Raus aus Freetown, rein in die atemberaubende Landschaft von Sierra Leone – so lautete das Motto, als die geschäftige Hauptstadt nach einigen Kilometern hektischen Stadtverkehrs endlich hinter sich gelassen werden konnte. Wir fuhren nun Richtung Süden über eben jene Halbinsel, von welcher der Name des Landes kommt aufgrund der Bezeichnung als Löwengebirge.

Warum erfahren wir gleich auf dieser Tour: Durchaus schroffe Berggestalten recken sich linkerhand der Straße, welcher wir folgen, in die Höhe. Rechterhand wird hin und wieder der Blick auf die Küste sowie die ein oder andere Meeresbucht freigegeben. Die Straße selbst geht in stetem Auf und Ab dahin und schlängelt sich durch die bergige Landschaft, ganz im Stile der Panoramastraße des Auerbergs in meiner Heimat – nur eben mit etwas tropischerem Flair.

Nach einigen Kilometern eröffnete sich mir ein Eindruck, der so richtig zu Sierra Leone passte: Im Vordergrund ein sehr gut besuchter Fußballplatz (die Einheimischen lieben diesen Sport über alles, was ich als bekennender Fußballfan sehr sympathisch finde), dahinter die weit aufragenden Berge des Nationalparks – imposant.

Schöne Szenerie.

Rechterhand der Straße gibt es so manchen empfohlenen, schönen Strand. Da wir alle Strände jedoch weder anschauen können noch wollen, mussten wir wählerisch sein: Einheitlich wird insbesondere der River No. 2 Beach als Must-See angepriesen, sodass wir an diesem Halt machen wollten.

Dieser wurde dann auch als Treffpunkt ausgemacht, als ich bereits vorgefahren bin. Nachmittags erreichte ich den Strand und nach einer kurzen Abfahrt von der „Panoramastraße“ an die Küste war ich da. Gegen eine Zahlung von 15 Leone als Spende an die Gemeinde, die den Strand weitestgehend müllfrei hält, bekam man Zugang zu dem Strand – wahrhaft ein Traum, insbesondere der weiße Sand, hinter welchem sich die tropische Vegetation anschließt. Ich erfrischte mich in den angenehm temperierten, tosenden Wellen und entspannte an einem der vielen Tische mit Stühlen.

Der River No. 2 Beach – eine Perle.

Später unternahm ich einen Versuch, beim Chef des Platzes vorstellig zu werden und nach der Möglichkeit einer Zeltübernachtung auf dem Platz zu fragen. Man offerierte mir das Aufstellen des Zeltes gegen eine Gebühr von 200 Leone, also 8 Euro pro Person – dankend lehnte ich ab, da finden wir sicher etwas anderes. Zudem sah ich, wie ein paar hundert Meter weiter eine Bühne installiert wurde – hier gibt’s wohl später noch Partyprogramm. Der Strand ist trotz – oder vielleicht auch aufgrund seiner Schönheit – sehr touristisch. Ebenfalls habe ich an keinem anderen Platz hier in Sierra Leone bisher mehr helle, europäische Menschen gesehen als dort.

Jedenfalls war dieses Charakteristika in Verbindung mit dem hohen Preis dann doch eher abschreckend bezüglich einer Zeltübernachtung. Ich rief die anderen beiden an und wir berieten über mögliche Alternativen. Da fiel mir auf: Oben, direkt am Abzweig von der Hauptstraße zum Strand, ist eine Tankstelle. Hier können die beiden ja, wenn sie eh dort vorbeikommen, fragen und mir Bescheid geben.

So genoss ich noch ein bisschen das Bad in den Wellen, ehe die positive Rückmeldungen kam: Wir können unsere Zelte an der Tanke aufschlagen. Ich schnappte mir mein Fahrrad und fuhr die paar Höhenmeter wieder hoch zur Hauptstraße, ehe ich auf die anderen beiden traf.

Es war natürlich eine klassische Notlösung, weil die Tanke wirklich direkt neben der viel befahrenen Straße liegt, die durch den Western Area Nationalpark führt. Immerhin gab’s jedoch ein paar Meter weiter etwas Streetfood, wodurch die Lebensmittelversorgung schon einmal sichergestellt war.

Am nächsten Morgen nach einer doch etwas lauten Nacht, da die Straße lange Zeit ihren Geräuschpegel hochhielt und bereits früh wieder loslegte, wollte Lucas den Strand auch noch einmal begutachten und schwimmen gehen, während Jannick es verzog, sich etwas länger Zeit beim Abbau zu lassen und dann schon einmal vorzufahren. So verabschiedeten wir uns und einigten uns auf ein späteres Wiedersehen.

Lucas und ich machten also noch einmal die Abfahrt und erfrischten uns gemeinsam noch einmal vor dem Beginn der Radtour – einfach das perfekte Wasser! Traumhaft! Eine Schattenseite war lediglich, dass wir dann – im Gegensatz zum vergangenen Tag, wo ich alleine da war – auch noch aufgefordert wurden, Stuhlmiete zu zahlen von 50 Leones, als wir nur kurz ein paar Minuten nach dem Schwimmen in den Stühlen relaxen wollten. Hier scheint wirklich alles kommerzialisiert und auf Tourismus ausgelegt zu sein. Unserer Meinung nach nimmt das dem ganzen etwas die Gemütlichkeit, wodurch wir dann doch schnell wieder weiterfuhren.

Morgenstimmung: Kein Wunder, dass dieser Strand so touristisch ist!

Im Vergleich zum Tag davor büßte die Straße auch bei Weiterfahrt nichts von ihrem bergigen Charakter ein – hoch und runter ging’s, immer mal wieder mit Blick auf schroffe, tropische Bergspitzen, oder auch die Küstenlinie.

Blick auf die Western-Area-Berge…
…oder auch zurück Richtung Küste.

Nach wenigen Kilometern mussten Lucas und ich dann unfreiwillig die erste Pause einlegen: Die Polizei führte eine Routinekontrolle durch, wobei wir über jedes Detail ausgefragt wurden: Herkunft, Reiseroute, bereiste Länder, Inhalt der Taschen etc. Am Ende kündigten die Polizisten noch an, unsere Taschen kontrollieren zu wollen. Als wir unbeeindruckt zustimmten, ließen sie uns dann nach 40 Minuten Kontrollzeit aber ziehen. Vermutlich wollten sie doch nur die Körpersprache unserer Reaktion testen – wir haben ja nichts zu verbergen 😉

So ging es weiter durch die hügelige Landschaft mit Löwengebirge – die Western Area von Sierra Leone, sie hat landschaftlich wahrlich einiges zu bieten. Mittagspause wurde wiederum bei einem kleinen Essensstand an der Straße gemacht, wo man wiederum sehen konnte, dass dieses Volk sehr fußballbegeistert ist – und kreativ obendrein 😉

Sehr kreativ.
Weiterhin tropisches Bergflair.

Immer wieder hält man während solchen Mahlzeiten Smalltalk mit den Einheimischen, die sich nach Herkunft und Reiseroute erkundigen und dann große Augen machen, wenn man erzählt wie weit man bereits gefahren ist.

Da Lucas noch etwas länger Pause machen wollte, fuhr ich weiter, um Jannick wieder einzuholen, der nach der vorherigen Polizeipause natürlich weit vorne weg war. Bald hat man den südlichsten Punkt der Halbinsel erreicht, bevor es anschließend wieder Richtung Osten zur Stadt Waterloo ging, welche ziemlich direkt nach dem Verlassen der Halbinsel wartete.

Der letzte Bergeindruck kurz vor Verlassen der Halbinsel.

Mein eigenes „Waterloo“ erlebte ich hier zwar gottseidank nicht, dafür traf ich Jannick wieder, nachdem ich einmal über den chaotischen Markt der Stadt gefahren bin. Lucas ist auf dem Weg noch einmal hängen geblieben und war daher weit hinter uns. 

Nach dem Passieren der Stadt Waterloo musste man der Hauptstraße noch gute 15 bis 20 Kilometer folgen, ehe man schließlich rechterhand abbiegen musste zu unserer geplanten Route: Die kommenden knapp 170 Kilometer planten wir nämlich, die „Old Train Road“ von Sierra Leone zu fahren, welche das Örtchen Songo mit Bo verbindet, der größeren Stadt im Süden Sierra Leones. Hierbei handelt es sich um eine durchgehende Gravelroute, unterbrochen nur durch ein kurzes Stück Asphalt in der Kleinstadt Moyamba auf der Hälfte des Weges.

Schnell waren Jannick und ich dann, nachdem wir den Highway verlassen haben, auch in Songo am Beginn der Route. Es war ein Donnerstagabend, das bedeutete Zeit für die Play-offs für das Europa-League-Achtelfinale. Sofern man es nicht wusste: Spätestens durch die Aufschrift an einer kleinen Hütte beim Passieren des Ortes wurde man damit informiert 😉 Vorweg: Kurz habe ich es mir überlegt, zuzuschauen – letztendlich reizten mich die Partien aber doch schlicht zu wenig…

Public Viewing in Sierra Leone.

Schließlich fanden wir in Songo eine Tankstelle. Da es bereits halb 6 und Lucas noch immer über 20 Kilometer hinter uns war, hatte Weiterfahren keinen Sinn mehr. Wir fragten nach der Erlaubnis für das Aufstellen unserer Zelte. Nachdem der Mitarbeiter der seinen Chef kontaktierte und sowohl er als auch dessen Frau zustimmten, durften wir unser Lager aufschlagen. Wie passend, dass es hundert Meter weiter auch wieder Streetfood gab, wo man in Form von Reis mit Fisch seinen Hunger stillen konnte.

Später kam auch Lucas dazu und wir legten uns bald nach Einbruch der Dunkelheit in unsere Zelte. Die Straße nebenan war zwar ruhig und nur ganz sporadisch fuhr ein Auto vorbei, jedoch tobte ein paar hundert Meter weiter entfernt wohl eine klassische Dorfparty. Nach Feiern war uns in dem Moment jedoch weniger zu Mute, wodurch das Geräusch, verstärkt durch die Reflektion der Wände der Tankstelle, durchaus als störend wahrgenommen wurde – zumindest von mir und Lucas.

Wir zogen spontan auf den kleinen Innenhof hinter der Tankstelle um, wo die Akustik bereits deutlich schlaffreundlicher war. Wir wussten ja nicht, bis wie lange in die Nacht hinein hier die Musik läuft. Es war zwar unter der Woche – aber hier in Afrika ticken die Uhren wohl einfach im wahrsten Sinne des Wortes anders.

Die Tankstelle hatte zudem den großen Vorteil, dass es sogar im Innenhof eine kleine Kabine mit Dusche und Toilette gab. Das Wasser für die Dusche funktionierte sogar einwandfrei – nach den Erlebnissen der letzten Wochen hier fast schon eine kleine Sensation. Zimperlich durfte man beim Waschgang hier jedoch nicht sein, lauterten doch so manche andere Krabbeltiere…von Vorteil ist es jedoch immerhin, wenn man in der Nacht dringend sein Geschäft erledigen muss und dann erst hinterher bemerkt, dass man sein Klopapier vergessen hat. Hierbei war die Dusche meine Rettung – eine kleine Yogasession in Form einer Art herabschauender Hund, um bestimmte Körperteile zu reinigen, gab’s so praktischerweise noch inklusive.

Ein paar nette Duschbewohner.

Die Stimmung konnte in diesem Moment besser kaum sein, habe ich doch obendrein just auf dieser Etappe die 10.000 Kilometer seit dem Start im Sommer letzten Jahres vollgemacht. Und das bisher ohne einen einzigen Platten! Wenn diese Reifen die gesamte Tour durchhalten – so sagte ich zu mir selber, dann werde ich hinterher definitiv Markenbotschafter von Schwalbe 😉

Am nächsten Morgen brachen wir nach der üblichen Zusammenpackerei und einem unüblichen Frühstück – einer erneuten Mahlzeit Reis mit Fisch beim Streetfood gegenüber – schließlich auf, um den ersten Teil der Old Train Road in Angriff zu nehmen. Natürlich in bester Stimmung und voller Motivation.

Guten Morgen, Lucas!

Manchmal trügt dieser Schein der heilen Welt jedoch und das Unverhoffte kommt meistens in dem Moment, wenn man es am wenigsten erwartet, scheinbar alles wie geschmiert läuft. So auch an diesem Tag, der für uns in vielerlei Hinsicht einiges verändert sollte. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag…

Hinterlasse einen Kommentar