Da lag ich nun also im Arm meiner Mutter, die mich zum ersten Mal seit einer kurzen Visite bei meinem Stopp in Murnau am 9. August in Empfang nehmen durfte. Bei ihr kullerten fast Tränen – mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf, die jedoch wenig mit Wiedersehensfreude zutun haben: Was wird mit meinem Zelt? Werde ich wieder schnell gesund? Meiner Mutter entging dies logischerweise nicht: „Du siehst wirklich fix und fertig aus!“
Für kleines Geld wurde ich für sechs Übernachtungen in dem Hotel in Agadir dazugebucht, ehe ich meiner Mutter von dem Problem berichtete. Sie weiß ja, dass mir leicht mal so etwas unterläuft. Wohl auch begünstigt dadurch, dass ich durch meine Krankheit allgemein neben mir stand.
Nach verzweifelter Suche nach E-Mail-Adressen fiel mir auf, dass ich ja mit meinem Tarif von Maroc Telekom noch eine begrenzte Anzahl an Freiminuten zum Telefonieren habe. So versuchte ich nachmittags mein Glück und rief die Servicehotline von Achkid Transport an. Tatsächlich erwischte ich eine Dame, der ich den Fall schilderte. Sie erwiderte, dass bisher nichts gefunden wurde. So leicht wollte ich mich jedoch nicht abwimmeln lassen: „Est-ce que vous pouvez demander a nouveau et verifier?“ Die Dame gab mir die Rückmeldung, dass sie sich später nochmal melden würde. Aktuell sei der Bus unterwegs. Immerhin etwas Hoffnung – jetzt hieß es abwarten und Daumen drücken!
Meine Familie brachte mir etwas zum Essen mit, während ich mich als erste Amtshandlung nach dem Sichern des Fahrrades und dem Auspacken des Gepäcks aufs Sofa legte. Meine Mutter hatte mir zahlreiche Utensilien mitgebracht, von Reparaturflicken für allerlei Materialien über eine Skimaske für Sandstürme in der Sahara hin zu einer neuen Luftmatratze und zahlreichen Fahrradersatzteilen. Ich war jedoch schlicht zu k.o., mich um das neue Gepäck zu kümmern. Na ja, ein paar Tage war ja noch Zeit…
Erstmal wollte ich nichts außer Schlafen und mich Auskurieren, zumal die Fieberschübe weiterhin heftig waren und mit unangenehmer Nackensteifigkeit einhergingen. Immerhin konnte ich mich abends zu einem kleinen Spaziergang an die Strandpromenade von Agadir aufraffen, wo meine Familie jetzt schon extra vier Stunden in den Flieger steigt, um mich zu sehen…
Bald war der Spaziergang jedoch auch schon wieder beendet – mein Zustand gab einfach nicht mehr her.
Ich ging auf das Hotelzimmer und nachdem ich mir zum Abendessen mehr oder weniger etwas reingewürgt habe, legte ich mich bereits schlafen.
Um halb 10 kam schließlich der Rückruf der Servicedame. Schlaftrunken versuchte ich, ihr Französisch zu verstehen. Dass mein Zelt wohl gefunden wurde und ich es morgen um 14:30 Uhr in Inezgane abholen kann in Büro 3 konnte ich noch verstehen. Aber wo ist dieses Büro 3?!?! „Si vous avez des questions demain, vous pouvez contacter-moi!“ Diese Aussage beruhigte mich erstmal und ich ersparte mir die Nachfragerei. Auflegen und weiterschlafen – nun natürlich ohne einen großen Stein, der einem vom Herzen gefallen ist.
Am nächsten Tag lebte ich erstmal in den Tag hinein. Da das Hotel sogar deutsche Sender hatte, setzte ich bei Sat-1-Frühstücksfernsehen meine Regeneration fort. Während meine Familie unterwegs war und Agadir erkundete, hatte ich in an diesem Vormittag andere Prioritäten: Ausruhen!
Mittags kam ich dann nicht mehr umhin, aktiv zu werden, da ich ja mein Zelt noch holen musste. Leider war die Dame natürlich nicht erreichbar. Gemeinsam mit meiner Familie, die mich begleitete bei dem Unterfangen, wandten wir uns an den Rezeptionisten. Der hilfsbereite Hotelangestellte fädelte alles ein und besorgte uns ein Taxi nach Inezgane zu dem besagten Büro 3 am Busbahnhof, wo auch Endhaltstelle der Linie von Achkid Transport ist.
Der Busbahnhof, zehn Kilometer vom Hotel entfernt, lag in einer sehr ursprünglichen, untouristischen Gegend – für manche Personen definitiv ein Kulturschock 😉
Nach ein paar Missverständnissen und Fehlinformationen wurde ich schließlich zu einer kleinen Kammer inmitten des großen Busbahnhofes geschickt, wo ich mein Zelt schließlich irgendwo im Eck wiederfand – jaaa!!! Ich muss mir kein neues Zelt kaufen!! Wiedermal Dusel gehabt…
Schnell waren wir per Taxi auch wieder zurück aus dieser unwirtlichen Gegend am Hotel in Agadir – jetzt einfach nur noch erholen. Zelt ist wieder da – also ab zurück ins Bett!
Wieder brachte mir mein Besuch etwas zum Abendessen mit, was ich irgendwie runterwürgen konnte. Ich hätte abends sogar die Möglichkeit gehabt, dem Länderspiel Deutschland gegen Ungarn im TV beizuwohnen, doch auch hierauf verzichtete ich zu Gunsten von Schlafen. Hätte sich ja bekanntermaßen eh nicht gelohnt…dank Ibuprofen konnte ich dann auch endlich besser schlafen ohne Frösteln und Kopfschmerzen. Auf dem Weg zurück zur Radreisefitness war mir jedes Mittel recht!
Am dem Mittwoch, an dem auch das Wiedersehen mit Jannick anstand, war mein Zustand dann auch bereits merklich besser. Es reichte zumindest für eine Erkundung der Medina von Agadir. Per Taxi, da dieser Ort wirklich andere Dimensionen hat – selbst die Wege in Marrakesch sind nichts dagegen! Kurios: Als wir rückwärts kein Taxi fanden, ließen wir uns spontan von einem Tuk-Tuk-Fahrer mitnehmen. Natürlich zog dieser uns mit einem Touristenpreis über den Tisch, aber na ja – that’s life!



Anschließend ging es über den Souk „El Had“, der größte und bekannteste in Agadir. Von der Größe her eventuell mit dem in Mèknes zu vergleichen. Natürlich unterschied er sich vom Sortiment her kaum von den Souks in jeder anderen Stadt. Bei einer Einkehr im Markt waren sogar wieder saftige Taccos drin – auch wenn sich der Appetit weiterhin noch in Grenzen hielt…immerhin musste meine Sucht nach frisch gepresstem Orangensaft wieder gestillt werden – wichtige Vitamine!

Nach dem Marktbesuch erholten wir uns ein wenig am Pool vom Hotel. Einfach auf der Liege am Pool chillen – das fühlte sich wirklich langsam mehr nach Kurzurlaub und weniger nach Abenteuer an.
Wenig später traf ich nach ca. zwei Wochen wieder auf Jannick. Seine Familie hatte ihn in Agadir abgesetzt, er wird sie nun für längere Zeit nicht mehr sehen, beim Abschied muss wohl auch die ein oder andere Träne geflossen sein. Ich habe ja immerhin noch ein paar wenige Tage mit meiner Familie, dachte ich mir.
Wir buchten Jannick ins Hotel nebenan ein für die verbleibenden vier Nächte bis zur geplanten Weiterfahrt und machten gemeinsam einen kleinen Abendspaziergang zum Strand. Hierbei meldete sich jedoch meine Nackensteifigkeit wieder – ich konnte meinen Kopf kaum bewegen. Zum Abendessen muss wohl auch das Fieber wieder angestiegen sein. Mir war kalt und ich konnte kaum etwas essen, wodurch dann der Tag doch schnell wieder beendet wurde.
Dank einer Ibuprofen konnte ich in der folgenden Nacht dann halbwegs gut schlafen. Ich fühlte mich nun nach dem letzten Krankheitsschub am Vorabend wirklich auf dem Weg der Besserung, auch ein langer Spaziergang am Strand bereitete mir keine Probleme mehr. Hinterher wurde sogar zum ersten Mal ins Meer eingetunkt – anders als in Essaouira. Nach der Frische in den marrokanischen Bergen fühlt es sich hier an der Küste nun auch erstmals wieder nach Hitze an – auch wenn die Berge des Antiatlas weiterhin greifbar sind, von Agadir aus sogar sichtbar.


Wie man auf dem Foto eventuell sehr schön sieht, habe ich jedoch durch fie Krankheit und den gesunkenen Appetit bereits etwas Gewicht verloren – nicht sehr gut bei den Kalorien, die ich bald wieder verbrauchen werde. Nach Genesung wird wahrlich „Fressen“ angesagt sein…
Nach einem schönen Sonnenuntergang am Strand kehrten wir in einer leckeren Pizzeria ein – diesmal mit vollem Hunger und ohne Fieberschub mit allen Begleitsymptomen – das sieht doch für Sonntag schon sehr gut aus!


Langsam spürte man so auch echt so etwas wie „Normalität“: Familie, abends ZDF heute schauen, jeden Tag ein Bett…Wildcampen in der Wüste war in dem Moment noch meilenweit entfernt. Ja, man war sogar mal wieder informiert über (negative) Neuigkeiten im Ukrainekrieg und sonstige Themen dieser Art…
Freitags wurden an einem weiteren unspektakulären Erholungstag erste Besorgungen für die Weiterfahrt erledigt, ehe die Überlegung angestellt wurde, abends noch einmal die Festung am Berg oberhalb von Agadir zu besichtigen und den Sonnenuntergang zu genießen. Bei knapp 9 Euro Eintritt pro Person kehrte man als Abendprogramm jedoch stattdessen doch lieber noch einmal in der Pizzeria ein.
Da mein Besuch am Samstag, unserem letzten Tag in Agadir, Marrakesch besichtigen wollte, hatte ich genug Zeit, die Weiterfahrt nun vorzubereiten. Das Gepäck wurde einmal neu sortiert und aussortiert, unnötige Sachen konnte ich meiner Familie mitgeben (es waren genügend Gegenstände). Neue Gadgets wurden einsortiert.
Zwischendrin schickte ich mein Fahrrad für einen allgemeinen Check noch einmal zum Fahrradladen „Perfect Biking“ in Agadir – auf Empfehlung in der Westafrika-WhatsApp-Gruppe. Ich wurde hierbei nicht enttäuscht und war sogar sehr erleichtert. Die beiden Herren prüften die Wüstentauglichkeit meines Rads auf Herz und Nieren. Hierbei fiel auf, dass das Tretlager gehöriges Spiel hatte und deutlich wackelte. Ursache war ein ausgefranzter Ring im Lager. Prompt wurde mir einmal die komplette Achse des Tretlagers ersetzt. Vielen lieben Dank – das hätte eventuell eine unangenehme Überraschung gegeben…

Zudem wurde mein Fahrrad noch einmal gesäubert und wirklich alles fertig gemacht – jetzt sollte ich erstmal wieder etwas Ruhe haben bezüglich Problemen am Fahrrad 😉 Obendrein alles zu einem mehr als erschwinglichen Preis.
Nachdem zwischendrin noch alle Lebensmittel eingekauft wurden, war ich abends fertig und konnte mir sorgenfrei (sowie mittlerweile komplett gesund) die ARD Sportschau anschauen im Hotelzimmer. Das hatte nun endgültig etwas von einem entspannten Samstagabend im „normalen“ Leben in der Heimat – endlich mal wieder Bundesliga-Highlights: Zusehen, wie ein Harry Kane Tor um Tor schießt, ein Maxi Beier beim BVB aufblüht, ein Granit Xhaka die Bälle in den Winkel haut – herrlich, wie in alten Zeiten. Kaum zu glauben, dass ich hier ab morgen wieder rausgerissen werde…
Nach diesem kleinen Fußballgenuss ein letzter Check: Alles gepackt, unnütze Sachen aussortiert, Fahrrad ist auf dem neuesten Stand, Lebensmittel sind eingekauft – da sollte doch einem Neustart morgen nichts mehr im Wege stehen!
Wenig später kam meine Familie aus Marrakesch zurück, wir genossen einen letzten gemeinsamen Abend und philosophierten über meine weitere bevorstehende Reise durch die Wüste und später auch den Regenwald. Bei dem Gedanken, dass morgen der Abschied naht, wurde mir bereits schwer ums Herzen.
Am nächsten Morgen gab es dann noch ein gemeinsames Abschiedsfrühstück mit Jannick. Ganz entspannt ließen wir uns Zeit, zu früh wollten wir ja auch nicht los – und wir werden schon irgendwie einen Schlafplatz finden…
Nach einigen letzten Kontrollen vom Gepäck und dementsprechender Verzögerung waren wir um 12:30 Uhr schließlich fertig – der Moment ist gekommen! Abschied nehmen war angesagt für die nächsten ca. 11 bis 12 Monate – meine Familie fliegt zurück nach Deutschland, wir starten durch Richtung Wüste und Regenwald. Man konnte es gar nicht so richtig fassen, diese Momente waren geprägt von purer Emotionalität – jetzt ist der Kurzurlaub vorbei, jetzt geht es wirklich los mit dem Abenteuer! In diesem Moment stand man dem Wasser zumindest mal sehr nahe…


Letztendlich war das Wiedersehen mit der Familie zwar mehr von Regeneration und Auskurieren, denn von gemeinsamer Erkundung von Agadir und Umgebung geprägt, aber man muss die positiven Seiten sehen: Ich bin wieder fit, mein Zelt ist wieder da. Alles bereit, um in die Geschichten einzutauchen, die ab jetzt neu erzählt werden…wenn mit der Wüste nun ein ganz neuer Abschnitt der Tour wartet…



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