Extremer Wind und Sandsturm – die Sahara zeigte an diesem Abend und in dieser Nacht etwas hinter der Stadt Boujdour wahrlich ihre Zähne. Meine lebensrettenden Ohrenstöpsel sorgten bei dem fauchenden Wind noch für eine halbwegs erholsame Nacht, ehe ein äußerst wüstenfrischer Morgen wartete, gefühlt durch den Wind nochmal viel extremer.
Diese Bedingungen begünstigten meine Faulheit in der Früh. Lediglich ein paar – was sonst – Doppelkekse sowie Mandeln aus Boujdour wurden gefrühstückt. Bis zur nächsten Versorgungsmöglichkeit waren es 60 Kilometer, daher konnte das Motto nur lauten: Es hilft ja nichts! Augen zu und durch! Nachdem die Herausforderung des Zeltabbaus gemeistert war, wurde motiviert in die Pedale getreten – natürlich in froher Erwartung von Kaffee und Mittagessen.
Der Wind war zunächst noch gut, und mit üblichen Fußballpodcasts auf den Ohren machte ich ordentlich Kilometer weg. Doch die App Windfinder behielt mal wieder Recht, dass der Wind nicht so gut bleiben sollte. Nach 30 Kilometern wurde er zu unangenehmem Seitenwind. Nach anfänglichen Küstenpassagen bot der Ritt durch die ewige Steinwüste nur noch wenig Abwechslung, sodass man froh war, als man sich endlich zur verdienten Pausenstelle durchgekämpft hatte. Die Rast wurde natürlich mit Tajine und Cappuccino zelebriert – außerdem sollte ja der Wind nachmittags besser werden, die Stimmung hätte schlechter sein können.

Nach Aufbruch dann die Ernüchterung: Der Wind war kaum besser, im Gegenteil – bald kam er sogar mehr seitlich von vorne. Die Geschwindigkeit reduzierte sich bald auf 10 bis 12 Stundenkilometer. Es war wahrlich unangenehm. Bald beschlossen wir in Gruppe, dass es keinen Sinn mehr macht, sich heute weiter zu quälen, wenn der Wind nicht bald besser werden soll. Um 17 Uhr war nach 80 Kilometern Schluss – solche Tage gibt es eben auch!
Der Wind war stark, doch am Straßenrand zeigten sich zwei Mini-Sanddünen, die etwas Windschutz boten. Jannick war zwar skeptisch und wollte weiterfahren, doch der Rest der Gruppe war einfach zu unmotiviert, sich weiter zu quälen: Dieser Spot wurde gewählt, auch wenn es natürlich nicht der idyllischste war. Der kleinen, zwerghohen Sandhügel schützten zudem besser als erwartet vor dem Wind, der Zeltaufbau ging deutlich leichter. Versöhnliches Tagesende war zudem ein prachtvoller Sonnenuntergang in der Weite der Wüste.

Durch den frühen Feierabend hatten wir außerdem endlich mal Zeit, uns genauer kennenzulernen, indem jeder ein paar Fakten und Geschichten aus seinem Leben auftischte. Hierbei wurden ebenfalls versteckte Talente entlarvt 😉
Auch für den nächsten Tag hatten wir keinerlei Stress, denn die Windvorhersage kam den Spätaufstehern sehr gelegen: Der Wind sollte erst nach 11 Uhr immer besser werden. Betont langsam wurden mal wieder Haferflocken gefrühstückt, sowie eine Tasse Kaffee windgeschützt im Vorzelt gekocht (nicht nachmachen!) 😉
Nachdem Jannick und Christel schon losgefahren sind, machten sich dann nach 11 Uhr auch Lucas und ich langsam auf den Weg. Die Tour startete mit etwas ungewohntem: Höhenmetern! Stolze 100 mussten überwunden werden, um über eine Küstenkuppe zu kommen. Der höchste Punkt wartete gar mit einer prachtvollen Sanddüne auf. Der Wind jedoch war immer noch nicht gut, dank Anstieg krebste man mit unter 15 Stundenkilometern dahin.


Passend hierzu war, dass direkt am höchsten Punkt meine Garmin-Uhr sich ausschaltete, da ich sie wegen Sand nicht laden konnte – weitertracken mit Handy. Ich bin ja eh kein Fan der Garmin-Ladekabel aufgrund des ständigen Wackelkontaktes. Dazu ist meines auch schon fast vier Jahre alt. Da reicht ein bisschen Sandstaub, dass die Technik versagt. Na ja – vielleicht gibt es ja in der nächsten größeren Stadt ein Ersatzkabel…Stand jetzt müssen die Kontakte vor jeder Aufladung auf Hochglanz gereinigt werden…hoffen wir auf Ersatz, damit man meine Reise auch langfristig weiter auf Strava verfolgen kann.
Eine nette Anekdote war jedoch, dass ein schweizer Paar mit seinem Campervan neben mir anhielt beim Anstieg und mir Müsliriegel offerierte. Nach kurzem Smalltalk hatte ich sofort zwei weitere Leser dieses Blogs – Grüße gehen raus 😉
Auch nach diesen Zwischenfällen wurde der Wind kaum besser, kam weiter stürmisch von der Seite, ehe am späten Mittag der nächste Versorgungspunkt nach 37 Kilometern mit großem Restaurant erreicht wurde. Hier war anscheinend wieder ein größerer Treffpunkt, man traf auf allerhand Reisende.
Unter anderem ein Berliner, der sich zu Fuß aufgemacht hat, um nach Afrika zu wandern. Von der Heimat aus ist er bis hierher spaziert, möchte weiter nach Mauretanien und dann über Algerien wieder zurück ans Mittelmeer und dann nach Hause – quasi zweimal die Sahara zu Fuß durchqueren – was ein verrückter Typ!! „Hoffentlich dauert es nicht länger als sechs Jahre, bis ich meine Familie wieder sehen kann“, so sein trockener Kommentar. Auch drei Tage ohne jede Versorgungsmöglichkeit aufgrund von 25 bis maximal 50 Kilometern pro Tag machen ihm nichts aus – er hat ja genug Platz im Rucksack. Respekt – ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut!
Die zweimalige Saharadurchquerung hat den einfachen Grund, dass man aus politischen Gründen nicht von Marokko nach Algerien einreisen kann. Also muss er über Mauretanien reisen…
Wir freilich ließen auf zwei Rädern den Extremwanderer schnell hinter uns nach der Mittagspause, um den nun perfekten Wind noch ordentlich auszunutzen. Das etwas bergigere Höhenprofil blieb bestehen, doch der Rückenwind blies einen förmlich nach 15:30 Uhr durch die felsig-wüstige Hügellandschaft. Bei einem Shop 30 Kilometer weiter in einem kleinen Dorf im Nirgendwo wurde noch schnell Essen in Form von Joghurt und Keksen eingekauft und weiter ging’s – immer den Wind im Rücken.

Um 18:30 war jedoch Feierabend bei 90 Kilometern, da Lucas und Jannick mit einem Motorradreisenden an der Tankstelle ins Gespräch kamen und noch 20 Kilometer hinter uns waren. Die Landschaft abseits der Straße mit vielen langgezogenen Hügeln, die Windschutz vor den starken Böen aus Nordost boten, war hierfür geradezu ideal.
Christel und ich gingen ca. 700 Meter von der Straße weg hinter einen schützenden Hügel, um hier das Lager aufzubauen. Christel war zwar etwas enttäuscht, dass die Küste doch so weit weg war trotz Sichtbarkeit, aber wir konnten ja wenigstens mal näher hingehen und schauen. Vor Lageraufbau gingen wir also vor zur Klippe und machten ein paar Fotos – mit Konsequenzen!
Kaum sind wir zu unseren Fahrrädern am beabsichtigten Campingspot zurückgelaufen, empfing uns bereits ein Militärfahrzeug, welches uns wohl an der Klippe gesehen hat von einem Stützpunkt an der Küste aus.
Die Herrschaften wollten uns wegschicken, da wir im Sichtfeld eines weiteren Militärstützpunktes einige Kilometer weiter seien. Falls die Soldaten uns nicht als Touristen, sondern als mauretanische Flüchtlinge identifizieren, könne es wohl gefährlich werden. „Eine Nacht – da passiert doch nichts“, so unser plumpes Gegenargument. Die Soldaten zögerten und begannen ein Telefonat, vermutlich mit dem Offizier. Es half am Ende jedoch nichts: Wir mussten gehen – die andere Seite des Hügels wäre jedoch kein Problem, weil wir dann eben nicht im Sichtfeld seien.

Toll – dafür sind wir dem stürmischen Wind ohne Schutz ausgeliefert. Immerhin gab es nahe der Straße einen weiteren kleineren Hügel, der zwar nicht perfekt gegen den Wind ausgerichtet war, aber annähernd.
Wir fragten vorsichtshalber die Soldaten, ob wir dort nun campen dürfen. Nicht, dass wir dann wieder weggeschickt werden…nach Zustimmung der insgesamt jedoch recht freundlichen Herrschaften zogen wir wieder ca. 400 Meter zurück in Richtung Straße um. Inklusive Jannick, der in den letzten Minuten nach seiner Ankunft noch Zeuge der Diskussion wurde.
Letztendlich war es ein versöhnlicher Tagesabschluss mit einem spektakulären Sonnenuntergang. Und mit Glück im Unglück, dass wir zuerst in Richtung Strand spazierten und noch nicht unser Lager aufgeschlagen haben. Das Militär hätte uns genauso später bei einer Routinekontrolle aufspüren können – und dann hätten wir wieder alles zusammenpacken dürfen – daher doch lieber so!

Später kam auch Lucas nach zu dem neuen Spot und wir genossen nun einen ruhigen Abend an einem Ort, wo wir auch sicher bleiben durften. Gemeinsam besprachen wir das weitere Vorgehen: Dakhla ist nun 150 Kilometer entfernt, wir haben perfekten Rückenwind laut WindFinder. Eigentlich können wir gleich bis in die Stadt fahren…
Die Frage war jedoch: Wollen wir das überhaupt? Lohnt sich das überhaupt? Schließlich liegt Dakhla auf einer Halbinsel, und man muss die 50 Kilometer auf die Halbinsel auch wieder zurückkurbeln – gegen den Wind.
Wäschewaschen wäre zwar nach fast 1,5 Wochen ein Argument gewesen, aber noch hielt ich mit meinem Bekleidungsinterieur gut Haus. Wir beschlossen daher, Dakhla zu überspringen und den direkten Weg nach Süden zu gehen.
Ein kurzer Schlenker auf die Halbinsel war für mich jedoch ein Muss, da sich hier eine Thermalquelle mitten in der Wüste befand, wo man sich mit 40 Grad warmem Thermalwasser abduschen kann. Gut – das warme Wasser ist bei den Temperaturen hier am Tag wohl obsolet. Aber allein die Dusche an sich ist wohl nach einer Woche eine Wohltat für die allgemeine Körperhygiene…
Zudem berichtete unser vorgefahrener, alter Kamerad Leon, dass die Dusche wahrlich einer Massage für Muskeln und Gelenke gleicht und zu einem großen Entspannungserlebnis führt – ok, dieser Umweg von knapp 10 Kilometern (5 Kilometer einfach) auf die Halbinsel lohnt sich definitiv – zumindest aus meiner Sicht!
Bis hierhin waren es freilich erst einmal 105 Kilometer. Und natürlich die große Frage: Wann kommt die nächste Versorgungsstation? Sie kam in Form einer Tanke mit Restaurant nach wiederum 35 Kilometern. Gut für einen Kaffee. Und vor allem lebte die Hoffnung, den langsam zu Neige gehenden Strom aus meinen Ersatzakkus wieder aufzuladen.

Hochmotiviert für einen „Longride“ packten wir unsere Sachen und ließen uns bei Schlagermusik direkt Kilometer um Kilometer vom Rückenwind tragen durch die wieder ewige Steinwüste. Der Pausentreff war bereits nach etwas über einer Stunde erreicht. Die Ernüchterung jedoch hier: Die Tanke produziert ihren Strom selber durch Solarenergie, sie können ihren begrenzten Strom nicht für meine Powerbanks hergeben.
Das Wetter war zudem bewölkt: Das Solarpanel brachte rein gar nichts. Leicht frustriert wurden zwei Kaffee getrunken und anschließend zischte ich von etwas sauer weiter – vor allem, als ich sah, wie ein anderer Besucher für seinen Laptop Strom bekam…richtiges Essen für eine vollwertige Mittagspause war zudem ebenfalls nicht vorhanden, da ja Strom gespart werden muss.
Auf den folgenden 65 Kilometern durchs Niemandsland bis zum Abzweig nach Dakhla hatte ich genug Zeit, mich hierüber aufzuregen – mit einem Zwischenfall: Als der Wind perfekt war, wollte ich zum Trinken nicht anhalten und während dem Fahren schnell einen Schluck aus meiner 1,5-Liter-Flasche nehmen. Beim Zuschrauben der Flasche musste ich die Hand jedoch vom rechten Lenker nehmen. Ehe ich mich versah, war zu viel Gewicht auf meiner linken Fahrradseite und ich kippte bei knapp 30 Stundenkilometern einfach nach links um. Kurz durchpusten: Keine Schäden an Taschen und Fahrrad, einzig eine Schürfwunde am Knie. Gottseidank auch kein entgegenkommendes Auto in dem Moment. Da bin ich wohl im wahrsten Sinne des Wortes mit dem blauen Auge bzw. einer Schürfwunde davongekommen. Aufstehen und weitermachen!
Weiter ging’s mit Podcast auf den Ohren durchs Niemandsland, unterbrochen nur durch ein paar wilde Kamele am Straßenrand. Schließlich kam der Kreisverkehr mit Abzweig nach Dakhla. Hier war auch das erste Mal Mauretanien ausgeschildert – sieh mal einer an!


An dem Kreisverkehr war natürlich auch ein Polizei-Checkpoint. Die Beamten fragten mich, ob ich in Dakhla übernachten will. Ich bejahte, was natürlich eine glatte Lüge war. Da ich vorgefahren bin in meinem Tempo, machten wir die Tanke direkt hinter dem Kreisverkehr als erneuten Treffpunkt aus. Ich fuhr unbeirrt weiter in Richtung Thermalquelle. Mit einer richtigen Rückenwindabfahrt und erneut spektakulären Sanddünen am Wegesrand.

Bestimmt knapp 50 Höhenmeter ging es runter bis auf Meereshöhe mit Blick auf die Halbinsel, ehe rechterhand die Thermalquelle vorzufinden war – verbunden mit einem großen Duschschlauch. Nachdem ich mich bis auf die Radelhose entblößt hatte (die gerne mitgewaschen werden durfte) drehte der zuständige Mitarbeiter sogleich den Schlauch auf, ehe im wahrsten Sinne des Wortes die Post abging: Mit höchstem Wasserdruck gleich diese Dusche einer Hochdruckmassage, aus fünf Metern wird man von Kopf bis Fuß einmal vollgeduscht. Auch im Gesicht – man sollte also definitiv nicht zu zimperlich sein.

Insgesamt ca. acht Minuten ging der Spaß für umgerechnet 1,50 Euro, nach denen man sich wieder deutlich hygienischer und auch ein wenig wie neugeboren fühlte. Ob man es unbedingt braucht, wenn man Geld sparen will – keine Ahnung, wahrscheinlich eher nicht. Ich jedenfalls nahm frohen Mutes die fünf Kilometer zurück mit Höhenmetern und Gegenwind in Angriff.

Zurück an der Tanke wartete ich auf Lucas, der mir auf dem Rückweg entgegen kam und ebenfalls die Dusche ausprobieren wollte, während es das den anderen beiden nicht wert war. Die Wartezeit wurde bei einem sehr späten Kaffee mit Laden von Powerbanks überbrückt, da es hier endlich wieder Strom gab – jedes Prozent muss hier mitgenommen werden!
Jannick und Chris sind derweil schon weitergefahren. Da es bereits spät war, erinnerte ich die beiden, alsbald nach einem Übernachtungsplatz Ausschau zu halten. Bis Lucas zurück war und wir wieder abfahrbereit, war es bereits halb 7 – es ist noch maximal eine Stunde hell.
Dann kam von den beiden anderen die Meldung, dass sie weiterhin unterwegs sind und in Mangel an Campingspots bei einer Tanke in einigen Kilometern fragen. Ein Blick auf die Karte zeigte: Diese Tanke war 40 (!) Kilometer entfernt. Auch mit Rückenwind war sicher: Lucas und ich kommen in die Dunkelheit.
Immerhin gab’s eine nette Abendstimmung mit Blick Richtung Halbinsel und in die Wüste, und die Straße war noch gut. Nach 20 Kilometern kam jedoch eine fünf Kilometer lange Baustelle, wo wir uns durch eine sandig-steinige Buckelpiste kämpfen mussten. Eine Verkehrsführung war nicht zu erkennen, die Autos fuhren wie sie wollten über das Gelände. Wenn ein Truck vorbeifuhr, so galt: „Hold your breathe and close your eyes.“


Als die Baustelle vorbei war, war die Straße jedoch nicht mehr mit den vorherigen Verhältnissen vergleichbar: Kein Seitenstreifen mehr, eine sehr schmale Straße wo kaum zwei Autos aneinander vorbei kommen und jede Menge Schlaglöcher. Einige sah man in der Dunkelheit erst wenige Meter vorher, durch zwei bin ich auch schön durchgerumpelt. Immerhin konnten wir unser Licht durch Fahren hintereinander improvisieren: Lucas‘ Rücklicht funktionierte, und ich leuchtete vorne mit der Handytaschenlampe. In Dakar werde ich bald alles in Ordnung bringen…
Dennoch fühlte ich mich insgesamt sehr unsicher bei den Verhältnissen, es war abenteuerlich. Heilfroh war ich, als nach etwas über 30 Minuten bei kompletter Dunkelheit um 20 Uhr endlich die Tankstelle erreicht war.
Der Besitzer bot uns sogar an, innerhalb der Räumlichkeiten zu schlafen: Windschutz! Strom! Eine Küche! Das klang alles wie im siebten Himmel. Direkt wurden alle Steckdosen ausgenutzt und mit Hilfe aller Zutaten in Form von Gemüse und Eiern wurde ein köstliches Risotto gezaubert für vier Radfahrer, die gerade 150 Kilometer gemacht haben. Gut, der Wind war günstig. Trotzdem: Die längste Radfahrt, die ich jemals in meinem Leben gemacht habe…
Die abendliche Herrlichkeit fand jedoch ein abruptes Ende, als auf einmal die Sicherung rausflog und der Strom weg war. Wahrscheinlich haben so viele Geräte am Netz doch die Kapazitäten hier gesprengt…
Egal – wir legten uns schlafen auf die viel zu dünnen Matratzen. Aber Hauptsache ein Dach über dem Kopf, und wir haben ja unsere Luftmatratzen…

Geweckt wurden wir dann kurioserweise durch das angehende Licht in der Früh, als die Mitarbeiter der Tankstelle loslegten und die Sicherung reparierten. Wir nutzten wiederum die Gunst der Stunde, um nochmal allen Geräten die letzten Prozente zu geben. Gleicher Fehler: Nach wenigen Minuten war die Sicherung aufgrund von Überlastung wieder draußen.
Na ja, es war eh egal: Aufgrund der Nähe zu einem Café mit Shop in fünf Kilometern packte ich ohne großes Zögern vor allen anderen zusammen – freilich nach einem spektakulären Sonnenuntergang. Auch einen Blick auf den Hafen und die Promenade von Dakhla konnte man in der Ferne erahnen.


Im Café gab’s dann immerhin Omelette mit Tomate (neben Tajine der Klassiker hier), bevor sich im Shop ordentlich eingedeckt wurde für die ca. 50 Kilometer bis zum nächsten Versorgungspunkt.

Nach anfänglichem Rückenwind wurde dieser zwar schlechter, insgesamt fuhr es sich jedoch besser als gedacht. Die Strecke war zudem sehr abwechslungsreich, von einigen Kilometern an der Steilküste über felsige Steinwüste und einige Dünen in der Ferne, hin und wieder beobachtet von wilden Wüstenkamelen.

Zweimal hielten zudem Truckfahrer an, um mich zu versorgen: Einer drückte mir eine große Flasche Wasser in die Hand, der andere einen halben Liter Milch – shakaran! Dann gibt’s morgen wohl Cappuccino statt schwarzen Kaffee zum Frühstück 😉
Bald war der nächste Versorgungspunkt erreicht – jedoch nicht ohne obligatorische Polizeikontrolle. Diesmal ließen die Beamten mich nicht so schnell gehen. Sie fragten nach meiner Berufung. „Je ne travaille pas en moment, mon profession est être cyclist.“ Die Polizisten akzeptierten mit hochgezogener Augenbraue und fragten dann, wo ich schlafen will. Zudem verwiesen sie auf eben jene Tanke in ein paar Kilometern als Übernachtungsmöglichkeit. Ich gab ihnen zu bedeuten, dass ich länger fahren will und und zeigte ihnen den Versorgungspunkt 73 Kilometer weiter.
Die Polizisten zweifelten: „Tu es sûre?“ „Pourquoi no?! Il est douze heure et demie, le vent va être mieux. J’ai beaucoup de temps…“
Schließlich ließen mich die Beamten passieren und ich machte wohlverdiente Mittagspause. An der Tanke gab es sogar Strom. Dumm nur, dass dieser auch hier per Generator erzeugt wird und wohl nur ein paar Minuten, nachdem ich angesteckt habe, aufgebraucht war. Immerhin hat mir meine am Fahrrad installierte Powerbank beste Dienste erwiesen und einige Prozente gebracht dank des sonnigen Wetters…
Zudem war der Besitzer sehr nett und lud zu einem großen, geteilten Teller Couscous mit Gemüse und Fleisch ein – einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul…wichtige Kalorien für die Weiterfahrt.
Einige interessierte Reisende hielten ebenfalls hier an, auch ein Marrokaner, der ehemals in Heidelberg gelebt hat. Dank des Fußballvereins kannte er sogar Kaiserslautern, die Heimat von Jannick – die Welt ist doch sehr klein!
Die Mittagspause ging lange, um halb 4 fuhren wir schließlich weiter. Der Plan war, irgendwo an einem nicht zu sandigen, zugänglichen Ort zu campen. Für die nächste Tanke war es nun wohl zu spät.
Bei Weiterfahrt haben wir uns schnell wieder auf die unterschiedlichen Geschwindigkeiten separiert, ich voraus (bitte nicht arrogant verstehen, war halt einfach so, manche lassen es eben lieber gemütlicher angehen 😉).
Der Wind war anfangs solala, auf einem kleinen Abschnitt weg von der Küste nach Westen hatten wir sogar kompletten Gegenwind für ein paar Kilometer. Zudem kam ein kleines Tal, wo man am Ende wieder stolze 50 Höhenmeter hochkurbeln musste. Steigung und heftiger Gegenwind ließen die Geschwindigkeit dann doch mal auf sechs Stundenkilometer absinken…

Mit der erneuten Rechtskurve wurde es wieder besser, der Kurs war wieder auf Süd. Die Landschaft blieb zudem abwechslungsreich mit vielen Dünen und einigen Felsformationen sowie auch einigen Höhenmetern – kurzweilig gingen die Kilometer weg. 30 Kilometer hinter der Tanke fragte ich die anderen, ob ich noch weiterfahren soll oder nach einem Platz suchen soll. Weitere knapp 10 Kilometer später mit immer besserem Wind am späten Nachmittag kam die Nachricht von Jannick: „Wie motiviert bist du? Was meinst du?“
Spielst du gerade ernsthaft mit dem Gedanken, wirklich noch durchzufahren bis zur Tanke?!? Ich schaute auf die Uhr: Gut, es ist 17:45 Uhr, um 19 Uhr wird es langsam dunkel, ich habe noch 35 Kilometer, der Wind passt sehr gut – versuchen können wir es, sofern jeder dabei ist. Dabei war jedoch zu bedenken, dass die anderen deutlich hinter mir waren und ich seit der Tanke ohne Pause durchgefahren bin…
Eine Umfrage in unserer WhatsApp-Gruppe ergab dann doch eine einhellige Meinung: Durchballern bis zur nächsten Tanke! Gut, ich schaltete sofort in den Vollgasmodus! Etwas über eine Stunde für 35 Kilometer, um nicht in die Dunkelheit zu kommen. Ausgebremst wurde ich nur durch so manchen Hügel, ganz ohne Höhenmeter ging es hier nicht. Voller Motivation und mit dem Ziel vor Augen gröllte ich meine Musik auf Spotify laut mit, ehe ich um kurz nach 19 Uhr im letzten Tageslicht tatsächlich da war an dem Häuschen, wo wir beliebig unsere Zelte aufbauen konnten. 130 Kilometer waren es letztlich, nach 150 Kilometern am Tag vorher – ein wahrhafter Mauretanien-Express.
Ich war nicht alleine: Zwei weitere deutsche Radtouristen machten es sich hier ebenfalls bequem, ebenso mit dem Ziel Mauretanien, welches nun noch ca. 170 Kilometer entfernt war – zwei Tage quasi.
Seit Beginn der Sahara in Guelmim vor 1,5 Wochen wurden so bereits etwas über 1.000 Kilometer Sahara zurückgelegt, womit die größte Wüste der Welt bereits zu über der Hälfte durchquert wurde…manchmal musste man sich doch mal zwicken, wie schnell das alles geht und vor allem wie schnell die Zeit vergeht…



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