Omaruru: Erholung vom Schock

Nach einem langen, nervenaufreibenden Nachmittag auf der Polizeistation in Tsumeb war die Tageszeit bereits fortgeschritten. Die Chance auf eine Mitfahrgelegenheit bei einem Truck in Richtung des ca. 300 Kilometer entfernten Omaruru war marginal.

Außerdem fahren die meisten Trucks entlang der Hauptroute durch Namibia, der Nord-Süd-Verbindung B1, über Otijwarango nach Windhoek und dann über die interessanten Städtenamen Rehoboth, Mariental und Keetmanshop in Richtung Südafrika.

Wie passend daher, dass unser lieber Gastgeber für die nächste Zeit am Tag drauf eh in Otijwarango zugange war, sodass wir bei ihm die verbleibenden ca. 120 Kilometer bis Omaruru mitfahren konnten, wo der Weg von der Hauptverkehrsroute weggeht.

Für den heutigen Abend hieß die Aufgabe daher nur noch, irgendwie in Tsumeb einen Schlafplatz zu finden. Hierfür griffen wir wieder auf ein altbekanntes Ass im Ärmel zurück: Eine Tankstelle unweit von der Polizeistation. Hier am Stadtrand war es sogar relativ ruhig, abgesehen von zahlreichen Bettlern, die nach Essen fragten. Wenig erfreulich war jedoch, dass diese nach unserer Gabe jene Lebensmittel auf den Boden schmissen…

Egal, wir suchten ohne Umschweife den Manager der Tanke, um dort für eine Nacht unterzukommen. Es musste etwas improvisiert werden, letztlich konnten wir jedoch in einem engen Innenhof unsere Zelte aufschlagen, direkt neben der Lüftung für die Tankstellenräume, die regelmäßig in hoher Lautstärke ansprang. Komfortabel war definitiv etwas anderes. Aber man konnte es überleben, schließlich wartete ja alsbald eine längere, komfortable Pause. Aufgrund des Unfalls von Omar und der damit einhergehenden außerplanmäßigen Umstände sogar früher als geplant.

Fast wie im 5-Sterne-Hotel.

Nach kurzem Einkaufsbummel in wiedermal einem der sehr modernen Supermärkte in Namibia, sowie einem Abendessen in einem Burgerestaurant neben der Tanke, verschwanden wir alsbald nach dem doch auf seine Weise sehr anstrengenden Tag ob der Umstände, im Schlummerland.

Zumindest etwas erholt packten wir am nächsten Morgen dann bald unser Zeug zusammen und brachen wieder auf. Unser Gastgeber und meine frühere Namibia-Bekanntschaft war bereits in Otijwarango, als unsere nächste Mission starteten: Einen Truck nach Otjiwarango erwischen.

Hierfür radelten wir nur zwei Kilometer von der Tankstelle weg zu einer Kreuzung, wo die große B1-Straße auf die C42 nach Grootfontein trifft. Wenn zwei Hauptstraßen aufeinander treffen, so sollte die Chance höher sein, einen Truck oder Pick-up zu erwischen.

Und tatsächlich: Nach ganzen 10 Minuten Warten hielt ein Pick-up an und bot an, uns inklusive Räder und Gepäck nach Otijwarango zu bringen. Auf der großen Ladefläche des Pick-ups war nun auch deutlich mehr Platz als auf jenem im Grenzgebiet zwischen Angola und Namibia. Zudem durfte jetzt jeder im komfortablen Innenraum sitzen. Zumindest, bis kurz vor Otijwarango eine Polizeikontrolle kam.

Da auf der Rückbank eigentlich nur zwei Personen Platz hatten, gingen Jannick und ich schnell auf die Ladefläche – das war kurioserweise ohne Probleme gestattet. Namibia hat seine eigenen Gesetze.

Gemütlich bei 180 Stundenkilometern auf der Ladefläche.

Ansonsten waren wir erfreulich schnell unterwegs. Wie in einem Rennen wurden wir nach Otijwarango gefahren. Nach etwas mehr als einer Stunde waren wir bereits in der 180 Kilometer entfernten Stadt, wo mein Freund Jürgen bereits auf uns wartete. Wir waren früh dran und hatten so am frühen Nachmittag noch genug Zeit, uns ausgiebig auszutauschen sowie Kaffee zu trinken und an der Tanke nebenan einen Snack zu ergattern.

Hiernach wartete noch eine Herausforderung auf uns: Der Transport der Räder nach Omaruru. Diese wurden letztlich etwas abenteuerlich auf dem Dach-Gepäckträger mit mehreren Spanngurten fixiert, bevor die wilde Fahrt beginnen konnte.

Etwas abenteuerlich mal wieder.

Wir fuhren quasi mitten durch die Pampa, wie man es von Namibia kennt. Links und rechts nichts als weite Landschaft. Und dann auf einmal – eine Giraffe! Nein, sogar zwei – nein, sogar eine ganze Herde wilder Giraffen! Begeistert hielten wir an und machten einen Fotostopp. Endlich sehen wir Wildtiere! Lange hat’s gedauert auf unserer Tour durch Westafrika, ein paar Ausnahmen mal abgesehen.

Eine Augenweide.

Einige Dachgeräusche während der 120 Kilometer ließen Ungutes erahnen, doch letztlich schafften es die Räder heile nach Omaruru, wo wir von unseren Gastgebern herzlich empfangen wurden. Letztendlich waren wir froh, dass wir den Rest nicht selbst geradelt sind. Die Straßen waren eng, boten kaum einen Seitenstreifen. Die motorisierten Verkehrsteilnehmer fuhren rücksichtslos, überholten riskant. Wie wir immer gesagt haben: Wir müssen niemandem etwas beweisen. Natürlich hätten wir das auch sportlich gesehen locker wegradeln können. Aber muss man sich denn nach einem bereits geschehenen Unfall weiter unnötig in Gefahr begeben?!

Das Fahrrad wurde in die Garage gestellt, Radeln stand nun erstmal nicht auf dem Plan. Zwei Wochen sind es noch, bis mein Familienbesuch vorbeikommt. Ja, was macht man da jetzt eigentlich bei der ganzen (Aus)zeit?

Die erste Idee war naheliegend: Den aufgrund der Kolonialzeit als Militärstützpunkt von Deutsch-Südwestafrika doch sehr deutsch angehauchten Ort erkunden, der sich fast malerisch einfügt in die Landschaft mit dem Erongo-Gebirge in der Ferne. Am Rande des Ortes befindet sich der Omaruru-River, dessen Flussbett nun aufgrund der Trockenzeit natürlich keinen Tropfen Wasser mehr führte.

Ebbe im Omaruru-River.

Landschaftlich hervorzuheben ist zudem der Hausberg Omarurucoppi. Besonders im Abendlicht des Sonnenunterganges hat dieser Berg ein fast majestätisches Erscheinungsbild. Schade, dass es sich hier um private Flächen handelt und daher ein Besteigen nicht möglich ist.

Sonnenuntergang am Hausberg.

So bleibt man doch lieber unten im Talort und bewundert beim Spaziergang durch Omaruru so manchen deutschen Fußabdruck wie bspw. Marins Lädchen, die römisch-katholische Christuskirche oder auch die „Salz Brezeln“ im reichhaltigen Sortiment des Spar-Supermarktes – man fühlt sich so fast schon heimisch. Oder darfs doch lieber im Café nebenan ein „Schnitzel“ sein? 😉

Marin’s Lädchen.
Lecker Schnitzel.
Die Kirche aus dem Jahr 1907.
Heimatgefühl im Spar.

Auch Shoppen lässt es sich in dem Ort gut. Einen dringend benötigten zweiten Pullover konnte ich ohne Probleme erwerben. Die Nächte nämlich sind hier immer noch ausgesprochen frisch – und das werden sie auch noch bei der Weiterfahrt in die Wüste sein. Zur Not kann man dann bei einem Schlafsack mit 12 Grad Komforttemperatur gleich zwei Pullover übereinanderziehen…

Außerdem sind die Nächte und insbesondere die Morgende am Anwesen unserer Gastgeber zwar frisch, haben jedoch auch ihren ganz eigenen Reiz. Insbesondere, wenn eine Giraffe in der Früh mal schnell zur Wasserstelle vor der Haustür kommt, um einen Schluck zu nehmen. Oder auch einer der Springböcke, die sich hier geradezu tummeln. Fährt man einmal „um den Block“, können mit Glück sogar Kudus angetroffen werden.

Morgendlicher Besuch am Wasserloch.
Da versteckt sich ein Kudu.

Die Tierwelt ist hier das eine. Außerdem kann man hier auch große Unterschiede auf engem Raum beobachten. Während nämlich Omaruru eher modern und fortschrittlich geprägt ist, so kann man im quasi angrenzenden Nachbardorf viele Wellblechhütten und traditionelle Strukturen bewundern – und ganz nebenbei kann man sich beim einheimischen Barber für 4 Euro nochmal hübsch machen für den Endspurt😉

Ich kann den Barber nur empfehlen 😉

Um mehr in das lokale Leben einzutauchen, wurden wir hier auch von unseren Gastgebern und Freunden in ein Waisenhaus für Kinder mitgenommen. Eine Freude, ihnen hier beim Fußballspielen zuzuschauen. Dieser Sport verbindet eben auch in Namibia die Menschen.

Fußball im Waisenhaus.

Einziger Wehrmutstropfen: Das Fahrrad „hübsch“ machen für den Endspurt war hier leider nicht möglich. Es gab zwar eine Werkstatt, die hatte aber nicht das Tretlager, welches bei meinem Bike die Problemstelle ist und ausgetauscht werden muss. So muss ich es wohl doch eher in Swakopmund richten lassen…

Ansonsten war es für uns natürlich fast eine Übergangszeit, ein erstes Herantasten an ein in Bälde anstehenden, wieder normales Leben abseits von Zelt und Fahrrad. Wir genossen für eine Woche ein warmes Bett, europäische Produkte im Spar-Supermarkt sowie jede Menge Bier von unseren Gastgebern. Eine Zeit voller Komfort und Luxus – gewissermaßen ein Urlaub vom Abenteuer. Hervorzuheben war hier auch ein Grillabend bei befreundeten Nachbarn von unseren Gastgebern. Namibia wirkt auf Deutsche wohl wie eine Oase – immer mehr Auswanderer zieht es hierher, in die Tierwelt und die Ruhe eines Landes mit einer der geringsten Bevölkerungsdichten weltweit. Wer will es ihnen verdenken? Die Grundstückspreise sind günstig und man lebt hier tatsächlich noch in einer ursprünglichen und unverfälschten Gegend, wie es in Deutschland wohl kaum mehr möglich ist. Wo kann man beispielsweise Deutschland hinter dem Haus mal eben einen Hügel aus Steinen erklimmen, um einen atemberaubenden Sonnenuntergang in unendlicher Savannenlandschaft zu sehen?! Gut, Savannenlandschaft ist in den gemäßigten Breiten natürlich schwierig, das gebe ich zu…

Unendlicher Blick in die Landschaft.

Die Kirsche auf die Torte war natürlich, dass unsere Gastgeber sogar (bzw. natürlich) Fernsehempfang hatten und ich so das erste Mal seit einem 4:3 gegen Holstein Kiel im Februar in Conakry mal wieder ein Spiel des FC Bayern live verfolgen durfte. Das Supercupspiel gegen Stuttgart, natürlich standesgemäß mit einem Sieg für die richtige Mannschaft 😉

Nach einer Woche Erholung, Genuss und Komfort war es dann aber auch genug „chillen“ – wir sind schließlich immer noch zum Reisen hier. Zeit verschwenden können wir immer noch, wenn wir wieder daheim sind. Für die zweite Woche, bis mein Besuch da ist, war nun also der Umstieg auf eine Erkundung mit vier Rädern geplant – zumindest vorerst…

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