22. Oktober 2024, 19:45 Uhr – nachdem wir uns vom Wind zurück zum Waldgebiet am Strand von Tarifa schieben ließen, tauchten wir in selbigen tief ein, um unser Lager aufzuschlagen.
Nanu, was ist denn das?! Noch ein Zelt hier, mit Fahrrad nebendran?! Hat es hier zufällig noch einen anderen Radreisenden zum Wildcampen hin verschlagen?! Tatsächlich, es ist Laurin aus der Schweiz. Er ist ebenfalls seit knapp zwei Monaten unterwegs, radelte von seiner Heimat aus einmal durch Frankreich gen Westen, um über die Pyrenäen und das Baskenland die portugiesische Atlantikküste zu erreichen. Seitdem fuhr er über Porto und Lissabon immer die Küste entlang bis Tarifa. Spannend! Und was für eine nette, zufällige Begegnung!
Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit und der Windgeschütztheit im Wald verzichteten Jannick und ich auf zeitfressenden Zeltaufbau und legten uns einfach auf unsere Isomatten mit Schlafsack. Als Schutz vor dem leicht piecksigen Boden dienten meine verschwitzten Klamotten – gewusst, wie! 😉

Da eine kurze Erfrischung aufgrund unseres verschwitzten Zustandes dringend nötig war, stürzten Jannick und ich uns im letzten Tageslicht noch einmal in die Fluten der Straße von Gibraltar. Es war fast dunkel und außerdem kannte uns hier eh niemand, weshalb wir uns einfach ohne Badehose die Klamotten vom Leibe rissen 😉

Bei den anschließenden Unterhaltungen mit Laurin am Abend musste ich am Abend jedoch relativ schnell passen, ich war einfach zu müde von dem Tag. Selten habe ich dementsprechend auch so gut unter freiem Himmel durchgeschlafen, ehe der Wecker um halb 8 klingelte in tiefster Dunkelheit.
Plan war, die Fähre um 10 Uhr zu erwischen, die Abfahrt war daher auf 8:45 Uhr angesetzt, eine halbe Stunde für die sechs Kilometer durch den Gegenwind eingeplant.
Dank des Verzichtes auf Zelt ging das Wiedereinpacken fix – man saß ja quasi eh noch auf gepackten Koffern. Da war sogar noch Zeit für Frühstück – eine wichtige Stärkung an diesem aufregenden Tag!
Wir verabschiedeten uns vor Abfahrt von Laurin. Er muss noch in Tarifa bleiben, da er seinen Reisepass daheim vergessen hat – sehr skurril, aber irgendwie auch menschlich, ein solches Versäumnis 😉 Seine Eltern haben ihm diesen runtergeschickt. Mal sehen – vielleicht sehen wir uns ja doch noch einmal in Marokko. Nummern waren auf jeden Fall mal ausgetauscht 😉
Nun ging es noch einmal lange 6 Kilometer bzw. eine halbe Stunde durch den quälenden Gegenwind, vorbei am Burger King über einen kleinen Gegenanstieg im doch hügeligen Tarifa rein in den Hafen. Man sollte bereits um halb 10 das Schiff boarden, sodass wir schnell unsere Tickets holten und auf die Fähre. Nur Jannick machte mal wieder in aller Seelenruhe noch Bilder vom Hafen. Wie gesagt: Seine Entspanntheit hätte ich mal gerne.
Zeitlich etwas knapp ging es sich aber doch noch aus nach dreimaligem Check des Reisepasses. Beim Boarding musste noch schnell das Visum ausgefüllt werden, ehe wir es uns an Board bequem machen durften. Jetzt hieß es also wirklich: Ciao Europa! Jetzt gibt es kein Zurück mehr! Für die kommenden ca. 12 Monate kehren wir unserem Heimatkontinent den Rücken! Insgesamt 5.253 Kilometer wurden seit Start in Flensburg auf diesem Kontinent zurückgelegt, mit 36.656 Höhenmetern laut der App „Strava“. 75 Tage war man auf dem Fahrrad unterwegs, mit den „Restdays“ war man 97 Tage unterwegs – was für ein bewegender Moment! Und jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer!
Aufgrund des stürmischen Windes und der aufgewühlten See wurde empfohlen, im Innenbereich sitzenzubleiben und nicht an Deck zu gehen. Wir ließen uns hiervon natürlich nicht belehren – dieser Moment muss dokumentiert werden, nachdem die Fähre um kurz nach 10 Uhr ablegte.

Mit Kaffee und Musik auf den Ohren verging die Stunde doch recht schnell, ehe wir um 11 Uhr in Tanger anlegten und das erste Mal afrikanischen Boden betraten. Nach Reisepass- und Zollkontrolle (gottseidank wollten sie unser Gepäck nicht durchsuchen, auf Abmontieren und Ausräumen der Taschen hätten wir maximal wenig Lust gehabt) verließen wir den Hafen.

Unser erster Stopp war die Medina von Tanger, um zu Essen sowie Geld und Internet zu holen (zumindest für die anderen beiden, dank meine eSIM-fähigen Handys war ich bereits versorgt).
Es glich in vielerlei Hinsicht einem wahren Kulturschock: Die engen Gassen, das rege Markttreiben in der Medina, das arabisch geprägte Flair. Und auch die günstigen Preise. Für nicht einmal vier Euro legten wir noch einmal in einem Café ein spätes Frühstück ein mit Kaffee und natürlich auch marokkanischem Tee. Süße Versuchungen wie Gebäck, Torte etc. lauerten auch, wobei ich natürlich bei den Preisen nicht widerstehen konnte.

Wir wechselten uns ab mit Aufpassen auf die Räder, Schlendern über die Marktgassen und Holen von SIM-Karten. Nachmittags schließlich brachen wir nach einem kurzen Besuch beim Decathlon von Tanger auf, um Richtung Tetouan zu fahren und hierbei ein schönes Plätzchen zum Wildcampen zu finden.
Habe ich bereits erwähnt, dass der Verkehr in Marokko durchaus heikel ist? Auf der großen Hauptstraße fühlte man sich im Verkehrschaos stadtauswärts durchaus unwohl. Insbesondere, wenn die Autos mit nicht mal einem halben Meter Seitenabstand an dir vorbeischießen. Immerhin gab es außerhalb der Stadt wieder einen breiten Seitenstreifen.
Der Ostwind blieb ebenfalls ruppig. Da wir nach Südosten fuhren, hatten wir ihn natürlich wieder im Gesicht. Dies verstärkte meinen müden Eindruck, dank des vergangenen Tages und der spannenden Zeit im Allgemeinen war ich sehr geschafft, einen Pausentag würde mir früher oder später gerade recht kommen. Meine Motivation, an diesem Nachmittag noch weit zu fahren, hielt sich in Grenzen.
Zudem brauchten meine Powerbanks langsam mal wieder Strom, nachdem wir seit dem letzten Campingplatz an der Algarve eigentlich ununterbrochen wildcampen.
Immerhin wurde relativ bald ein See auf der Landkarte in fünf Kilometern Entfernung ausgemacht, an welchem wir unser Lager aufschlagen wollten. Dieser lag in einer Senke. Es boten sich zahlreiche, aussichtsreiche Zeltplätze an. Das Problem: Der Wind blies in dieser freien Lage ohne Unterlass. An Zeltaufbau war so kaum zu denken. Über einen Trampelpfad schoben wir unsere Räder daher direkt ans Ufer, wo es windgeschützt war. Die Umgebung war im Sonnenuntergang zudem wunderschön – ein super Platz!

Gerade als wir unser Gepäck abbauten und die Zelte aufschlagen wollten, kam ein einheimischer Araber ums Eck. Wir dachten uns erst nichts dabei, meinten, er wollte nur mit uns quatschen. Dann jedoch der Schock: „C’est interdit!“, soviel habe ich noch wahrgenommen mit meinen Französischkenntnissen, ehe Christel, der arabischen Sprache mächtig, sich mit ihm austauschte.
Anscheinend machte er sich Sorgen um uns, da es bei diesem See wohl zu Ebbe und Flut kommt und wir wohl in der Nacht „abgesoffen“ wären. Im Gegenzug bot er uns an, auf dem Beet im Hinterhof seines Firmengeländes unsere Zelte aufzuschlagen. Was ein tolles Angebot, auch wenn man im ersten Moment natürlich genervt war.
Jannick merkte vorher bereits an: „Du hast ganz glasige Augen und siehst ziemlich fertig aus!“ Ja, ich war tot! Ich wollte mein Zelt aufschlagen, mich in meinen Schlafsack verkriechen und einfach bis zum nächsten Morgen meine verdammte Ruhe haben und mich erholen! Jetzt ist es 18:45 Uhr, die Sonne ist bereits hinter dem Horizont und wir müssen im letzten Abendlicht nun wieder alles aufs Fahrrad packen und in einem wahren Kraftakt unser Fahrrad nochmal die Böschung hochwuchten bis zur Straße über gute 50 Höhenmeter…in diesem Moment konnte ich in meiner Verfassung wahrhaft im Strahl k***! Immerhin konnte Jannick mit seiner Tiefenentspanntheit mich in dem Moment etwas beruhigen…
Aber es half alles nichts. Christel hatte das Glück, noch nicht ausgepackt zu haben. Der nette Herr half ihr beim Hochschieben des Rades und sie fuhr mit ihm gleich vor zu dem Hinterhof.
Jannick und ich halfen uns gegenseitig, um die schweren Räder bei den steilen Stellen irgendwie hochzubekommen, ehe die Hauptstraße wieder erreicht war. Nach einem Kilometer in der Dunkelheit war das Ziel dann erreicht.
Auch hier im Hof zog es brutal, der Zeltaufbau war eine Herausforderung. Gottseidank hatte ich zwei fitte Begleitungen, die an diesem Abend das „Socialisen“ mit dem Herren übernehmen konnten. Ich verkroch mich in mein Zelt und wollte bis zum nächsten Morgen nichts mehr hören. Die Sturmböen, die mein Zelt durchrüttelten, waren mir mehr als genug „Action“. Über Nacht wurden hiervon sogar zwei meiner Heringe aus dem lockeren Boden gerissen.
In der Früh erfuhr ich, dass bei dem Zusammenhocken mit dem „Local“ anscheinend auch die für die Gegend um das Rif-Gebirge typische Droge konsumiert wurde. Na ja – da wäre ich eh raus gewesen! Außerdem gab es im Innenhof wohl eine Lademöglichkeit in Form einer Steckdose. Na super – jetzt ist es eh zu spät…
Immerhin war ich ausgeschlafen und wieder bereit für den Tag, der insgesamt langsam gestartet wurde. Ziel war die Stadt Tetouan, um hier die Medina (Altstadt) zu besichtigen und anschließend am späten Nachmittag wieder südwärts rauszufahren Richtung Chefchaouen und nach einem Schlafplatz zu suchen.
Eine gute Nachricht gab es noch: Laurin hat wohl am gestrigen Tag seinen Reisepass bekommen und ist am Abend noch nach Tanger übergesetzt, um in einem Hostel zu schlafen. Er wird uns wohl heute einholen können, sodass ein schnelles Wiedersehen möglich war.
So ließen wir uns extra etwas Zeit in der Früh und verabschiedeten uns gebührend vom Gastgeber, ehe wir uns wieder auf die vielbefahrene Straße Richtung Tetouan machten. Hier bekamen wir bald ein Gespür dafür, warum Marokko seinen Ruf als so bergiges Land hat: Eine Passstraße führte von unter 100 Meter hoch auf fast 370 Meter Höhe in zahlreichen Serpentinen. Hinzu kam, dass der Ostwind immer noch ruppig war. In einer Kehre mit Seitenwind erfasste mich eine Böenstaffel, die mich tatsächlich in den Straßengraben drückte. Ich konnte mich gottseidank auf den Beinen halten, doch das Fahrrad mitsamt Gepäck kippte schön um…größeres ist gottseidank nicht passiert und nach kurzem Schütteln konnte die Bergfahrt fortgesetzt werden.
Kurz vor Passhöhe trafen wir auf Laurin, der uns seit der Früh eisern hinterher pedalierte und nun aufgeschlossen hat – auch kein Wunder bei seinem Rennrad und dem leichten, minimalistischen Setup mit lediglich zwei hinteren Gepäckträgertaschen. Was ein schönes Wiedersehen!
Gemeinsam setzten wir voller Vorfreude auf die Abfahrt Richtung Tetouan die Reise fort. Doch der Gegenwind aus Ost machte uns einen Strich durch die Rechnung: Trotz Gefälle waren nicht viel mehr als 10 Km/h drin – innerlich war man schon wieder am Fluchen!

Wir quälten uns 10 Kilometer durch den Gegenwind in die Stadt, wo doch sehr reges Treiben herrschte in dichtem Verkehr. Als Radfahrer fühlte man sich insgesamt auf der großen Straße nur so semi sicher…außerdem haben wir direkt etwas über die Autofahrer in Marokko gelernt: Mehrmaliges, kurzes Hupen bedeutet Grüßen, ein einmaliges, langes Hupen bedeutet: „Aus dem Weg, ich schneide dich gleich und fahre 30 Zentimeter knapp an dir vorbei!“
Nach einem kurzen Anstieg begleitet von wilden Autofahrern war die Medina erreicht in Form von einer sehr langen engen Marktgasse. Touristen bzw. Europäer befanden sich hier kaum, man tauchte komplett in das traditionelle Marokko ein. Zwei Stunden „Essenspause“ wurden nun veranschlagt.
Nun wurde sich einmal durch den Markt „gefressen“. Von Kaffee-Nuss-Torte über ein Kilogramm Trockenfeigen für 3 Euro als Snack für die weiteren Tage (na ja – am nächsten Tag war es weg) oder Datteln, diverses Brot, Mandeln…die Liste unserer Verköstigungen könnte man so ewig weiter führen…das Abendessen konnte man auf jeden Fall getrost ausfallen lassen 😉


Nachdem zwei Personen aus unserer Viergruppe noch Besorgungen abseits kulinarischer Highlights unternommen haben (ich distanziere mich davon 😉), war es auch schon 17 Uhr und wir machten uns wieder auf den Weg raus aus Tetouan, über die nun gottseidank nicht mehr so überfüllte Straße, um gen Süden den Weg in Richtung der „blauen Stadt“ Chefchaouen einzuschlagen.
Nun dank nordwestlicher Windkomponente mit leichtem Rückenwind – herrlich, wenn man mit Rückenwind den Anstieg geradezu hochgeschoben wird und die Höhenmeter, die bereits außerhalb von Tetouan begonnen haben, nun gar nicht wirklich spürbar waren. Die Höhenmeter werden im nächsten Blog das Hauptthema darstellen.

Die Landschaft war nun geprägt von den Felsmassiven des bereits beginnenden Rif-Gebirges, einzelnen Berbersdörfern – und Waldstücken.
Ein solches nutzten wir zehn Kilometer südlich von Tetouan, um unser Lager aufzuschlagen. Der Wald war ziemlich vermüllt, doch das ist hier nach dem ersten Eindruck leider als normal zu deklarieren. Die Straßenränder waren ausnahmslos gepflastert von weggeworfenen Plastikverpackungen…wobei das auch auf der iberischen Halbinsel ein nicht zu verachtendes Problem darstellte.
An dieser Stelle möchte ich gerne einmal dem heimischen DACH-Raum ein Kompliment aussprechen für das im Vergleich doch super Abfallmanagement!
Wir akzeptierten, dass man hier eben mit vermüllten Waldflächen leben muss und ließen uns an einem vergleichsweise „sauberen“ Fleck nieder. Spaziergänger kamen auch am Abend regelmäßig unserem Lager noch bedrohlich nahe, doch Interesse zeigte an uns gottseidank niemand, sodass wir in der Ruhe des Waldes bei milden Temperaturen noch entspannt ein Feuer machten und zu viert über verschiedene Dinge wie eben das Abfallproblem in Afrika philosophierten (ich gesellte mich später dazu, weil ich mit dem Pflegen dieses Blogs noch hinterher kommen musste 😉).
Als wir uns schließlich der Erholung widmeten, bevorzugte lediglich ich mein Zelt – ich war nicht in der Stimmung für anderweitige Übernachtungen. Jannick und Laurin nutzten die milde und im Wald windgeschützte Nacht, um unter dem afrikanischen Sternenhimmel zu schlafen, während Christel in ihrer im Decathlon erworbenen Hängematte ins Land der Träume abtauchte.
Als Fazit dieser Tage lässt sich außerdem festhalten, dass es immer wieder erstaunlich ist, wie man durch Zufall doch Gleichgesinnte kennenlernt und mit diesen gemeinsam weiterfährt – jetzt waren wir auf einmal zu viert unterwegs mit durchaus spannenden Charakteren, die auch den nächsten Blogbeitrag noch wesentlich prägen werden 😉
Auch ich war durch die Geselligkeit des Tages wieder hergestellt und gut drauf. Dennoch hatte ich nichts gegen einen Tag Pause, der im nächsten Ort Chefchaouen wartete. Dieser Pausentag musste sich allerdings hart erarbeitet werden…
Ich bitte außerdem zu entschuldigen, dass dieser Beitrag im Vergleich sehr arm am Bildern ist, doch auch ich war an diesen ersten beiden Tagen übermannt von dem „Kulturschock“ und den vielen neuen Eindrücken – wir hatten immerhin nicht weniger als einen Kontinentwechsel hinter uns. So hatte ich mehr mit mir selber zutun und vergaß mehr oder weniger, Bilder zu machen – insbesondere am Tag der Überfahrt. Die ersten eineinhalb Tage und knapp 90 Kilometer auf dem neuen Kontinent – sie waren zwei sehr intensive Tage!


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