Der Unfall

Der Morgen des 8. August in Oshikango – aufstehen war angesagt nach einer kurzen Nacht im Grenzbereich. Bis man überhaupt mal wirklich runtergekommen ist nach diesem hollywoodreifen Länderwechsel, waren eh nur noch wenige Stunden Schlaf übrig.

Eine Erholungspause war insbesondere nach dem fordernden Ritt durch Angola wohl mehr als folgerichtig. Doch so weit war es noch nicht. Vorher mussten wir noch in den Ort Omaruru kommen, von Oshikango ca. 650 Kilometer entfernt.

Wie im vorherigen Blog bereits erwähnt, war unser Plan ja ursprünglich, über eine Gravelroute von Opuwo nach Uis und weiter nach Omaruru zu fahren, um zu unserem Pausenort zu gelangen. Nun kam jedoch das Drama an der Grenze dazwischen.

Uns boten sich nun im Prinzip drei Optionen: Wieder einen LKW stoppen und zurück fahren zur anderen Grenze, im dann mit einem Tag Verspätung doch die ursprünglich geplante Route zu nehmen. Oder quer wieder Richtung Westen fahren mit dem Fahrrad, bis man wieder auf die Route trifft – ein ziemlicher Umweg. Oder einfach von hier aus nach Omaruru fahren über Asphalt – wohl die einfachste und schnellste, aber auch unspektakulärste Option.

Die Rahmenbedingungen waren klar: Meine Familie kommt in knapp drei Wochen, wir haben also viel Zeit. Kurz debattierten wir in der Früh, dann waren wir uns einig: Auf dem schnellsten Weg nach Omaruru kommen. Dann haben wir hinterher noch genug Zeit, so richtig Touristen zu sein und eventuell nochmal auf andere Weise als zwei Räder von unserem Stützpunkt aus Namibia zu entdecken.

Namibia – das war für uns nämlich direkt klar – ist das Sehnsuchtsland, wo wir so viel Zeit wie nur möglich verbringen wollen und so viel sehen möchten wie nur geht. Jetzt haben wir ja eh schon die 90 Tage Visum.

Wir dachten uns nämlich auch: Alles, was im Leben passiert, hat irgendwie einen Sinn. Wie auch dieses Grenzdrama, das unsere Pläne im wahrsten Sinne des Wortes über den Haufen warf. Eventuell soll es einfach so sein, dass wir diesen Teil vom Nordwesten Namibias nicht per Fahrrad erkunden. Vielleicht wollte es uns zeigen: Da wäre irgendwas schlimmes passiert auf der herausfordernden Gravelroute. Man weiß es nicht.

So einigten wir uns darauf, diesmal das Fahrrad nur als Mittel zum Zweck zu benutzen, um zu meinen Bekannten in Namibia zu kommen. Hier hat man dann ein „Lager“ und kann die Zeit bis zur Ankunft meiner Familie noch nutzen, um anderweitig zu erkunden. Man folgt also im Prinzip nur der großen Hauptstraße, die Namibia einmal von Nord nach Süd durchquert – im Vergleich zur anderen Route natürlich unspektakulär, aber manchmal soll es wohl so sein.

Schnell war also ein Konsens gefunden, wodurch man sich nun an diesem ersten „richtigen“ Tag in Namibia schnell den anderen Baustellen widmen konnte. Diese lauteten: Einkaufen und namibische SIM-Karte besorgen.

Beim Blick in die Supermärkte der ersten Shoppingmall waren wir dann auch durchaus erstaunt: Hier gibt’s wieder fast alle Produkte, die Auswahl an Lebensmitteln ist riesig. Wir genossen die ebenso große, kulinarische Vielfalt an Fertiggerichten bei einer Sitzgelegenheit an der Mall, ehe wir uns nach SIM-Karten umschauten.

Eine Einheimische wollte uns über ihre Kontakt im Eilverfahren eine SIM-Karte im von Menschen überfluteten Shop vom Anbieter MTC Namibia holen. Leider ging dieser Plan nicht auf, weshalb wir ganze dreieinhalb Stunden warten mussten bei den vielen Menschen, bis wir an unser Internet kamen.

Mit allen Vorbereitungen war es wieder später Mittag, ehe wir loskamen – wieviel schaffen wir heute noch? Bis zur nächsten größeren Stadt Ondangwa waren es ca. 70 Kilometer – für heute eher unrealistisch. Irgendwo zwischendrin gab’s laut iOverlander jedoch einen coolen Resort mit für das nun wieder deutlich touristischere Namibia doch humanen Preisen, den wir anpeilten. So gab’s nach allen den Nächten im Busch oder im Grenzbereich auch mal wieder die Chance auf Wäsche und ein Bett.

Wir legten also los und waren auf der Hauptstraße direkt mit zwei Sachen konfrontiert: Der komische Wind, der immer mal kurz angenehm im Rücken, dann aber auch wieder lästig im Gesicht war. Und durchaus riskant fahrende Autofahrer, die einem mit so manchen abenteuerlichen Überholmanövern immer mal wieder einen Schrecken einjagten.

Ansonsten lief die Fahrt jedoch unspektakulär und mit etwas Windschattenfahren haben wir nach etwas 45 sehr flachen Kilometern unser Ziel erreicht. Bett! Wäschewaschen! Gleich nach Ankunft wurde sich um die dringenden To Do’s gekümmert. Hier im namibischen Nirgendwo herrschte eine paradiesische Ruhe. Blöd nur, dass die Betreiber wohl nicht auf Touristen vorbereitet waren. Der Pool der Anlage war wegen der Wintersaison, die ja in Namibia vorherrscht, zu. Die Warmwasserversorgung für das Duschen brauchte zu unserem Missfallen Anlaufzeit. Verpflegung gab’s auch nicht, wir mussten von unseren Einkäufen zehren.

Endlich wieder ein gemütliches Bett!

Na ja, wir sind halt immer noch in Afrika. Auch wenn Namibia jetzt natürlich einen ersten Schritt mehr zurück zu europäischen Standards bedeutet, das Ende der Reise ist ja auch nicht mehr fern.

Vorerst genossen wir die Ruhe in dieser sandigen Oase, sowie die erholsame Nacht nach dem vielen Stress der Vortage. Für den nächsten Tag war geplant, erst einmal die 20 Kilometer nach Ondangwa zu kommen und dann mal zu sehen, wie weit die zwei Räder uns tragen.

Eine Oase der Ruhe.

Nachdem wir in der Früh erst einmal wieder unterschiedlich schnell waren und jeder für sich losfuhr, hatten wir bis Ondangwa herrlichsten Rückenwind. Die 20 Kilometer waren in knapp 50 Minuten absolviert. In der Stadt gab’s wieder eine große Shoppingmall inklusive eines KFC nebendran.

Diesmal war ich der Bummelletzte.

Der KFC wurde so für eine frühe Mittagspause genutzt, ehe das Ziel Omuthiya 80 Kilometer weiter ins Visier genommen wurde. Aufgrund eines Linksschlenkers im Straßenverlauf hatten wir nun statt Rückenwind leider unangenehmen Seiten- bis Gegenwind. Im Doppelpack mit Omar ließ sich mit klassischem Windschattenfahren (Frontwechsel alle drei Kilometer) jedoch bestens fahren. Jannick war lange Zeit etwas weiter hinten, ehe wir uns an einer der vielen Tanken wieder trafen.

Wir hatten nun herausforderungstechnisch die deutlich leichtere Route: Fast nur Asphalt, viele Tankstellen und Versorgungsmöglichkeiten, viele größere Städte. Nur der unberechenbare Wind war ein Unsicherheitsfaktor. Und weiterhin die wild fahrenden Auto- und LKW-Fahrer. Einige knappe Situationen galt es zu überstehen. Einmal schliff ein LKW beim Überholen gar an meiner Tasche entlang – das war haarscharf an einem Unfall vorbei!

Am späten Nachmittag legte er auf den letzten 15 Kilometern bis Omuthiya nochmals deutlich zu. Das Vorankommen gestaltete sich unangenehm, mit nur noch 15 Stundenkilometern erreichten wir die erste Tanke in Omuthiya, wo wir geschützt im Hinterhof unsere Zelte aufschlagen durften.

Das Problem war lediglich, dass dieser Hinterhof hell beleuchtet war und man es uns nicht möglich machen konnte, diese auszuschalten. Mit einem Kopftuch vor den Augen konnte man zwar etwas Dunkelheit herstellen, dennoch litt die Schlafqualität natürlich enorm.

Die Etappe am nächsten Tag stand somit natürlich unter keinem guten Stern. Hinzu kam der Gegenwind, der am Anfang des Tages stürmisch vorherrschte, sich aber ganztägig nicht wirklich verabschiedete. Außerdem machten wir Mittagspause an einer Tankstelle auf dem Weg, wo beim Abstellen des Fahrrades ein plötzlich einsetzendes, lautes Zischgeräusch meinen vierten Platten ankündigte. Die Mittagspause war somit von Flicken geprägt. Ärgerlich!

Wir scheinen hier langsam aber sicher tierische Begleitung zu haben.

Nach einigen Stunden über lange, schnurgerade Straßen machten wir wiederum an einer Tanke im nächsten Ort Oshivelo vorzeitig Halt. Insbesondere Omar war sehr müde und nicht auf topform, weshalb das die einzig richtige Entscheidung – wir hatten schließlich alle Zeit der Welt. Ca. 400 Kilometer trennten uns noch von Omaruru, unserem Ort für die Pause. Mein Besuch kam in ca. 2 1/2 Wochen.

Die Tankstellen hier in Namibia bieten sich auch wahrlich an für einen regenerativen Spätnachmittag: Modern mit großem Shop und Sitzgelegenheiten. An einem kleinen Eckchen der großen Tankstellenbucht übernachteten wir in unseren Zelten und verlebten mal wieder eine sehr frische Nacht unter 10 Grad.

Diese Nächte sind eine Konstante hier in Namibia neben der extrem niedrigen Luftfeuchtigkeit von vielleicht 20 Prozent. Stellenweise bekommen wir unvermittelt eine „gewischt“…

Wie dem auch sei, nach kaltem Morgen machten wir uns auf den Weg in Richtung der Stadt Tsumeb in knapp 100 Kilometern. Hier war der Plan, an einer Tankstelle mit Campsite kurz vor der Stadt zu übernachten.

Auf diesen 90 Kilometern kam original nichts. Das fiel mir jedoch erst wieder auf, nachdem ich mir nur schnell am Straßenrand eine Flasche Wasser eingekauft habe und dann bereits vorgefahren bin. Snacks hatte ich nicht mehr. Die Strecke musste also ohne Verpflegung und mit 1,5 Litern Wasser hinter sich gebracht werden.

Auf 90 Kilometer nichts!

Immerhin gab’s bei der langweiligen Strecke immer mal wieder schöne Rastplätze. An einem traf ich auf die anderen beiden wieder. So machten wir gemeinsam Kilometer für Kilometer weg, immer wieder mit Pausen an den niedlichen Rastplätzen bei der knalligen Sonne und Gegenwind.

Schattige Pause.

Schließlich, weniger als 15 Kilometer vor dem Ziel der Tanke, wollten die beiden anderen nochmal beim „Lake Oshikoto“ eine Pause einlegen. Ich war nach fast 80 Kilometern ohne Verpflegung jedoch komplett ausgehungert und bat um Vorfahrt.

Relativ kraftlos schleppte ich mich zum erlösenden Ziel der Tankstelle, um endlich etwas zu essen und zu trinken und entspannt auf die anderen beiden zu warten. Nur einmal kurz das Handy checken…oh nein!!! Was ist da passiert?!

„Omar ist angefahren worden. Kannst du zurückkommen?“ Ne oder?! Fassungslos starrte ich auf Jannicks WhatsApp-Nachricht. Wie?! Wo?! Was?!Ihr vera**** mich, oder?! Ich war komplett überfordert mit dieser Neuigkeit, die mich aus dem nichts traf…

Ok, erstmal Ruhe bewahren. Ich ging in den Tankstellenshop und holte mir kurz etwas, ehe ich Omars Nachricht sah: „Hilf bitte Jannick, lass ihn nicht alleine und komm zurück.“

Ich war noch immer dezent überfordert und rief erstmal Omar an, um mir die Situation erläutern zu lassen. Hierbei klärte sich einiges auf: Omar und Jannick sind wohl gemeinsam wieder weitergefahren. Ca. fünf Kilometer vor der Tankstelle hat wohl mal wieder ein LKW die beiden sehr knapp überholt. Jannick als Hinterherfahrender verschonte er wohl noch haarscharf. Hinter ihm scherte er jedoch bereits wieder ein und erwischte Omar noch mit dem hinteren Teil des Transportcontainers.

Durch den seitlichen Rempler verlor Omar die Kontrolle, verriss den Lenker und fiel seitlich in Richtung des LKWs. Gottseidank geriet er nicht unter die Räder und machte lediglich den Abflug bei hoher Geschwindigkeit. Der LKW-Fahrer fuhr unbeirrt weiter.

Eine Autofahrer hinter uns beobachtete das ganze und fuhr dem Fahrer hinterher. Mit Hupen und Aufblenden konnte sie ihn schließlich stoppen, sodass er der LKW-Fahrer den Rückzug antrat. Als dieser ausstieg, rannte Jannick zu ihm und entriss ihm die Schlüssel, damit er nicht gleich wieder Fahrerflucht begehen kann.

Nun war bereits die Polizei hinzugezogen und Jannick kümmerte sich mit den Beamten um die Aufarbeitung des Falles. Für Omar hatte ein deutsches Urlaubspaar gestoppt, um ihn zum Krankenhaus in Tsumeb zu bringen mit seinen Verletzungen. „Fahr zurück oder such dir eine Mitfahrgelegenheit! Unterstütz Jannick etwas, er ist unter Schock!“, redete Omar mir nochmals nachdrücklich ins Gewissen. „Ich telefoniere mit ihm“, antwortete ich.

Auf Nachfrage meldete Jannick mir zurück, dass das Wichtigste geklärt sei und ich nicht nochmal zurückkommen müsste. So rief ich noch einmal Omar an. Er war dann mit dem Urlaubspaar ebenfalls versorgt und bat, dass ich an der Tankstelle sein Gepäck nehme und darauf aufpasse. Das Mietauto der Urlauber war schier überladen mit seinen Taschen inklusive Fahrrad.

Schnell fuhr er dann auch ein in die Tankstelle. „Sorry Bro, aber ich hatte echt Hunger und habe nicht mehr aufs Handy geschaut…“, entschuldigte ich mich für meine verspätete Reaktion, während ich die unübersehbaren Verwundungen begutachtete. Ich schaute auf den letzten Kilometern zur Tanke nicht mehr aufs Mobilgerät, war wie Tunnel, in freudiger Erwartung einer Lebensmittelaufnahme…in diesem Zeitfenster ist anscheinend viel vorgefallen, wovon ich erst eine halbe Stunde später überhaupt Kenntnis bekam.

Als Omar sein Gepäck bei mir an der Tanke ablud, war ich dann also erstmal wieder alleine. Meine Aufgabe war es nun, eventuell einen guten Übernachtungspreis herauszuhandeln bei der Campsite mit Hotel hinter der Tankstelle. So kann ich die anderen beiden etwas entlasten in der Situation. Jannick fuhr danach nämlich auch direkt weiter zu Polizei und Krankenhaus. Noch am selben Abend sollte Omar eine Diagnose erhalten.

Während im Krankenhaus Röntgenbilder analysiert wurden, ließ ich mir also nun die Zimmer und die Campsite inklusive der jeweiligen Preise zeigen und verhandelte mit dem Geschäftsführer bezüglich etwaiger Preisnachlässe. Für Omar mit seinen Verletzungen wäre es wohl vorteilhafter, ein Zimmer zu haben. Diese lagen aber mit 1.500 Namibian Dollar (ca. 75 Euro) deutlich über unserem Budget. So erklärte ich dem Geschäftsführer die Situation mit dem Unfall und der Notwendigkeit eines Zimmers: „Can you do something with the price?“

Tatsächlich ließ er sich auf 500 Dollar herunterhandeln aufgrund der Situation, was ich an die beiden anderen weitergab. Ich gab mich mit der Campsite und Zelten zufrieden, musste hierfür über 10 Euro zahlen. Namibia ist nun auch von den Preisen her definitiv touristischer.

Danach gab’s im Bistro von der Unterkunft erstmal eine große Pizza zum Stressabbau. Denn die Situation warf jetzt natürlich viele Fragen auf: Was ist mit Omar? Wie schwer ist er verletzt? Wie geht es jetzt weiter? Was wird aus unseren Plänen?

Fettige Nervennahrung.

Lange konnte ich für mich selber über diese Fragen philosophieren, ehe am späten Abend die beiden wieder von der Polizei zu mir gefahren wurden. Das Ergebnis ließ erst einmal aufatmen: Omar hatte keine Brüche, dir wahrscheinlich das Ende der Fahrradreise bedeutet hätten. „Lediglich“ tiefe Fleischwunden und Prellungen, insbesondere am rechten Oberschenkel.

Ein schmerzhafter Unfall.

„Wie wär’s, wenn du erstmal mit einem Truck oder Pick-up nach Omaruru kommst und wir uns dort wieder treffen?“, fragte ich. „Mit Weiterradeln hier bin ich auch erstmal raus, ich würde mit Omar mitkommen“, entgegnete Jannick, der ja bei dem Unfall live dabei war und dementsprechend ebenso unter Schock stand.

Omar war, unter Schmerzmitteln stehend, sowieso nicht radfahrtauglich. Für mich war es nun eine blöde Situation. Wir hatten so viel Zeit und ich hatte aktuell richtig Spaß am Fahrradfahren, war extrem gut drauf. Na gut, eigentlich können ja auch die beiden mit einem motorisierten Transport zu meinen Bekannten nach Omaruru kommen und ich fahre alleine mit dem Fahrrad. Dann komme ich halt meinetwegen zwei Tage später an bei den lächerlichen 300 Kilometern bis Omaruru…

Zudem war die Windvorhersage für die kommenden Tage optimal. Was hatte ich Lust, endlich mal wieder mit perfektem Rückenwind über die Straße zu fliegen?!?! „Bring dich nicht unnötig in Gefahr, der Verkehr hier ist krass. Überleg dir das bitte nochmal!“, redete mir der verunfallte Omar ins Gewissen. „Ich schlaf eine Nacht drüber und entscheide morgen früh“, entgegnete ich.

Nun gut, eigentlich war für mich eh schon klar, dass ich fahren will. Ich habe so viel Zeit, und gerade auch so viel Spaß an der Sache. Meinetwegen halt alleine. Da setzt sich doch der Dickkopf bei mir durch: Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dann will ich es auch dementsprechend durchziehen…

Omar kennt mich natürlich mittlerweile auch lang und gut genug und konnte meine Gedanken antizipieren, sodass er alsbald meine Mutter hinzuzog, die er ja bereits kannte, weil sie ja bald auf Besuch kommen sollte. Er schrieb ihr von meinem Vorhaben, mit der Bitte, mir dieses auszureden, bei den Bedingungen und diesem Verkehr alleine unterwegs zu sein.

Doch auch das ließ mich zunächst kalt. In der Früh packte ich mein Zelt und Gepäck zusammen und wollte eigentlich nur noch frühstücken im Bistro nebenan, ehe ich mich auf den Weg mache, um den Rückenwind auszunutzen.

„Frühstückst du noch?“, schrieb Omar mir in der Früh. Ich bejahte, sodass wir uns am Bistro trafen. Man merkte Omar förmlich an, dass es ihm wichtig war, nochmal mit mir zu reden: „Geh wirklich nochmal in dich! Du bist alleine! Die Straßen sind eng, niemand kann dir helfen wenn dich jemand rempelt. Es ist hier extrem gefährlich. Außerdem müssen wir heute nochmal zu Polizei und Krankenhaus. Es gibt noch viele Sachen, wo du unterstützen kannst, anstatt dein eigenes Ding jetzt durchzuziehen. Denk nochmal drüber nach!“

Diese Worte hinterließen doch Wirkung bei mir: Gibt es in so einer Situation eventuell doch Dinge, die wichtiger sind als die eigene Lust auf Fahrradfahren und das Ding ohne motorisierte Hilfe durchzuziehen? Bin ich aktuell zu egoistisch? Sollte ich doch lieber Omar in der schweren Situation beistehen?

Viele Überlegungen, die mich im letzten Moment doch noch zum Umdenken brachten. Es fühlte sich in dem Moment einfach nicht richtig an. Ja, die Leser wissen: Ich habe einen groß verankerten Egoman in mir, der ehrgeizig seine Ziele und seine Pläne verfolgt. Dennoch gilt das nicht bedingungslos. Ich lasse mit mir reden und mich auch von Alternativen überzeugen, wenn ich merke, dass ich absolut auf dem Holzweg bin.

So auch hier – richtig war, jetzt Omar in diesem Schockmoment zu unterstützen. Ich legte meinen bereits angezogenen Fahrradhelm wieder beiseite und verbrachte mit Omar stattdessen ein längeres Frühstück, wo wir viel miteinander redeten über den Vorfall. Damit ich seine aktuelle Situation einfach auch besser nachvollziehen und emphatischer sein kann, wissen wie es ihm genau geht dabei und wie er sich fühlt mit diesem Ereignis – ich war ja schließlich nicht dabei.

Außerdem redeten wir über die Aussichten auf eine baldige Fahrradrückkehr nach der Pause, die ja jetzt eh geplant war. Wir einigten uns darauf, dass Omar nun erst einmal den Schock verarbeitet und sich mit etwas Abstand Gedanken über eine mögliche Fortsetzung der Reise und mögliche psychische Nachwirkungen/Traumas macht.

So bestand der Tag nun nicht aus Fahrradfahren, sondern aus einem Besuch von Polizei und Krankenhaus in Tsumeb, um die Dinge weiter aufzuarbeiten.

Das Problem hierbei: Wir waren ja etwas außerhalb, mussten nochmals 10 Kilometer nach Tsumeb reinradeln. Immerhin war Omars Fahrrad soweit nahezu unversehrt. Er traute es sich soweit zu und der Verkehr war human, sodass wir ohne Probleme in die Stadt fahren konnten. Unter Schmerzmitteln konnte er die kurze, körperliche Belastung sogar gut wegstecken.

Immerhin ein ganz hübsches Krankenhaus.

Nachdem die offene Rechnung für die nicht billige Diagnose im Krankenhaus bezahlt war, ging’s zur Polizei, um die Berichterstattung zu dem Unfall abzugeben. Der LKW Fahrer (übrigens aus Simbabwe) war ja gottseidank noch am Unfallort und von der Polizei festgenommen worden. Hoffentlich bekommt er seine gerechte Strafe.

Bei Ankunft dann jedoch der Schock. Das Zitat der Beamten im Dienst: „Yea we thought you are still not dead. It’s everything fine. So we just let him go.“ Wie bitte?!?! Weil Omar ja immerhin nicht gestorben ist, sei alles gut und man stellt jegliches Strafverfahren gegen den LKW-Fahrer einfach ein?! Muss er erst sterben dabei, dass eine solche Tat strafrechtlich verfolgt wird?! Ich denke mal, alle Lesenden wissen, welche Strafe in Deutschland für versuchte Fahrerflucht mit Gefährdung möglich ist…Wir waren jedenfalls sprachlos.

„But do you think that’s ok?! What’s your opinion about that decision?!“, fragte Omar fassungslos. Die Beamten verweigerten sich jeglicher Stellungnahme. Die Überlegung lag nahe, sich in Namibia günstig einen Anwalt zu holen und für seine Rechte einzustehen. Doch letztendlich muss man dieses bittere Urteil wohl akzeptieren, wir sind eben nicht in Deutschland. Namibia zählt zu einem gefährlichsten Länder bezüglich Straßenverkehr mit vielen Unfällen. Wenn ich mir ein Urteil erlauben darf: Bei dieser Rechtssprechung verwundert einen das nicht.

Na ja, was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren. Abhaken und zur nächsten Baustelle: Einen Schlafplatz finden und eventuell auch schon eine Mitfahrgelegenheit für den nächsten Tag. Da unsere Bekanntschaft aus Omaruru nämlich am nächsten Tag terminlich bedingt eh nach Otijwarango fahren musste, war es nur nötig, in die knapp 180 Kilometer entfernte Stadt zu kommen. Auch wenn es das vorerst mit Fahrrad fahren war, so blieben weitere Aufgaben, die wir zu lösen hatten.

Werden wir nochmals zu dritt ein Comeback auf dem Fahrrad feiern? Oder sitzt der mentale Schock, das psychologische Trauma, zu tief? Wie schnell zeigt die Heilung Fortschritte? Wie werden wir nun das unverhofft große Zeitfenster füllen, bis mein Namibia-Besuch da ist? All das in den weiteren Blogs.

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