Abschied vom Gebirge

Es glich ein bisschen einer Abschiedstournee, als wir uns vom Übernachtungsplatz im Wald auf den Weg ins 20 Kilometer entfernte Khenifra machten. Diese Tournee wurde ganz klassisch mit einer 20 Kilometer langen Abfahrt eingeläutet. Lag der Schlafplatz noch auf fast 1.100 Metern Höhe (die Nacht war dafür entgegen etwaiger Befürchtungen verblüffend mild), so fand man sich in Khenifra auf nur noch 800 Metern Höhe wieder.

Nach 20 Kilometern Rollen legten wir in Khenifra bei verlockenden Preisen ein zweites Frühstück ein. Ärgerlich war einzig, dass der Betreiber ohne Mitarbeiter den Laden am Laufen hielt und obendrein meine Bestellung vergaß, weshalb wir einiges an Zeit verloren.

Da die anderen beiden schon fertig waren, fuhren diese vor und wir einigten uns auf ein späteres Wiedersehen. Aus „später“ wurden letztlich 15 Minuten, da nochmal Halt an einem der seltenen Carrefour-Supermärkte gemacht wurde, wo wir uns dann wiedertrafen.

Anschließend fuhr ich wieder vor, da Jannick und Christel sich noch den Ort anschauen wollten. Mir reichte ein Eindruck bei der Durchfahrt von dem Ort, allgemein hege ich bei dieser Thematik eine sehr pragmatische Einstellung: Ich fahre (sofern alles planmäßig verläuft) noch ca. 15.000 weitere Kilometer durch Afrika, werde hierbei überfrachtet mit Eindrücken. Da brauche muss ich mir jetzt nicht jeden kleineren Ort auf Herz und Nieren anschauen, außerdem wollte ich – wie so oft – in dem Moment einfach rollen 🚲.

Da es hinter Khenifra auf der eingeschlagenen Route wieder etwas bergauf ging, erhaschte ich immerhin noch einen eindrucksvollen Rückblick auf Khenifra in Tallage inmitten von Bergen.

Rückblick auf Khenifra.

Landschaftlich sollte sich der weitere Routenverlauf als echtes Highlight darstellen. Sie konnte als wahre Panoramastraße beschrieben werden mit immer wieder herausragenden Blicken in die umliegenden Berge sowie Tiefblicken auf die nächstniedrige Geländeebene, in welche man am Ende abfahren sollte. Die Straße schlängelte sich in stetem Auf und Ab durch die Landschaft, einer kurzen Abfahrt folgte ein kurzer, aber knackiger Anstieg, bevor es wieder runterging, usw.

Eine tolle Kulisse.

Diese Streckenführung erinnerte mich fast an die Panoramastraße von meinem Heimatdorf Bernbeuren in den Nachbarort Stötten, immer an der Südseite des Auerbergs entlang (nicht ortskundige Leser können gerne mal in Google Maps schauen oder sich beim nächsten Allgäubesuch ein eigenes Bild machen 😉). Na gut – ansonsten hinkt der Vergleich natürlich etwas: Die karge, halbwüstenartige Landschaft unterscheidet sich natürlich grundsätzlich von jener im Alpenvorland.

Steile Abfahrt.

Ich genoss die traumhaften Ausblicke jedenfalls in vollen Zügen, ehe nach der Abfahrt zur nächsten Geländestufe sogar ein Flusstal inmitten dieser kargen Gegend durchfahren wurde – mal wieder so eine Überraschung aus dem Nichts.

Auf einmal ein Fluss inmitten der kargen Landschaft.

Die abwechslungsreiche Strecke mit einem kleinen Trail als Abschluss wurde schließlich beendet durch die Wiedereinfahrt auf die Hauptstraße. Komoot hatte diese Streckenführung vorgeschlagen – hier konnte ich ausnahmsweise mal wieder Lobeshymnen auf diese App singen.

Zurück auf der Hauptstraße kannte der Weg nur eine Richtung: Kurs Beni-Mellal, die nächstgrößere Stadt! Zuvor wartete jedoch noch ein weiteres Highlight: Als man durch die halbwüstenartige Landschaft fuhr, öffnete sich an einer Steilstufe der Blick auf den Stausee, der durch den Oum Er’rabi River gespeist wird. So viel Wasser inmitten dieser trockenen, kargen Landschaft – ein spektakulärer Anblick!

Der Stausee.

Alsbald machte ich nach mittlerweile 65 gefahrenen Kilometern und doch einigen Höhenmetern durch dieses wellige Gelände wieder auf, um einen Schlafplatz zu finden. Es sollte sich jedoch diesmal äußerst schwierig gestalten: Die Flächen links und rechts der Straße waren von Privatbesitz dominiert. Nach einiger Suche fand ich schließlich rechts der Straße einen Abzweig in ein dichtes Gebiet voller Olivenhaine. Der Boden war voll mit Geröll und eher ungeeignet. Die Fläche war natürlich auch privat. Egal, dachte ich mir in dem Moment – einfach tief genug reingehen dann passt das schon bis morgen früh.

Irgendwie fühlte ich mich jedoch unwohl auf dem Privatgelände. Ich entdeckte, dass es ein paar Geländestufen unterhalb der Hauptstraße noch eine ebene Fläche gab, die nicht zum Privatgelände zählte. Von hier konnte man einen zwar von der Hauptstraße aus sehen, aber das muss einem in dem Moment einfach egal sein – ich entschied mich für den Last-Minute-Umzug und sendete den Kollegen meinen Standort. Im Nachhinein war ich froh, dass diese Nachricht noch irgendwie durchging. In diesem abgelegenen Gelände zwischen den Ortschaften kam mein Handyempfang nämlich erstmals in Marokko an seine Grenzen, im Prinzip war ich bis zum nächsten Tag ohne Empfang. Der geplante Blogbeitrag musste so natürlich auch noch einen Tag warten 😉

Dementsprechend bestand der Abend dann nur aus Essen, etwas Musik hören und früh schlafen. Am nächsten Tag sollte es nach Beni-Mellal gehen, als Ausgangspunkt für die Anfahrt des nächsten geplanten Highlights: Der berühmten Ouzoud-Wasserfälle!

Da ich wieder früher abfahrbereit war als die anderen und auch Interesse an erneutem Internetempfang hatte, fuhr ich vor in den nächsten Ort zwei Kilometer weiter, um ein Café zum Frühstücken zu scouten. Nach einiger Zeit trudelten die Mitfahrer am auserkorenen Ort ein, bei marokkanischem Msemen, Kaffee und Tee wurden nach dem Müsli in der Früh nochmal ausgiebig genossen, ehe der Weg nach Beni Mellal fortgesetzt wurde.

Als ich nach einigen Kilometern auf Christel und Jannick wartete, hatten diese mittlerweile Gesellschaft bekommen: Sie haben Leon am Straßenrand getroffen, der in diesem Moment den ersten Platten seiner Tour repariert hatte. Da er ebenfalls auf dem Weg nach Beni Mellal und anschließend Ouzoud war, mutierten wir spontan zur Vierergruppe.

Leon nimmt aktuell eine Auszeit bis zum nächsten Frühjahr und – wie der Zufall es so will – ist er ebenfalls auf dem Weg, die Westküste entlang Richtung Süden zu fahren. Wer weiß – vielleicht sind wir die nächsten Monate weitestgehend zu Dritt unterwegs.

Heute ging es erst einmal mit einer langen Abfahrt wiederum eine Geländestufe nach unten auf nur noch ca. 500 Meter Seehöhe, das Gebirge lag aber immernoch unmittelbar südlich neben uns.

Nach der Abfahrt wurde im nächsten Ort eine kurze Marktpause eingelegt – mit wiedermal sehr energischen Verkäufern, denen man sehr hartnäckig klarmachen musste, dass man aktuell nichts bräuchte und versorgt sei.

Kurios war hierbei der Zwischenfall, als ein Verkäufer nicht von Leon abließ, ehe er ihm letztendlich einfach ca. 30 Bananen schenkte. Eine großartige Geste – aber wie unterbringen im Gepäck?! Wir inhalierten direkt die ein oder andere Frucht, ehe der Rest aufgeteilt und daher irgendwie untergebracht werden konnte.

Anschließend teilten wir uns auf: Leon und ich fuhren die direktere Variante mit einigen Höhenmetern im welligen Gelände, Jannick und Christel die etwas längere, aber dafür flachere Variante über die Hauptstraße.

Bei einer Fotopause vor imposanter Bergkulisse wurden auf halber Strecke  wiedermal schnell Kinder auf uns aufmerksam, die Geld wollten. Aus in vorherigen Blogs bereits genannten Gründen mussten wir ablehnen.

Fotopause.

Auf den letzten Kilometern genossen wir eine schöne Abfahrt direkt ins Zentrum von Beni Mellal. Leon wollte hier noch eine Burg besichtigen, ich fuhr einmal durch den Souk von Beni Mellal zu einem Imbiss, wo ich wieder auf die anderen beiden traf. Nebenbei wurde sich noch mit Brot eingedeckt.

Die Medina von Beni-Mellal.

Im Imbiss genossen wir noch einmal eine Nachmittagspause mit vorzüglichem Fisch-Sandwich. Jannick und Christel wollten anschließend noch einmal den Markt besichtigen, während ich mich durch den etwas chaotischen Verkehr wieder stadtauswärts aufmachte, um einen Schlafplatz zu finden.

Immer leicht bergab machte man nochmal einige Kilometer, die Suche gestaltete sich jedoch wiedermal schwierig: Nur Privatgelände oder wenn mal ein Waldstück da war, so war dieses abgezäunt – zum Haareraufen! Und die Uhr tickte!

Schließlich scoutete ich eine Fläche voller Olivenhaine mit angrenzenden Felden, wo noch Arbeiten durchgeführt wurden. Ich verkroch mich in maximaler Distanz zu den Feldern inmitten des Labyrinths der Olivenhaine. Das sollte doch jetzt für den Notfall passen! Ich schickte den anderen meinen Standort.

Langsam brach die Dunkelheit herein, und ich musste einmal vorkommen zur Hauptstraße, um den Kollegen den Weg zu meinem Versteck zu weisen. Schließlich wurden in unmittelbarer Nähe später noch einmal Feldarbeiten durchgeführt, in Marokko ticken die Uhren wohl doch manchmal anders – wir schalteten alle unsere Lichtquellen aus, während wir noch abends unter den Olivenhainen saßen und uns unterhielten.

Schließlich ging es ins Zelt, um schnell zu regenerieren: Es waren 60 Kilometer bis zum Ziel der Ouzoud Wasserfälle – mit über 1.400 Höhenmetern! Da der Ort zwischen den Bergketten lag, mussten wir nochmal in den mittleren Atlas rein und gleich zwei Bergpässe überqueren. Der gebuchten Unterkunft in Ouzoud habe ich vorsichtshalber mal geschrieben, dass wir uns offen halten möchten, ob wir bereits heute oder doch morgen ankommen – das war gottseidank ohne Probleme möglich.

Natürlich packte mich jedoch in der Früh mein unerschöpflicher sportlicher Ehrgeiz, das Ding in einem zu wuppen. Dementsprechend wollte ich früh los, was das Konfliktpotenzial unweigerlich erhöhte. Es bildeten sich zwei Gruppen: Leon und ich, die früh die Höhenmeter in Angriff nehmen wollten, und Christel und Jannick, die es gemütlicher angehen wollten.

So entschieden Leon und ich uns, vorzufahren. Bei Ausfahrt aus dem Versteck trafen wir die Besitzer an: „Vous avez dormi ici?“ „Oui. Est-ce que c’est un problem?“ „Bien-sûr no! Vous êtes bienvenue! Nous pouvons changer les numéros telephones si vous voulez repartir ou vous avez un problem avec le vélo!“ Was für nette Menschen, was für eine nette Geste, uns eine Rückkehr anzubieten. Nur blöd, dass wir ja One-Way unterwegs sind und nicht zurückkehren werden. Ich würde gerne mal in Deutschland die Reaktion der Landbesitzer in dieser Situation sehen 😉

Nach dem kurzen Gespräch starteten wir durch, nach wenigen Kilometern im Flachen kam der Abzweig nach links in die Berge, die Höhenmeter gingen wieder los und hiermit eine der bisher krassesten Etappen – sowohl in Bezug auf Anstrengung, als auch Landschaft.

Der Weg zog nach einigen Metern angenehmer Steigung bis zu einem Dorf am Rande der Bergkette ordentlich an, schnell gewannen wir an Höhe, garniert mit einem super Ausblick auf die Tiefebene auf ca. 400 Metern Höhe, von der wir herkommen. Es war heiß, die Sonne brannte unermüdlich und brachte uns zum Schwitzen wie lange nicht mehr.

Trotz Anstrengung: Immer das Lachen bewahren!
Schöner Rückblick.

An einer steilen Passage gesellten sich noch Fahrradprobleme dazu: Es trat sich sehr schwer, ich war kurz vor dem Schieben. Der Grund: Das Fahrrad ließ sich nicht in den in diesem Gelände überlebenswichtigen 1. Gang schalten. Bereits die Tage vorher zeigte sich meine Schaltung launisch, die Gänge wollten immer wieder nicht geschmeidig ineinander übergleiten. Egal, wie oft ich über die Schraube am Lenker die Einstellung versuchte, zu optimieren.

Schließlich sprang die Kette komplett ab. Gottseidank war es in diesem Moment nicht so steil und eine Haltebucht nebenan. Wir hielten an und überprüften die Kette. Was ist das?! Ein Kettenglied war bereits böse verkantet – das hätte nicht mehr lange gedauert bis zum Riss. Die erste richtige Panne dieser Tour – und das ist kein platter Reifen! Durchaus bemerkenswert…

Eigentlich wollte ich mich in Marrakesch einmal um die Wartung des Bikes kümmern. Nun ist dieser Ernstfall schon früher eingetreten. Die Kette muss gewechselt werden – danke an meinen Kumpel Andreas in diesem Sinne für das überlebenswichtige Multi-Tool mit Kettennieter. Und natürlich an Radsport Zacherl und Müller für die Ersatzteile! Ohne euch wäre ich in diesem Moment aufgeschmissen gewesen!

Am Kette nieten.

Und natürlich danke an Leon für die tatkräftige Hilfe beim Kettenwechsel und der Neueinstellung der Schaltung. Lediglich einmal mussten wir Dr. Google befragen, als das Kettenschloss nach Schließen der Kette nicht einrasten wollte. Die Lösung: Einmal mit Hass bei angezogener Bremse in die Pedale treten. Gewalt ist eben doch manchmal eine Lösung 😉

Da muss Hass rein!!

Ganz geschmeidig wollte die Schaltung zwar immer noch nicht laufen, aber zumindest ging das Runterschalten in die kleinen Gänge nach Anpassung von S- und L-Schraube wieder ohne Probleme. Und das war bei dieser Etappe wohl das Wichtigste, denn anschließend warteten weitere sehr steile Anstiege deutlich jenseits der 10 Prozent. In den geraden Passagen fuhren wir in Momenten ohne Verkehr Serpentinen auf der Straße, um diesen Anstieg gut bewältigen zu können.

Beim Kontrollieren der S- und L-Schrauben.

Zwischendurch wurden bei einem Wasserspender die heute doch dringend benötigten Vorräte wieder aufgefüllt. Bald waren die über 800 Höhenmeter des ersten Passes schließlich absolviert, belohnt mit überragendem Blick ins Tal sowie in die schneebedeckten Gipfel des hohen Atlas im Süden – Wahnsinn! Wie passend, dass hier ein kleiner Stand mit Kaffee und Gebäck betrieben wurde, der sich für Mittagspause anbietet.

Endlich oben!
Hinten zeigt sich der hohe Atlas.
Da unten geht’s wieder runter!

Vor lauter Reparatur und Bergauffahrerei checkte ich erst jetzt mein Handy: Jannick schrieb mir, dass es ihm nicht so gut ginge und er eventuell die Etappe nicht an einem Tag schaffen würde. Im Moment des Lesens war mein Empathievermögen für Jannick sicherlich begrenzt, mein Kopf drehte sich nur um diese landschaftlich super schöne Etappe und die spaßige Fahrt mit Leon. Und er ist ja bestimmt mit Christel unterwegs – sollen sie halt nochmal irgendwo bei den unzähligen Gelegenheiten auf dem Weg ihr Zelt aufschlagen und morgen früh nachkommen, so mein Gedanke – das kann man mit Sicherheit auch mit der Unterkunft abklären.

Ich dachte mir nichts weiter und gab das auch so an Jannick weiter. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, diese Etappe heute mit Leon durchzubringen. Mein Sturkopf und auch Ehrgeiz bei solch herausfordernden Etappen lassen mich eventuell manchmal leicht zum Kameradenschwein mutieren, das keine Rücksicht auf Schwächere nimmt – insbesondere, wenn er ja anscheinend auch nicht allein ist und daher doch alles halb so wild sein müsste.

Gedankenlos setzte ich die Etappe mit Leon fort in Form einer Abfahrt von über 1.200 Metern wieder auf fast 800 Meter Höhe, die entsprechendem Tempo jedoch im Vergleich zum vorherigen Aufstieg viel zu schnell vorbei war.

Anschließend ging es mehr oder weniger eben in ein kleines Dorf, wo Leon und ich nochmals eine Einkaufspause am Markt einlegten. Lange wollten wir uns hiermit jedoch nicht aufhalten – die Verpflegung wird im touristischen Ouzoud sicher auch vorhanden sein, und ein Pass liegt ja noch vor uns.

Vorher gab es nochmals eine flachere, aber dafür auch längere Abfahrt wieder runter auf 600 Höhenmeter, ehe bereits 16 Kilometer vor dem Ziel der zweite große Anstieg begann. Wir fuhren im Prinzip immer links einer eindrucksvollen, felsigen Schlucht entlang wieder nach oben. Durchaus spektakuläre schlängelte sich die Straße in zahlreichen Serpentinen wieder nach oben. Der Anstieg war beileibe nicht mehr so fordernd wie der erste, mit nur noch um die knapp 10 Prozent in steileren Passagen ließ es sich gut hochtreten.

Leon: „Wer braucht da schon den Grand Canyon?!“
Neben der Schlucht schlängelt sich die Straße wieder den Hang hoch.
Die Schlucht von oben.
Rückblick auf die Schlucht.

In weniger als einer Stunde waren die 450 Höhenmeter in spektakulärer Landschaft absolviert, und wir befanden uns wieder auf über 1.000 Höhenmetern. Jedoch nur kurz, denn nach einigen letzten Gegenanstiegen auf der Straße entlang der Felswände gab es als Finale dieser Highlighttour nochmal eine 200 Höhenmeter lange Abfahrt nach Ouzoud auf ca. 800 Metern Seehöhe – mitten in den Bergen.

Hitze, Höhenmeter, spektakuläre Landschaften – durchaus eine Tour der Superlative! Was ein intensiver Tag! Garniert mit einer Stunde Zwangspause dank Fahrradpanne!

Da es die anderen beiden nicht an einem Tag schaffen sollten, buchte ich Leon spontan in die Unterkunft ein – dann muss er sich nach diesem fordernden Tag nicht noch einen Ort zum Wildcampen suchen. Erwartungsgemäß war auch die spätere Ankunft der beiden Kollegen für die Betreiber der Unterkunft kein Problem.

Es war bereits nach 17 Uhr, als wir ankamen. Bis halb 7 war es noch hell. Unsere Gastgeberin wies uns einen schnellen Weg zu den begehrten Wasserfällen, sodass wir nach Check-in alles stehen und liegen ließen und noch einmal loszogen. In wenigen Minuten waren wir drüben, nach etwas Verwirrung fanden wir auch die Treppen runter zum Wasserfallbecken.

Ganz alleine waren wir hier auch nicht.
Erster Blick auf das Objekt der Begierde.

Hier unten sind zahlreiche Boote verortet, mit denen für Touristen kleine Spazierfahrten um den Wasserfall angeboten werden. Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit war hier jedoch nichts mehr los, sodass wir den Wasserfall mehr oder weniger für uns hatten – Schwimmen war mehr als verlockend.

Das Wasser war jedoch sehr bräunlich und trüb, verursacht durch den aufgewirbelten Schlamm aufgrund der Wucht, mit der das herunterfallende Wasser hier aufprallt. Leon war skeptisch, bevor ich ohne viel Zögern nur mein Shirt und die Socken von mir riss und ins gebirgskühle Nass einstieg – wir haben hierfür soviele Höhenmeter zurückgelegt, das wird jetzt auch ausgekostet!

Eine schöne Erfrischung!

Bald folgte Leon und wir genossen eine ausgiebige Erfrischung, bevor wir im Dunkeln wieder zum Apartment zurückkehrten.

Der Erfrischung folgte die Dusche, ehe wir uns aufmachten, um in dem zu dieser Jahreszeit eher stillen Örtchen zu Abend zu essen. Der Hunger wurde mittlerweile immer stärker, was richtiges haben wir ja heute noch nicht so wirklich gegessen bis auf ein kleines Frühstück. Nach einem Tajine Poulet wurde der Tag relativ schnell beendet, da die Müdigkeit nun nicht mehr wegzudiskutieren war.

Am nächsten Morgen sollte Leon nach gemeinsamem Frühstück auch relativ schnell wieder aufbrechen Richtung Marrakesch. Wir verblieben mit der Abmachung eines Wiedersehens im Ort Guelmin am Fuße der Sahara um den 26. November herum, ehe das nächste große Abenteuerkapitel dann so richtig starten sollte.

Ich wartete derweil auf die anderen beiden und erholte mich. Das Apartment mit seinem großzügigen Garten eignete sich hierfür geradezu perfekt, sodass ich „einfach mal die Seele baumeln ließ“.

Mittags trafen die anderen beiden dann auch ein. Jannick war aufgrund meines im Nachhinein rücksichtslosen Verhaltens vom Vortag alles andere als begeistert, dennoch war es mit dem Abstand einer Nacht kein Thema mehr.

Da dieser sonst touristische Ort geradezu eine Oase der Ruhe darstellte, hatte ich auch kein Problem damit, zwei Tage hier zu bleiben und den anderen auch ihren Regenerationstag zu gönnen.

Ein Ort der Ruhe und Entspannung nach anstrengenden Etappen.

Nachmittags besuchten wir zu dritt noch einmal den Wasserfall und erstellten Bilder und Videos – diesmal unter Beobachtung der Touristenboote.

Erfrischung mit Jannick – diesmal nicht alleine!

Bei der anschließenden Besprechung der weiteren Planung sollte sich dann noch einiges neu ergeben: Jannick und ich bekamen nämlich gleichermaßen Besuch von ihrer Familie – und beide wollten verständlicherweise nochmal maximal viel Zeit mit ihreren Söhnen genießen, die sie danach ca. ein Jahr lang nicht mehr sehen sollten.

Da Jannicks Eltern einen Roadtrip durch Marokko planten und ihn bereits drei Tage nach diesem erholsamen Freitag in Ouzoud treffen wollten, blieb dieser spontan länger in dieser Ruheoase. Meine Eltern wollten mich am 18. November in Agadir besuchen, sodass dies für mich immer ein gewisses Eckdatum darstellte: Am 18. November wollte ich in Agadir sein, um noch einmal Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Dementsprechend war nach einem gemeinsamen Ruhetag eine Zeit des vorläufigen Abschieds gekommen: Christel und ich fuhren zu 2t weiter nach Marrakesch, während Jannick sich weiter erholte und eine längere Fahrradpause einlegen sollte, ehe wir in Agadir wieder aufeinandertreffen. Nach Marrakesch würden auch Christel und ich uns trennen, da sie noch eine Überquerung vom hohen Atlas vornehmen wollte. Das hätte ich mich durchaus auch gereizt, doch aufgrund von oben erwähntem Eckpunkt der Planung war diese mehr oder weniger fix: Ich fahre alleine weiter Richtung Küste. Vorher sollte ich jedoch noch genügend Zeit haben für einige Tage der Erholung und Besichtigung in Marrakesch.

So waren wir ab dem folgenden Freitagmorgen in anderen Konstellationen unterwegs. Vielleicht tun ja so knappe zwei Wochen Abstand auch ganz gut, bevor man hinterher für lange Zeit „aufeinander hockt“. Auch, um alles bisherige mal ein bisschen verarbeiten und einordnen zu können…

Als Christel und ich wieder aufbrachen, stellte sich uns noch ein Bergpass in den Weg: Ouzoud lag zwischen zwei Bergketten, sodass nochmal eine überwunden werden musste, bevor die Abfahrt ins Flachland wartete.

Dieser war durchaus nicht ohne für die sich nach zwei Ruhetagen mitten in der Regeneration befindlichen Beine. Auch, weil das steilste Stück der etwas über 400 Hohenmeter direkt zu Beginn wartete, als diese noch kalt waren. Die zweite Hälfte des Passes war jedoch gut machbar.

Danach verlor das Gelände jedoch erst einmal nur zögerlich an Höhe, es blieb zudem wellig. Immer begleitet von schneebedeckten Gipfeln des hohen Atlas auf der linken, südlichen Seite. Ein spektakulärer Kontrast!

Gegensätze.

Insgesamt ging es jedoch mehr bergab, wodurch Christel und ich am Abend nach etwas über 80 Kilometern unser Lager wieder inmitten von Olivenhainen aufschlugen auf noch knapp 750 Metern Höhe.

Vermeintlich sollten wir hier unsere Ruhe haben. Am späten Abend sollten jedoch zwei Einheimische vorbeikommen, die uns eindringlich warnten, dort zu campieren: Es wären zahlreiche Diebe hier unterwegs, die nur darauf lauern, dass sich dort fremde Personen niederlassen. Vor allem ein Drogenhändler ganz in der Nähe wäre zu allem bereit. Sie legten uns einen Umzug nahe. „Nous allons reflechir sur la possibilité de sortir! Merci beaucoup!“, lautete unsere diplomatische, aber dankbare Antwort. Eine hoch anzurechnende Geste, uns vor einer Übernachtung hier zu warnen.

Dennoch: Es war spät, wir hatten bereits ausgepackt. Ein mühsamer Umzug stand für uns jetzt eigentlich nie zur Debatte. Wir schlossen unsere Räder zusammen und nahmen alles Gepäck mit ins Vorzelt. In einer Nacht wird hier so schon nichts passieren. Und wir sind ja auch früh wieder weg, so unsere Rechnung.

Die heute abgeschlossene Etappe stellte somit auch das Ende der Höhenmeter und Bergetappen dar, der mittlere Atlas war einmal durchquert, veranschaulicht durch die wahrhaft irre Bilanz von fast 10.000 Höhenmetern auf 750 Kilometern, welche wir bereits auf afrikanischen bzw. marrokanischem Boden unterwegs waren seit Anlegen der Fähre in Tanger. Ab jetzt sollte es merklich flacher werden…sollte…

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