Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein hatte Sierra Leone eine Eisenbahn, von der heute nur noch Überreste vorhanden sind – genau über diese Linie führt unsere Route in Richtung der Stadt Bo im südlichen Sierra Leone, für uns eine gute Alternative zur Asphaltvariante über den Highway, der direkt von Freetown bzw. der Western Area nach Bo führt. Obendrein war die Offroad-Variante durch den Dschungel sogar die etwas direktere Variante.
Dennoch warteten nun natürlich auch fast 180 Kilometer Gravelpiste auf uns, unterbrochen nur von ein bisschen Asphalt in dem Ort Moyamba nach knapp 70 Kilometern. Diese Ortschaft peilten wir nun auch als Ziel an für den Tag.
Die Tour begann unspektakulär, ich fuhr etwas vor und machte die ersten Kilometer über die leicht sandige Piste, ehe ich nach einer Pause wieder auf die anderen beiden traf. Auch das Höhenprofil zeigte sich freundlich, ohne größere Anstiege, aber bei wie immer starker Hitze ging es dahin.

Schließlich passierten wir das Örtchen Bradford mit einem lebendigen Markt. Die anderen beiden blieben hier hängen und wollten Pause machen, ich hatte in diesem Moment schlicht keine Lust auf eine Pause, wollte erst in der nächsten Ortschaft Rotifunk meine Mittagspause einlegen.
So fuhr ich weiter und rechnete damit, dass wir uns wieder im Rotifunk treffen. Die weiteren Kilometer bis hierhin steilte das Gelände immer mal wieder auf und ein paar schweißtreibende Anstiege durch den Schotter warteten.
Des Weiteren warteten noch zwei Polizei-Checkpoints auf mich: Ein normaler Checkpoint und dann ein im Nachhinein etwas ungewöhnlicher: Die Straßensperre war hier nicht ein normales Seil, sondern ein langer Bambusstock. Der vermeintliche Polizist hielt mich an und begann anschließend, sehr selbstmitleidig über seine aktuelle Situation zu sprechen: Er sei sehr krank, bräuchte Medikamente, aber könne sich diese nicht leisten. Im nächsten Atemzug kam dann die Frage: „What can you give to me?“
Der arme Kerl tat mir in diesem Moment wirklich etwas leid, weshalb ich mein Portemonnaie zückte und ihm umgerechnet zumindest drei Euro in die Hand drückte. So öffnete er die Schranke und ließ mich ziehen. Als ich schon begann, weiterzufahren, rief er mir noch hinterher, ob ich ihm Wasser geben könnte. Eventuell hätte ich ihm auch etwas gegeben, nur in dem Moment war ich zu faul, noch einmal anzuhalten, wodurch ich mit der Entschuldigung, dass ich das Wasser selber bräuchte, verblieb und davonfuhr.
Erstmal war diese kurze Begegnung in meinem Gehirn schnell abgehakt und als unspektakulär kategorisiert. Kurz darauf war ich in Rotifunk, holte mir ein paar Softdrinks zur Erfrischung und aß bei einer Streetfoodstand einer einheimischen Familie mein Mittagessen, während ich die üblichen Smalltalks hielt.
Nach der Mahlzeit checkte ich mein Handy: Keine Meldung von Jannick oder Lucas, die beiden sind auch noch nicht eingetroffen. Gut – ich fahr weiter, dann treffen wir uns halt später am Ziel.
Mit diesen Gedanken schaltete ich meine mobilen Daten aus und machte mich an die letzten 30 Kilometer über fordernde Gravelpiste in Richtung Moyamba. In anstrengender Weise ging es im hügeliger werdenden Terrain auf dem Schotter hoch und runter, zwischendrin wurde ich sogar noch Zeuge eines Buschbrandes. Abenteuerliche Bachübergänge in den Tälern zwischen den Gravelhügeln forderten höchste Konzentration. Kurzum: Bis auf ein paar Fotos checkte ich einfach nicht mein Handy, war komplett mit Fahrradfahren beschäftigt.


Erst eine Stunde nach Weiterfahrt fuhr ein Motorrollerfahrer an mir vorbei und hielt mich an: „Are you the third cyclist? Your friend had an accident!“ Wie bitte?! Einen Unfall?! Uff! Hat er bei einer Abfahrt in dem anspruchsvollen Gelände etwa die Konzentration verloren und ist gestürzt bei einer steilen Abfahrt?!
An der nächsten Schattenstelle der Straße stoppte ich und checkte mein Handy. Nachdem es endlich schwachen Empfang bekommen hatte in dem abgelegenen Terrain, kam eine anderthalb Minuten lange Sprachmemo von Lucas via WhatsApp herein.
Der Inhalt war eine Hiobsbotschaft: Jannick sei wohl von im Busch versteckten Räubern, die vor ihm auf die Straße gesprungen seien, überrascht und anschließend mit einer Machete bedroht und ausgeraubt worden sein, sein Handy sei gestohlen. Immerhin sei er wohl soweit wohlauf. Mir stockte der Atem und ich rief sofort Lucas zurück.
Bei dem schlechten Empfang hier brachte uns das aber kaum weiter, das Gespräch war komplett abgehackt via WhatsApp. Lediglich verstand ich, dass er aktuell mit Jannick auf dem Weg zur Polizeistation in Rotifunk sei. Er legte mir nahe, zurückzufahren.
Hier musste ich dann nochmals kurz schlucken: Diese Route ist mit seinen steilen Anstiegen extrem anstrengend und hat so manches Schweißtröpfchen gekostet. Jetzt nochmal alles zurückfahren und dann bald nochmal alles wieder in die andere Richtung? Vorsichtig fragte ich, ob die beiden das bei der Polizeistation in Rotifunk zu zweit regeln könnten und ich derweil in Moyamba warte, der nächsten größeren „Stadt“, wo beiden ja dann wohl eh hinmüssen, weil dort ja auch die „Hauptpolizeistation“ ist…

Hierauf kam eine leicht trotzige Antwort von Jannick: „Mach, was du willst – das tust du doch eh!“ Mit etwas schlechtem Gewissen fuhr ich schließlich die letzten etwas über zehn schweißtreibenden Kilometer weiter nach Moyamba. Die Erzählungen von Lucas in der Sprachmemo setzten jedoch auch mir psychisch stark zu, ich fühlte mich unwohl alleine: Was, wenn hier jetzt auch auf einmal jemand unverhofft mit einer Machete aus dem Busch springt und mich überfällt?! Theoretisch bin ich alleine „freiwild“ für jeglichen Überfalltäter…
Komplett erschöpft, heilfroh und erleichtert kam ich schließlich am späten Nachmittag in Moyamba an und buchte mir in einer auf der allseits bekannten App „iOverlander“ gescouteten Unterkunft ein Zimmer für erst einmal eine Nacht, da ich ja nun überhaupt nicht wusste, was jetzt überhaupt los ist…
Erst ein Telefonat mit Jannick zu später Stunde nach ausgiebiger Eimerdusche und Erholung im Bett des Hotelzimmers brachte Licht in die Einzelheiten. Er fragte mich: „Kannst du dich an einen Checkpoint mit Bambusstock erinnern, wo dich einer nach Geld und später Wasser gefragt hat?“ Natürlich bestätigte ich.
„Ich habe ihm zwar kein Geld, aber dann Wasser gegeben. Als ich schon weiterfahren wollte, rannte der nach mir und fragte noch einmal, ob ich ihm nicht irgendwas geben könnte. Also hielt ich an und wollte wissen, welche Medikamente er denn überhaupt bräuchte. In diesem Moment wollte er mein Handy aus der Lenkerhalterung entreißen, was ich noch verhindern konnte. Schließlich hielt er mir jedoch eine Machete an den Hals, nahm das Handy und floh damit in den Busch.“
Puhh – aber eine Frage blieb bei mir in dem Moment immer noch offen: „Und was hatte es dann mit dem Unfall auf sich, von dem mir der Motorrollerfahrer berichtet hat?“
„Ich bin dem Typ nachgerannt in den Busch und dabei gestolpert“, so Jannicks Erklärung. Hierbei hat er sich wohl größere Verletzungen zugezogen und musste deswegen noch ins Krankenhaus in Rotifunk.
Ok – einer mit Machete ausgestatteten Person nach einem Diebstahl noch hinterherzurennen – das wollte ich in dem Moment mal nicht weiter hinterfragen – Adrenalin kann viele unerklärliche Sachen bewirken…
Außerdem stellte sich heraus, dass Jannick in dem Moment alleine war. Lucas war ihm einige 100 Meter voraus, bis ihm eben der Motorrollerfahrer, der einige Kilometer später auch mich von dem Vorkomnis unterrichtete, eine Information gab und Lucas daraufhin umkehrte.
Wir verblieben schließlich damit, dass wohl aktuell Suchtrupps unterwegs sind, um den Täter aufzuspüren. Man müsse dann morgen schauen, wie es sich entwickelt…
Das Telefonat war damit beendet, dennoch drehten sich auch anschließend in meinem Kopf tausend Gedanken: Jannick wirkte zwar gefasst, doch er muss doch einen mentalen Schock erlitten haben?! Wie wird er den wegstecken?! Steht unser Projekt auf dem Spiel?! Wie viel Glück hatte ich?! Habe ich einfach nur glücklicherweise instinktiv richtig gehandelt und dem Kerl Geld gegeben?!?! Habe ich mich falsch verhalten?! Sollten wir in Zukunft doch immer zusammen fahren?!
Ich telefonierte mit der Familie und berichtete über den Zwischenfall. Diese reagierten natürlich bestürzt und nahmen auch mich in die Pflicht: Ab jetzt keine Alleingänge mehr! Nur noch zusammen fahren!
Es war dementsprechend auch eine wenig erholsame Nacht, da sich mein Gedankenkarussell alleine im Zimmer ständig weiterdrehte und ich diesen Tag mit seinen Vorkommnissen erst einmal verarbeiten musste…
Vor allem eine Frage ließ mich nicht los: Wie soll ich jetzt mit Jannick umgehen?! Er ist ja, wie gesagt, mit Sicherheit in einem mentalen Schockzustand. Ich meine, wer wäre das nicht in einem solchen Fall?! Unter Druck setzen darf ich ihn auf keinen Fall, das wäre nicht die feine Art. Ich muss ihm die Zeit geben, das erst einmal zu verarbeiten und ihm auch ganz klar sagen, dass ich jede Entscheidung akzeptieren würde, die er jetzt fällt. Auch, wenn ihm das psychisch zu viel war und er das Ding abbrechen will…einfach für ihn da sein in nächster Zeit und ihn keinesfalls unter Druck setzen.
In der Früh buchte ich dann doch gleich eine zweite Nacht hinterher, weil ich schon ahnte, dass das eventuell länger dauert. Ich ging diesen Samstagmorgen somit ganz entspannt an und und kümmerte mich um Sachen wie Handwäsche. Es war auch eine gute Therapie, um mich abzulenken von den Geschehnissen.
Später brach ich dann auf in den Ort, um einen Shop unseres Mobilfunkanbieters „Orange“ aufzusuchen. Denn uns beschäftigte natürlich auch noch ein weiteres Problem: Das Bargeld wird wieder knapper. Und hier in der Prärie gibt es natürlich keinen ATM. So wollte ich die Möglichkeit nutzen, Geld auf meinen SIM-Karte zu überweisen, welches man sich dann im Nachhinein auszahlen lassen kann. Soviel vorweg: Ich verbrachte viel Zeit in dem Laden, letztendlich hat es jedoch frustrierenderweise nicht funktioniert…
Währenddessen erkundigte ich mich natürlich immer wieder nach Updates von den Kollegen: Die beiden haben wohl auf der Polizeistation genächtigt und sind jetzt weiter dabei, mit der Polizei den Fall aufzuarbeiten, während einige Einheimische sich auf den Weg gemacht haben, um die Gegend rund um den Checkpoint nach dem Täter abzusuchen.
Ich wartete gespannt weiter und lernte in der Zwischenzeit bei einem Spaziergang im Zentrum von Moyamba Timbo kennen – wie alle hier fußballbegeistert und starker Fan vom FC Arsenal – mal eine Abwechslung zu den dominanten Fangruppen FC Barcelona und Real Madrid hier…

Wir kamen ins Gespräch über eine unserer gemeinsamen Leidenschaften, ehe ich nachfragte: „Do you know a possibility to watch Bayern against Leverkusen in the evening? It’s such an important match, I don’t want to miss it!“
Und tatsächlich: Timbo erklärte mir, ich solle um 17 Uhr wieder zum jetzigen Treffpunkt kommen und dann schauen wir das Spiel gemeinsam.
Er brachte mich sogar per Motorroller wieder den Kilometer zurück zu meinem Zimmer, wo ich dann nachmittags erst einmal die Zeit ins Land streichen ließ.
Schließlich rief Lucas an: Der Täter wurde gefasst! Jannick hat sein Handy wieder! Oh wow! Ich habe mir vielem gerechnet, aber sich nicht damit, dass Jannick sein Handy einen Tag später wieder hat!
„Und wie geht es jetzt weiter? Kommt ihr dann heute noch rüber?“, fragte ich nach. Die Antwort war – erwartbarerweise – eine Absage. Jannick war jetzt erstmal dabei, sein Handy, das natürlich resetet war, neu einzurichten. Außerdem müsse der Fall am nächsten Morgen noch einmal weiter mit der Polizei aufgearbeitet werden.
So sei es – ich war jedenfalls schon einmal sehr erleichtert aufgrund der positiven Neuigkeiten und machte mich später froheren Mutes auf den Weg zurück in die Stadt, um mich mit Timbo zu treffen. Er nahm mich dann zugleich auf seinem Motorroller mit zum dorfinternen Public Viewing. Eine groß hergerichtete Wellblechhütte, wo in vorderster Front drei Bildschirme mit drei unterschiedlichen Übertragungen installiert waren – Kino pur hier, irgendwo in der Pampa von Sierra Leone!


Die folgenden 90 Minuten waren dann also die zweiten von Bayern München in dieser Saison, denen ich über die volle Länge in Afrika beiwohnen durfte. Das Spiel stellte mich natürlich bis auf das Endergebnis von 0:0 wenig zufrieden als Bayern-Fan. Wir waren uns beide einig: Ein Sieg für den Werksclub wäre hochverdient gewesen – dennoch nimmt man als Fan natürlich gerne den Punkt, wodurch ich auch letztendlich nicht komplett unzufrieden zum Hotel zurück gefahren bin. Hierhin hat mich Timbo dankenswerterweise wieder mit seinem Motorroller chauffiert. Eine schöne Bekanntschaft – wir tauschten noch Nummern aus und ich wünschte ihm natürlich als Arsenal-Supporter alles Gute für die Premier League (auch wenn ich ehrlicherweise Liverpool mehr die Meisterschaft gönne 😁).
Ein interessanter Randaspekt zu diesem Public Viewing: Vor dem Bayern-Spiel duellierten sich Osasuna und Real Madrid, als ich ankam, war die Hütte proppenvoll. Nach Abpfiff und dem 1:1-Endstand verließen massenweise Einheimische enttäuscht den Ort – die Neigungen für Fußballvereine sind hier doch klar verteilt!
Mit einem Tag Abstand war mein Schlaf in der kommenden Nacht schon deutlich ruhiger – insgeheim hoffte ich natürlich, dass auf jenen von Jannick das Gleiche zutrifft.
Der nächste Tag zog sich auf jeden Fall wie Kaugummi. Ich blieb erst einmal so lange wie möglich in meiner Unterkunft.
Lucas und Jannick mussten derweil Reports schreiben zu dem Fall. Anschließend schrieben auch die Polizisten ihren Bericht zu dem Hergang. Nach Durchsicht von Jannick und Lucas bestand dieser wohl zu 90 Prozent aus unnötigen Fakten wie der Herkunft von Lucas, sodass dieser noch zweimal überarbeitet werden musste. Unter anderem fehlte wohl das Detail, dass Jannick mit einer Machete bedroht wurde. Außerdem mussten anschließend noch Jannicks und Lucas Berichte für den weiteren Vorgang kopiert werden. Ein Kopierer war jedoch nicht vorhanden, weshalb ein Polizist alles von Hand abschrieb. Dieser Vorgang musste wohl sogar noch einmal wiederholt werden, da zwei Abschriebe jeweils benötigt wurden. Zudem trug der zuständige Beamte ein BVB-Trikot und Jannick musste für die Fahndung von 50 Euro Schmiergeld zahlen…
Das hörte sich dann doch alles eher semiprofessionell und ineffizient an. Immerhin konnte man direkt für den morgigen Montag den Termin für die Gerichtsverhandlung vereinbaren. Jannick und Lucas erklärten eindringlich, dass sie mit Fahrrädern unterwegs sind und keineswegs länger als bis Montag bleiben könnten. Hinzu kommt natürlich auch die fehlende Infrastruktur in der Gegend – beispielsweise der Mangel eines ATMs, wodurch die liquiden Mittel bei längerfristigem Aufenthalt doch stark in Gefahr geraten werden – zumal hier, wie üblich, eine Kartenzahlung einfach nicht unterstützt wird.
Die Gerichtsverhandlung sollte dann im Gerichtssaal bei der Polizeistation in Moyamba stattfinden. Eben, wo ich auch wartete. Bevor schließlich am Nachmittag alles erledigt war und die beiden nach Moyamba weiterfuhren, mussten sie mit den Polizisten in Rotifunk noch einen Schlafplatz vereinbaren. Es wurde versichert, dass man auch in Moyamba ohne Probleme auf der Polizeistation schlafen könne. Aufgrund der Bargeldsituation war das natürlich sehr wichtig.
So unterrichteten die beiden mich über unseren kommenden Schlafplatz und fuhren los. Ich musste derweil mittags längst aus meiner Unterkunft raus und verbrachte einige Stunden in einem wiederum auf iOverlander entdeckten Café. Hier lief wiederum Fußball: Manchester City. Bei einem Mittagessen, ein paar Softdrinks und viel Handydaddelei verschwendete ich meine Zeit schon weit bevor die anderen überhaupt losgefahren sind.
Irgendwann wurde es mir dann doch genug und ich ging schon einmal zur Polizeistation. Laut meinen beiden Kollegen sind die Polizisten informiert, sodass ich mich als „den dritten Radfahrer“ vorstellte. Sie wussten dann auch Bescheid und ich durfte bei einer der Sitzgelegenheiten Platz nehmen.
Gute zwei Stunden unterhielt ich mich dann mit dem Oberkommissar über unsere Radreise sowie die Gefährlichkeit der einzelnen Länder. Er war erstaunlich gut informiert, sogar auch über die politische Lage in Deutschland: „In just a few days you have elections, no? If this partie called alternative for gemany wins, that’s the end of your country!“ „Let’s see…“, antwortete ich etwas achselzuckend, ändern kann ich es ja eh nicht – ich kann dieses Mal ja nicht mal meine Stimme abgeben…
Als Fazit meinte der Polizeichef, dass diese Radreise aus seiner Sicht ja viel zu gefährlich wäre und er sich das niemals vorstellen könne. Nur Republik Kongo und Namibia wären die einzigen komplett sicheren Länder – und natürlich Sierra Leone, sein eigenes Land 😉 Auch hier gilt: Wir werden sehen! In diesem Moment war ja überhaupt nicht sicher, wie lange das Abenteuer überhaupt noch geht…
Zu später Stunde kamen dann die Mitfahrer endlich an, die ich zum ersten Mal nach über zwei Tagen wieder zu Gesicht bekam. Nun musste erst einmal eine wichtige Sache geklärt werden: Der Schlafplatz! Zu unserem Bestürzen wollten die Polizisten hier auf der Wache nichts wissen von der Möglichkeit, dort zu schlafen: „Spending the night here? No, that’s impossible.“ „But in Rotifunk they said it would be no problem.“
Wir schoben hinterher, dass wir ja auch Isomatten haben und uns irgendwo einfach hinlegen können. Hierauf boten die Polizisten uns an, einfach auf dem engen Durchgang von der Station unsere Isomatten aufzuschlagen.
Hier mussten wir jedoch ablehnen: Wir sind zwar mittlerweile viel gewohnt, aber einfach ohne Zimmer irgendwo auf dem Gang der Polizeiwache schlafen?! Hinzu kam, dass der Gang offen einsehbar war und sich am Ende des Gangs die Zelle mit den Inhaftierten befand. Diese hatten ein Guckloch an der Tür und hätten uns so die ganze Nacht über beobachten können – gruselig!
Die Lage schien aussichtslos, ehe sich einer der Polizisten erbarmte, uns mitzunehmen in seine Wohnung im Polizei-Wohnpark gegenüber. Wie sagt man in der Jugendsprache hierzu gerne: Ehrenmann!
Wir folgten dem Polizisten zu seiner Wohnung und konnten hier auch unsere Räder reinstellen. Dennoch war es auch erschreckend zu sehen, in wie spartanischen Verhältnissen die Dienstmitarbeiter hier untergebracht werden. Es gab weder Strom noch fließend Wasser. Der klassische Eimer musste ausreichen. Hinter dem Eingangsbereich gab es ein Schlafzimmer, wo eine Zwei-Mann-Matratze drin lag und noch ein Schreibtisch im Eck stand – das war’s.

Der hilfsbereite Polizist überließ uns sein Schlafzimmer, wo zumindest zwei Leute auf der Matratze schlafen konnten. Da ich die zwei Nächte vorher ein komfortables Bett hatte, ließ ich Jannick und Lucas den Vortritt und begnügte mich mit meiner Luftmatratze auf dem Fußboden.
Etwas unheimlich war hier, dass wohl eine Stubenmaus ihr Unwesen in dem Zimmer trieb. Es war jedoch zu warm, um mit Schlafsack zu schlafen. Na ja – wird schon gut gehen, dachte ich mir und schlief ein. Letztlich wurde auch nur Jannick in der Nacht von dem kleinen Mitbewohner überrascht und aufgeweckt – immer trifft es eben Jannick 😉 Habe ich schon erwähnt, dass Jannick nach dem Überfall auf dem Weg nach Rotifunk zur Polizei auch noch seinen 15. Platten bekommen hat? Tja, wie lautet der bekannte Fußballerspruch: Haste Scheiße am Fuß…
Am nächsten Morgen mussten wir dann – wie so oft – erstmal warten. Frühestens um 10 Uhr beginnt wohl die Gerichtsverhandlung. Augustin, der hilfsbereite Polizist, wollte uns dann mitnehmen zum Gerichtshof, sobald es Zeit ist. Derweil kochten wir uns auf dem Fußboden seiner Wohnung mit dem letzten noch übrigen Gas mal einen Morgenkaffee, anschließend gab’s Eimerdusche. Die Hitze war hier sonst echt kaum auszuhalten…

Immerhin stellte uns Augustin eine köstliche Mahlzeit zur Verfügung. Die Menschen hier in Sierra Leone sind größtenteils doch so großzügig und hilfsbereit. Fast hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man als einer, der eigentlich mehr hat, sich immer von den doch armen Leuten hier einladen lässt. Aber sie geben einem auch immer ein Gefühl der Geborgenheit und Selbstlosigkeit.

Ca. eine Stunde später gab uns Augustin schließlich Bescheid und leitete uns in den Gerichtssaal. Schon echt crazy: Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Gerichtssaal von innen sehe – irgendwo auf dem Land von Sierra Leone. Es gab ein paar Bänke für die Beiwohner der Verhandlungen, einen Schriftführer, der vor dem Richter in der Mitte platziert war, einen abgesperrten Platz für die Täter und einen gegenüber für Zeugen und Opfer. Es wurden mehrere Fälle abgehandelt – die Täter warteten in einem abgesperrten Raum und wurden einzeln rausgebeten.
Nach einiger Zeit schließlich wurde unser Täter rausgebeten. Jannick und Lucas erkannten ihn sofort wieder, ich ehrlich gesagt nicht. Für mich war es halt in dem Moment eine unspektakuläre Begegnung und man begegnet so vielen Menschen auf einer Tour – da siebt das Gehirn natürlich aus.
Von der Verhandlung verstanden wir dann herzlich wenig, da diese in der regionalen Stammessprache gehalten wurde. In normales Englisch wurde natürlich nicht übersetzt. Jannick musste nur kurz vorkommen, um sein Handy als Beweismittel vorzuzeigen. Ansonsten führte Augustin die Verhandlung. Ärger gab es außerdem, weil wir natürlich nur legere Kleidung bei uns hatten und in kurzer Hose und T-Shirt den Gerichtssaal betraten. Mindestens eine lange Hose sei Pflicht, erklärte man uns und wollte uns zuerst den Zutritt verweigern, ehe wir erklärten, dass wir Radreisende sind und als Gepäck nur das Nötigste mithaben. Mit kritischem Blick ließ man uns schließlich eintreten…
Nach der Verhandlung, die vielleicht 10 Minuten dauerte, fragten wir Augustin nach dem Inhalt – uns kam das alles etwas intransparent vor. Da der Täter wohl vorbestraft sei und es sich um ein Wiederholungsdelikt handelt, bekomme er wohl 20 bis 40 Jahre Haft. Das endgültige Urteil wird am Mittwoch vollstreckt und man wollte uns dort noch einmal vor Ort haben. „That’s impossible – where should we sleep? We don’t have enough cash to pay an accomodation for two nights more! We must continue!“, reagierten wir echauffiert. Schließlich redete Augustin mit den anderen Beteiligten, unter anderem dem natürlich im adretten Anzug gekleideten Richter.
Schließlich teilte man uns mit, dass unsere Anwesenheit am Mittwoch doch nicht notwendig sei und wir weiterfahren könnten. Augustin würde uns dann über das endgültige Urteil informieren. Sehr gut! Wir gingen zurück zu Augustins Bude, packten unsere Sachen und waren nach drei ereignisreichen Tagen endlich wieder bereit, gemeinsam loszufahren.
Wir passierten zum Schluss noch die Polizeiwache und verabschiedeten uns noch vom Oberkommissar. Dieser erzählte uns noch, dass der Täter noch froh sein könne über seine lange Gefängnisstrafe: Bis vor wenigen Jahren stand unter dem Tatbestand eines Raubüberfalls unter Androhung von Gewalt mit der Gefahr für Leib und Seele noch das Urteil der Todesstrafe. Puh – das wäre aber auch zu viel und nicht in unserem Sinne gewesen. Soll er mal schön seine Haft absitzen!
Unter dem Eindruck dieser Ereignisse gingen wir nun wieder zum Tagesgeschäft über: Radfahren. Jannick erklärte, dass er zumindest mal bis Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, weiterfahren möchte und dabei schauen, wie er sich beim Radfahren geistig fühlt, ob er es wieder genießen kann oder nachhaltig geprägt ist von diesem Vorfall und in ständiger, subtiler Angst unterwegs ist.
Ich wollte ihn unter keinen Umständen unter Druck setzen und machte mehrmals klar, dass ich ihm bei einem eventuellen Ausstieg aus dem Projekt nicht mal im entferntesten einen Vorwurf machen würde und jede Entscheidung von ihm akzeptieren würde – er muss einzig und allein auf sich und sein Gefühl hören!
Jannicks Bedingung für die Weiterfahrt war zumindest mal eindeutig: Ab jetzt nur noch zusammen fahren und keine Alleingänge mehr! Auf dass so etwas unter keinen Umständen noch einmal vorkommt!
Die nächste Zeit wird also eine Bewährungsprobe für uns alle, insbesondere auch mich, Rücksicht zu nehmen und sich zusammenzureißen.
Wie einfach wird es nun sein, wieder zum „Alltag“ zurückzukehren? Wie schnell erholt sich Jannick mental von diesem Vorfall? All das wird in der Fortsetzung im nächsten Blog thematisiert…das Positive: Letztendlich sind wir eben noch mit dem berühmten „blauen Auge“ aus der Geschichte rausgekommen…


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