Marrakesch: Eine Stadt der Gegensätze

Der Abschied vom Gebirge – er machte sich bereits durch eine merklich mildere Zeltnacht bemerkbar, als wir auf halbem Wege zwischen Ouzoud und Marrakesch unser Lager aufschlugen. Ja, man konnte den Schlafsack sogar halb offen lassen.

Von den etwas über 150 Kilometern waren am nächsten Morgen noch knapp 70 Kilometer übrig, die uns von der Rückkehr in die Großstadt trennten. Entsprechend motiviert wurden diese nach kurzem Frühstück und Kaffee begonnen.

Nach einigen letzten ebenen Kilometern kannte der Weg nur eine Richtung: Bergab! Höhenmeter waren eigentlich so gut wie Fehlanzeige. Kilometer für Kilometer rollte man der Metropole entgegen. Auf den letzten 10 Kilometern nahm der Verkehr bereits merklich zu, die letzten fünf Kilometer rein ins Zentum waren durchaus als chaotisch zu bezeichnen. Irgendwie wurschtelte man sich durchs Königsviertel hindurch, ehe nach sehr schnellen 70 Kilometern bereits mittags das Hostel erreicht war in deutlich ruhigerer Lage.

Christel versucht vor Ort, noch ein Bett zu bekommen, doch leider war das Hostel komplett ausgebucht – sie fand schließlich ein paar hundert Meter weiter ums Eck eine Möglichkeit der Beherbergung.

Leider ließ das Hostel mich mein Fahrrad nicht mit hineinnehmen, sodass ich mein Fahrrad direkt neben dem Eingang unter der Überwachungskamera sicherte – das sollte schon irgendwie gutgehen!

Nach Erholungspause mitsamt Tee auf der Hostelterasse und einer kleinen Mahlzeit (es sollte nicht die letzte bleiben) wurde die Erkundung Marrakeschs gestartet. Vom Hostel etwas südlich des Zentrums wurde sich direkt in den chaotischen Verkehr Marrakeschs gestürzt – einmal waghalsig über die komplett wilde Hauptstraße direkt in die Fußgängerzone zum berühmten Place Jemaa el fna.

Nachmittags am Place Jemaa el fna.

Hier tummelten sich die Leute, es wimmelte vor Restaurants und Imbissbuden. Beim Anblick einer Eisdiele konnte ich nicht widerstehen, ehe es weiter auf den Platz ging mit seinen zahlreichen Essenständen und sogar Schlangenflüsterern – es ging zu wie auf einem Jahrmarkt.

Erstmal Eis für einen kühlen Kopf!

Weiter führte mich mein Weg über den Platz in die labyrinthartige Souk von Marrakesch. Neben Essen gibt es hier auch alles weitere zu kaufen von Kleidung über ganz viel traditionelles Kunsthandwerk. Blöd, dass ich jedes Kilo in Form von Souvenirs in meinem Gepäck spüren würde und daher kürzer treten muss – schont immerhin den Geldbeutel.

Zurück am Platz nach Sonnenuntergang verwandelte sich dieser wahrhaft in eine Kirmis mit zahlreichen Ständen, unter anderem auch Flaschenangeln. Irgendwann gab ich der Bedrängnis zahlreicher Verkäufer nach und gönnte mir bei einem Stand ein reichhaltiges Abendessen mit vollem Kulinarikprogramm von marrokanischem Salat über Hähnchenspieße hin zu Gemüse-Couscous und natürlich einem Tee.

Schöner Abend am Hauptplatz Marrakeschs.

Christel trieb sich auch am Platz herum, bei den vielen Leuten liefen wir uns aber einfach nicht über den Weg. Daher beließen wir es bei einem Treffen am nächsten Morgen um 9 Uhr bei einem Bileworkshop, um unsere Fahrräder einmal durchzuwarten und Probleme zu bereinigen.

Die Firma dahinter ist Pikala Bikes. Hierbei handelt es sich um eine von der Stadt finanzierte Non-Profit-Organisation, deren Ziel es ist, Marrakesch zu einer Fahrradstadt zu machen und der Bevölkerung den Zugang zum Radfahren zu erleichtern – eine tolle Idee!

Pikala Bikes – eine super Idee!

So stellte ich mir den Wecker auf kurz vor 8 Uhr, genoss ein vorzügliches Frühstück im Hostel mit Msemen, Tee und Brot und machte mich auf den Weg zum Bikeworkshop um 9 Uhr. In der Früh war der Verkehr durch Marrakesch tatsächlich noch vertretbar mit dem Fahrrad, sodass ich mir vormerkte: Früh losfahren am Tag der Weiterfahrt aus Marrakesch!

Vor Ort wurden Christel und ich dann auch super betreut. Zuerst zog ich alleine alle Schrauben an meinem Fahrrad wieder fest und kontrollierte auch gleich alle Komponenten der Schaltung eingehend. Bald fiel auf: Die Schaltkassette ist bedenklich locker, ja um nicht zu sagen: Sie hat extremes Spiel!

Ich vertraute meine Erkenntnisse mit ein bisschen Französisch und viel Mimik und Gestik dem Fahrradmechantroniker an. Dieser baute daraufhin die Kassette aus, reinigte diese und setzte anschließend die einzelnen Kassettenblätter mehrfach wieder ineinander, ehe das Spiel nicht mehr verhanden war und er diese wieder am Fahrrad befestigte. Hierzu hätten mir definitiv das Werkzeug und die handwerkliche Geschicklichkeit gefehlt…die Schaltung lief jedoch unabhängig hiervon immernoch unrund.

So bockten wir das Fahrrad auf und spielten immer wieder an der Spannungsschraube und den S- und L-Schrauben, um anschließend durchzuschalten. Stets ohne durchgreifenden Erfolg. Als der Mechaniker langsam auch etwas ratlos wirkte, kontrollierte er das Kabel vom Schaltzug – und siehe da: Das Kabel hatte einen Schaden am Aufsatz! Der Mechaniker wechselte den Aufsatz und reparierte das Kabel. Nun zeigte sich auch endlich durchgreifender Erfolg! Jeder Gang war nun wieder schaltbar und es wirkte auch wieder geschmeidiger…

Beim Schaltung reparieren…

Anschließend kontrollierte er noch Kette und Speichen. Diese waren tadellos – sehr gut! Ein tolles Konzept und ein toller Service von Bikala Bikes, sich so ausführlich um unsere Probleme mit den Bikes zu kümmern – vielen Dank hierfür!

Vielen lieben Dank!!

Der Rückweg zum Hostel glich dann jedoch einem einzigen Chaos zur Mittagszeit. Wahrhaft ein einziges Abenteuer, sein Bike hier durchzumanövrieren! Am Ende war ich heilfroh, nicht umgefahren worden zu sein und das Bike nun wieder beim Hostel abstellen zu können für die nächsten paar Tage – natürlich immer unter der Überwachungskamera.

So war das Fahrrad auch nachts einigermaßen sicher.

Anschließend wurde erst einmal eine Siesta mit Tee eingelegt, um sich von dieser lebensmüden Fahrt zu erholen, ehe eine Verköstigung von Jus d’Avocat und Hähnchen-Tacos am Souk nebenan einen endgültig wieder runterholte.

Geht runter wie Wasser.

Abends wurde nochmal ein Spaziergang zum Place Jemaa el fna unternommen, schnell wurde es einem jedoch zu stressig, da die Verkäufer wahrhaft sehr aufdringlich sind. Nein danke, ich will nichts!

Da wurde dann doch lieber die Chillecke im Hostel vorgezogen, wo ich auf einen gebürtigen Gabuner traf. Er bleibt länger in diesem Hostel und macht dort Homeoffice, ist gewissermaßen ein digitaler Nomade. Er zeigte großes Interesse für die Fahrradtour und wir gingen jedes einzelne Land auf der Tour durch.

Hierbei lernte ich auch, warum unter anderem Bikepackerin Wiebke Lühmann auf der gleichen Tour über die Republik Kongo gefahren ist: Er legte mir nahe, dass man zwar online ein Visum erhalten kann, dies jedoch rausgeschmissenens Geld sei für uns. Auf dem Landweg von Kamerun ließe der Gabun aufgrund von politischen Spannungen niemanden rein an der Grenze – ausnahmslos, trotz Visa. Wir müssen Stand jetzt auch mit einem Umweg über die Republik Kongo vorlieb nehmen.

Zudem notierte ich mir eifrig die kulinarischen Highlights jeden Landes, die man probiert haben sollte. Und natürlich die Städte, die man unbedingt gesehen haben sollte. Er war gefühlt auch schon überall in Afrika 😉 Nach dem Gespräch war Schlafenszeit und ich hatte genug Zeit, diese Informationen zu verarbeiten.

Am nächsten Tag nahm ich mir vor, einmal die grüne Seite von Marrakesch zu besichtigen: Der Jardin Secret soll es sein. Ich bin ja selbst ein großer Fan von Grünflächen in Städten. Mitten in der hektischen Souk im Herzen von Marrakesch befindet er sich. Am Anfang des Morgenspaziergangs zum Park verabschiedete ich mich von Christel, die nun Richtung hoher Atlas aufbrechen sollte – hoffentlich bis bald in der Wüste! Ab jetzt war ich alleine…

Nach Zahlung des Eintritts in den  Jardin Secret eröffnete sich dann tatsächlich ein kompletter Kontrast. Ein grüner Garten mit Pavillions und Brunnen in der Mitte, voller Ruhe und Natur – zumindest zu früher Tageszeit auch ohne viele Menschen. Diese Brunnen haben eine zentrale Bedeutung für den Garten, da das Wasser in Marrakesch eine knappe Ressource war und ist. So wurde vor etwa 1.000 Jahren ein hydraulisches System von unterirdischen Kanälen entwickelt, um das Wasser aus dem umliegenden Atlasgebirge in die Stadt zu leiten. Durch dieses System funktioniert auch heute noch die Wasserversorgung, daher der Name „der geheimnisvolle Garten“.

Le Jardin Secret.
Aussicht von oben.

Na ja, genug Klugscheißerei, aber wenn schon mal was hängen geblieben ist…es war auf jeden Fall sehr entspannend, etwas in diesem Garten zu verweilen und sich etwas von der Hektik direkt nebenan zu erholen. Nach ein paar Fotos ging es wieder raus.

Sehr entspannend am Morgen, der Park.
Fast hätte ich eine mitgenommen.

Nächste Station war der Bahia Palace. Der Palast voller Innenhöfe und Gärten sowie geschnitzter und dekorierter Decken in den Innenräumen wurde im 19. Jahrhundert erbaut und in weiterer Folge ständig erweitert. Man merkt es auch an den labyrinthartigen Gängen, in denen man sich fast verliert, dass dieser Palast einfach nach Belieben und ohne klares Konzept immer weiter gebaut wurde im Laufe der Zeit. Dennoch durchaus ansehnlich, wenn auch sehr von Touristen überlaufen.

In einem der Innenhöfe vom Bahia-Palast.
Nett gemacht.
Eine der angesprochenen Decken.
Traditionelles Wohnen als Gestaltungselement des Palasts.

Nach einer Stunde Besichtigung war ich durch, nach einer Mittagspause auf dem angrenzenden Souk spazierte ich in der Mittagshitze zurück zum Hostel und entspannte bei einem Tee.

Der Rest des Tages wurde wiederum mit Essen verbracht: Tacos, Tajine, Crêpe, Obstsmoothies – das volle Programm eben!

Normal poste ich kein Essen, in Marrakesch gibt’s jedoch eine Ausnahme 😁

Dann hieß es: Neuer Tag, neuer Garten – dieses Mal sollte der allseits umworbene Jardin Majorelle besichtigt werden. Er ist so begehrt, dass man nicht vor Ort Tickets bekommt. Nur online ist eine Buchung möglich. Ich schaute am Vortrag und hatte Glück, dass noch ein Zeitslot verfügbar war am Nachmittag.

So startete der Tag gemütlich mit Erholung – und natürlich Essen. Später machte ich mich auf zu einem Spaziergang, um den etwas außerhalb gelegenen Park zu erreichen. Der einstündige Spaziergang war durch chaotische Straßen, zahlreiche enge Gassen und Straßenmärkte geprägt. Bei einigen Straßenüberquerungen konnte einem als Fußgänger bei der Fahrweise schon Angst und Bange werden.

Am Park angekommen hieß es warten in Mitten der doch zahlreichen Touristen, bis der entsprechende Slot an der Reihe ist. Der Park an sich war dann recht schön: Pflanzenarten von allen fünf Kontinenten und intensive Farbtöne. Besonderes auffällig ist der tiefblaue Anstich an vielen Wänden, Töpfen und weiteren Einrichtungen des Parkes, wo die zahlreichen Besucher ihre „Instapics“ schossen.

Da hat der Künstler Jacques Majorelle tatsächlich ganze Arbeit geleistet mit seinem „Majorelleblau“. Auf halbem Wege läuft man in dem Park auch am Grab des bekannten Yves Saint Laurent vorbei. Er hat den Park 1980 gemeinsam mit seinem Lebensgefährten aufgekauft und sich durch den Park Inspiration für seine Modekollektionen geholt. Diese kann man wohl im angrenzenden Museum bewundern, welchem ich jedoch keinen Besuch mehr abgestattet habe. Für Mode habe ich ja nun wirklich nicht so viel übrig, wie die meisten wissen sollten 😉

R.I.P., Yves Saint Laurent!

Übrigens feierte der Park sein 100-jähriges Bestehen, nachdem Majorelle das Projekt im Jahr 1923 begonnen und 1924 fertiggestellt hatte. Na ja – wie dem auch sei – ich machte auch noch ein „Instabild“ von mir am Herzen des Gartens und verließ dann diesen sehr schönen, vielleicht etwas „überhypten“ Park wieder.

#Instapic mit standesgemäß zerknittertem Tshirt

Nach dem Spaziergang zurück kam ich pünktlich zum Sonnenuntergang wieder am Place Jemaa el fna an. Ich wollte noch einmal die Atmosphäre hier genießen nach Sonnenuntergang, ließ mich sogar einmal zum Flaschenangeln überreden. Es war jedoch zum Verzweifeln: Ich muss oftmals knapp dran gewesen sein, eine Flasche Softdrink konnte ich jedoch trotz viel Geduld nicht ergattern.

Blick zur berühmten Moschee im letzten Abendlicht.
Flaschenangeln: Ein wildes Spiel.

Bald ging es zu Fuß wieder zurück zum Hostel, wo nach etwas Ausspannen auf der Terrasse der Tag beendet wurde. Der folgende Tag war dann auch schon der letzte komplette in Marrakesch, und ich hatte eigentlich alles durch, was ich sehen und erleben wollte. So diente dieser Tag komplett der Entspannung sowie der Weiterfahrt Richtung Essaouira.

Am Markt nebenan wurden Snacks für die morgige Tour geholt, die Wäsche wurde im Hostel noch einmal gewaschen, die Route nochmals studiert. Aber an diesem Tag auch einfach viel geschlafen, da klar war: Jetzt warten nochmals einige anspruchsvolle Etappen bis Agadir. Zwischendrin kam die Verpflegung natürlich auch nicht zu kurz an diesem Tage 😉

Als Fazit zu Marrakesch lässt sich für mich nach vier Tagen festhalten, dass die Stadt durchaus schöne Sehenswürdigkeiten hat – vor allem schöne Gärten als doch ruhige, idyllische Rückzugsorte im Kontrast zur wilden, stressigen Stadt. Es ist aber auch einfach sehr stressig sonst, sehr viele Menschen, chaotischer Verkehr. Daher war ich auch sehr froh, nach vier Tagen wieder wegzukommen von dort. Außerdem sind die Verkäufer am Hauptplatz einfach zu aggressiv, als dass man sich lange wohlfühlt. Irgendwann hatte ich hiervon auch einfach genug. So etwas nimmt dem Ganzen dann natürlich auch etwas die Gemütlichkeit…

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