Back to the coast

7:15 Uhr – früh klingelte der Wecker, um diese wahnsinnig wilde Stadt Marrakesch nach vier vollen Tagen wieder zu verlassen. Schnell weg, bevor das Chaos auf den Straßen aufbricht. Im ersten Morgenlicht vor Sonnenaufgang saß ich um 7:40 Uhr auf dem Fahrrad, nachdem ich meine Taschen bereits am Vorabend fertig gepackt vor den Schlafsaal ins Eck stellte – wie es sich eben gehört 😉

Ein bisschen bekam ich noch mit vom Frühverkehr, doch alsbald war ich wieder raus aus der Stadt, ehe nach etwas über 20 Kilometern wieder auf dem Land eine Frühstückspause mit Kaffee am Straßenrand eingelegt wurde. 108 Kilometer waren es bis zum Apartment als Zwischenstation nach Essaouira. Nach den vielen geldsparenden Wildcampingnächten konnte ich mir den Luxus nun alleine „gönnen“. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Der Weg war flach und ging nur geradeaus, ohne jegliche landschaftliche Highlights. Ich kramte meine Kopfhörer hervor und hörte mir mal wieder meinen Lieblings-Fußballpodcast Copa TS an. Während Tommi Schmitt mit Fabian Klos über das Leben in Köln und den Effzeh philosophierte, gingen die Kilometer schnell vorbei. Drei Folgen später waren dann auch nur noch 20 Kilometer zu absolvieren.

Fast schon wüstenartige Landschaft 80 Kilometer westlich von Marrakesch.

Diese jedoch sollten es definitiv in sich haben, da der Südwestwind nun unangenehm ruppig auffrischte. Äußerst bedrückend, wenn man nach Westen unterwegs ist. So wurden die letzten 15 Kilometer mit 10-12 Km/h absolviert. In Böen bogen sich die Bäume und Sträucher links und rechts der Straße. Ich wollte die Etappe dementsprechend nur noch ins Ziel bringen und fand mich äußerst müde um halb 2 mittags schließlich an meinem Apartment wieder.

Einfach nur Regenerieren nach 108 Kilometern.

Das Zimmer mit Pool nebenan lud immerhin so richtig zum Erholen und Regenerieren ein, nach Dusche und einem Mittagessen legte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes „auf die faule Haut“ – Akkus aufladen für die 80 verbleibenden Kilometer nach Essaouira, bevor hier ein Sightsseingtag eingelegt wird.

Der Pool war einladend, das Wetter war jedoch schlicht zu stürmisch, um ausgiebig hier zu chillen.

80 Kilometer außerdem, die mich noch vom Meer trennten – das erste Mal wieder Küste seit dem Übersetzen von Spanien nach Marokko!

Das einzige, was mir etwas Sorgen bereitete, war mal wieder die Windvorhersage, die ich nach dieser Tortur nun doch lieber studierte. Ab 12 Uhr wurde wieder ein stürmischer Wind aus Südwest vorhergesagt. Hierauf hatte ich so gar keine Lust, weshalb ich meinen Wecker auf 7 Uhr stellte. Mein unermüdlicher Gastgeber servierte mir um halb 8 ein super marrokanisches Frühstück mit Tee, Msmen, Brot, Honig und Kaffee, ehe ich um 8 Uhr nach einem eindrucksvollen Sonnenaufgang über dem Pool auf der Strecke war – Podcasts an und los geht’s! Immer geradeaus!

Mit diesem eindrucksvollen Sonnenaufgang wurde die Tour gestartet.

Der Wind hielt sich lange in Grenzen und ich strampelte eisern Strecke weg mit schönen knapp 25 Km/h bei schwachem Wind. Lange Zeit ging es eben dahin auf immerhin noch 400 Metern Höhe, erst auf den letzten 30 Kilometern strebte der Weg der Meereshöhe entgegen. Wiederum erst auf den letzten 20 Kilometern frischte der Wind spürbar auf, doch bei weitem nicht so heftig wie am Vortag. Bei Bergabfahrt war es zudem noch besser aushaltbar.

Fünf Kilometer vor dem Ziel eröffnete sich erstmals der Blick über Essaouira mitsamt des Atlantiks im Hintergrund, ehe es bald geschafft war und ich mein Bike im Innenhof des Gastgebers absperren konnte, als der Wind dann wirklich zulegte. Klassisch dem Sturm davongefahren. Und ganz nebenbei wurden mit dieser Tour die 1.000 Kilometer in Marokko vollgemacht! Juhuu!

Meer in Sicht! Erster Blick auf Essaouira.

Nach dem Schleppen von Taschen und Gepäck sowie kurzer Erholungspause kundschaftete ich am Nachmittag Essaouira aus.

Die Restaurants an der Strandpromenade hatten erwartbarerweise europäisches Preisniveau. Da mein Apartment etwas abgelegen war und ich aktuell keine Lust hatte, zwei Kilometer bis zur Medina zu laufen, investierte ich einmalig das Geld und machte es mir ein bisschen am Strand bequem.

Aufgrund meines allgemein etwas müden Zustandes ging ich nach dem kurzen Spaziergang auch wieder zurück auf mein Zimmer. Das Wetter war ebenfalls leicht wechselhaft, was meine Motivation zusätzlich schmälerte. Lediglich zum Sonnenuntergang konnte ich mich noch einmal aufraffen, einmal ums Eck von meiner Unterkunft auf die Sanddünen zu spazieren und das Naturspektakel zu beobachten. Im Vordergrund waren einige Touristen bei ihren Kamelritten am Strand unterwegs, was für eine perfekte Stimmung sorgte.

Sonnenuntergang am Strand – ja, ich war zu faul, den Horizont gerade zu machen.

Nach dem feuerroten Naturphänomen erholte ich mich im Bett, der Tag wurde beendet. Manchmal gibt es einfach so Zeiten während einer Reise wo man ein bisschen mehr müde ist als sonst, dachte ich mir…

Am nächsten Morgen wurde ich von meiner Unterkunft mit einem herzhaften Frühstück verwöhnt. Ich genoss Tee und Marmeladenbrot, ehe ich mich aufmachte, die Strandpromenade entlang Richtung Medina. Surfer im Meer, Fußballer im Sand und Urlauber auf der Promenade – hier tobte definitiv bereits am Vormittag das Leben.

Vorzüglicher Start in den Tag.

Im Hafen bereiteten einige Mini-Restaurants frischen Fisch vor, mir war jedoch eher nach einem weiteren Kaffee in der Medina, gefolgt von der Versuchung eines Schoko-Banane-Crêpes an einem der zahlreichen Stände. Bei bestem Wetter spazierte ich einmal über durch die Medina, die sich kaum von anderen marrokanischen Städten unterschied: Viele Stände, viel Trubel, enge Gassen. Einziger Unterschied war der Hafen und die Lage am Meer mit der Strandpromenade.

Medina von Essaouira.
Schon ganz nett hier.

Nach ausgiebigem Spaziergang kehrte ich wieder zurück in mein Apartment, um eine kleine Siesta einzulegen. Normalerweise ist das nicht meine Art, aber irgendwie war mir nach zwei Stunden Erkundung schon wieder nach Faulenzen, ehe ich am späten Mittag noch einmal losging. Wenn man jetzt schon mal am Meer ist, so ist ein kleines Bad natürlich obligatorisch.

Es lud schon sehr zum Baden ein.

Das Meer war zwar mit 18 Grad atlantikfrisch, dennoch bereitet so etwas für mich normal kein Hindernis – denkste! Irgendwie war mir in dem Moment einfach nicht nach Baden, es fühlte sich einfach nicht gut an…

So ging ich wieder zur Strandpromenade und wollte einfach nur auf einer der Strandliegen entspannen. Doch bei dem Wind fühlte es sich auch so irgendwie kalt an, irgendwas stimmte nicht mit mir. Nachmittags sah ich ein, dass es keinen Zweck hat: Ich ging zurück ins Apartment und ruhte mich aus. Taschen zusammenpacken oder vorbereiten für den nächsten Tag – alles wurde auf in der Früh verschoben! Mir war einfach nur nach Schlafen…

In diesem Zustand und alleine seit fast einer Woche kam auch das erste Mal nach fast vier Monaten so etwas wie ein heimwehähnlicher Zustand auf – zumal daheim der erste Schnee gefallen ist. So eine Schneeballschlacht hätte jetzt auch was…

Na ja, morgen sitzt du wieder auf dem Fahrrad und genießt die Eindrücke der Tour, dann hat ernsthaftes Heimweh auch keinen Platz, so sagte ich mir selber. Und in zwei Tagen siehst du ja eh deine Familie in Agadir…

Mit diesem Gedanken schlief ich 12 Stunden am Stück, ehe mich der Wecker um halb 8 aus dem Delirium holte. Ich fühlte mich soweit in Ordnung, die Taschen waren schnell gepackt, ehe mir mein Gastgeber noch ein vorzügliches Frühstück auftischte – die perfekte Stärkung, wenn 75 Kilometer und 990 Höhenmeter bis zum „Teiler“ der Strecke nach Agadir bevorstehen…

Insgesamt etwas behäbiger und langsamer als sonst war ich schließlich um 9 Uhr auf der Strecke. Eigentlich berichtete ich ja, dass wir nun mit der Durchquerung des mittleren Atlas die Berge hinter uns gelassen hätten und es nun relativ flach weiter gehen sollte. Na ja – da war ja noch das Antiatlas-Gebirge, dessen Ausläufer bis an die Küste zwischen Essaouira und Agadir reichen.

So kannte der Weg alsbald nur eine Richtung: Wieder weg vom Meer nach oben! In mehreren Schüben ging wieder hoch bis auf über 450 Höhenmeter. Zwischendurch auch über Sand, da Komoot wieder Komoot-Ideen hatte. Ich merkte, dass irgendwas mit meinem Körper nicht stimmte – das hat alles weniger Spaß gemacht als sonst.

Wieder weg von der Küste.

Die doch vielen Anstiege schleppte ich mich geradezu hoch. Zwischendrin gab es nochmal eine spaßige Abfahrt auf unter 200 Höhenmeter, ehe man mit vielen Gegenanstiegen wieder auf 350 Höhenmeter hoch musste. Es war einfach ein sehr anspruchsvolles Höhenprofil. Hinzu kamen die Hitze sowie der wieder auffrischende Südwestwind, den man natürlich alsbald ständig im Gesicht hatte.

Ich vergaß irgendwann sogar, Fotos zu machen geschweige denn noch einmal zu essen, da ich nur noch die Kilometer runterzählte, ehe ich nachmittags um 16 Uhr nach fast 1.000 Höhenmetern endlich angekommen bin. Der Gastgeber Hassan empfing mich herzlich und wies mir mein Zimmer. Er fragte mich direkt wegen einer Tajine zum Abendessen. Da fiel mir auf, dass ich ja noch gar nichts gegessen habe. Eigentlich war mir auch jetzt nur nach Schlafen, aber irgendwas musste ich ja noch essen. Also bestellte ich eine Tajine für 18 Uhr, ehe ich im Zimmer verschwand. Ruh dich bis morgen früh aus, dann wirst du morgen die 99 Kilometer auch noch wuppen, bevor Kurzurlaub mit der Familie auf dem Programm steht, so meine Rechnung.

Kaum lag ich im Bett nach dem Duschen, bekam ich einen heftigen Fieberschub inklusive Kopf-, Gliederschmerzen und Frösteln. Später konnte ich mich mit größter Mühe nochmal aufrichten, um die Tajine zumindest zu 3/4 herunterzuwürgen, ehe ich mich wieder ins Bett legte. Auch mein Darm meldete sich nun erstmals zu Wort. Ich wurde immer skeptischer bezüglich der morgigen Pläne…

Bis zum nächsten Morgen kam ich nicht mehr aus dem Bett, ehe ich um 8 Uhr frühstückte und mein Zustand sich nicht wirklich gebessert hat, eher im Gegenteil. 99 Kilometer mit vielen Höhenmetern heute fahren? Klingt mehr als illusorisch in meinem Zustand…

Ich trat an Hassan heran: „J’ai un problem: Je me sens un peitit peu malade et je ne peux pas aller avec le vélo aujourd’hui. Est-ce qu’il y a un possibilité d’aller avec taxi ou bus a Agadir?“ Der hilfsbereite Gastgeber half mir direkt weiter und empfahl mir, mich an die Straße zu stellen und zu winken, wenn ein Bus vorbeifährt.

Ich riss mich also zusammen und packte mein Gepäck ans Fahrrad und stellte mich an die Straße. Ich winkte, doch die ersten zwei Busse passierten. „Lundi c’est très difficile, beaucoup des personnes veulent voyager a Agadir“, erklärte mir Hassan. Diese Busse waren also voll. „Les prochaines fois, un bus va arrêter!“, versicherte mir der Gastgeber.

Der dritte Reisebus von Essaouira kommend setzte dann tatsächlich den Blinker und fuhr rechts ran. Es war noch Platz für mein Fahrrad im Gepäckfach, nachdem ich hinten all mein Gepäck bis auf mein Zelt in der Gepäckträgerhalterung abmontiert hatte. Nach ein bisschen Tetris war alles verstaut und ich durfte den Bus betreten – hurra!

Die achterbahnartige Fahrt über die Bergstraße runter zur Küste trug jedoch nicht dazu bei, meinen Gesundheitszustand zu verbessern – im Gegenteil! Ein bisschen biss ich mir jedoch beim Blick aus dem Fenster im wahrsten Sinne des Wortes in den Allerwertesten – die Strecke wäre wahrhaft wunderschön gewesen, mit herrlichen Ausblicken über das Meer.

Damit riss auch meine Serie – bis hierhin habe ich alles aus eigener Kraft pedalieren können. Dennoch möchte ich mich nicht zu sehr ärgern – manchmal soll es halt einfach nicht sein, besonders wenn man akut krank wird. Und 99 Kilometer über diese doch anspruchsvolle Strecke wären einfach nicht drin gewesen – da geht die Vernunft vor. Zwar war es mein großes Ziel, alles selber mit dem Fahrrad zu fahren – aber nicht um jeden Preis, in diesem Fall die Gesundheit! Und im Vordergrund steht schließlich die Reise, wie Jannick auch immer meinte. Ob man dann mal eine Strecke mit dem Bus übersprungen hat, ist dann auch nicht so schlimm – wir müssen ja niemandem etwas beweisen und machen das alles freiwillig! Und sofern es möglich ist, legen wir ja alle Strecken mit dem Fahrrad zurück…aber es gibt so viele Eventualitäten: Krankheit, Verletzung, auslaufende Visas…von dem Gedanken, niemals auf alternative Transportmittel zurückgreifen zu müssen, sollte man sich doch realistischerweise verabschieden.

Diese knapp 100 Kilometer wurde nun also „gecheatet“, bevor ich nach Durchfahrt des Küstenortes Taghazout relativ schnell in Agadir am Straßenrand rausgeschmissen wurde. Schnell wurde das Gepäck kontrolliert, es schien alles am Mann, ehe der Bus auch schon wieder davondüste…Moment! Meine Zelthalterung am Gepäckträger ist leer!! Das Zelt muss wohl in den zackigen Kurvenfahrten rausgefallen sein…verdammte Sch****!!

Zusätzlich zu einem eh schlappen Gesamtzustand wurde ich durch diese Erkenntnis noch einmal richtig kreidebleich. Da meine Familie noch auf dem Weg war vom Flughafen zur Unterkunft, harrte ich am Straßenrand aus und suchte verzweifelt nach Kontaktmöglichkeiten des Busunternehmens. Nirgendwo fand ich eine Mailadresse. Das war mein Zuhause für unbestimmte Zeit! Ich brauche es wieder – unbedingt!!!

Irgendwann kam die Nachricht von meiner Mutter, dass mein Besuch im Hotel angekommen ist. Dieses war gottseidank nur fünf Minuten zu Fuß entfernt, denn ich war wirklich fix und fertig. Nach wenigen Minuten entdeckte sie mich dann auch umherirrend in der Straße vom Hotel. So richtig freuen konnte ich mich in dem Moment gar nicht über ein Wiedersehen nach über drei Monaten – zu groß war mein Stress aufgrund der neu hinzugekommenen Probleme, zu schlapp mein Gesundheitszustand. Immerhin – Glück im Unglück – hatte ich jetzt wenigstens Zeit, eventuell mein Zelt wiederzubekommen und mich auszukurieren, und meine Familie konnte und wollte mich hierbei unterstützen…

Ob und wie sich die Probleme schließlich lösen ließen, wird im kommenden Blogbeitrag thematisiert. Dass am Ende keine Bilder mehr zu sehen sind, bitte ich zu entschuldigen. Leider dachte ich meiner Lage an vieles, aber nicht an Dokumentation in Form von Fotos…

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