Schönes Sossousvlei, nervige Straßen

Solitaire – wir genossen den ungeplanten Ruhetag in diesem erwartungsgemäß sehr touristischen Örtchen umgeben vom Nirgendwo der Namibwüste. Die Markenzeichen sind die Campsite mit Lodge, eine Kirche, eine Tankstelle mit Shop sowie ein Restaurant und eine Bäckerei.

Am nächsten Morgen war mein erster Anlaufpunkt dann auch direkt die Bäckerei. Sie ist nämlich für ihren schmackhaften Apfelkuchen bekannt. Es soll sich laut einigen Quellen sogar um den besten Apfelkuchen in ganz Afrika handeln. Bei all diesen Superlativen senkte ich jedoch bewusst etwas meine Erwartungen, um nicht enttäuscht zu werden, als ich um halb 8 morgens als bekennender Frühaufsteher einen Cappuccino und eben einen Apfelkuchen orderte.

Hat schon geschmeckt.

Es ist hier gleich ein anderes Flair: Die Bedienung lächelte nicht bzw. fing auch nicht, wie sonst oftmals üblich, einen Smalltalk mit mir an. Es wirkte eher wie die typische Massenabfertigung, auch wenn jetzt noch vergleichsweise wenig los war. Der Apfelkuchen schmeckte dann immerhin sehr gut. Ob es der beste in ganz Afrika ist? Na ja, das wage ich doch zu bezweifeln.

Später konnte ich das Verhalten der Bedienung besser verstehen: Dutzende Mietwagentouristen tummelten sich an der Bäckerei, um schnell einen der gepriesenen Apfelkuchen zu essen. Wer will es ihnen verdenken? Solitaire ist gewissermaßen ein Hauptknotenpunkt für Touristen, die von der Küste oder Windhoek in Richtung der Attraktion des Sossousvleis mit seinen Dünen fahren wollen, und umgekehrt. Inmitten des großen Nichts bietet sich dieser Ort einfach an für eine Einkehr. Das macht den großen Andrang nachvollziehbar.

Ich schaute mich derweil noch auf einem vielleicht fünfminütigem Spaziergang in dem arg kleinen Ort um, sog das rustikale Flair mit dem von Oldtimern geschmückten Parkplatz auf und holte mir später hinter der Massentourismus-Bäckerei eine nicht minder grandiose Pizza in dem vergleichsweise menschenleeren Restaurant. Damit war mein Kalorienspeicher auch wieder ordentlich aufgefüllt.

Oldtimer in Solitaire.

Den Rest des Tages verbrachte ich dann eher mit Entspannung am Pool des Campingplatzes sowie der Handwäsche meiner verschwitzten Kleidung. Die nächsten Tage geht es ja wieder ins große Nichts.

Wir waren nicht alleine am Campingplatz.
Am Pool in der blauen Stunde.

Schnell war der Erholungstag in dem beschaulichen Touristenörtchen vorbei und wir machten uns wieder auf den Weg. Das nächste Ziel war der Ort Sesriem, ca. 80 Kilometer entfernt. Hier sollte wieder ein Pausentag eingelegt werden, um die Dünen des Sossousvlei zu besuchen. Doch erstmal muss sich dieses Ziel hart erarbeitet werden.

Da ich im absoluten Frühaufsteherrythmus war und Jannick lieber gemächlich losfahren wollte, beschlossen wir, getrennt loszufahren. Ich war nach wiederum sehr ruhiger Nacht früh auf den Beinen. Als Stärkung vor der Abfahrt gab’s nochmal Apfelkuchen. Diesmal ging ich auf Nummer sicher und deckte mich aufgrund der Hitze mit einer Hand voll Softdrinks ein. Snacks hatte ich dank der nette Autofahrer zwei Tage zuvor noch mehr als genug. Der 5-Liter-Kanister sowie alle anderen Wasserflaschen wurden nochmals aufgefüllt und schließlich war man um kurz nach 8 Uhr auf der Piste.

Sonnenaufgang: Ein wiedermal heißer Sonnentag bricht dich Bahn.

Schnell war man wieder aus dem Ort raus und zurück im großen Nichts, umgeben von wunderschöner, weiter Wüstenlandschaft. Die ersten zehn Kilometer liefen wie am Schnürchen über hervorragenden Gravel und leicht bergab.

73 Kilometer bis zum Ziel!

Bald kam jedoch eine lange Bergaufpassage, wo der Gravel auch bald bedeutend schlechter war. So orientierte sich die Geschwindigkeit wieder mehr an den 10 Stundenkilometern. An einem schattigen Plätzchen wurde ob der stärker werdenden Sonne erstmal eine Colapause eingelegt.

Weiter ging’s über phasenweise passable Schotterpiste. Unangenehm sandige Passagen blieben vorerst die Ausnahme. Unangenehm waren zudem die vorbeifahrenden Autos, die einen unverwechselbaren Gruß in Form von einer Staubwolke hinterließen – Augen zu und durch!

Ein netter Gruß.

Man kam aber immernoch einigermaßen gut voran und die beeindruckende landschaftliche Kulisse der Naukluft-Berge sowie roter Dünen ließ einen die Strapazen ertragen.

Immerhin gab’s viele schattige Pausenplätze.

30 Kilometer vor dem Ziel begann dann jedoch der finale Fight. In einer langen, leichten Bergaufpassage wurde der Schotter gröber, tiefer und auch wieder waschbrettartiger. Man kämpfte sich fluchend und schweißtriefend voran, die Geschwindigkeit betrug nur noch 10 bis 14 Stundenkilometer, je nach dem Zustand der einen Linie, die man fahren konnte, ohne zu schieben. Ich kam dann auch letztendlich bis zum Ende ohne selbiges aus, nervig waren diese Streckenabschnitte aber allemal.

Höhepunkt waren schließlich die letzten 10 Kilometer Gravelpiste, bevor man rechts nach Sesriem abbiegt und ab hier die letzten 12 Kilometer wieder über Asphalt verlaufen. Mit äußerster Mühe auf einer kleinen, festgefahrenen und waschbrettartigen Spur bei nicht einmal 10 Stundenkilometern brachte man diesen Abschnitt hinter sich. Das Fahren auf diesen Pisten hier, es kann manchmal wahrhaft frustrierend sein und verlangt deiner mentalen Stärke alles ab: Nicht aufgeben und einfach weitermachen!

Schließlich brachte man es dann auch hinter sich. Für die letzten 10 Kilometer war dann auch der auffrischende Gegenwind auf Asphalt aushaltbar. Zumal ich mit dem Guide einer Fahrradreisegruppe ins Gespräch kam, der hier gerade eine Runde drehte. Er erzählte mir von dem Projekt seiner Reise von Kapstadt bis zum Kilimandscharo in Tansania. Mit Sicherheit auch eine coole Route!

Eine kleine Erlösung – vorerst.

Ich fuhr mit ihm bis zu einem Campingplatz mit Restaurant und Shop in Sesriem, wo er und seine Reisegruppe stationiert sind. Gerne hätte ich auch den weiteren Tag noch dort mit ihm verbracht. Der Preis von mehr als 30 Euro, nur um sein Zelt aufzustellen, ließ mich dann aber doch schnell das Weite suchen.

Stattdessen fragte ich bei einem Campingplatz mit Tankstelle ca. 300 Meter entfernt an. Der Manager gab mir die Auskunft, dass dieser wohl ausgebucht sei. Für 100 Dollar (5 Euro) dürfte ich jedoch mein Zelt einfach unter einem Baum am Zufahrtsweg zum Campfläche aufstellen. Da ich nichts weiter brauchte, war ich damit einverstanden.

Zugleich suchte ich die Tankstelle auf, um eine ordentliche Mahlzeit zu mir zu nehmen. Hier traf ich wieder auf unglaublich nette Menschen. In diesem Fall ein Mitglied der Fahrradreisegruppe von dem Guide, den ich am Vortag kennenlernte. Ich kam mit dem Amerikaner ins Gespräch und er zahlte mir sofort Softdrinks sowie Snacks: „You need this energy, man! It’s a pleasure to help you! Keep going! You are strong!“

Positiver Stimmung ob solcher netten Erfahrungen ging ich nun noch die letzte Herausforderung des Tages an. Die Dünen von Sossousvlei lagen nämlich gute 70 Kilometer entfernt. Der Park ist von 7 bis 19 Uhr offen und man muss am gleichen Tag wieder rausfahren. Das mit dem Fahrrad fahren? Mehr als ambitioniert. Die Aufgabe war also nun, eine Gelegenheit zum Hitchhiken zu finden.

Zweimal fragte ich vergeblich an, ehe mich deutsche Touristen auf ein gerade angekommenes französisches Paar verwiesen. Ich sprach die beiden an und erklärte ihnen die Problematik. Es war kein Problem: Jannick und ich durften mitkommen am nächsten Tag in ihrem Mietwagen. Der Treffpunkt am nächsten Morgen war ausgemacht und damit stand einem unvergesslichen Ausflug kaum mehr etwas im Wege.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich am landschaftlich eindrucksvollen Pool des Campingplatzes und wartete auf Jannick: Wann kommt er an? Wann ist er losgefahren? Erreichen konnte ich ihn schwer. Internet ist hier in der Wüste zwischen den Ortschaften immer eine Glückssache.

Ein traumhafter Tagesausklang.

Erst nach Sonnenuntergang um 19:30 Uhr war Jannick sichtlich gezeichnet schließlich am Ziel. Er kam mitten in einem großen Sandsturm an, der zum Sonnenuntergang loslegte. Mein Zelt war zwar mit Heringen im Sandboden befestigt, eine Böe hätte es aber dennoch um ein Haar wegfliegen lassen. Gut, dass mein Zeug schon im Zelt war als Beschwerung…für Jannick war der Zeltaufbau bei den Bedingungen natürlich auch nochmal eine Mammutaufgabe.

Immerhin durfte er auch ohne Schwierigkeiten unter dem Baum neben mir zelten. Laut dem Manager war es auch kein Problem, unsere Sachen inklusive Zelt während des Ausfluges an Ort und Stelle zu lassen. Mit Security sei hier alles sicher. Der Ort sei eh nur von Touristen besiedelt. Das Argument überzeugte und wir vertrauten.

Am nächsten Morgen trafen wir uns schließlich um halb 7 in der Früh und reihten uns in die Schlange von Touristenautos vor dem Gate des Parks ein. Alle bereit, um Punkt 7 Uhr die Dünen zu stürmen. Wir waren etwas weiter hinten und so dauerte es noch etwas, bis wir kontrolliert und registriert waren und loslegen konnten.

Erstes Ziel war die ca. 170 Meter hohe Düne 45. Der Name kommt daher, dass sie etwa 45 Kilometer vom Eingangstor entfernt liegt. Hier wollten wir die Morgenstimmung genießen. Uns war bewusst, dass wir dort nicht allein sein würden. Bei Anblick der Düne glich diese auch mehr einer Massenwanderung.

Düne 45: Intensive Farben, viele Menschen.
Kurz allein am Dünenkamm.

Egal, wir folgten der Masse und machten uns auch auf den Weg auf die Düne. Durch die vielen Menschen war der Pfad durch den Sand wenigstens gut gespurt, sodass der Aufstieg nicht zu anstrengend war. Zudem erwischten wir sogar ein gutes Zeitfenster, weil die „erste Welle“ bereits auf dem Weg weiter in Richtung des berühmten Deadvleis war. Wir hatten die Düne im Morgenlicht sogar fast für uns alleine oben.

Ein kurzer, einsamer Moment.
Mit Jannick.

Mach einigen Fotos und dem Aufsaugen der farbenprächtigen Stimmung machten wir uns auf den Rückweg. Dieser ging deutlich leichter: Indem man die steile Seitenflanke der Düne einfach runterrennt, war man in fünf Minuten zurück am Auto.

Weiter ging es in Richtung Deadvlei 25 Kilometer weiter. Die letzten fünf Kilometer war ein 4×4-Antrieb dringend notwendig im tiefen Sand. Zum Glück schafften wir es zum Parkplatz, ohne stecken zu bleiben.

Ein Blick auf die berühmte „Big Daddy“-Düne mit ihren 370 Metern Höhe zeigte eine wahre Völkerwanderung, die sich den Dünenkamm entlang hochschlängelte – das kann ja heiter werden!

Unser französisches Paar machte so erst einmal Frühstückspause, während Jannick und ich die Düne in Angriff nahmen. Auf dem Kamm reiht man sich in eine Schlange von Menschen ein und überholt immer mal wieder bei Gelegenheit. Insgesamt zieht sich der Aufstieg doch fast eine Stunde, es ist mühsam durch den Sand.

Rückblick: So kämpft man sich da hoch.

Oben angekommen eröffnet sich jedoch auf dem 370 Meter hohen „Big Daddy“ eine traumhafte 360-Grad Aussicht über eine endlose Dünenlandschaft – diese Eindrücke, sie wirken fast surreal. Wieder einer dieser magischen Momente dieser Reise, landschaftlich definitiv unter den Top 10! Auch die vielen Touristen machen einem dieses Erlebnis kaum kaputt. Im Gegenteil: Mit so mancher Familie wie bspw. einer belgischen kommt man nett ins Gespräch und kann diese schönen Erlebnisse gemeinsam teilen. Zudem sind andere Touristen natürlich auch eine gute Wahl, um Fotos von sich machen zu lassen 😉

Endlose Dünenlandschaft.
Jannick und ich „On Top of the World“.
Blick ins über 350 Höhenmeter tiefer gelegenene Deadvlei.

Nach einer Dreiviertelstunde des Absorbierens der Eindrücke auf dem Dünengipfel gab es den großen Downhill: Durch das Runterrennen in der steilen Flanke der Düne war man in fünf bis 10 Minuten wieder fast 400 Höhenmeter weiter unten im Deadvlei angekommen, einer ausgetrockneten Lehmpfanne mit berühmten, abgestorbenen Bäumen, die schon bei so manchem Film als Drehkulisse gedient haben. Bei dem großen Höhenunterschied in kurzer Zeit meldeten sich auch die Ohren: Man musste ein paar Mal schlucken!

Durch das Deadvlei und die einzigartige Kulisse der abgestorbenen Bäume spazierten Jannick und ich wieder zum Parkplatz zurück.

Rückblick vom Deadvlei auf den „Big Daddy“.
Eine einzigartige Kulisse.

Wir haben uns natürlich auch etwas dumm angestellt, indem wir kein Wasser mit auf die Wanderung genommen haben. Halb verdurstet kamen wir wieder an am Parkplatz. Das Wasser war im abgeschlossenen Auto des französischen Paares, auf das wir anschließend noch eine Stunde warteten. Da musste man doch bei den Rangers am Parkplatz für überteuerte Preise Wasser und Softdrinks holen, um sich irgendwie zu hydrieren…

Zur Mittagszeit fuhren wir wieder zurück nach Sesriem. Jedoch nicht ganz ohne Zwischenfall: Auf den fünf Kilometern retour durch den tiefen Sand blieben wir tatsächlich stecken. Ranger mussten ausrücken, um mit ihren fahrtechnischen Fähigkeiten das Auto wieder in Bewegung zu bringen. Der vielleicht fünfminütige Einsatz kostete fast 50 Euro – ein teurer Spaß! Den Rest der Strecke fuhr unser Fahrer hochkonzentriert und wir hatten bange Minuten – jeder neue Fahrfehler könnte ein finanzielles Desaster bedeuten!

Letztlich schafften wir es wieder auf den Asphalt und waren am frühen Nachmittag wieder in Sesriem am Campingplatz. Zeit für eine Mahlzeit an der Tankstelle und etwas Siesta am Pool, ehe wir am späten Nachmittag nochmal losfahren.

Die Franzosen boten uns an, auch noch zum Sesriem-Canyon mitzukommen. Dieser lag nur fünf Kilometer entfernt und war damit ein vergleichsweise kurzes Ausflugsziel. Über einen Wanderpfad kam man einfach in die Schlucht des Canyons, der vom Tsauchab-River geformt wurde (dieser Fluss formte übrigens auch das Deadvlei).

Abendlicht am Sesriem-Canyon.

Wir genossen, natürlich auch mit einigen anderen Touristen, die Sonnenuntergangsstimmung im Canyon bei wiederum beeindruckenden Felsstrukturen. Bei einem Spaziergang wird zudem ersichtlich, dass der Canyon auf der einen Seite nur wenige Meter breit ist, im weiteren Verlauf aber ein breiteres Flussbett aufweist.

Im eher engen Bereich des Canyons.

In der Regenzeit des mitteleuropäischen Winter kann der Fluss durchaus Wasser führen, dann sollen Einheimische und Touristen hier sogar baden gehen. Zu unserem Besuch war bis auf eine kleine Pfütze alles staubtrocken.

Nach dem Spaziergang beendeten wir diesen fahrradfreien Tag, der aber trotz allem sehr sportlich geprägt war. Wir bedankten uns bei dem netten französischen Paar für den gemeinsamen Tag und blieben natürlich in Kontakt. Funfact: Die beiden sind selbst seit fast zwei Jahren auf einer Weltreise. Namibia ist ihre letzte Station, bevor es heimgeht. Uns geht es ähnlich, nach Namibia folgt nur noch ein Land 😉

Und diesem sollten wir uns am nächsten Tag weiter nähern, wenn es über die Straße C17 weiter geht in Richtung der nächsten Ortschaft Betta, ca. 140 Kilometer entfernt. Dazwischen: Nichts! Wobei, nicht ganz: Es gibt ein Hotel, wo Ballonfahrten über das Sossousvlei starten – und es gibt eine inoffizielle Unterkunft für Radfahrer, bereitgestellt von den Rangern des Nationalparks NamibRand Nature Reserve.

Der Hintergrund: In dem Reservat darf man nicht campen, sodass den Radfahrern kostenfrei gegen freiwillige Spende Bett, warme Dusche und Küche zur Verfügung gestellt werden. Das klingt doch nach einem Plan, diesen Ort anzupeilen! 64 Kilometer weg! Sollte doch machbar sein…

Was wir aber auch wussten: Auf diesen Straßen müssen sich wahrscheinlich auch diese 64 Kilometer auf harte Art und Weise erarbeitet werden. Zudem legen Erfahrungsberichte nah, dass uns nun wohl der schlimmste Teil erst bevorsteht: Die C17 soll in einem katastrophalen Zustand sein, unpräpariert und voller Sand und Waschbrett. Na ja, mal schauen…

Ganz nach meinem Rhythmus war ich wieder um halb 7 beim Sonnenaufgang wach, packte noch entspannt mein Zeug und war nach dem Wiederauffüllen von Snacks und Drinks an der Tanke alsbald abfahrbeit.

Jannicks Tagesstart war typischerweise wieder etwas schleppender. Zudem bekam sein Reifen wohl wieder über Nacht einen Platten. Sein mittlerweile 28. Platter (auf seiner Solotour während der vierwöchigen Pause durch die Gegend um Spitzkoppe und Brandberg hatte er nochmals deren drei).

Ich gab ihm noch meine Luftpumpe, um den Reparaturvorgang zu unterstützen. Schließlich wollte er jedoch noch frühstücken und einkaufen, weshalb wir uns wieder darauf einigten, dass ich schonmal losfahre.

Die ersten 20 bis 25 Kilometer nach Sesriem ging die Strecke auch ganz gut, die Gravelpiste war ok und man kam voran. Dann jedoch drehte die Streckenführung auf östliche Richtungen. Aufgrund des Passatwindes ist die vorherrschende Windrichtung hier Südost bis Ost. Das bedeutete mal wieder heftigen Gegenwind, der einen ordentlich ausbremste, ehe man nach etwas über 30 Kilometern einen Rechtsabzweig zum bereits aus einem vorherigen Blog bekannten Duwisib Castle erreichte.

Ein repräsentatives Landschaftsbild hier: Froh um jeden schattigen Baum!
Am Abzweig Richtung Duwisib Castle: Nur knapp 130 Kilometer entfernt…

Aber hier war dann der Wind nicht mehr das Problem, sondern viel mehr die zunehmend immer schlechter werdende Straße. Eine halbwegs fahrbare Linie durch Schutt, Sand und Waschbrett war kaum noch vorhanden. Es begann nach einer halben Stunde Mittagspause unter einem schattigen Baum mal wieder ein klassischer Abnutzungskampf bei 10 bis 15 Stundenkilometern.

Waschbrett ohne Ende!

Selbst die wiederum beeindruckende landschaftliche Kulisse mit roten Dünen und spektakulären Felsgestalten täuschte nicht darüber hinweg, dass man sich ab einem gewissen Punkt nur noch mit Durchhalteparolen motivieren konnte: Auf geht’s Junge! Nur noch 20 Kilometer! Zieh jetzt einfach durch! Du hast es gleich geschafft!

Die Landschaft blieb beeindruckend.

Immerhin kann man sich auf die Touristen auch hier verlassen, auch wenn nun südlich vom Touristenmagneten Sossousvlei deutlich weniger Autos an einem vorbeifahren. Diesmal hielt ein niederländisches Pärchen an und fragte mich erstaunt: „Why are you doing these horrible roads? That can not be fun anymore?!“ „Yea, it’s no fun at all! It’s a fight! But it’s part of the game!“

Die Urlauber schmunzelten und gaben mir Wasser, Energieriegel sowie einen halben Liter Glucosekonzentrat mit, falls die Kräfte akut schwinden sollten.

So konnte ich mich dann auch innerhalb von knappen zwei Stunden irgendwie die letzten 20 Kilometer durchkämpfen, auch wenn es absolut kein Zuckerschlecken war.

Geduld und Durchhaltewille wurden auf eine ordentliche Probe gestellt. Und das wird wohl nicht das letzte Mal so sein auf diesen Straßen…man versucht sich während dieser Tortur immer wieder, in einen fast meditativen Zustand zu versetzen. Gehirn ausschalten und einfach Kurbeln und die Landschaft genießen! Es ist letztendlich vor allem pures Mentaltraining. Ohne die Akzeptanz dafür, dass man nun einfach langsam unterwegs und es schwer ist, geht es nicht.

Beginn des NamibRand Nature Reserves.
Ein Symbolfoto für diesen Kampf.
Rückblick: Ich war nicht besoffen! 😉

Umso mehr froh war ich, als ich dann am frühen Nachmittag die kleine Farm im absoluten Nirgendwo des NamibRand Nature Reserves erreicht habe. Schnell traf ich den Chef, André, an. Er wies mir unkompliziert ein Zimmer in einem kleinen Bungalow mit Terrasse, direkt an einer weitläufigen Fläche, wo sich eine riesige Anzahl an Zebras tummelte – wahrhaft traumhafte Eindrücke hier irgendwo in der weiten Landschaft Namibias!

Blick von der Terasse: Dutzende Zebras springen dahinter umher!

Wann kommt Jannick? Internetempfang ist hier mal wieder gleich null, immerhin gab es hier sogar den Luxus von WLAN, sodass ich mich immerhin bei besorgten Angehörigen melden konnte, dass alles im grünen Bereich ist.

Bei üblichen Beschäftigungen wie Handwäsche der verschwitzten Kleidung und einer Dusche nutzte ich meine Zeit. Sogar einen Kühlschrank gab es, um das lauwarme Wasser wieder runterzukühlen. Zudem konnte man auffüllen. Das Leitungswasser ist hier bisher überall in Namibia bedenkenlos trinkbar. Und das alles umsonst bzw. gegen eine freiwillige Spende, die ich natürlich entrichtete – Wahnsinn!

In einem anderen Bungalow auf der kleinen Farm war sogar noch ein anderer Radfahrer anzutreffen: Millot aus Algerien. Er radelte zwei Jahre durch die Gegend, hat zwischendurch auch mobil gearbeitet. Sein Endziel ist ebenfalls Kapstadt – na was ein Zufall! Besonderes Markenzeichen: Sein treuer Begleiter ist ein Kanarienvogel auf seiner Schulter, mit dem er seit Beginn der Reise unterwegs ist. Wie er mir erklärte, so sind die rumpeligen Pisten Namibias vor allem mit einem solch scheuen Begleiter eine besondere Herausforderung.

Wo bleibt Jannick? Schon in den frühen Abendstunden war noch immer keine Spur von ihm. Schafft er es heute noch hier her? Millot und ich genossen die landschaftliche Stimmung inklusive Tierwelt dieses magischen Ortes im Sonnenuntergang und warteten.

Der Übernachtungsort im letzten Abendlicht.
Herrliche Abendstimmung.

Dann – im bereits letzten Sonnenlicht – war in der weiten, offenen Landschaft per Adlerauge am Horizont die Silhouette eines Radfahrers auszumachen, der sich näherte.

Und tatsächlich, ca. 20 Minuten später stand Jannick im letzten Tageslicht vor uns – sichtlich gezeichnet und am Ende. Er vertraute mir an, dass es für ihn aktuell sehr hart sei und er den Monat Pause durchaus merkt. Er bräuchte eigentlich Erholung und muss langsam machen, bzw. ist für diese Distanzen auf solchen Straßen aktuell körperlich noch nicht wieder auf der Höhe.

Der Abend bestand so aus einer kleinen Debatte über diese Thematik. Gewiss – die Unterschiede waren aktuell sehr groß. Da ist die Fitness natürlich der unwichtigste Punkt, so etwas lässt sich regeln. Viel entscheidender waren die großen Differenzen in anderen Punkten, vor allem hinsichtlich der Losfahrzeit. Unsere Vorstellungen waren in Bezug hierauf aktuell einfach zu weit auseinander.

Meine Priorität war es nun, insbesondere bei diesen schwierigen, herausfordernden Straßen, früh zu starten und einfach Zeit zu haben und seinen Rhythmus fahren zu können. Dazu kamen zwei Aspekte: Hitze und Gegenwind. Die Morgenstunden waren nämlich perfekt dafür geeignet, den zu heißen Temperaturen und dem ab der Mittagszeit deutlich auffrischenden Wind davonzufahren. Da war mir ein Start um 9:30 Uhr oder gar 10 Uhr schlicht zu spät.

Aus all diesen Gründen entschieden wir daher, dass wir erstmal getrennt weiterfahren und jeder seinen Rhythmus fährt. Unterstützend hierbei war auch, dass mit Millot nun ein dritter Radfahrer angetroffen wurde, der zur etwas „gemütlicheren“ Fraktion gehört, was Losfahrzeit und Tageskilometer anbelangt.

Hinzu kam, dass ich nach all den vollgepackten Sightseeing-Aktivitäten so langsam mit Namibia abgeschlossen habe und lieber noch mehr Zeit in unserem letzten Land, Südafrika, verbringen wollte. Insbesondere diesen schweren Gravel-Abschnitt durch weite Landschaft ohne jede Infrastruktur in Namibia wollte ich schnell zu Ende bringen, um dann in Südafrika umso mehr die Zeit genießen zu können.

So kapselte ich mich schließlich ab dem nächsten Tag ab, bevor aufgrund der unterschiedlichen Vorstellungen das Konfliktpotenzial einfach zu groß geworden wäre. Südafrika werde ich dann eher wie einen Urlaub am Ende angehen ohne Zeitstress, sodass die anderen beiden (auch der unheimlich sympathische Millot) spätestens im Verlauf von Südafrika wieder aufschließen können und wir gemeinsam ins Ziel kommen. Spätestens natürlich auch aus Gründen der Sicherheit ab dem Einzugsbereich vom doch für Kriminalität bekannten Kapstadt – so der Plan.

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