Die große Herausforderung

Der Kurzurlaub – am späten Abend dieses 3. Mai 2025 war er vorbei, als mein Vater den Rückweg in die Heimat begann. Einfach heimfahren ins Airbnb, fertig packen, am nächsten Morgen auschecken und weiter? Schön wäre es!

Bei mir hätte dieser Plan auch tatsächlich funktioniert, doch Jannick musste ja sein Fahrrad umbauen und viele Teile austauschen. Bei den Arbeiten  traten wohl schwere Probleme auf. Jedenfalls musste er eine Extraschicht einlegen, um fahrtüchtig zu sein am nächsten Tag. Da mein Vater abgereist ist und das Airbnb zwei Schlafzimmer hatte, konnte ich immerhin ins nun verlassene Schlafzimmer wechseln und Jannick in Ruhe werkeln lassen.

Die Extraschicht am späten Abend artete wohl etwas aus. Um 4:30 Uhr nachts schrieb er mir per WhatsApp, dass er nun fertig sei und ich ihn ja nicht vor 9 Uhr wecken solle. Ich gehorchte, wollte aber doch gerne an diesem Tag mit Benin das nächste Land erreichen. Bis zur Grenze waren es 50 Kilometer (ja, Togo ist wirklich sehr klein in der Breite). Ich war wie immer sehr früh wach, bin ja auch zeitig schlafen gegangen. Die Zeit nutzte ich, um meine Sachen fertigzupacken und schon einmal anzufangen, die Wohnung aufzuräumen. Sie sah nach diesen Tagen doch mitgenommen aus…

Nachdem ich Jannick geweckt habe, hatte der natürlich noch keine Zeit, irgendwie aufzuräumen bzw. zu packen. Schrauben und Ersatzteile lagen kreuz und quer im Zimmer. Das und die Säuberung und Entmüllung des Airbnbs in Verbindung mit Essen und fertigpacken kostete viel Zeit. Immerhin durften wir wiederum später auschecken.

Schließlich war es halb 2, als wir loskamen. Immerhin war der Weg zur Grenze denkbar einfach: Zurück auf die Hauptstraße und dieser einfach immer weiter folgen bis zur Grenze. Ein schwierigerer Weg wäre auch fatal gewesen, da mein Datenvolumen von einem Gigabyte in Togo just an diesem Mittag leerging. Für Benin habe ich mir auch einen Gigabyte geholt für die zwei bis drei Tage, die wir dort verbringen – aber erst einmal zur Grenze kommen…

Raus aus Lomé: Rückblick auf den Hafen.

Die Fahrt war dafür umso entspannter. Mit leichtem, seitlichem Rückenwind fuhr es sich lockerleicht am Hafen vorbei aus Lomé raus, meine erste und einzige Fahrt mit Togo-Trikot – sie entsprach ganz der aktiven Regeneration. Zudem war alles flach. Als wir bereits 10 Kilometer vor der Grenze waren, merkten wir beim Anblick einer Verkaufsbude am Straßenrand, was uns noch fehlte: Ein Kaffee „togo“! Jetzt aber allerhöchste Eisenbahn!

Lockerleichtes Fahren im Togo-Trikot.
Unser „Kaffee togo“

Es dauerte etwas, bis wir dem Verkäufer erklären konnten, was wir wollten, ehe er lachend verstand. Eigentlich bot er in dem Sinne keinen Kaffee zum Mitnehmen an, doch er improvisierte und füllte uns den Kaffee in Plastikflaschen. Eine interessante Lösung. Wir nahmen unseren Kaffee mit, in der Hoffnung, dass die Flasche genügend Hitzebeständigkeit zeigt.

Nette Bucht auf den letzten Kilometern durch Togo.

Nur wenig später nach Weiterfahrt waren wir dann auch an der Grenze. Hier trafen wir gleich auf die – wie wir sie nennen – „Zwangshelfenden“, wie es hier oftmals üblich ist. Eine Person begleitete uns und wollte uns die Immigration nach Benin zeigen, während wir bestimmt siebenmal betonten, dass wir keine Hilfe brauchen und wollen.

Ansonsten handelte es sich um eine sehr einfache Grenze, den Einreisestempel nach Benin erhielt man direkt neben dem Ausreisestempel aus Benin, keine räumliche Trennung wie sonst üblich. Einziger Negativpunkt war, dass das Personal am Schalter sehr unhöflich war. Bei der Immigration nach Benin wollte man uns sogar wieder zurückschicken, da wir das Visum nur digital auf dem Handy. Letztlich ließ sie es uns aber (gottseidank) doch durchgehen.

Am Ende wollte der „Zwangshelfende“ natürlich wieder Geld, aber in diesem Fall fuhren wir dann schnell weiter – wir haben schließlich oft genug betont, dass wir seine Hilfe nicht wollen. Zudem war es ja bereits spät und wir mussten ja noch einen Schlafplatz organisieren 😉

Fündig wurden wir dann aber relativ schnell an der ersten Tankstelle nach der Grenze. Die Angestellten dort waren sehr nett, wiesen uns neben der Wand am Rande der Fläche unseren Platz zum Zelten zu. Wir fühlten uns willkommen und breiteten unser Lager aus.

Alles schien soweit gut, bis bereits im Dunkeln die Polizei vorfuhr und uns vehement aufforderte, den Platz zu verlassen und aus Sicherheitsgründen ein Hotel zu nehmen. Wir hatten natürlich etwas dagegen, erstens aus finanziellen Gründen und zweitens aus Stressgründen, da wir dann jetzt nochmal umziehen und alles wieder einpacken müssten.

Dementsprechend leidenschaftlich führte ich mit den Beamten die Diskussion auf Französisch, erklärte, dass wir unsere Fahrräder ja in den Innenraum der Tankstelle stellen könnten und unsere Wertsachen ohnehin im Zelt aufbewahren. Zudem wollte ich darauf hinweisen, dass es bis zu einer Stunde dauern kann, bis wir alles wieder gepackt haben. Die Beamten ließen jedoch nicht locker: „Vous ne pouvez pas rester ici. Il y a beaucoup des personnes qui vont agresser toi pendant la nuit dans le tent.“ („Ihr dürft hier nicht bleiben, es gibt hier viele Personen, die euch in der Nacht im Zelt auflauern und bedrohen können.“)

Na ja, anscheinend hatte die Tankstelle auch keine wirkliche Security, sondern nur die beiden Mitarbeiter. Aber eine Nacht…da wird doch schon nichts passieren. Ich wollte den Beamten weiter weiß machen, dass wir uns der Gefahren bewusst sind aber trotzdem lieber dort bleiben würden. Das ließen diese jedoch weiter nicht durchgehen. Das Argument, dass wir kein Bargeld hätten, um jetzt spontan ins Hotel zu gehen, zog ebenfalls nicht: Wir können ja mitkommen auf die drei Kilometer entfernte Polizeistation und dort zelten.

Letztlich half es jedoch alles nichts, wir fügten uns den Beamten und durften noch einmal alles wieder zusammenpacken. Anschließend wurden wir von der Polizei in der Dunkelheit zum Revier eskortiert. Immerhin hatten wir dort auf Nachfrage freie Platzwahl und konnten unsere Zelte hinter Bäumen aufstellen an Plätzen, die etwas geschützt vom Licht der Laternen am Revier waren.

Angekommen rissen die Probleme jedoch weiter nicht ab: Jannicks Luftmatratze ist nämlich vor einigen Tagen vom Winde in den Busch geweht worden und hatte zahlreiche Löcher. In einer abendlichen Aktion wurde die ganze Matratze noch einmal mit Wasser übergossen, wobei fünf Löcher identifiziert und geflickt wurden – hoffentlich reicht das für erholsamen Schlaf…

Außerdem haben wir bereits an der Tankstelle versucht, sein Fahrrad zu reparieren, weil sein mittleres Ritzel am Vorderrad immer durchrutschte bzw. die Kette nicht einrastete. Wir probierten einiges aus, das Problem blieb jedoch…na ja, jetzt erstmal schlafen und am nächsten Morgen wird man dann schon weitersehen…

Halbwegs ausgeschlafen stieg man dann auch in der Früh aus dem Zelt. Das war auch sehr wichtig, denn geplant waren über 90 Kilometer bis in die Stadt Cotonou. Hier soll es möglich sein, das Visum für Nigeria unkompliziert zu bekommen – Korruptionsgeld mal abgesehen. Das Airbnb in der Nähe der Botschaft war bereits gebucht, jetzt mussten wir nur noch hinkommen.

Aufwachen am Polizeirevier.

Bevor wir die Strecke anfangen konnten, gab es jedoch ein weiteres Problem: Jannick wachte mal wieder auf dem Boden auf, es waren wohl noch mehr Löcher in der Luftmatratze. Als er in der Früh diese maximal aufpumpen wollte, um weitere Löcher zu identifizieren, platzte diese – eine Naht war großflächig aufgerissen. Da halfen auch keine zehn Flicken – das Ding war ein Fall für den Mülleimer. Wutentbrannt schmiss Jannick die Matratze in Selbigen – wenn die Probleme kommen, dann immer wirklich geballt und dicke.

Wie bekommen wir jetzt eine neue Luftmatratze her? Ein schwieriges Unterfangen in diesen Gegenden. Gut, dass wir vorerst eh kein Zelten geplant haben. Aus Sicherheitsgründen hatten wir vor, uns in Nigeria immer ein Hotel zu nehmen. Vielen Dank in diesem Sinne noch einmal für eure Paypal-Geldgeschenke, dass wir uns hierüber keine Gedanken machen müssen und diesmal wirklich Sicherheit vor finanzielle Abwägungen stellen können.

So konnte man dieses Problem erst einmal aufschieben. Langfristig muss natürlich schon irgendeine Lösung her, spätestens in Kamerun wird am Zelten wieder kaum ein Weg vorbeiführen…

Für den Moment konnte man sich immerhin kaum damit aufhalten, denn die Strecke nach Cotonou wartete. Immerhin war alles relativ flach, sodass Jannicks zweite Baustelle, die technischen Probleme am Fahrrad, immerhin nicht zu stark ins Gewicht fiel. Die mittleren Gänge mussten kaum in Anspruch genommen werden, von zwei kleinen Hügeln zwischendrin mal abgesehen.

Ein Eindruck der Fahrt nach Cotonou.
Am Lac Ahémé.

Da der Wind hier an der Küste auch weitestgehend aus Südwest kam, hatten wir meistens angenehmen seitlichen Rückenwind. Nur bei manchen Schlenkern zurück an die Küste machte sich mal ein unangenehmer seitlicher Gegenwind bemerkbar.

Immer wieder durchquerten wir die üblichen Dörfer und Kleinstädte mit dem typisch chaotischen Verkehr. Auch die letzten Kilometer nach Cotonou waren natürlich kaum ein entspanntes Ausrollen bei der Blechlawine, dennoch erreichten wir relativ problemlos unser Airbnb. Dieses hatte in weiser Voraussicht sogar eine Waschmaschine. Auch das sehr komfortable Wohnzimmer überzeugte zu einem guten Preis, weshalb wir entschieden, hier nochmal einen Tag Pause zu machen, um entspannt das Visa zu erledigen. Außerdem kann sich Jannick so nochmals seinem Fahrrad, der zweiten großen Baustelle, widmen.

Das lädt doch fast ein zu einem Pausentag.

So wuschen wir dann auch gleich nach Check-in unser gesamtes Kleidungsinterieur – wohlwissend, dass das wohl lange nicht mehr funktionieren wird. Freilich nach einem Abendessen und einem kurzen Bummel in der Gegend. Hierbei holte ich mir auch mein Fußballtrikot von der Nationalmannschaft Benins – aus meiner Sicht ein wahrer Hingucker 🐈

Ein wahrer Hingucker.

Am selben Abend gab es dann auch nochmal eine kleine Krisensitzung bezüglich der Planung der Durchquerung Nigerias. Wir hatten zwei Optionen (bzw. eigentlich vier): Die schnelle Durchquerung in Küstennähe bis zur Stadt Calabar und von hier aus mit Fähre und Speedboot nach Idenau in Kamerun. Oder ab Lagos in Richtung Nordosten durchs Landesinnere fahren und über die Hauptstadt Abuja weiter ins Gebirge zwischen Nigeria und Kamerun. Schließlich würde man zwischen den Orten Mayo und Banyo über eine wohl schwierige Gravelstraße die Grenze überqueren – auf fast 2.000 Metern Höhe.

Wir waren hin- und hergerissen. Vorausfahrende haben von Komplikationen und starken Schäden an ihrem Fahrrad aufgrund der dynamischen Speedbootfahrt berichtet. Zudem würde uns das nigerianische Gebirge doch auch sehr reizen. Andererseits bedeutet es fast 1.000 Kilometer mehr durch Nigeria und im Mai beginnt zudem die Regenzeit. Bei viel Pech kann der Grenzübergang durch das Gebirge auch unpassierbar sein…zudem kann man beim Einladen des Speedbootes ja auch strikt kontrollieren, wie das Fahrrad gesichert und befestigt wird, damit es bei der Fahrt durch die Wellen nicht umhergeschleudert wird.

Die zwei anderen Optionen bezogen sich auf die Fahrt nach Calabar: Einerseits eine Fähre direkt nach Limbé. Hier wären die Räder gesichert. Der Fahrplan soll aber wohl sehr volatil und von der Auftragslage bezüglich Güterverkehr sein. Zudem wäre die Fahrt im Vergleich zum Speedboot sehr viel teurer, welches außerdem auch täglich fährt.

Die letzte Option wäre eine Militäreskorte über die nächste Landgrenze von Calabar aus gewesen. Einfach per Fahrrad kommt man hier nicht nach Kamerun, der Grenzübergang ist aufgrund von Kriminalität und einer hohen Entführungsgefahr gesperrt. Die Militäreskorte ist aber wohl schwer zu organisieren. Und ob man wirklich mitten durchs Konfliktgebiet aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen anglophonen und francophonen Gruppierungen fahren will? Zudem legen auch entsprechende Berichte nahe, dass die Soldaten wohl während der Fahrt noch Alkohol konsumieren und einen wenig vertrauenserweckenden Eindruck machen…

Hintergrund der Konfliktsituation ist noch immer die anglophone Krise zwischen den großen französischsprachigen Gebieten Kameruns sowie den kleineren britischen Regionen im Westen. Ehemals war Kamerun ja eine Kolonie Deutschlands, das diese jedoch nach der Niederlage im 1. Weltkrieg eben jenen beiden Mächten überlassen musste.

Auch seit der Unabhängigkeit konnten sich die anglophonen und francophonen Bevölkerungsgruppen nie wirklich einig werden, was in den letzten Jahren in einigen blutigen Konflikten gipfelte…

Na ja, nach all den Abwägungen ließen wir uns zwar noch Zeit, die Tendenz ging aber doch klar zur Route nach Calabar mit anschließender Speedbootfahrt. Sie ist wohl noch das kleinste Übel. Klar, bei regnerischen Wetter oder hohem Seegang können die vier bis fünf Stunden immernoch ein wahres Abenteuer werden, letztlich erschien es uns jedoch als beste Lösung. So kann man sich in Küstennähe auch auf den viel befahrenen Hauptstraßen halten und so das Entführungsrisiko minimieren. Ganz im Gegenteil zu Fahrten ins Hinterland bei dem Ausflug ins Inland. Da nehmen wir doch lieber den Stress aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens in Kauf.

Hierauf läuft es wohl hinaus. Anschließend per Speedboot nach Kamerun (blauer Pfeil).

Weiters sollte man wohl um 16:30 Uhr spätestens im sicheren Hotel sein, da die Polizei-Checkpoints wohl nur bis kurz nach 16 Uhr besetzt sind. Ab dort besteht die Gefahr, dass sich Zivilisten an den Checkpoints als Beamte ausgeben, einen anhalten und anschließend ausrauben. Das hieß bei der Planung auf jeden Fall: Früh aufstehen und früh losfahren!

So weit, so gut – nach viel Diskutiererei legten wir uns Schlafen. Am nächsten Tag muss ja erstmal das Visum geholt werden als Grundvoraussetzung für all die Abwägungen. Nach Ausschlafen und einem entspannten Tagesstart machten wir uns zu Fuß auf den drei Kilometer langen Weg zur nigerianischen Botschaft, mit einer kurzen Streetfoodpause bei akutem Hunger in der Hitze. Natürlich alles in langer Hose bei einem geplanten Botschaftsbesuch – wir haben gelernt!

Als wir angekommen sein mussten, fanden wir erst einmal die Botschaft nicht. Als wir bei den Einheimischen nachfragten, führten diese uns zu einer dubiosen, kleinen Bude am Straßenrand. Der hierin ansässige Herr, der uns das Visum ausstellen wollte und daher nach unseren Unterlagen fragte, wirkte ebenfalls nicht wirklich seriös…

So nutzten wir die Gelegenheit, als bei uns die Scammer-Alarmglocken läuteten. Wir ließen verlauten, dass wir noch einmal zum Copy-Shop müssten und gleich wieder zurück kommen.

Nach erneuter Suche fanden wir schließlich den Eingang zur richtigen Botschaft. Hier mussten wir bei Eintritt unsere Handys abgeben und erst einmal fast 40 Minuten in einem Warteraum Platz nehmen, da wohl der Chef der Botschaft Mittagspause hatte.

Schließlich wurden wir ins Gebäude geführt und durften in seinem Raum Platz nehmen. Nach netter Begrüßung ging es an die Verhandlungen. Unser Gegenüber verlangte 150.000 CFA (ca. 230 Euro) für die Ausstellung des Visas.

Wir wussten immerhin, dass unsere vorfahrenden Kontaktpersonen nur 100.000 CFA zahlen mussten (ca. 150 Euro). So ließen wir verlauten, dass wir nur 100.000 CFA dabei haben. Hierauf meinte der Herr, wir müssten anschließend noch zur Bank gehen, bis er darauf akzeptierte, dass wir einfach alles geben sollen, was wir haben.

Wir wären also mit den immer noch sau teuren 100.000 CFA durchgekommen, wenn mir nicht noch ein kleines Missgeschick passiert wäre: Ich hatte nämlich zwölf 10.000er-Scheine dabei, zwei als Reserve, falls der Typ überhaupt nicht mit sich verhandeln lässt.

Vor dem Losgehen habe ich mir jedoch einen weiteren für Essen während dem Weg eingesteckt. Ich wollte nun jedoch nicht abzählen, damit der Kerl nicht merkt, dass ich mehr Geld einstecken habe. In diesem Moment hatte ich in der Hektik dann aber nicht auf dem Schirm, dass ich noch einen weiteren 10.000er eingesteckt habe, und griff einfach alle Scheine bis auf deren zwei, um sie ihm auszuhändigen.

Genau in dem Moment der Übergabe wurde mir dann klar, dass ich ihm gerade 110.000 CFA herausgegeben habe. Ich Tölpel – ich hätte bei Realisierung meines Fehlers im Boden versinken können. Auch Jannick war irritiert, weil der Herr nun natürlich auch weitere 10.000 CFA von ihm einforderte.

Sorry Bro – das geht auf meine Kappe! Ich zückte einen weiteren 10.000er und bezahlte natürlich für ihn nun mit. 30 Euro hat mich also dieser kurze Aussetzer gekostet – ein teurer, unachtsamer Moment…

Wie dem auch sei, so hatten wir immerhin die Visas in fünf Minuten im Reisepass. Ein Blick ins Kleingedruckte zeigte: 80 Euro kostet das Visum normalerweise, wir zahlen jetzt über 160 Euro pro Nase. Eine herrlich korrupte Welt hier, aber wir können es nicht ändern. Anders hätten wir nach Berlin fliegen müssen, um das Visum zu erhalten…

Bei einem weiteren kleinen Spaziergang durch dieses doch sehr moderne Viertel von Cotonou vergaßen wir dieses Missgeschick. Wir landeten schließlich an einem großen Platz mit einer riesigen Statue, auch „Amazonas-Statue“ genannt. Sie erinnert an eine Gruppe aus ausschließlich weiblichen Kriegerinnen, die das Land in seiner Geschichte geprägt hat. Genaueres kann man hier darüber nachlesen.

An der Statue auf dem Messeplatz.

Auf dem Platz um die Statue fanden wir uns schließlich auf einer kleinen Messe wieder. In Cotonou fand nämlich die FARI statt („Forum Africain pour la Recherche et l’Innovation“). Zahlreiche, vornehmlich junge Menschen präsentierten hier ihre Ideen, um Afrika in vielerlei Hinsicht voranzubringen.

Auch Nachhaltigkeit war ein Schwerpunktthema. Auch für mich durchaus spannend, wenn man irgendwo in Westafrika auf einmal Würfel mit der Aufschrift der Sustainable Development Goals findet.

Die SDGs auf der FARI.

Nach einem kurzen Spaziergang durch die Messe nahmen wir ein Motortaxi zurück in die Richtung unseres Airbnbs, welches wir dann nach kurzem Einkauf wiederum laufend erreichten.

Nun konnte Jannick sich noch an sein zweites großes Problem begeben – die Mechanik des Fahrrades. Er baute die vordere Kasette noch einmal aus und tauschte diese gegen eine andere aus, die er dabei hatte und eine minimal andere Anzahl von Ritzeln hatte. Nun schaltete das Ding einwandfrei – es lag also an der Anzahl der Ritzel!

Ein Problem gab es danach jedoch noch immer: Die Bremse schliff…bis weit in den späten Abend wurde herumgedoktert, bis das Vorderrad endlich ohne Widerstand drehte – eine schwere Geburt!

Damit waren aber alle Probleme beseitigt und überglücklich fielen wir ins Bett. Der Weg ist frei für Nigeria! Am nächsten Tag konnten wir es auch relativ entspannt angehen lassen, weil der Weg mit Grenzübergang bis Lagos eh zu weit gewesen wäre. Der Plan war also, nur unmittelbar vor die Grenze zu fahren und dort in irgendeiner Absteige zu schlafen, ehe am nächsten Tag durchgestartet wird.

Dementsprechend durchlebten wir auch noch einen letzten, geruhsamen Vormittag. Nach Frühstück, Kaffee und entspanntem Packen fuhren wir mittags wieder los in Richtung Grenze zu Nigeria. Der Verkehr raus aus Cotonou war in Ordnung, und nach einer Mittagspause hatten wir schnell freie Fahrt in Richtung Nigeria.

Auf aalglatter Straße fuhren wir dahin, ehe wir 10 Kilometer vor der Grenze abbogen in Richtung einer kleinen Unterkunft am Strand, wo unsere Vorfahrer auch geschlafen haben. Von hier aus betrug die Distanz nach Lagos 96 Kilometer – machbar an einem Tag.

Der Besitzer des Campingplatzes am Strand zog uns leider etwas über den Tisch mit 5.000 CFA (7,50 Euro) pro Person für die kleine Absteige mit Doppelbett und einer Eimerdusche, dennoch war es natürlich ein super Stützpunkt für die Grenzüberquerung am nächsten Tag. Und an die Eimerdusche wird man sich wohl in Nigeria eh wieder gewöhnen müssen, ebenso wie regelmäßige Stromausfälle. Dieser lief in den letzten Ländern doch sehr zuverlässig – kein Vergleich bspw. mit Sierra Leone, wo abends der Strom in den Hotels beinahe stündlich ausfiel.

Nach letzten Vorkehrungen wie einer Standort-Freigabe über Google Maps für besorgte Familienmitglieder und Freunde genoss ich noch einmal ein wenig die Ruhe am von tosenden Wellen gefluteten Strand der Unterkunft – der letzte Abend auf „sicherem Boden“, möchte man dem Tenor von Familie, Freunden, Medien und auswärtigem Amt Glauben schenken.

Ein wilder Strand – Baden keine gute Idee!

Nach Abendausklang im Restaurant nebenan bei wiederum sehr scharfen Spaghetti (die Schärfe des Essens ist eine weitere Konstante in Westafrika) und einem verdienten Bier ging’s dann auch früh schlafen.

Leider hatte das Zimmer nur einen Ventilator und aufgrund von Moskitos musste ich in langer Kleidung schlafen. Abhilfe schufen schließlich zwei Eimerduschen, die man sich in voller Montur über das Haupt kippte. Klatschnass konnte man dann angenehm ein- und durchschlafen.

Gute Nacht.

Nach kurzer Auseinandersetzung mit dem noch schlaftrunkenen Jannick aufgrund der Uhrzeit kamen wir dann auch um kurz nach 8 Uhr los und ab jetzt hieß es: Freie Fahrt ins wohl gefährlichste Land der Reise!

Na ja – fast. Auf dem Weg wurde an der Grenze noch Geld getauscht. Nach zäher Verhandlung erhielten wir in einer Stube immerhin einen Kurs von 1.700 Naira pro Euro. Die nigerianische Währung ist hart gebeutelt von Inflation. Der größte Schein ist übrigens der 1.000-Naira-Schein (ungefähr 60 Cent). Da weiß man gar nicht, wohin mit dem ganzen Geld, wenn man mal 100 Euro tauscht…

Da fühlt man sich fast reich.

Weiter an der Grenze gab es dann wieder einmal das Problem der „Zwangshelfenden“: Sofort nahm sich uns einer an und wollte uns überall hinführen, auch auf mehrmalige Ablehnung blieb er an uns dran…

Die Immigration begann zunächst einmal mit Stress: Ein Grenzbeamter behauptete, dass Jannick eine vorgeschriebene Impfung nicht hätte und verlangte von ihm Korruptionsgeld – eigentlich war ja nur Gelbfieber vorgeschrieben…

Während Jannick diskutierte, holte ich mir bereits eine SIM-Karte an der Grenze, um ja genügend Daten zu haben, um meine Mitmenschen auf dem Laufenden zu halten…

Skurriler wurde es dann noch, als ich bei der Diskussion dazukam und meinen Impfpass vorzeigte. Ich hatte die angeprangerte Impfung zwar auch nicht – aber bei mir soll wohl alles gut gewesen sein…

Wir überlegten, ob wir mit einem Anruf bei der deutschen Botschaft in Abuja drohen sollten. Andererseits: Dann machen wir wieder ein riesiges Fass auf, und wir haben noch 90 Kilometer vor uns. Da ist schlicht keine Zeit für sowas…

Bei 5.000 geforderten Naira bzw. 3 Euro gaben wir ihm zähneknirschend das Geld, um voranzukommen. Auch anschließend mussten wir noch zahlreiche Formulare ausfüllen und Nachfragen beantworten, man wollte umgangssprachlich „die Farbe unserer Unterhosen“ wissen.

Stolze zwei Stunden verloren wir an der Grenze, ehe wir endlich unseren Einreisestempel für 30 Tage im Reisepass hatten. Natürlich wollte anschließend der „Zwangshelfende“ auch noch Geld, doch wir wimmelten ihn ab. Mach einer letzten Reisepasskontrolle bei der Ausfahrt vom Immigrationsgelände und einer weiteren korrupten Grenzbeamtin („What can you give to me?“) sowie freundlicher, aber bestimmter Ablehnung waren wir endlich durch mit der Grenze. Das Kapitel Nigeria ist nun offiziell eröffnet! Nichts wie auf nach Lagos, Gas geben und durchziehen!

Übrigens: Mit einem Tag Bedenkzeit entschieden wir uns schnell doch für die Speedboot-Variante. Wie sagt man in Köln so schön: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ Unser Motto für die geplante Durchquerung von Nigeria…

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