Nigeria-Durchquerung 2/2

Benin-City – mit einem geplanten Ruhetag konnten wir am Abend der Ankunft unserer kräftezehrenden Etappe in diese Großstadt nun erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes runterschalten und entspannen. Das Restaurant in der Unterkunft hielt einige Delikatessen bereit, unter anderem Schnecke mit Reis. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und holte mir eine Portion. Rückblickend kann ich es nur empfehlen. Ich weiß zwar nicht, um welche Schneckenart es sich handelte, doch ich würde auf eine Meeresschnecke tippen.

Reis mit Schnecke.

Als es danach dunkel war, blieben wir brav im Hotel und regenerierten im bequemen Bett des Doppelzimmers unsere geschundenen Beine. Am nächsten Tag stand dann auch erst einmal Ausschlafen auf dem Programm, ehe neue Aufgaben warteten. Erstens musste neues Bargeld her, und zweitens war Jannicks Internet auf einmal wieder abgeschaltet. Ein Shop des Anbieters Glo musste aufgesucht werden, um das erneute Problem zu klären.

Zumindest funktionierte dann das WLAN des Hotels, nachdem wir aufgrund eines Missverständnisses am vergangenen Abend ohne Selbiges vorlieb nehmen mussten. Jannick wollte nämlich das Passwort für das WLAN wissen, während die Rezeptionsmitarbeiterin verstand, dass das WLAN nicht funktionieren würde und ihr verbundenes Internet am Handy präsentierte: „I don’t understand your problem: You can see – it works!“ So ging es ein paar Runden, ehe Jannick sie fast anbrüllte, sich jedoch noch im Griff halten konnte: „I KNOW THAT THE INTERNET WORKS!! BUT I NEED THE PASSWORD!“ „Oh sorry you need the password, now I understand…“ Das war definitiv eine schwere Geburt…

Wie dem auch sei, auf Dauer muss natürlich das mobile Internet allein aus Sicherheitsgründen hier in Nigeria auch funktionieren, weshalb wir uns aufmachten zu einem Glo-Shop zwei Kilometer weiter. Auf dem Spaziergang durch den viel besuchten Markt waren wir natürlich wieder die Hauptattraktion als weiße Menschen. Zudem wollte uns gefühlt jeder etwas verkaufen.

Immerhin fanden wir einen versteckten Geldautomaten, wo auf dem Weg noch eine 20-minütige Session eingelegt wurde, um wiederum genügend Bargeld zu haben.

Weiter ging’s zum Glo-Shop, wo Jannick alsbald an einen Schalter gerufen wurde, während ich ohne jede Internetprobleme im Wartebereich Platz nahm. Eine ganze Stunde durfte ich Däumchen drehen, mit folgendem Ergebnis aus Jannicks Gespräch: Man hätte wohl nach Aktivierung der SIM-Karte, die nur zu den Geschäftszeiten nach maximal 24 Stunden erfolgt, einen Anruf tätigen müssen, um den Internetzugang zu bestätigen. Sonst wird das Internet nach zwei Tagen automatisch wieder deaktiviert. Eine sehr komische Regel. Jannick wurde hierüber bei dem Shop in Ode natürlich nicht in Kenntnis gesetzt. Ebenso schlugen wir dort ja auch fast zwei Stunden vergeblich tot, weil die Mitarbeiter nicht auf dem Schirm hatten, dass die Aktivierung der SIM-Karte bis zu 24 Stunden dauern kann…

Jedenfalls musste Jannick jetzt nochmals eine neue Registrierung vornehmen und dann sollte es nochmals bis zu 24 Stunden dauern. Da Jannick schwer einen Anruf tätigen kann, sollte er der Mitarbeiterin per WhatsApp schreiben, sobald die Karte aktiviert ist. Wie Jannick meinte, hat sich die Mitarbeiterin unabhängig davon sehr gefreut, seine Nummer zu erhalten. Die Frauen hier in Nigeria sind nämlich allgemein sehr flirty, insbesondere da wir als weiße Menschen in dieser untouristischen Gegend eben eine absolute Ausnahmeerscheinung darstellen.

Für den Moment waren aber andere Dinge wie bspw. Internet wichtiger, auf welches wir jetzt nur warten konnten. Raus aus dem Büro, nahmen wir uns ein Taxi, um zu einem Einkaufszentrum am anderen Ende der Stadt zu gelangen, wo die Snacks wieder aufgefüllt wurden. Passenderweise gab’s nebenan auch einen Burger King. Ich zögerte kurz aufgrund meiner Magenverstimmung beim Besuch in Lagos, schließlich musste ich dem Fast-Food-Anbieter jedoch eine zweite Chance geben, der negative Eindruck durfte nicht bestehen bleiben 😉

Mahlzeit.

Nach der Zwischenmahlzeit ging’s mit vollen Einkaufstaschen wieder zurück ins Zentrum von Benin-City. Leider fraßen die organisatorischen Aufgaben so viel Zeit, dass für ausgeprägte Sightseeing-Aktivitäten kaum mehr selbige blieb. Während Jannick sich nach dem Stress erholte, zog ich trotzdem nochmal los, auch wenn bspw. ein Besuch des Nationalmuseums ums Eck jetzt leider nicht mehr drin war.

Ich ging jedoch einmal um den großen, zentralen Kreisverkehr des Zentrums von Benin-City herum, über den wir auch reingefahren sind. Hier befand sich unter anderem eine sehr ansehnliche baptistische Kirche. Nachdem der Westen Nigerias fast ausschließlich von Moscheen geprägt war, finden sich hier wieder mehr Kirchen. Das legt nahe, dass nach überwiegend muslimisch geprägter Kultur im Westen wieder vermehrt Christen zugange sind, je weiter man in das Land reinkommt.

Babptistische Kirche in Benin-City.

Anschließend machte ich wiederum einen Abstecher über den großen Markt im Zentrum von Benin-City. Alleine ist es hier nochmal abenteuerlicher als zu zweit: Als einzige weiße Person ist man die Sehenswürdigkeit in Fleisch und Blut. Viele Menschen suchen sogar Körperkontakt und möchten einem über die weiße Haut streicheln. Auch aufdringliche Verkäufer sind noch aufdringlicher als in den Ländern vorher. Ja, auch sie suchen stellenweise sogar Körperkontakt, wenn man einfach weitergeht bzw. abwinkt.

Reges Treiben im Zentrum.
Eindrücke aus Benin-City.

Nach dem ein oder anderen Zupfer an meinem Shirt kostete es zwar viel Mühe, aber es half nichts: Cool bleiben und die Situation einfach entspannt weglächeln. Eins habe ich von Nigerianern gelernt: Sie sind zwar grundsätzlich super nett und hilfsbereit, aber sie versuchen gerne mal, dich zu provozieren bzw. aus der Reserve zu locken. Wenn man hierauf anspringt und gereizt reagiert, kann die Situation schwierig werden. Also einfach hinnehmen und lächeln.

Ein Verkäufer konnte sich an einem der vielen Markststände aber doch noch glücklich schätzen: Hier gab es nämlich ein Trikot vom Sieg des nigerianischen Teams beim olympischen Fußballturnier 1996 in Atlanta (3:2 gegen Argentinien) zu erwerben. Unter anderem damals  mit dem Spieler Jay-Jay Okocha, der eventuell dem ein oder anderen Leser ein Begriff ist. Ja, wenn schon so viel Historie in einem Retroshirt steckt, dann muss ich als leidenschaftlicher Sammler doch zuschlagen.

Speziell Benin-City hat leider nur wenige bekannte nigerianische Fußballer herausgebracht. So manchem Leser, der Fan des 1. FC Kaiserslautern ist, mag eventuell der Name Manfred Osawe ein Begriff sein.

Das nur als Randaspekt, die Fußballbegeisterung der Nigerianer spürt man natürlich auch hier an jeder Ecke. Über dieses Thema kommt man mit ganz vielen schnell ins Gespräch. Leider setzte bei den vielen Menschen und der hohen Aufmerksamkeit am Markt jedoch schnell eine Reizüberflutung bei mir ein, weshalb ich relativ bald ins sichere Hotel zurückkehrte.

Es war Zeit, sich bereit zu machen für die Weiterfahrt am nächsten Tag. Wir steuerten die nächste größere Stadt Onitsha an, 135 Kilometer von Benin-City entfernt.

Da uns jedoch mit den empfohlenen Verhaltensregeln, immer um spätestens halb 5 im sicheren Hotel zu sein, diese ambitionierte Distanz etwas zu heikel war, splitteten wir diese in zwei Etappen.

So war das Ziel erst einmal nur das knapp 70 Kilometer entfernte Agbor. Bei dieser Distanz konnten wir es sogar relativ entspannt angehen lassen.

Um halb 11 brachen wir schließlich wieder auf und mussten uns erst einmal aus dem Zentrum der belebten Großstadt wieder herauskämpfen. Nicht unspannend bei wilden Autofahrer, die einen links und rechts überholen. Zudem kam bald ein über einen Kilometer langer Straßenmarkt, der die Straße komplett verstopfen ließ. Wir mühten uns durch die Kolonne von Autos und Trucks in all dem schier endlosen Chaos. Erst nach über 15 Kilometern wurde es endlich ruhiger und wir waren aus der Stadt wieder raus.

Ab hier wurde es bald eine entspannte Überlandfahrt in flachem Terrain. Der ein oder andere längere Hügel bot jedoch Abwechslung und sorgte für ein nicht zu kurz kommendes Höhenmeterkonto.

Leicht hügelig über Land.

Insgesamt bis auf den Anfang eine sehr ruhige Etappe. Erst auf den letzten Kilometern nach Agbor rein wurde es wieder deutlich belebter. Hier waren wir bereits im Delta-Bundesstaat. Das hieß auch: Der Niger-Fluss war nicht mehr allzu weit entfernt.

Weite Landschaft.

Für den Moment waren wir jedoch sicher im angepeilten Hotel angekommen. Mit nur einer kurzen Pause war es halb 3.

Alles entspannt und problemlos? Na ja, nicht ganz. Jannicks SIM-Karte hatte sich nämlich immer noch nicht aktiviert. So gab ich ihm per Hotspot Internet, um die Dame aus dem Kundenservice von Glo auf WhatsApp zu kontaktieren (die Hotels haben wir leider nur sporadisch WLAN). Diese meinte, dass die Registrierung der SIM-Karte (mal wieder) fehlgeschlagen sei und Jannick nochmal einen Shop aufsuchen müsse.

Wir waren sprachlos und haben mit diesem Mobilfunkanbieter nun endgültig abgeschlossen. Gewiss vier Stunden haben wir in Servicecentern verbracht – und stehen nun trotzdem ohne Internet da. Zumindest Jannick.

Ein Hotelmitarbeiter bot an, dass er eventuell eine MTN-Karte auf seinen Namen registrieren und Jannick weitergeben kann (das ist der Grund, warum er keine MTN-Karte bekommt: Sie registrieren nur für Einheimische). Doch leider hatte er direkt in der Früh keine Zeit, und wir mussten ja wieder 70 Kilometer fahren.

So bedankten wir uns für das Angebot, mussten jedoch passen, um weiterzukommen. Die Etappe am nächsten Tag verlief dann auch lange flach und ohne Probleme, bis Jannick hinter mir herfuhr und mir berichtete, dass mein Hinterrad doch sehr stark eierte. Eine kurze Kontrolle am Straßenrand ergab zwei gebrochene Speichen – direkt nebeneinander auf derselben Seite, der Bremsscheibenseite.

Wir überlegten: Der nächste richtige Bikeshop ist in Douala in Kamerun, gute 450 Kilometer entfernt. Kann ich so weiterfahren bis dahin?! Wir konsultierten Jannicks Vater, gelernter Bikemechaniker. Seine Antwort: Bei zwei gebrochenen Speichen direkt nebeneinander auf derselben Seite ein ganz klares Nein, die Gefahr einer Beschädigung der Felge und des Laufrades ist zu groß.

Unser Problem ist: Wir haben zwar Ersatzspeichen dabei, aber keinen Speichenschlüssel, um die Spannung zu regulieren. Dies, so unser Vorsatz, wollten wir aufgrund der anspruchsvollen Tätigkeit tunlichst eh immer in qualifizierten Läden machen…tja, für den Notfall wäre er eventuell doch sinnvoll gewesen.

So fuhren wir erst einmal noch unsere Etappe zu Ende bis nach Asaba, einem Vorort westlich von Onitsha. Um 14:30 Uhr waren wir eingecheckt und konnten uns um die Baustelle der Speichen kümmern.

Eine Recherche auf Google Maps und im Internet nach Bikeshops war wenig vielversprechend. So fragten wir uns bei den Hotelmitarbeitern durch. Sie wussten zwar keinen Bikeshop, brachten mir jedoch dann jemanden, der helfen sollte. Das Problem hier, das abzusehen war: Er hatte natürlich auch nicht das erforderliche Werkzeug…

Er meinte dann, er würde jemanden kennen, der es reparieren kann. So gab ich ihm mein ausgebautes Hinterrad mit inklusive der Ersatzspeichen und Werkzeug zum Separieren von Zahnkranz und Bremsscheibe.

Liebend gerne wäre ich mitgekommen, doch der Helfer wollte mich um jeden Preis abwimmeln. Der Grund lag nahe: Er wollte mir sicher einen höheren Preis für die Reparatur nennen, um ein wenig Geld für sich zu behalten.

Ich akzeptierte letztendlich und vertraute. Letztlich wurde es jedoch zu spät an diesem Tag, um die Speichen zu reparieren. So mussten wir am nächsten Tag eine Reparaturpause einlegen, bevor wir weiterfahren konnten.

Wenigstens eine positive Nachricht gab es: Eine Hotelmitarbeiterin besorgte Jannick nun eine MTN-Simkarte auf ihren Namen, er war also nun endlich online. Geht doch!

Am späten Vormittag gab ich meinem Helfer das Rad wieder mit – Versuch Nummer 2. Während mein Hinterrad bei der Reparatur war, machten Jannick und ich uns nochmal auf zu einem ATM-Spaziergang – es musste noch einmal Nachschub her, um gut durch Nigeria zu kommen bis zum Ende. Das Problen hierbei: Alle Automaten in der Nähe hatten entweder kein Bargeld verfügbar oder solch horrende Gebühren, dass sich eine Abhebung über maximal 20.000 Naira kaum lohnte (11,50 Euro).

Wir suchten weiter und ließen uns von einem Tuk-Tuk-Fahrer in entlegenere Stadtgebiete fahren, wo es wohl nochmals einige Banken gab. Im siebten Anlauf klappte es schließlich und wir konnten an einem gebührenfreien ATM nochmal zehn Abhebungen durchführen mit meiner neuen Kreditkarte, damit wir beide gut versorgt waren.

Unsere primäre Kreditkarte hatte nämlich auch in Nigeria ein Geoblocking. Die Bestellung und vor allem das Vorbeibringen einer Visa-Karte waren somit im Rückblick fast überlebenswichtig! In dem Sinne auch noch einmal: Danke für deinen Besuch in Togo, lieber Vater!

Schließlich kam auch die Meldung, dass mein Hinterrad fertig sei, sodass wir zur Unterkunft zurückkehrten. Ich inspizierte das Ergebnis: Die Speichen waren mit etwas Spannung drinnen – aber völlig verbogen. Auf Nachfrage wurde das Rad am Straßenmarkt bei einem Kollegen repariert. Wahrscheinlich wurden wohl weder Bremsscheibe, noch Zahnkränze separiert. Die Speichen wurden wohl einfach mit Gewalt reingedrückt. Na ja – für seine Mühen gab ich meinem Helfer bei den eh sehr humanen Preisen natürlich trotzdem ein großzügiges Trinkgeld. Und bis Douala sollte es so schon irgendwie halten.

Provisorisch irgendwie gerichtet (Speichen oben).

Nun musste das Rad nur noch schnell wieder eingebaut werden. Hier kam jedoch der nächste Schock: Es klemmte! Das Rad, es wollte einfach nicht in die Achse. Wir probierten alles, aber nichts zu machen.

Jannick und ich blieben sprachlos zurück: Was haben die gemacht am Markt?!?! Auf Nachfrager hielt sich auch mein Helfer sehr bedeckt.

Wir konsultierten Jannicks Vater wegen dem Fall, doch auch der war ratlos. So etwas hatte er noch nie…wir gingen erst einmal etwas essen, um über das weitere Vorgehen zu sprechen. Wir wussten beide: Wenn jetzt keine Lösung kommt, dann müssen wir im Notfall bis Douala mit dem Truck fahren…aber nach dem Essen wollten wir es nochmal probieren.

Immer wieder fragten wir bei unserem Kollegen nach, was genau am Hinterrad gemacht wurde. Lange ließ er sich nichts entlocken, bis schließlich ein für ihn anscheinend unbedeutender, aber entscheidender Hinweis kam: „They did nothing, they just separated this disk…“ Er zeigte auf die Bremsscheibe.

Bei genauerem Hinsehen klärte sich nun einiges auf: Die Bremsscheibe war falsch rum wieder eingebaut. Da hätten wir noch lange probieren können, das Rad in die Achse zu bekommen…wir installierten nun die Bremsscheibe richtig rum und siehe da: Das Rad ließ sich problemlos einbauen. Erleichtert und fast ein wenig schmunzelnd ob dieser Geschichte konnten wir einen Haken dran machen – morgen geht’s weiter! Radreparatur in Nigeria außerhalb der Großstädte: Ein wahres Abenteuer!

Ich mit meinem Helfer: In dem Farben getrennt, in der Sache vereint!

Mit Jannicks Engländer konnten wir die Speichen dann provisorisch noch ein wenig fester ziehen. Ja, der Achter war danach sogar etwas weniger ausgeprägt als vorher. In diesem Sinne auch noch einmal danke an Hannes für die Ersatzteile! Ohne dich wären wir hier erst recht aufgeschmissen gewesen…

So begann nach einer weiteren Nacht in dem Hotel dann in aller Früh die Nagelprobe für die verbogenen Ersatzspeichen. Das Ziel war die Stadt Owerri, um die 100 Kilometer entfernt.

Das Highlight der Strecke war sicherlich die Niger-Überquerung direkt am Anfang über eine knapp einen Kilometer lange Brücke. Ein mächtiger, langer Fluss, der in Guinea seinen Ursprung hat und genau hier beginnt, sein Delta aufzufächern, bevor er in den Atlantik fließt. Das berühmte Niger-Delta hier im Delta-State in Nigeria.

Überquerung des mächtigen Nigers.

Für den Moment ließen wir den Strom jedoch links liegen, da die Tageszeit schon fortgeschritten war. Immerhin war die weitere Strecke bis auf einige, wenige Hügel sehr flach, sodass wir gut vorankamen. Auch Jannick konnte gut durchziehen, musste jedoch sehr kämpfen, da seine im vorherigen Blog bereits angesprochenen Ohrenschmerzen wieder deutlich schlimmer wurden seit ein paar Tagen. Er kam de facto nur noch mit Ibuprofen durch die Etappen. Aber es half alles nichts, wir mussten ja irgendwie durchziehen – immerhin war eine Pause schon bald in Douala in Sicht.

Noch ein bisschen vor uns.

Pausen waren ansonsten eh rar, weil hier auf dem Land unmittelbar nach dem Stop gefühlt das halbe Dorf um uns versammelt war als weiße Menschen – die klassische Reizüberflutung.

Nigeria-Trikot-Selfie mit einem der vielen Menschen.

Um 16 Uhr waren wir wieder in der sicheren Stadt Owerri, wo wir nochmal Snacks in einem der wenigen Supermärkte hier auf der Strecke holten. Im Hotel waren wir schließlich um 17 Uhr, etwas später als empfohlen – aber halb so wild. Die Speichen haben zudem gut gehalten.

Nun waren wir nur noch zwei Tagesetappen von Calabar entfernt, unserem Endziel in Nigeria, bevor es per Speedboot nach Kamerun gehen sollte. Manchmal war es fast etwas surreal, wie schnell das alles geht. Ziel des nächsten Tages war dann die Stadt Ikot Ekpene, die letzte größere vor Calabar.

Wir witzelten bereits, dass man hier in Nigeria von der beginnenden Regenzeit bisher kaum etwas merkt: Eher stöhnten wir unter der unbarmherzigen Sonne, als dass uns jegliche Fluten irgendein Problem bereiteten. Ja, auf der ganzen Strecke hatte es bisher einmal kurz genieselt, die Tropfen waren jedoch gefühlt wieder in der Luft verdampft.

Bestimmt haben wir es hierdurch verschrien, wie man so schön sagt. Am nächsten Tag brach nach trockenen, aber bereits düsteren ersten Kilometern nämlich eine wahre Regenklatsche über uns herein. Schnell suchten wir Schutz vor den Fluten unter einem Dach. Da es jedoch nach einer halben Stunde kaum besser wurde und uns die Zeit flöten ging, fuhren wir dann weiter. Frei nach dem Motto: „Augen zu und durch!“

Fluten brachen über uns herein.
Das erste Mal seit langem eine Regenjacke vonnöten.

Gute 15 Kilometer fuhren wir durch die überfluteten Straßen, ehe der Regen nach einer Mittagspause aufhörte. Die folgenden noch knapp 70 verbleibenden Kilometer konnten wir so in dem flachen Terrain am Nachmittag doch noch entspannt „wegschrubben“. Einzig die belebte Stadt Aba auf Hälfte der Strecke ließ mit seinem belebten Verkehr den Stresspegel kurzzeitig merklich ansteigen. Das bewölkte Wetter war zudem ein Segen für die gefühlte Anstrengung.

Es blieb schön bewölkt.

Wiederum um halb 5 im sicheren Hotel, trennten uns nun nur noch 104 Kilometer vom Endziel in Nigeria. Voller Vorfreude auf die finale Etappe ließen wir den Tag ausklingen, inklusive Abendessen.

Jannick holte sich hierfür ein Hähnchen und einen Maiskolben vom Straßenmarkt nebenan. Genüsslich verschlang er die Hälfte, ehe er das Fleisch genauer studierte: Im Inneren hat sich bereits ein wahrer Madenschwarm angesammelt. Dieses Fleisch war wohl nicht mehr frisch. Der Verzehr wurde sofort eingestellt. Ob das noch Konsequenzen haben wird?! Wir beteten, dass es morgen keine Magen-Darm-Beeinträchtigungen geben wird. Immerhin war die Verpackung sehr originell. Die Verkäuferin suchte wohl nach einer weiteren Verwendung für die Englischprobe seiner Schulkinder…

Wohl eine solide Leistung.

Am nächsten Morgen war dann auch erst einmal mit Jannicks Magen-Darm-Gesundheit soweit alles im grünen Bereich. Voll motiviert für die finale Etappe legten wir bald los.

Vorher bekamen wir so einige Warnungen von Reisenden, die hier bereits entlang gefahren sind: Aufgrund schlechter Straße und vieler Trucks soll diese Strecke sehr herausfordernd sein.

Dies konnten wir am Anfang nicht bestätigen. Es gab zwar ein paar Hügel, die Straße war jedoch in bestem Zustand und der Verkehr war kaum existent. Nach knapp 30 Kilometern änderte sich das Bild jedoch schlagartig.

Erstmal hügelig, aber ruhig und mit guter Straße.

Zwischen zahlreichen Trucks musste man sich inmitten von Staub und Dreck auf unasphaltierter Buckelpiste geradezu durchfighten. Die wieder einmal knallende Sonne gab uns den Rest, dazu war es hügelig.

Kurze Asphalt-Abfahrt.
Überquerung des Cross-Rivers in den Cross-River-State.

Erschwerend kam hinzu, dass sich auf Hälfte der anstrengenden Strecke auch Jannicks Magen-Darm-Trakt meldete. Wir mussten regelmäßig Pause einlegen, damit Jannick in den Busch gehen konnte neben der Straße – ohne auf die Details eingehen zu wollen 😉

Er verlor natürlich dabei auch viel Wasser und war zunehmend am Ende seiner Kräfte. Ehrlich sagte er mir: „Wäre das bereits heute früh so gewesen, hätte ich niemals grünes Licht gegeben für die heutige Etappe.“ Der Genuss des Hähnchens – er rächte sich auf bittere Art und Weise.

Nun half es jedoch alles nichts – irgendwie musste man sich nun durchkämpfen. Ich bot Jannick an, einen Truck anzuhalten, falls es gar nicht mehr geht. Er verneinte jedoch, wollte sich durchbeißen. Und wer weiß, wie einfach die Mitfahrt bei einem Truck gewesen wäre…

30 Kilometer vor dem Ziel mussten wir uns dann bei einem Polizeicheckpoint, wo sich die Trucks stauten, im Slalom über die unasphaltierte Staub-Buckel-Piste links und rechts durchschlängeln. Die Straße war danach zwar wieder besser, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Mit all den Randfaktoren brachte uns diese Etappe definitiv an unsere Grenzen. Inklusive der „Busch-Pausen“ verfehlten wir so die empfohlene Ankunftszeit von 16:30 Uhr natürlich deutlich. Es blieb zudem durchgängig hügelig.

Erschwerend hinzu kam, dass Jannick sich einmal an einen LKW hing, um einen Hügel leichter zu erklimmen. Hier passierte er jedoch einen Polizeicheckpoint, der ihn stoppen wollte. Er nahm es nicht wahr, sodass die Polizisten uns mit einem Roller hinterherfuhren. So mussten wir noch einmal einen Kilometer zur Kontrolle an dem Checkpoint zurück. Aufgrund der knappen Zeit war ich außer mir und wollte gerade den Polizisten anmaulen, als Jannick mich noch zurückhalten konnte. Das hätte wohl alles noch schlimmer gemacht. Wenn ich unter Stress stehe, und dann noch wie in diesem Fall offensichtlich schikaniert werde, so kann ich schnell die Contenance verlieren. Sonst bin ich nicht leicht aus der Ruhe zu bringen – aber enormer Stress macht eben einen anderen Menschen aus mir. Wir mussten die zwei Kilometer extra und ca. 15 Minuten Zeitverlust wohl einfach akzeptieren und uns den Autoritäten fügen.

Immerhin war die Straße auf den letzten 20 Kilometern nach Calabar wieder deutlich besser. Auch so musste man auf diesem zähen letzten Abschnitt noch nochmal genug kämpfen, um diese harte Etappe ins Ziel zu bringen.

Um kurz vor 18 Uhr war es schließlich geschafft und wir waren im Hotel angekommen. Dieses lag strategisch direkt neben dem kamerunischen Konsulat in Calabar, da wir dort am nächsten Tag unseren Visum-Sticker holen mussten, um auf das Boot nach Kamerun zu kommen.

Für den Moment war das jedoch egal: Wir haben es geschafft! Nigeria war nun durchquert!! Komplett fix und fertig bezogen  wir unser Zimmer. Jannick konnte nun in Ruhe erst einmal Zeit im Badezimmer verbringen, ehe sich seine Verdauungsorgange wieder einigermaßen beruhigt haben 😉

Versöhnlich war zudem, dass sowohl auf dem Zimmer, als auch überall in Lobby und Bar das Europa-League-Finale übertragen wurden. Die Qualität des Fernsehers im Zimmer ließ zwar zu wünschen übrig, dennoch bevorzugte ich in diesem Moment meine Ruhe. Und das Spiel passte sich ja letztendlich der ausbaufähigen Qualität an. Einerlei: Glückwunsch an Tottenham!

Verpixelte Abend-Unterhaltung.

Interessant war zudem, wie die einheimischen Hotelgäste an der Hotelbar erst wie verrückt feierten, ehe nach Anpfiff alles ruhig war und alle wie gebannt das Spiel verfolgten. Fußball – hier wirklich ein wahrer Aufmerksamkeitsfänger!

Unser Fazit für die Durchquerung des wohl gefährlichsten Landes der Reise fällt durchweg positiv aus. Wir fühlten uns nie wirklich unsicher, auch als wir ausnahmsweise wie an diesem Tag mal nach halb 5 unterwegs waren.

Mit Beachtung der Verhaltensregeln war alles entspannt. Auch an den Polizeicheckpoints wurden wir (bis auf wenige Ausnahmen) einfach durchgewunken. Selten habe ich sogar so nette Polizisten gesehen. Auch die Menschen waren zum großen Teil super nett und hilfsbereit.

In diesem Sinne auch nochmal ein großes Dankeschön an euch! Zwar sind die Hotelpreise hier echt überschaubar, aber dank eurer Paypal-Geschenke konnten wir immer ein sicheres Hotel nehmen mit Security, wo auch unsere Fahrräder gut gesichert waren. Über Diebstahl mussten man sich so auch nie Gedanken machen.

Nun ging es an die nächste Herausforderung: Die Überfahrt nach Kamerun…

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