Wir schreiben den 17. März 2025 – ein sonniger Montagmorgen – während die neue Arbeitswoche losgeht, geht für uns ebenso ein neues Kapitel der Reise los: Der letzte Morgen in Liberia. Stolze drei Wochen haben wir uns letztendlich in diesem Land aufgehalten – intensive drei Wochen: Eine Großstadt, eine Malariaerkrankung, eine anstrengende Dschungeldurchquerung, viele nette Begegnungen, fast 800 Fahradkilometer – alles war dabei!
Ok, genug in der Vergangenheit geschwelgt! Der Blick ging natürlich in die Zukunft, und diese hieß Elfenbeinküste! Ein letztes Mal Haferflockenfrühstück in Liberia, dann wurden die verbleibenden acht Kilometer zur Grenze angegangen. Über feinsten Asphalt war man in nullkommanichts am Grenzfluss, dem Cavally. Nach kurzer Wartezeit bekamen wir in einem kleinen Häuschen nebenan unseren Ausreisestempel.
Nun hieß nach einem kurzen Wiederauffüllen der Flaschen: Verhandeln für den Preis für die Überfahrt in die Elfenbeinküste mit der Pirogue. Erst gab man uns den Preis bereits wieder in CFA, also der Währung, die wieder in der Elfenbeinküste vorherrscht (wie bereits in Senegal und Guinea-Bissau). Hierbei wollte uns man zunächst dreist mit 10.000 CFA (15 Euro) übers Ohr hauen.

Wir bestanden darauf, in liberischen Dollar zu bezahlen, da wir diese loswerden wollten. Unsere Schmerzensgrenze waren 1.000 Dollar (5 Euro). Schließlich kamen wir jedoch sogar für 500 Dollar aufs Boot, sodass ich meine restlichen Dollar noch für Bissap-Saft vom Verkaufsstand nebenan verjubeln konnte. Um Geldwechsel musste ich mir keine Gedanken machen. Da ich nämlich bereits gelesen habe, dass die ATM-Situation in der Elfenbeinküste zunächst beschwerlich ist, habe ich aus den letzten CFA-Ländern noch 80.000 CFA in meinem Gepäck gebunkert (entspricht ca. 120 Euro). So konnte ich sogar den beiden Radkollegen noch etwas auslegen, sodass sich die Cash-Situation für alle Beteiligten erstmal relativ entspannt darstellte.


Auch die Einreise inklusive Stempel ging nach der Flussüberfahrt überraschend schnell, sodass wir uns auf bestem Asphalt direkt auf den Weg machen konnten in Richtung der nächsten größeren Stadt Tabou, ca. 30 Kilometer entfernt. Ein paar Höhenmeter gab’s zwar immer noch, diese wurden aber über lange, sanfte und kaum merkliche Steigungen überwunden. In der Kombination mit Asphalt eine wahre Wohltat nach dem liberischen Dschungel. Gestört wurden wir nur von so manchem Polizeicheckpoint, wo die Beamten ein Bild von uns machen wollten – und das gleich mehrere Male. Anderes Land, andere Sitten und Eigenheiten!

Nichtsdestotrotz erreichten wir bald die belebte Stadt Tabou, wo wir sogleich jeweils SIM-Karten von Moov Africa erwarben. Leider zog sich der Prozess in die Länge da die Sachbearbeiter bei der Registrierung der SIM-Karten Verständnisprobleme bei meinem Dreifach-Vornamen hatten – Sachen gibt’s…
Nach der ersten Streetfood-Mahlzeit in der Elfenbeinküste (Attieké, der Maniok-Couscous ist in der Elfenbeinküste gewissermaßen der Klassiker, mit Fisch) sowie der Versorgung mit Bissap-Saft und einem Trinkjoghurt mit Erdbeergeschmack, der hier ebenfalls überall verkauft wird, war es bereits später Nachmittag.


Ein paar Kilometer wollten wir noch fahren, bevor wir in einer passenden Siedlung nach einem Zeltplatz suchen wollten. Die Ernüchterung: Nach Tabou war der Internetempfang auf dem Land ganz schnell weg…wir konnten also erstmal nicht auf unsere Karten zugreifen.
Wir wurden vom vorausfahrenden Leon zudem gewarnt, dass noch einmal Passagen mit sandigem Gravel auf uns warten würden. Und tatsächlich: Relativ bald mussten wir die ein oder andere Asphaltunterbrechung in Kauf nehmen – alles aber halb so wild.
Nachdem wir unser im vorherigen Blogbeitrag angesprochenes Soll von 62 Kilometern erfüllt haben und ein Dorf direkt neben einem Sendemast auf dem Weg lag, fragten wir hier nach einem Übernachtungsplatz. Wir wurden zum Chef du village geführt, welchem wir uns vorstellten. Es war gar nicht so einfach, nach zwei englischsprachigen Ländern nun wieder auf Französisch zu switchen…
Optimalerweise war neben seinem Wohnhaus ein Pavillion installiert, in welchem wir geschützt unsere Zelte aufbauen konnten.
Zur Begrüßung gab es für uns wieder traditionell Kolanuss, ehe man für uns hinterher sogar noch Reis mit Fisch kochte – die Gastfreundschaft steht auch in der Elfenbeinküste hoch im Kurs. Zudem konnten wir uns wiederum mit einem Kübel Eimerwasser frisch machen. Die Betonung liegt auf frisch machen, für eine nachhaltige Säuberung meiner doch problematischen Wunden am Bein sorgte das kalte Wasser weiterhin nur bedingt.
Ein Ärgernis gab es jedoch noch: Trotz Sendemast hatten wir quasi keinen Empfang. Haben wir den falschen Internetanbieter ausgewählt?! Leicht säuerlich akzeptierten wir, nach zwei Wochen bescheidener Empfang im Dschungel wünschte man sich doch sehnlichst wieder stabiles Internet. Voller Unzufriedenheit debattierten wir bereits darüber, ob wir in der nächsten größeren Stadt San Pedro, die wir am nächsten Tag erreichen sollten, nicht doch gleich neue SIM-Karten holen…
Der Vorteil wiederum: Das Handy hielt einen bei dem Empfang nicht lange vom Schlafen ab und wir genossen eine erholsame Nacht. So konnte man es auch in Kauf nehmen am nächsten Morgen, dass bei all den neugierigen Dorfbewohnern und Schulkindern die Privatsphäre natürlich etwas auf der Strecke blieb.

Nachdem wir in einem netten Café im Ort unser Frühstück genossen haben ging es los mit dem Ziel der ersten größeren Stadt in der Elfenbeinküste: San Pedro. Leicht hügelig und zunächst im steten Wechsel zwischen Asphalt und kurzer, sandiger Piste ging es zunächst dahin. An den Polizeicheckpoints interessierte sich niemand mehr für uns, wir wurden einfach durchgewunken.


Ein interessanter Kontrast zu Liberia war, dass nun jedes Dorf, das wir passierten, mindestens einen kleinen Supermarkt besaß. Ja, sogar große Bäckereien pflasterten unseren Weg. Außerhalb der Dörfer war der Weg aber fast etwas eintönig. Ja, auch die Vegetation am Straßenrand bot kaum Abwechslung…lediglich der ein oder andere Fluss oder lustige Ortsname auf dem Weg gestaltete unsere Fahrt etwas kurzweiliger.


Erst kurz vor San Pedro kam wieder merklich Abwechslung auf die Route. Große Industriegebiete und auch Palmölplantagen kündigten eine größere Stadt an. Zwischendrin nahm man zudem einen angenehmen Geruch wahr, der auf eine Kakaoplantage hindeutete. Hier anzuhalten, wäre auch durchaus reizvoll gewesen. Leider war es aber schon wieder spät und wir hatten nicht mehr wirklich Zeit.
Zuerst überlegten wir, in San Pedro einfach an einer Tankstelle zu übernachten. Da der Verkehr in der Stadt jedoch sehr „busy“ war und wir weiterhin ruhebedürftig, schauten wir erst einmal bei einem auf iOverlander ausgeschriebenen, billigen Gasthaus relativ am Beginn bzw. im Westen der Stadt vorbei.
Tatsächlich bot die Unterkunft zumindest Bett und Ventilator und war mit 10 Euro für ein Doppelzimmer sehr preisgünstig, sodass wir doch hier blieben und uns bei einem komfortablen Übernachtungsplatz erholten.
Nach obligatorischer Handwäsche verließen wir die Unterkunft nur noch für ein Abendessen beim Markt direkt um’s Eck. Für mich gab’s wiederum Attieké mit Fisch und auch frischem Gemüse. Für meinen Körper fast schon eine Überflutung an Nährstoffen nach der doch sehr spärlichen Lebensmittelauswahl im Dschungel.

Leider fühlte sich diesmal Lucas an dem Abend nicht wirklich gut, bekam kaum ein Essen herunter und hatte ein allgemeines Schwächegefühl. Immerhin ließ sich beim Fühlen seiner Stirn Fieber ausschließen. Na, schauen wir mal wie es morgen aussieht nach einer Nacht Bettruhe…

Das Problem war lediglich, dass das Zimmer kein Moskitonetz hat. Und wenn einem dann der laute Verkehr an der Tankstelle nicht den Schlaf raubt, so sind es eine (oder mehrere?) durstige Mücken, die einfach nicht von einem lassen. Erst nach großflächigem Einsprühen und Schmieren mit Mückenschutzmittel wurde es besser, dennoch raubten mir (und auch Jannick) diese Biester einen Großteil des Schlafes, wodurch wir auch ziemlich gerädert in den Tag starteten und nur langsam der Bereitschaft für Start und Check-out näherkamen. Kurioserweise war der am Vortag angeschlagene Lucas nun gefühlt der fitteste von uns dreien.
Aufgrund der späten Tageszeit und allgemeiner Faulheit verzichteten wir auf eine größere Auskundschaftung der Stadt. Auch, weil Leon meinte, dass es nicht allzu spektakulär sei. Auch auf neue SIM-Karten wurde letztendlich verzichtet, da es ebenso einen beträchtlichen Umweg bedeutet hätte.
Eine Sache musste dann aber doch noch dringend erledigt werden: Geld holen! Im dritten Anlauf fanden wir einen ATM ohne Gebühren und waren nun bis Abidjan flüssig.
Nach der Bargeldsuche war es jedoch schon Mittagszeit und wir bekamen wieder Hunger, sodass vor der wirklichen Losfahrt noch Mittagspause eingelegt wurde am Straßenrand.

Wirklich losgefahren sind wir so erst um 14 (!) Uhr. Jetzt aber Gas! Nach einem kurzen Fotostopp für das Fußballstadion von San Pedro strampelten wir los. Abgesehen von einer kurzen Erholungspause, weil Lucas‘ Magendarmtrakt sich noch einmal meldete, sowie einer Zwangspause wegen dem Verlust einer Schraube an Lucas‘ Gepäckträger (die Quittung für zu seltenes Kontrollieren der Schrauben, gottseidank hatte Jannick eine passende Ersatzschraube dabei) zogen wir den kompletten Nachmittag durch. Die nächste größere Stadt war Sassandra, welche wir anpeilten.

Ohne größere Pause ging es dahin, insbesondere am Ende gaben wir noch einmal alles. Die letzten 17 Kilometer wurden im Fullspeed in 40 Minuten zurückgelegt, ehe wir Sassandra erreicht haben und immerhin noch auf 70 Kilometer gekommen sind (diese Marke lag um 14 Uhr in mehr als weiter Ferne).

Die Kleinstadt Sassandra war durchaus belebt mit viel Verkehr und einem großen Straßenmarkt. An einer Shell-Tankstelle fragten wir schließlich nach Zeltaufbau, den man uns neben der Waschanlage genehmigte. Wir bauten unsere Zelte auf und hofften, dass die Straße bis zum späten Abend schon deutlich ruhiger werden würde.

Unterdessen schauten wir uns auf dem Markt um und deckten uns mit kleinen, natürlich nur bedingt gesunden Snacks zum Abendessen ein. Immerhin gab’s frisches Obst in Form von Bananen.
Leider erfüllte sich unsere Hoffnung der ruhiger werdenden Straße nicht wirklich. Zudem befand sich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Partyhäuschen, aus dem lautstarke Beschallung bis zu uns vordrang. Diese sollte auch nicht zu später Stunde vorbei sein, nein: Eine Hand voll Partywütige feierten bis in die Morgenstunden. So bekamen wir natürlich kaum ein Auge zu, selbst mit Ohrenstöpseln war es mehr ein Umhergewälze auf der Luftmatratze als richtiger Schlaf.
Die Kirsche auf der Torte war, dass der Chef der Tankstelle um halb 7 in der Früh an meinem Zelt rüttelte und uns lautstark aufweckte: Wir müssten sofort zusammenpacken, da der Arbeitstag beginnt und unsere Fläche benötigt wird. Toll – hätte man uns das nicht am Vorabend sagen können?!?
Ein Mitarbeiter, der im Raum neben uns schlief, meinte, die Musik sei Standard. Mittlerweile habe er sich dran gewöhnt und könnte schlafen. Wieder ein Beweis: Der menschliche Körper kann sich an alles gewöhnen.
Allgemein wenig begeistert räumten wir zusammen. Zu allem Überfluss war es auch noch Jannicks Geburtstag – einen besseren Start in den Tag hätte er sich wohl kaum vorstellen können – da half auch mein Geschenk in Form eines Kuchengebäcks in Herzform vom Markt nur bedingt weiter. Immerhin brachten uns die Tankstellenmitarbeiter Kaffee – in einer Plastikverpackung. So habe ich meinen morgendlichen Wachmacher auch noch nie getrunken.

Aufgrund der Umstände waren wir um 8 Uhr bereits auf dem Weg – so früh wie selten. Das Problem war lediglich, dass Jannick ausgerechnet an seinem Geburtstag, auch bedingt durch den Schlafmangel, extrem neben sich stand und große Magendarmprobleme hatte. So legten wir an einem Café am Straßenrand noch einmal Frühstückspause ein. Hier gab’s wieder extrem süßen Café au lait mit gefühlt einem halben Liter Kondensmilch sowie Spaghetti zum Frühstück – auch nicht gerade trivial.

Für Jannick war die Zuckerbombe in Verbindung mit der großen Portion Pasta aber eventuell nicht wirklich förderlich. Sein Zustand verschlimmerte sich noch einmal akut während der Weiterfahrt, die ein oder andere „Durchfallpause“ inklusive. Was ein herrlicher Geburtstag!
Wir entschieden uns, von nun an auf Wasser aus Flaschen anstelle von Plastiksäcken umzusteigen und das Geld zu investieren, da in der Elfenbeinküste das Wasser aus den Plastiksäcken verdächtig moorig schmeckt – eventuell die Ursache für die Durchfallattacken und auch Lucas‘ vorherige Probleme. Lediglich mein Magen-Darm-Trakt war beschwerdefrei.
So quälten wir uns unter der Tropensonne eher dahin mit vielen Pausen, immer das große Ziel Abidjan vor Augen rangen wir dem zum Ende hin etwas hügeliger werdenden Gelände noch den ein oder anderen Kilometer ab. Auch, weil sich Jannicks Magen-Darm-Situation besserte. Insgesamt war er jedoch aufgrund der Dehydrierung mit fortschreitender Tageszeit am Ende seiner Kräfte.

Wir ließen die nächstgrößere Stadt Fresco rechts liegen und entdeckten im Örtchen Zegbé eine ruhige, freie Fläche neben einem Restaurant, immerhin mit über 65 Kilometern auf der Uhr. Wir fragten einen Einheimischen vor Ort um Erlaubnis, für eine Nacht natürlich wiederum kein Problem.

Der Platz war wirklich ruhig und erholsam, ein kompletter Kontrast zum Vortag. Auch, weil das Zentrum des Ortes mit Verpflegungsmöglichkeiten einen guten Kilometer entfernt war. Aus Faulheit gab’s so lediglich zwei auf dem Weg eingekaufte Ananasse, ehe wir auch schon im Zelt lagen, das überraschend gute Internet genossen und aufgrund allgemeiner Müdigkeit früh schliefen.
Dass bei unserem Kalorienverbrauch dieses Abendessen viel zu wenig war, merkte ich direkt nach dem Aufstehen an einem wahrhaften Loch im Magen, wodurch ein Großteil meiner Haferflockenreste für die Frühstücksportion draufging (bestimmt 300 Gramm).
In der Früh ließen wir es, auch aufgrund des gemütlichen Ambientes mit dem Restaurant und vielen Tischen und Stühlen entspannt angehen und genossen lange Zeit unseren Kaffee inklusive Austausch mit zwei angetroffenen Personen aus Burkina Faso sowie der Besitzerin des Restaurants, die fleißig die Öffnung vorbereitete (leider erst um 12 Uhr, da waren wir schon auf der Strecke).

Nach der Losfahrt bot sich im Ort Zegbé selber aber eine gute Restaurantmöglichkeit, die wir jedoch ausschlugen und stattdessen Kilometer sammelten. Jannick war wieder besser in Form als am Vortag. Das war auch notwendig, denn insgesamt wurde das Terrain deutlich hügeliger. Da Jannick und ich vorankommen wollten und Lucas es etwas ruhiger angehen wollte, bildeten sich zwei Gruppen bzw. Lucas fuhr für sich. So ging es durch zahlreiche Ortschaften mit Markt und Einkaufsmöglichkeiten für kleine Pausen dahin. Zudem musste eine längere Pause eingelegt werden, weil Jannicks Magen-Darm-Gesundheit dann doch noch nicht wieder hundertprozentig hergestellt war.
Auch ich war mit einem zunehmenden Blähbauch unterwegs, der sich auf meine Verfassung beim Radfahren auswirkte. Immerhin lenkte mich der ein oder andere Lacher durch Kuriositäten am Straßenrand ab, beispielsweise eine „Ausfahrt für Rinder“ – hier wird eben auch an die ansässigen Tiere gedacht!

Nach einem langen Hügel kurz vor dem Örtchen Yocoboué machten wir an einer moderneren Tankstelle noch einmal eine kurze Pause, weil Jannick noch einmal akut das stille Örtchen aufsuchen musste.
Als mein Körper beim Warten zur Ruhe kam, passierte es: Nichts ging mehr, ich war durch, zu schwach, um mich noch einmal zur Weiterfahrt aufzurichten. Es wäre schon möglich gewesen, aber ich hätte mich wahrlich quälen müssen. Da die Tankstelle sogar ein Café und einen kleinen Supermarkt besaß und einen super Erholungsort darstellte, vertraute ich meinen Mitfahrern meine körperliche Verfassung an und bat darum, nach Erlaubnis zum Übernachten zu fragen.
Als der Chef der Tankstelle uns sogar anbot, im Gebetsraum gegenüber vom Shop zu schlafen, sollte es wohl einfach so sein, dass wir nach mickrigen 62 Kilometern unseren Fahrradtag beenden um kurz nach 17 Uhr. Aber so Tage gibt’s eben…

Es war Freitagabend, das Airbnb ab Sonntag gebucht. Bis dahin waren es ca. 145 Kilometer. Wir wussten: Wenn wir am Sonntag entspannt zum Airbnb rollen möchten, muss morgen eigentlich ein 100-Kilometer-Tag her.
In meiner körperlichen Verfassung an diesem Abend natürlich schwer vorstellbar. Zumal mich sogar noch starkes Frösteln inklusive Fieber erwischte – ich saß bei tropischen Temperaturen am Abend im Pullover auf der Terasse vom Café. Wir einigten uns: Schauen wir mal, wie es morgen aussieht. Im Zweifel muss halt Bus gefahren werden, wenn ich ernsthaft krank werde…

Die Betreiber vom Café waren immerhin so nett, trotz Schließung uns noch Sandwiches zu machen, damit wir ein Abendessen hatten. Beruhigend: Mein Appetit war noch da, also konnte es nichts zu Ernstes sein.
Nach dem Schlucken einer Paracetamol legte ich mich schlafen auf meiner Luftmatratze in dem Raum. Die Nacht war dank des ruhigen Raumes sehr erholsam, weshalb ich mich am nächsten Morgen deutlich besser fühlte und die 100 Kilometer auf jeden Fall angehen wollte – hier wird nicht gecheatet mit Bus!

Auch das Fieber war weg, als ich um halb 8 in der Früh vor dem ungewöhnlich modernen Kaffee-Vollautomaten des Supermarktes stand und mir einen Cappuccino holte, den ersten seit einer gefühlten Ewigkeit – wenn auch mit 700 CFA (ca, 1,10 Euro) sehr teuer für einen Minibecher und die Verhältnisse hier.
Auffällig war auch: Es war eine AFRIQUIA-Tankstelle, die erste seit Marokko – und eben auch eine der modernsten seit Marokko. Die beiden Länder scheinen hier allgemein sehr stark verwurzelt zu sein. Auf dem Gelände hing sogar eine Marokko-Fahne und auf dem Weg wurde Lucas aufgrund seiner Hauptfarbe auch gefragt, ob er aus Marokko sei – kurios!

Als feststand, dass wir Fahrrad fahrend unseren Weg fortsetzen, haben Jannick und ich auch aufgrund des wegfallenden Zeltabbaus (und weil ich am Vorabend schlicht zu schwach war, mein Gepäck aus den Taschen groß rauszunehmen) schnell zusammengepackt und suchten ein Frühstückscafé, während Lucas noch länger brauchte.
Wir trafen uns dann wieder im Café einen Kilometer später. Hier wollte Lucas nach dem Genuss von klassisch Sandwich und Café au lait noch länger bleiben, während Jannick und ich dann langsam starten wollten – für ambitionierte 100 Kilometer war es mit 11 Uhr eh bereits recht spät.
Dennoch rollte es gut, ich fühlte mit der Vorgeschichte erstaunlich fit und trat mit viel Energie in die Pedale. Schnell war die nächste Kleinstadt Grand-Lahou erreicht. Ein Straßenschild zeigte an: Noch 112 Kilometer bis Abidjan. Blöd nur, dass unser Apartment im Osten der Stadt lag und diese Entfernung nur bis zum Beginn der Stadt galt…

Dennoch: Ganz modern waren hier Kilometersteine am Straßenrand aufgestellt, die Kilometer für Kilometer die Entfernung der nächsten Städte anzeigten. Für mich persönlich ist sowas immer extrem motivierend…insbesondere als der Stein mit der Anzeige von 100 Restkilometern erreicht war 😉 Ich konnte das Airbnb und die hochverdiente Pause bereits riechen!

Die nächste größere Stadt, ab welcher der Einzugsbereich von Abidjan beginnt, ist Dabou. 30 Kilometer vor Dabou machten Jannick und ich noch einmal Kaffeepause, ehe der hügelige Weg fortgesetzt wurde. Der Weg war ansonsten unspektakulär, die Kilometer wurden klassisch „abgespult“. Lediglich die Ortsnamen boten weiter Kurzweiligkeit. Zwischendrin habe ich sogar ein „Bonn“-Schild wahrgenommen – ein Stück ehemaliger deutscher Hauptstadt in der Elfenbeinküste?! Leider war ich in dem Moment zu faul, anzuhalten und ein Beweisfoto zu machen…

Jannick und ich fuhren und fuhren, ehe ein entgegenkommender Motorrollerfahrer uns anhielt: „VOTRE AMI EST TOMBÉ!“ („Euer Freund ist gestürzt!“). Wir schrieben sofort Lucas, der ca. 15 Kilometer hinter uns war, doch es kam keine Antwort, bzw. nur ein Haken.
Wir machten uns ernsthafte Sorgen, konnten aber auch irgendwann nicht mehr warten, weil wir ja noch Strecke machen wollten. Die Vermutung lag nahe, dass er lediglich sein Internet deaktiviert hatte, um Strom zu sparen und nichts weiter passiert ist – sonst hätte er sich normalerweise längst gemeldet.
Bereits in Dabou warteten wir nochmals, ehe die erlösende Nachricht kam, dass Lucas wohlauf sei – aber dennoch immer noch über 10 Kilometer hinten dran. In Jannick und mir wuchs langsam Unzufriedenheit – Pause machen schön und gut, aber wir haben klar gesagt, dass 100 Kilometer das Ziel sind. Auch ich würde lieber chillen, aber beiße mich heute halt mal durch. Wieso sagt er uns nicht gleich, dass er lieber entspannt fahren will und ihm 100 Kilometer zu viel sind?! Dann muss man halt die Pausen kürzer halten…gib halt mal Gas Junge!
Es war nun 18:30 Uhr, und wir haben gerade mal enttäuschende knapp 85 Kilometer gemacht. Das Airbnb war immernoch knapp 65 Kilometer entfernt. Das kann es für heute noch nicht gewesen sein! Jannick und ich beschlossen, dass wir noch eine Nachtfahrt machen und schrieben das Lucas – selbst schuld, muss er halt schauen wie er hinterher kommt, wenn er so trödelt…
Allgemein war es ein gefährliches Unterfangen. Erst einmal mussten wir in der blauen Stunde durch den chaotischen Verkehr von Dabou, ehe es wieder auf die unbeleuchtete Straße ging. Mein Fahrradlicht war (wieder) kaputt und die Batterien meiner Stirnlampe leer – die Taschenlampe vom Smartphone im Getränkehalter musste ausreichen. Gottseidank war der Verkehr außerhalb von Dabou überschaubar. Das Gefährlichste waren Spaziergänger am dunklen Straßenrand, die man erst im letzten Moment sah.
Wir einigten uns, nach einer Tankstelle zu schauen, sobald wir das Minimalziel von 100 Kilometern erreicht haben. Passenderweise kam unmittelbar danach der Vorort Songon, wo wir direkt eine Shell-Tankstelle vorfanden. Es war wie immer kein Problem und wir konnten unsere Zelte sogar geschützt unter einem Dach aufstellen. Um ca. 20 Uhr war schließlich nach kurzer Nachtschicht und 102 Kilometern der Fahrradtag beendet, es verblieben noch etwa 45 bis zum Airbnb. Mein geschwächter Körper steckte diesen Gewaltakt mit immerhin auch fast 800 Höhenmetern sehr gut weg, ich hätte in der angenehmen Abendluft ebenso wie Jannick sogar noch locker weiterfahren können.
Wir schickten Lucas unseren Standpunkt, der dann eine Dreiviertelstunde später auch am Ziel war – Ende gut, alles gut. So mancher Ärger vergessen.
Die anderen beiden holten sich noch etwas zu Essen, während ich lieber direkt im Zelt verschwand und regenerierte – irgendwie muss ich ja den letzten Akt morgen auch noch überstehen…

Zumindest hatten wir keinen riesigen Stress mehr, da wir eh erst um 16 Uhr in unser Airbnb einchecken konnten. Zu lange wollten wir uns dann am nächsten Morgen aber auch nicht aufhalten – der Tag ist gekommen! Endlich Pause! Endlich Erholung nach genau drei Wochen Fahrt ohne einen einzigen Regenerationstag! Jetzt wird das ins Ziel gebracht!
Nach dem Zusammenräumen stärkten wir uns wieder einmal bei stark gezuckertem Kaffee aus einer Glasschale sowie Reis zum Frühstück, ehe der finale Akt begann. Aus einzelnen Vororten wurden in hügeligem, ja fast bergigem Gelände große Industriegebiete und Palmölplantagen, die die Straße geradezu säumten. Beim Besprechen der Routenwahl fiel auf, dass wir uns gute fünf Kilometer sparen können, wenn wir über den Highway fahren, sofern das erlaubt ist. Ja, einen Versuch ist es wert! Nur endlich ankommen lautet die Devise, auf dem kürzesten Weg!

Bei einer Polizeikontrolle hat uns diese schon einmal durchgewunken – also sollte es ja schon irgendwie gehen! Zwar hupten einige Autofahrer auf der viel befahrenen Straße und von einer Baustelle rief man uns auf Französisch zu, dass wir dort nicht fahren können – aber wir ignorierten gekonnt. Nein, solange man uns hier nicht von oberster Stelle aus verscheucht, fahren wir hier einfach durch!

Dickköpfig setzten wir unseren Weg fort, der durch weitere lange Anstiege nicht unbedingt erleichtert wurde. Obendrauf kam, dass mir mein Wasser ausging. Passenderweise kam zehn Kilometer vor dem Ziel (ja, wir waren bereits mitten in Abidjan, aber die Stadt hat einfach eine enorme Ost-West-Ausdehnung) eine Tankstelle mit Café. Sehr gut! Ich hatte eine Pause dringend notwendig, meine Form war das komplette Gegenteil vom vorherigen Tag, da mein Körper einfach nur noch Ruhe wollte.

Immerhin war es erst 14 Uhr und wir hatten Zeit. Eine Stunde ließ ich mir zusammen mit Lucas (Jannick fuhr vor, um bereits einkaufen zu gehen) bei zwei Cappuccino Zeit, um klarzukommen.
Schließlich konnte ich mich noch einmal aufraffen, um die letzten Kilometer hinter mich zu bringen. Wir trafen uns mit Jannick wieder an der Abidjan-Mall, drei Kilometer vor dem ersehnten Airbnb. Wie schön, dass der Weg hierher noch einmal über einen enorm steilen Hügel führte und meine erschöpften Beine fast den Dienst versagten. Dankeschön für den super ausgewählten Treffpunkt, Kollege! Ich hasse dich dafür!
Den Anblick des modernen Shoppingcenters war es jedoch wert, so etwas habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Sogar eine Eisdiele gab es! Zwar zu deutschen Preisen, aber da konnte ich nach so langer Abstinenz einfach nicht widerstehen. Nur der Supermarkt ließ vom Angebot her leider zu wünschen übrig, sodass Jannick noch einmal zu einem Casino-Supermarkt wollte (ja, in Deutschland ein Ort für Glücksspiel, in der Elfenbeinküste ein Ort für Lebensmittel).


Hier kam Jannicks Vorliebe des Kochens zum Vorschein, während ich müde war und mich deswegen schon zum Airbnb verabschiedete. Auch Lucas fand in dem Moment keine Muße mehr, sich über das Abendessen Gedanken zu machen – zumal es nach 16 Uhr war! Ab zum Airbnb und erst einmal entspannen!
So war es dann auch nach etwas über 40 Kilometern endlich geschafft und nach Verwahrung von Fahrrad und Gepäck und drei intensiven Wochen war Pausenzeit!
Langweilig wurde uns jedoch nicht so schnell: Noch am selben Abend mussten wir uns um das Ghana-Visum kümmern, das Fahrrad musste wieder auf Vordermann gebracht werden, es musste sich endlich um die Wunden am Bein gekümmert werden, das Gepäck und die Kleidung mussten wieder sauber werden…kurzum: Es gab einiges zu tun!
Ich bitte übrigens um Entschuldigung, dass in diesem Blog nur so wenig über Sightseeing-Highlights oder besuchte Orte am Weg geschrieben wurde. Der Hintergrund: Wir waren wirklich durch, hatten nicht die Energie, Sachen anzuschauen und lechsten lediglich nach Erholung. Ankommen am Pausenort war die Devise. Aber solche Zeiten gibt’s eben auch mal bei so einer langen Reise, wo man sich einfach nur durchbeißen und anschließend neue Kraft tanken muss, um es danach wieder mit mehr Energie genießen zu können.


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