern tatsächlich neben dem Weg eine kleine ebene Einbuchtung mit einem ausgetrockneten Bach dahinter. Bevor wir in Schwierigkeiten kommen, ließen wir uns hier nieder – da wird schon niemand vorbeikommen. Ich rief Jannick an und beschrieb ihm die Lage des Wildcampingspots auf der Karte in Google Maps.

Sonnenuntergang irgendwo am Wirtschaftsweg.

Meine Beschreibung war eigentlich unmissverständlich – dachte ich zumindest. Auch, als es immer später wurde und Jannick immer noch nicht aufkreuzte, wurde ich noch nicht wirklich kritisch. Schließlich musste Jannick jedoch seine letzten 5 Cent Notfall-Prepaidguthaben nutzen, um mich zu erreichen. Er hatte meine Beschreibung doch anders verstanden, ist vorbeigefahren und suchte verzweifelt nach unserem Spot. Bereits im Dunkeln fuhr er anschließend gute vier Kilometer zurück, ehe wir dann endlich wieder vollzählig waren.

Laut Jannick habe sich die Extrarunde zurück in die Innenstadt gelohnt. Nach kurzem Abendessen zu dritt ging jeder zeitig in seine Zelte. Da es noch 160 Kilometer bis Tarifa waren, lautete der Plan, soviele Kilometer wie möglich „wegzuschrubben“. Ich stellte meinen Wecker auf 7:15 Uhr, obwohl die Sonne um 8:30 Uhr überhaupt erst aufgehen sollte – bereit für eine absolute „Balleretappe“.

Direkt wurde der Kaffee in der Früh gekocht und dem schlaftrunkenen Jannick als Wachmacher vors Zelt gebracht. Christel war bereits wach und fleißig am Packen. Nach den üblichen Morgenritualen machte ich mich auch dran. Es zog sich jedoch trotzdem etwas, auch weil Jannick wahrscheinlich aufgrund des Fiaskos vom vorherigen Abend doch etwas ubermüdet wirkte. Schließlich wurde es doch noch 10 Uhr, bis wir loskamen – etwas spät für 100 Km+.

Hinzu kam, dass Andalusien nach flachen ersten 10 Kilometern doch sein bergiges Gesicht zeigte. Nach einem Einkaufsstopp im Mercadona von Las Cabezas de San Juan ging es in munterem Auf und Ab dahin, garniert auch mit so manchem steileren Anstieg. Ein Training wie auf der schwäbischen Alb.

Traumhaftes, aber hügeliges Acros de la Frontera.

Wie immer bei den steileren Anstieg war ich oftmals schnell „weg ums Eck“ – wie auch bei dem längeren und steilen Anstieg nach Acros de la Frontera in allerdings auch idyllischer Umgebung, wonach ich fast eine Stunde wartete, ehe die anderen beiden eintrafen. Als die beiden eintrafen und ich weiter bzw. wieder vorfahren wollte, kam ein leidiges Thema erneut auf. Jannick ermahnte mich: „Nimm Rücksicht auf die anderen, die nicht so fit sind wie du, auch wenn du wahrscheinlich heute trotz Höhenmetern alleine locker mehr als 100 Kilometer fahren könntest. Aber da hättest du alleine fahren müssen.“

Ich musste mich in diesem Moment tatsächlich zusammenreißen: Ich war mit Körper und Geist voll auf eine „Balleretappe“ eingestellt und vorbereitet gewesen und wollte dementsprechend Gas geben. Jetzt am frühen Nachmittag erst 50 Kilometer gemacht zu haben, war für mich persönlich sehr enttäuschend. Aber es half ja nichts. Ich akzeptierte die längere Pause – immerhin konnte meine Powerbank so noch ein paar Prozente sammeln…

Bei der Weiterfahrt kam dann auch noch der Gegenwind ins Spiel. Eisern traten wir nun jedoch ohne Pause weiter in die Pedale und machten Kilometer um Kilometer weg. Als der nächste richtig steile Aufstieg überwunden war, erreichten wir abends um 18 Uhr Paterna de Rivera am Hang. Hinter Medina-Sindonia in ca. 12 Kilometer sollte es einige Spots geben. Hiervor stellte sich uns jedoch noch einmal der Anstieg des Tages in den Weg: Nach Medina-Sidonia wollte ein extrem steiler Hang mit 250 Höhenmetern überwunden werden, auf welchem der Ort lag.

Ich fragte meine Kollegen, was noch im Köcher ist. „Let’s go!“, war der einhellige Tenor der Mitfahrer, die nun doch noch einmal die zweite Luft bekommen haben, mit dem Zusatz: „Für dich ist es doch am wenigsten ein Problem – baller ruhig vor und schick uns den Standpunkt wenn du einen Spot hast, dann können wir entspannt machen.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und pedalierte los, der Hang ging gemächlich los und steigerte sich zu stellenweise Rampen nahe der 15 Prozent, wo man wirklich zu kämpfen hatte – aber ich hatte auch meinen Spaß. Immer weiter nach oben. Je näher an dem Bergdorf, desto steiler. Der Weg wollte sich gar nicht mehr zurücklehnen. Auch im Dorf angekommen lehnte sich das Gelände durch die Gassen nicht mehr zurück. Erst hinter der Ortschaft war schließlich die Passhöhe nach über 250 Höhenmetern erreicht, mit stellenweise atemberaubend schönen Abendstimmungen von dem Örtchen. Die ein oder andere Fotopause musste doch eingelegt werden.

Traumhafte Abendstimmung im Bergort Medina-Sidonia.
Rückblick auf das sehr windige Tal. Kein Wunder, warum hier überall Windräder stehen.

Anschließend wartete eine atemberaubende Abfahrt auf der anderen Seite. Als ich auf halber Höhe einen Picknickplatz auf der linken Seite wahrgenommen habe, wurde jedoch ganz schnell die Vollbremsung eingelegt, dass die Reifen schier durchdrehten. Ein paar Spaziergänger mit Hund waren ebenfalls hier, der Weg führte jedoch weiter hinein, weg von der Straße. Ganz hinten versteckt waren ebenfalls Picknicktische. Und für eine Nacht wird uns hier keiner erwischen – die Sonne ging bereits unter – mit Aussicht aufs Tal von hier oben.

Schöner Campingspot.

„Bingo!“, dachte ich mir und schickte den Standpunkt an Christel mit kurzer Beschreibung. Die beiden Mitfahrer kamen schließlich knapp eine halbe Stunde später im letzten Licht an und waren heilfroh, nicht mehr selber suchen zu müssen – so kann man Teamwork dann eben auch verstehen, der Vorausfahrer muss nicht immer zwingend egoistisch handeln 😉

Knapp 70 Kilometer waren es nun noch bis Tarifa. Voller Vorfreude wurden ein vermeintlich letztes Mal die Nudeln mit Pesto ausgepackt, ein paar Telefonate mit Freunden geführt, ehe das im EU-Ausland sehr kostspielig wird. Dann fielen jedoch alsbald die Augen zu – morgen will man topfit sein und das Kapitel Europa schnell abschließen!

Es fühlte sich am nächsten Morgen dann tatsächlich sehr aufregend an – heute kehren wir Europa den Rücken! Sogar Jannick verließ früh hellwach sein Zelt…na ja, hellwach ist relativ 😉 Noch im Dunkeln wurde gefrühstückt, um dann um kurz nach 9 Uhr aufzubrechen.

Der vermeintlich letzte europäische Sonnenaufgang.

Ich machte mir etwas Sorgen am Vorabend, da der Wetterbericht für die Region um Tarifa einen stürmischen Wind aus Ost vorhersagte. Das erste Stück führte uns jedoch relativ flach in Richtung Süden, wobei man noch relativ entspannt die ersten 20 Kilometer dahinrollen konnte, ehe in Vejer de la Frontera nochmal eine Rast eingelegt wurde.

Anschließend bog der Weg nach Osten ab und der Fight gegen den Endgegner namens Wind begann, 50 lange Kilometer.

So manche Böenwalze blies einen fast in den Straßengraben, ja selbst bei Abfahrt waren nicht mehr als 15 Km/h drin. Da war einem fast ein kurzer Aufstieg lieber, da man hierbei aufgrund des Hügels etwas windgeschützt war.

Ich fuhr voran, wollte dem Endgegner trotzig die Stirn bieten und ihn so schnell wie möglich in die Schranken weisen, pedalierte eisern gegen die Naturgewalten an. Pause wird im Burger King von Tarifa gemacht, so sagte ich mir. Kurze gegenwindfreie Passagen von maximal fünf Minuten waren ein wahrer Segen. Mit immerhin noch 12 bis 13 Km/h Durchschnittstempo dackelte man dahin.

Diese 11 Kilometer musste man sich extrem hart erarbeiten.

Nach kurzer Abschwächung legte der Gegenwind auf den letzten 10 Kilometern vor Tarifa noch einmal so richtig los, das Ziel bereits greifbar nahe. Es war ein wahrer Fight. Komplett ausgelaugt nach 70 Kilometern wurde schließlich um 16 Uhr der Burger King erreicht, drei Kilometer von der Fähre entfernt. Die Frage nun: Wann trudeln die anderen beiden ein? Welche Fähre nehmen wir?

Erwartungsgemäß dauerte es ein Weilchen. Da ich diese Tortur einfach hinter mich bringen wollte und deshalb ohne Pause durchfuhr, wartete ich über eine Stunde auf Christel. Immerhin wertvolle Zeit, um zwei Burger zu verdrücken und die Powerbanks aufzuladen bzw. sich von den Strapazen zu erholen, im Prinzip hätte ich mich auch einfach auf den Boden legen und schlafen können. Bis Jannick eintrudelte, der mal wieder die Ruhe in Person war und ohne mentale Probleme im Kriechtempo gegen den Wind antreten konnte, war es 18 Uhr.

Die Fähre um 19 Uhr wäre noch möglich gewesen, doch dann wären wir im Dunkeln drüben in Tanger angekommen – ohne Unterkunft. Schnell waren wir uns einig, dass das so keinen Sinn macht. Wir beschlossen, den Kontinentwechsel zu vertagen. Stattdessen wurde ein letzter Lidlbesuch in Tarifa eingelegt, um noch einmal Snacks zu holen.

Anschließend wurde ein versteckter Platz am Strand von Tarifa gesucht. Hierfür durften wir noch einmal drei Kilometer zurück fahren zu einem Waldabschnitt am Strand, der sich hierfür perfekt eignete. Hierfür musste man so gut wie gar nicht treten. Hach – wie schön kann eigentlich Rückenwind beim Radeln sein?!?! In Europa durften wir diese Erfahrung leider nur sehr selten machen…

Der nun wirklich letzte Sonnenuntergang auf europäischem Boden.

Hinterlasse einen Kommentar