Wochenstart: Montag, der 3. März 2025. Während einige Leser an diesem Morgen nach ihrem Wochenende die Arbeitswoche begonnen haben, starteten wir passenderweise auch wieder in unsere Hauptbeschäftigung: Fahrradfahren! Die Zwangspause war schließlich lang genug…
Stressen lassen wollten wir uns jedoch nicht, insbesondere ich brauchte noch Zeit, das Chaos in meinem Zimmer aufzuräumen und wieder Struktur in meine Taschen zu bringen. Zudem wurde erst einmal ausgiebig gefrühstückt und noch einmal bewusst der Komfort aufgesogen…wir wussten: Damit war’s das jetzt für längere Zeit.
Zur Mittagszeit waren wir nach Zusammenpacken und Aufbauen der Räder mit den Taschen schließlich fertig: Das Tagesziel: Erstmal wieder aus der Großstadt rausfahren. Ich war auch gespannt, wie mein Körper nach der Malariaerkrankung auf sportliche Belastung reagiert…
Die ersten über zwanzig Kilometer waren erst einmal geprägt von hektischem Stadtverkehr sowie vielen rücksichtslosen Autofahrern, die einen ohne Seitenabstand überholen. Das scheint auch in Afrika vor allem ein „Stadtverkehrphänomen“ zu sein…durchaus nervenaufreibend zog sich sich die Fahrt stadtauswärts, der Ballungsraum von Monrovia ist doch größer als erwartet.

Gesundheitlich war alles im grünen Bereich, mein Körper steckte sowohl die Nachmittagshitze als auch den stressigen Verkehr gut weg. Erst nach knapp 30 Kilometern wurde es wieder merklich ruhiger und der Ballungsraum ging über in nur noch einzelne, belebte Orte. Zwischendrin hatte man wieder ländliches, liberisches Flair.
Leider konnte ich die Fahrt jedoch bald nicht mehr genießen, da sich doch mein wohl noch nicht ganz fitter Körper meldete: Einsetzende Nackensteifigkeit ließ mir jede Unebenheit auf der Straße durch Mark und Bein gehen. Zudem kamen auch Kopfweh und allgemeine Müdigkeit zurück. Bei einer Essenspause am späten Nachmittag bekam ich kaum die Hälfte meiner Portion Reis herunter.
Die anderen beiden fragten mich, ob wir schon aufhören sollten, da nebenan eine einladende Tankstelle war. Ob der bescheidenen Kilometeranzahl von nicht einmal 40 wollte ich es aber noch einmal probieren und auf die Zähne beißen. Relativ bald nach 10 Kilometern mehr musste ich jedoch kapitulieren und bat meine Mitfahrer, bei der nächsten Option Schluss zu machen.
Das war jedoch gar nicht so einfach, einladende Zeltplätze entlang der Straße waren rar. Schließlich kamen wir zu einer Minisiedlung hinter einer Böschung neben der Straße, wo auch jemand arbeitete. Jannick war skeptisch, doch ich konnte einfach nicht mehr und ging daher ohne zu zögern auf den Herren zu wegen der Erlaubnis zum Zelten.
Der Herr war unheimlich einladend und nett. Die Optionen waren zwar ausbaufähig, doch wir konnten direkt auf dem Durchfahrtsweg hinter den Häusern schlafen. Der Herr versicherte uns, dass dieser aktuell wegen Bauarbeiten gesperrt ist und daher niemand durchkommt.


Etwas skeptisch vertrauten wir und bauten unsere Zelte mitten auf dem Weg auf, begleitet vom feuerroten Sonnenuntergang. Ich schlief aufgrund meines Zustandes dann auch alsbald ein.
Ausgeschlafen und relativ fit wachte ich am nächsten Morgen auf. Während die anderen beiden noch schliefen, bereitete ich mir Kaffee und Haferflocken zu. Unser netter Gastgeber hatte heißes Wasser für den Kaffee bereitgestellt. Zudem konnten wir auch sein Schlafzimmer als Fahrradabstellplatz benutzen.
Für mich war dieser Dienstagmorgen kein normaler Morgen, aber eigentlich doch ein Tag wie jeder andere. An diesem Tag wurde ich 27 Jahre jung, anders als zuvor war jedoch kaum etwas: Wir sollten mal wieder den ganzen Tag im Sattel sitzen. Das beste Geburtstagsgeschenk ist eh, das Privileg zu genießen, irgendwo in Liberia mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können und Westafrika zu entdecken.
Mit dieser Einstellung starteten wir alsbald hochmotiviert unsere Tour in Richtung der Stadt Buchanan. Hier sollte dann der Asphalt enden und die Route durch den Dschungel so richtig losgehen. Der Weg war denkbar einfach: Ich leicht welligen Gelände immer nur geradeaus fahren bis Buchanan.
Fast wie ein kleines Geburtstagsgeschenk fühlte ich mich wieder annähernd komplett hergestellt beim Fahren, es rollte gut. Bei der Kleinstadt Harbel gab es noch nochmal einen westlichen Supermarkt, wo wir uns noch einmal mit Snacks und Erfrischungsgetränken eindeckten. In dem Ort selbst wurde ein Polizei-Checkpoint ohne größere Vorkommnisse passiert, ehe der noch lange Weiterweg bis Buchanan weiterging. Das Gelände wurde noch welliger, das Wetter war heiß.
So legten wir am Nachmittag nochmal zwei Erfrischungs- und Essenspausen ein. Natürlich immer wieder mit dem Wasser aus Plastiksäcken. Das wird langsam fast schon eine Umgewöhnung in Deutschland, wenn es das Wasser wieder nur aus Flaschen gibt 😉



Abends strampelten wir bei immer mehr regenwaldähnlicher nochmals ein paar Kilometer weg, ehe wir nach etwas über 70 Kilometern das Dörfchen Harrisville erreichten. Die Schule sah beim Vorbeifahren verlockend zum Campieren aus. So hielten wir an uns fragten bei den nächstbesten Einheimischen, wo man denn um Erlaubnis fragen könnte. Sie schickten uns direkt zum gerade mit der Gartenarbeit beschäftigten Chef der Schule, welcher uns geradezu begeistert die Erlaubnis gab.
Wir sammelten also unsere Räder ein und fuhren weg von der Straße zur Schule. Hier folgte die nächste Überraschung: Uns wurde angeboten, drinnen in den Räumlichkeiten der Schule zu schlafen. Hier fanden wir eine Matratze vor, wo zumindest zwei Leute drauf schlafen konnten – einer musste mit seiner Luftmatratze daneben vorlieb nehmen, in diesem Fall war es Jannick.

Das Wasser der Dusche funktionierte zwar nicht, aber immerhin wurden uns sowohl kalte als auch heiße Eimerduschen angeboten. Mit Eimerwechsel konnte man beim Frischmachen also nochmal ein wahres Kreislauftraining durchführen 😉
Frisch aus der Dusche bereiteten die Mitfahrer mir in Form eines kleinen Geburtstagskuchens sowie Saft aus Spongebob-Schwammkopf-Pappbechern aus der Supermarkt noch eine kleine Geburtstagsüberraschung – die wissen, was ich mag 😉

Wir genossen noch den unerwarteten Komfort sowie den guten Empfang in unserer Location. Stressen mussten wir uns am nächsten Tag nicht, da der Besitzer der Schule sich angemeldet hatte und uns um 11 Uhr vormittags nochmal kennenlernen wollte.
Wir konnten also auf der komfortablen Matratze ausschlafen und einen entspannten Morgen verbringen, ehe der etwas wohlhabender wirkende Besitzer der Schule vorbeikam mit seiner Ehefrau, die für uns obendrein schmackhafte Sandwiches vorbereitet hatte.
Der Schulbesitzer war schon viel in der Welt unterwegs, sogar in Deutschland, was man von den wenigsten liberischen Einwohnern behaupten kann. Im Gegenteil – für die meisten ist es eher ein Traum, nach Deutschland zu kommen, weil der Lebensstandard dort viel höher ist und man sich schnell ein komfortables Leben aufbauen kann. Im Vergleich zum Standard in Liberia kann ich das durchaus nachvollziehen.
Der Schulbesitzer erklärte uns, dass er sein Vermögen vornehmlich in Infrastrukturprojekte wie eben diese Schule steckt – durchaus notwendig und sinnvoll hier. Zudem zeigte er sich äußerst begeistert von unserer Tour und war interessiert an unseren Erfahrungen. Zwei Stunden lang tauschten wir uns aus, ehe es bereits nach 13 Uhr war – uff, jetzt aber wirklich los langsam.

Nach einem gemeinsamen Abschiedsfoto schwangen wir uns auf unsere Räder und peilten Buchanan an, gute 20 Kilometer entfernt, die dann mit einer kleinen Pause auch schnell absolviert waren über das letzte Stück angenehmer Asphalt.
Im regen Treiben von Buchanan ging die Gravelpiste los – für die kommenden ca. 500 Kilometer. Da wir so spät gestartet sind, verzichteten wir auf einen Abstecher zum Strand von Buchanan, fuhren lediglich durch den Ort hindurch und begannen unsere Tour durch die Wildnis. Hinter Buchanan schlossen sich nur noch einzelne, kleine Siedlungen an. Die Gravelpiste glich zudem immer mehr einer Achterbahnfahrt: Hoch, runter, hoch, runter…


Immerhin zeigte sich das Wetter bewölkt und konnte unsere Schweißtropfen immerhin etwas in Grenzen halten. Dass die Infrastruktur nun nicht mehr so ist, wie wir es vorher noch gewohnt waren, wurde uns schmerzlich bewusst, als Jannick Hunger hatte und in einem Restaurant einkehren wollte: Es gab einfach keins. So musste er mit einem kleinen Snack aus einem Minimarkt vorlieb nehmen in einem kleinen Dorf.

Nach etwas über 50 Kilometern fragten wir schließlich in einer kleinen Siedlung um Erlaubnis für das Aufstellen der Zelte, welche uns wie immer ohne Probleme erteilt wurde. Die üblicherweise vielen Kinder der Großfamilien hier in Westafrika waren sehr neugierig, stundenlang saßen sie neben uns und starrten uns an, sowohl beim Zeltaufbau als auch bei allen anschließenden Aktivitäten. Weiße Radfahrer sind wohl hier irgendwo im Dschungel nicht so häufig zu bewundern 😉 Man musste sich also dran gewöhnen, dass man wohl in nächster Zeit in Sachen Privatsphäre ein wenig zurückstecken muss, weil man für Einheimische eben einfach eine Art Attraktion darstellt.

Wir akzeptierten es ebenso wie die nun deutlich unsicherere Versorgungslage. Immerhin hatte ich noch Doppelkekse aus Monrovia in meinem Gepäck, die es dann eben kurzerhand zum Abendessen gab – der erste Vorgeschmack auf die folgenden fast zwei Wochen durch den liberischen Regenwald. Alles, was mit Stadt, guter Versorgungslage und allgemein Infrastruktur zutun hat, lag nun endgültig hinter uns…


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