Nachdem wir, wie im letzten Beitrag erläutert, beschlossen haben, vorerst getrennt weiterzumachen, machte ich mich in aller Ruhe am nächsten Morgen fertig. Voraus ging eine erholsame Nacht im Bett des kleinen Bungalows in der Farm. Die Ruhe hier im absoluten Nirgendwo der Namib-Wüste, sie war unvergleichlich. Bei einer solchen Atmosphäre sind Stress und Hektik jeglichen Alltags so weit weg wie die Milchstraße, die man am Abend ohne jegliches Störlicht wiedermal in atemberaubender Art und Weise begutachten konnte.
Nun herrschte jedoch Tageslicht und damit ging der Kampf gegen Schotter, Sand und Waschbrett auf ein neues los. Zuerst einmal nach meiner Abfahrt und dem vorläufigen Abschied von Jannick mit einem langen, leichten Anstieg.
In einem kurzen Gespräch mit Host André vor der Losfahrt erklärte dieser mir, warum die Straßen hier so schlecht sind. Wasser ist in dem Wüstenklima in dieser Gegend einfach ein rares Gut und dementsprechend teuer. Und eben dieses Wasser ist notwendig, um diese Gravelpisten zu präparieren. Die entsprechenden Ressourcen (Fahrzeuge sowie eben Wasser) müssen aus Windhoek als großes Wirtschaftszentrum bereitgestellt werden.
Da die Gegend so abgelegen ist und der Anfahrtsweg lang ist, sind daher die Transport- und Arbeitskosten enorm. Vereinfacht gesagt: Wirtschaftlich lohnt sich eine regelmäßige „Begradigung“ der Straße schlicht nicht. Das geschieht nur unregelmäßig in langen Zeitabständen. Man kann als Radfahrer natürlich verdammtes Glück haben und die Straße wurde erst neulich frisch gemacht.
Dieser Fall ist aber äußerst unwahrscheinlich. Im Normalfall findet man katastrophale, von den Touristen zerfahrene Straßen vor. Hinzu kommt der regelmäßig starke Wüstenwind, der den Sand verfrachtet. Das Gesamtpaket dieser Faktoren sorgt daher für so einiges Fluchen seitens Radreisender, die in dieser Gegend unterwegs sind.
Die Strecke durch die Wüste zeichnet sich zudem vor allem durch die bereits angesprochenen langen, geraden Straßen aus, die wie an der Schnur gezogen erscheinen, sowie die extrem offene Landschaft. Hierdurch können Distanzen schnell unterschätzt werden.
Auch zu Beginn der Tour hatte man einen Berg in der Ferne stets greifbar nahe im Blick. Letztlich mussten bis zu dem Erreichen dieses Berges jedoch 12 Kilometer zurückgelegt werden. Zudem ging es auf stets sanfter Steigung von 950 Höhenmetern bis auf fast 1.200 Meter hoch. Bei der Qualität der Straße dauerte das eine gute Stunde. Hinterher schaut man zurück, sieht wiederum fast greifbar noch seinen Ausgangspunkt für die Tour und denkt sich: Das waren jetzt ernsthaft 12 Kilometer und über 200 Höhenmeter?!

Auf „Passhöhe“ angekommen ging es immer mal wieder im leichten Auf und Ab bei gleichbleibender Qualität der Schotterpiste durch eine wahre Mondlandschaft aus Gestein sowie leuchtenden Sanddünen in der Ferne. Zwischenzeitlich war die Straße auch immer mal wieder für ein paar hundert Meter besser, sodass die Geschwindigkeit sich dann auch mal an 15 Stundenkilometern und ein paar Zerquetschten orientierte.




Nach dem hügeligen Part wurde es wieder flacher. Ja, es ging sogar leicht bergab tendenziell. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch! Die Straßenqualität sank dafür nochmals. Vorher war nämlich alles noch insofern vertretbar, da die sandigen Abschnitte auf dem Rückzug waren und man sich eher durch lösen Schotter vorankämpfte, der letztendlich doch deutlich angenehmer zu fahren ist.
In diesem Verlauf der Strecke kam der Sand zurück. Einige Abschnitte mit tiefem, losem Sand gestalteten sich mühsam, ohne dass vorerst Schieben vonnöten gewesen wäre. Die ein oder andere Farm allein auf weiter Flur hätte so manche Möglichkeit zur Pause bereit gehalten, ich war jedoch mit sieben Litern Wasser und Snacks erstmal gut versorgt.
Eine Konstante auf dieser herausfordernden Fahrt über Schutt und Sand sind zudem die lieben Mietwagentouristen, vornehmlich sogar Deutsche. Ein Paar aus Biberach beispielsweise hielt für mich an und wir hatten einen netten Smalltalk. Schließlich erkannten sie mich anhand meines Fahrrades sogar wieder: „Warte mal – bist du nicht der Radreisende aus der Instastory von der Jil Füngling?!“
Oh ja – der bin ich in der Tat! Echt krass – bin ich jetzt wirklich aufgrund dieses zufälligen Treffens einen Ticken berühmter geworden?! Na ja, mir war es in dem Moment jedoch egal. Mein Fokus galt einzig und allein dem Ziel, dieser unwirtlichen Route zu trotzen. Das Paar gab mir noch Riegel und eine Powerrate als Stärkung mit.
Bald erreichte ich einen Abzweig: Noch 41 Kilometer bis Betta von hier aus. Bedeutet: Noch 41 Kilometer bis zur nächsten Ortschaft mit Tankstelle, Restaurant und WLAN. Bei den Straßenverhältnissen werde ich das heute definitiv nicht mehr schaffen. Dennoch strampelte ich einfach mal fleißig weiter.

Bald hielt eine neue, deutsche Reisegruppe für mich an: Olli aus Norddeutschland, mit dem ich wiederum super nett ins Gespräch kam. Er war aktuell auf dem Weg in die entgegen gesetzte Richtung: Nach Norden in den Ethosa-Nationalpark. Mir wurde Wassernachschub gegeben und außerdem machten wir noch ein paar gemeinsame Fotos. Wenn es Lichtblicke auf diesen wahrhaft quälenden Strecken gab, dann definitiv die hilfsbereiten und großzügigen Touristen, denen man auf der Straße begegnete. Man zwar zwar alleine unterwegs im absoluten Nirgendwo, ganz alleine war man jedoch nie so wirklich, selbst wenn man tatsächlich aufgrund einer schwerwiegenden Panne „gestrandet“ wäre.

Besser wurde die Qualität der Straße hierdurch freilich auch nicht. Im Gegenteil. Es kamen nun vermehrt lose Sandpassagen, wo man auch am äußersten Straßenrand kaum mehr eine fahrbare Linie hindurch fand. Hieß: Wer sein Rad liebt – der schiebt.
Ein halbes Dutzend mal war das bestimmt für jeweils 50 Meter der Fall in einigen Sandbänken. Immerhin ging es weiter eher bergab. Nach 50 Kilometern erreichte ich am frühen Nachmittag linkerhand der Straße die Toulu Lodge. 27 Kilometer trennten mich nun noch vom Ort Betta. Kurz überlegte ich, mich noch bis dahin weiter durchzukämpfen. Es war erst später Mittag und der Tag eigentlich noch lang…
Bei der Straßenqualität würde das aber mit Sicherheit nochmal zusätzlich drei Stunden kosten. Und nach 50 Kilometern war meine mentale Energie für diese Straßen schon sehr, sehr niedrig. Nein, aufhören und erholen, so sagte ich mir. Diesen Abschnitt gehst du morgen mit frischer Energie an!
Ich beendete den Radfahrtag und lernte den super netten Manager Benni kennen. Unkompliziert wies er mir ein Chalet mit allem, was das Herz begehrt: Bett und warme Dusche! WLAN gab’s freilich nicht und hier mitten im absoluten Nirgendwo war Internetempfang sowieso obsolet.

So machte ich nach Handwäsche meiner verschwitzten Kleidung sowie erfrischender Dusche (hierfür muss konsequent jede Möglichkeit genutzt werden!) erst einmal eine lange Siesta und verschlief erst einmal den halben Nachmittag ob der Strapazen. Selten wohl war ich von 50 Kilometern so geschlaucht. Gar nicht mal körperlich, sondern eher mental ob der herausfordernden Bedingungen.
Man muss dazu sagen, dass sich Petrus wenigstens erbarmte und der Himmel den ganzen Tag über bewölkt blieb. Mit „Knallesonne“ wie normalerweise hier jeden Tag wäre es nochmals lustiger geworden…
Später kroch ich wieder hervor aus meiner Erholungsoase und kam ins Gespräch mit Benni, der mir Mut zusprach: „It’s 27 kilometers to Betta and afterwards it’s 23 kilometers more to the village Spes Bona. Here is the turn to the road D707. Afterwards it’s much better. Maybe you have to fight through for one more day. But you will get rewarded for it!“ Das hört sich doch schonmal gut an! Es ist also Licht am Ende vom Tunnel auszumachen…
Benni bot mir an, ein Abendessen zu kochen, was ich gerne annahm. Beim Dinner in Form von äußerst leckerem Oryx-Steak mit Salat kam ich mit zwei spanischen Radreisenden in Kontakt, die ebenfalls in der preiswerten Lodge mit Rabatt für Radreisende einkehrten. Sie sind in die andere Richtung unterwegs, fahren von Kapstadt kommend zu den Victoriafällen zwischen Sambia und Simbabwe.
Da sie im Gegensatz zu mir nur wenige Wochen Zeit haben, beträgt ihre tägliche Distanz eher 100 Kilometer und mehr. Sie haben sogar als klassische Arbeitnehmer einmal ihren vollen sechswöchigen Urlaubsanspruch auf einmal genommen, um vom Nordkap bis nach Budapest zu radeln. Das sind inklusive etwaiger Ruhetage bei um die 4.000 Kilometern ca. 100 Kilometer brutto pro Tag – eine beeindruckende Leistung. Ich zog meinen nicht vorhandenen Hut!
Wir unterhielten uns über die Bedingungen auf der weiteren Strecke Richtung Betta. Im Gegensatz zu Benni machten die beiden mir wenig Hoffnung: „Don’t expect to much! The street will stay corrugated and challenging. Only some stretches are a little bit better, but not for long distance.“
Das klingt ja lustig. Ich hoffte auf Bennis Auskunft…immerhin, so das Radfahrerduo, dürfte ich mich auf eine tolle Einkehr am Restaurant der Tankstelle in Betta freuen. Gleichzeitig dämpften sie auch meine Erwartungen: „Calculate with at least three hours for these 27 kilometers…“
Nach dem Dinner legten wir uns dann alsbald schlafen, da die beiden ebenfalls stets früh starten. Mental bereitete ich mich nach dem Informationsaustausch schonmal auf einen erneuten Kampf gegen die Straßenbedingungen vor.
Als genau das stellte es sich dann auch heraus. Ich möchte sogar sagen: Es war, ohne zu übertreiben, der schlimmste aller schlimmen Abschnitte dieser Gravelroute.
Die ersten Kilometer waren, vielleicht auch wegen frischer Power und voller mentaler Stärke nach einer erholsamen Nacht, noch in Ordnung. Dann meldete sich der Sand zurück. In manchen ganz leichten Muldenlagen dieser Straße sammelte er sich. Hier war natürlich etliche Male schieben angesagt. Auch sonst war der lose Sand schier omnipräsent. Nach 15 Stundenkilometern auf den ersten paar, passablen Kilometern waren mehr als 10 Stundenkilometer die absolute Ausnahme. Man fluchte, man schwitzte, man kämpfte – jeder Kilometer musste hart erarbeitet werden.
Am oftmals äußersten, linken Straßenrand war der Sand noch am wenigsten tief. Dennoch war der Widerstand natürlich spürbar. Loser Sand war gegenüber dem klassischen Waschbrett dominierend. Wenn ich die Wahl habe, so würde ich sogar das Waschbrett gegenüber losem Sand vorziehen. Hier hat man wenigstens Halt auf den Reifen…
Um ca. 8 Uhr bin ich losgefahren, um kurz nach 11 Uhr und etwas über drei Stunden wahrer Tortur und Kampf gegen den Sand war ich schließlich am Zwischenziel angekommen. Die Rechnung der beiden spanischen Radfahrer ging perfekt auf.

Abgekämpft wurde eine lange Pause eingelegt, nach zwei Coca Cola zur Erfrischung gab’s im Restaurant ein ordentliches Menü. Billig war es hier schon allein wegen der Abgelegenheit und den hohen Transportkosten mit Sicherheit nicht. In dem Moment wollte ich mich nach diesen harten 27 Kilometern einfach belohnen. Zudem war es die letzte Möglichkeit für die nächsten über 100 Kilometer, an Essen zu kommen. Direkt hinter dem kleinen Weiler ging es nämlich sofort wieder in die reine Natur ohne jede Infrastruktur.
In Betta traf man natürlich auch wieder auf äußerst nette und großzügige Menschen. Ein deutscher Auswanderer, der seit dem Jahre 1996 in Namibia lebt und als Architekt arbeitet, kam an meinen Tisch: „Are you the cyclist who belongs to the bicycle downstairs?“ Als ich bejahte, fragte er mich interessiert aus über meine Reise, die körperlichen und logistischen Herausforderungen als auch das finanzielle Budget. Am Ende drückte er mir 200 Dollar (10 Euro) in die Hand mit den Worten: „Du bist mutig und stark! Gönn dir was gutes zu essen! Du brauchst es!“
Zudem wurde natürlich ausgenutzt, dass es mal WLAN gab. Nach eineinhalb Tagen von der Außenwelt abgeschnitten ist man ja fast schon auf Entzug 😉 Ganze dreieinhalb Stunden machte ich Pause, ehe ich nach Aufstocken von Snacks und Wasser nochmals losfuhr.
Nach Betta ging es zunächst wieder bergab, nachdem der erste Tourenabschnitt einem langen, kaum merklichen Anstieg entsprach bis auf fast 1.200 Meter. Die Straße war nun auch erstmal wieder deutlich besser. Die Geschwindigkeit orientierte sich an 15 Stundenkilometern und mehr.
Dieser Schein trügte jedoch mal wieder. Sobald es wieder bergauf ging nach guten 10 Kilometern ordentlicher Strecke, ließ auch die Straßenqualität wieder deutlich nach. Sand war zwar nicht mehr das große Thema, dafür umso mehr die Rückkehr von tiefem Schotter und Waschbrett.
Mein Ziel war es nun, mich irgendwie bis zu der Ortschaft Spes Bona am Abzweig der D707 durchzukämpfen. Laut meinem Freund Benni sollte ab hier ja alles besser werden…
Wiedermal fluchend nahm ich meine letzten mentalen Batterierreserven in die Hand und pedalierte mal wieder mit schönen 10 Stundenkilometern dahin. Vorbei an so mancher Farm auf weiter Flur, immer leicht bergauf.

Kurz vor Spes Bona war ein Wildcampingspot auf iOverlander eingezeichnet. Als ich ihn erreichte, handelte es sich um eine kleine Einbuchtung am Wegesrand, wo geradeso das Zelt hingespasst hätte zwischen Schotterstraße und dem umgebenden Zaun aufgrund der vielen privaten Landflächen in Namibia. Nein, das war mir dann doch zu „exposed“.
Ich entschied spontan, den Kilometer bis in den kleinen Farm-Ort weiterzufahren. Dort angekommen, fragte ich einen der umtriebigen Landwirte um die Installation des Zeltes für eine Nacht. Nach kurzer Rücksprache durfte ich auf einem Parkplatz hinter dem Einfamilienhaus mit Garten mein Lager aufschlagen, umgeben von Hühnern und lautstarken Pfaus in dieser weiterhin mondartigen Landschaft von Felshügeln und Sand.
Nach weiteren 2 1/2 Stunden Kampf gegen den Gravel war es bereits 17 Uhr, und ich war nach mickrigen, aber extrem schlauchenden 50 Kilometern einfach heilfroh, Feierabend zu machen.
Der restliche Abend verlief dann sehr ereignislos. Die Bewohner waren doch eher distanziert und desinteressiert. Außer einmal nachzufragen, ob bei mir alles in Ordnung sei, verbrachte ich den Abend für mich im Zelt, dank des wiederum fehlenden Internetempfanges war ich früh im Land der Träume – insbesondere nach diesem erschöpfenden Tag.

Für den nächsten Tag nahm ich mir erstmal nicht zu viel vor – erstmal schauen, wie sich die Straße entwickeln wird. Dank früher Schlafenszeit war ich wieder entsprechend in aller Frühe auf den Beinen und selbst für meine Verhältnisse frühzeitig bereits um halb 8 abfahrbereit. Fehlende Ablenkung in Form von Internet macht manchmal schon so einiges aus. 😉
Lange Zeit überlegte ich, ob ich nicht der D707 eine Chance geben sollte. Aus zwei Gründen entschied ich mich aber dagegen. Erstens kannte ich diese Straße bereits und hab den Lesern bereits in vorherigen Blogs einige Eindrücke präsentiert. Ich wollte nicht zweimal das Gleiche sehen. Zweitens hatte ich nach dem vergangenen Tag die Schnauze wahrhaft gestrichen voll von losen Sandpassagen. Und laut meiner Erinnerung ist die D707 zwar in an sich gutem Zustand, besitzt aber einige dieser Passagen. Da setzte ich lieber auf die Karte der anderen Route über den Ort Helmeringhausen und dann weiter nach Aus…

Der Tag begann dann auch gleich mal mit einem Anstieg, nachdem man bereits nachmittags zuvor wieder einiges an Höhe gewonnen hatte. Spes Bona lag bereits auf über 1.300 Metern Höhe, und im ersten Anstieg für gute 7 bis 8 Kilometer ging’s rauf bis auf 1.500 Meter.
Am Anfang war die Straße noch leicht „waschbrettig“, ab dem Beginn der folgenden Abfahrt besserte sie sich aber enorm. Es ging wieder runter bis auf unter 1.200 Meter. Ein wahrer Geschwindigkeitsrausch. Ca. 10 Kilometer lang konnte man über den smoothen Gravel quasi einfach „laufen“ lassen – die Endorphinausschüttung erreichte nach langer Zeit mal wieder ein absolutes Maximum. Hinzu kam die prächtige Landschaft mit unendlichen, weiten Ausblicken in verlassene Mondlandschaft.

Es wäre aber natürlich keine „richtige“ Abfahrt, wenn man danach nicht wieder alles hoch müsste – so auch hier. Nach einigen Kilometern entspanntem „Auslauf“ und ebener Strecke ging der Anstieg wieder los. Außerdem wurde die Straße wieder bedeutend schlechter in Form von tiefem Schotter und Waschbrett, was mir so manche Sorgenfalten auf die Stirn trieb – das geht doch wohl nicht schon wieder so los?!
Die Sorge war letztlich jedoch unbegründet, der Spuk nach fünf mühsamen Kilometern wieder vorbei. Der Rest des Anstiegs erfolgte über smoothen Gravel.
Mal mehr, mal weniger steil ging es immer weiter bergauf, ein richtiger, kleiner Gebirgspass in Form einer Gravelstraße, die sich durch eine Kette von Felsbergen durchschlängelte – eine spektakuläre Kulisse.

Hoch ging’s bis auf über 1.700 Meter Seehöhe. Die Anstrengung wurde jedoch fürstlich entlohnt. Anschließend ging es bis auf wenige Gegenanstiege tendenziell nur noch bergab. Bei leichtem Rückenwind und gutem Gravel flog man geradezu über die Straße. Die Geschwindigkeit orientierte sich weitestgehend an 30 Stundenkilometern – was für ein Gefühl! Und was für eine gute Gravelpiste nach den mühsamen letzten Tagen!

Himmelhoch jauchzend genoss ich den Geschwindigkeitsrausch, mühelos kam ich voran. Ich verzichtete sogar auf eine eingeplante Pause, weil es quasi wie von alleine ohne große Anstrengung lief.
Bereits zur Mittagszeit war ich nach 75 Kilometern am Abzweig von der Straße C27 zur Straße C13, die rechterhand in die Ortschaft Aus führte. Diese Ortschaft bedeutet einen Meilenstein: Das Ende dieses langen Gravelabschnittes!
Kurz überlegte ich: Direkt so nah wie möglich weiterfahren Richtung Aus? Andererseits: Mit der Rechtsabbiegung hätte ich tendenziell nun wieder Gegenwind. Zudem liegt fünf Kilometer entfernt in die andere Richtung die Ortschaft Helmeringhausen mit einer Campsite, einem Restaurant sowie WLAN…
Junge, überstürz jetzt nichts! Du hast keinen Stress! Halte Haus mit deinen Kräften! Ich setzte den „Blinker links“, fuhr die fünf Kilometer bis Helmeringhausen, buchte mir einen Platz zum Zelten an der Campsite und machte nach gefühlt lockerleichten 80 Kilometern bereits am späten Mittag Feierabend.
Lieber hier in der Zivilisation übernachten und Kräfte sammeln! Bis Aus kommt bekanntlich nochmals über 100 Kilometer nichts.

Ich beobachtete zudem, dass es zwischen den kleinen Campsite-Ortschaften im Nirwana der Wüste eine Konstante gab: Leckere Kuchen! Wie Solitaire, so ist auch Helmeringhausen bekannt für seinen Apfelkuchen. Ich muss sagen – er macht jenem in Solitaire mal mindestens ernsthafte Konkurrenz!

Übrigens kommt der natürlich sehr deutsche Ortsname Helmeringhausen tatsächlich aus Kolonialzeiten des ehemaligen Deutsch-Südwestafrikas. Hubert Hester aus der deutschen Schutztruppe kaufte die damalige Farm Anfang des 20. Jahrhunderts. Er stammte aus der deutschen Gemeinde Helmeringhausen und benannte den namibischen Ort kurzerhand danach.
Soviel zu dem kleinen geschichtlichen Hintergrund – nach einem ansonsten faulen Nachmittag kam ich am Abend mal wieder mit anderen Touristen ins Gespräch, diesmal mit einer Familie aus Südafrika, die mit dem Mietwagen in Namibia unterwegs war.
Wieder einmal schlug mir eine schiere Welle der Offenherzigkeit und Hilfsbereitschaft entgegen. Der Vater der Großfamilie gab mir hilfreiche Tipps für schöne Orte entlang der Route in Südafrika sowie zu möglichen Schlafplätzen. Die ebenfalls anwesende Großmutter wollte mich sogar gleich zu sich daheim einladen, falls ich mich mal auf dem Weg erholen möchte. Leider lag ihr Wohnort nicht ganz auf meiner Route. Aber sag niemals nie 😉
Am nächsten Morgen traf ich die Familie auch nochmal beim Frühstück, ehe ich mich dankbar verabschiedete nach Austausch der Kontaktdaten. Gestärkt von Spiegelei und Joghurt machte ich mich einfach mal auf den Weg.

110 Kilometer waren es bis Aus und zum Ende des Gravels. Wer weiß – vielleicht schaffe ich es ja heute schon bis dahin. Das Motto lautete wieder: Mal schauen, wie die Straße ist…

Nachdem Helmeringhausen auf nicht mal mehr 1.500 Meter Höhe lag, begann nun wieder ein „Uphill“. Die Straße hatte sich wieder leicht verschlechtert im Vergleich zum Vortag in Form von deutlich mehr Sand. Er war aber relativ gut fahrbar diesmal.
So ließen sich die 27 Kilometer gut aushalten, die es nun bei nicht mal einem Prozent Steigung konstant bergauf ging. Nach zwei bewölkten Tagen knallte nun zum eventuellen Gravelfinale die Sonne mal wieder erbarmungslos vom Himmel.
Nach dem langen, aber machbaren Anstieg war man schließlich wieder auf fast 1.750 Metern Höhe – wahrscheinlich der höchste Punkt der noch verbleibenden Reise.
Fast wehmütig knipste ich ein paar Fotos, ehe eine der wahrscheinlich unvergesslichsten Abfahrten der Reise folgte. Über 40 Kilometer hinweg ging es bis auf eine Ausnahme eines kurzen, aber knackigen Gegenanstiegs nur bergab.

Erst nur leicht, im letzten Drittel der gut eineinhalbstündigen Abfahrt steiler bergab. Innerhalb dieser gut 15 Kilometer zeigte mir gar meine Garmin-Uhr sämtliche Bestzeiten über 5 Meilen, 5 Kilometer und 10 Kilometer an – ja, auch das soll es hier geben auf diesem eigentlich mühsamen Gravel. Manchmal konnte man auch einfach laufen lassen und die stets beeindruckende Landschaft genießen.

War es das etwa schon mit Quälerei und Abnutzungskampf bei Sand und Waschbrett? Weit gefehlt! Meine Stimmung hätte erstmal besser kaum sein können. Es war noch später Vormittag und ich war nun nur noch 40 Kilometer von der Erlösung, von Asphalt, entfernt.
Aber diese 40 Kilometer – ja, die werden einem definitiv nicht geschenkt. Im Tal auf unter 1.100 Metern Höhe angekommen musste man nämlich in dieser weitläufigen Landschaft nun fast alles wieder bergauf.

Zudem war die Straße hier nicht mehr gemacht und dementsprechend wieder sehr schlecht. Ein 40 Kilometer langer Anstieg – begleitet von Mittagssonne, Sand und Waschbrett.
Die Straße war mal wieder wie an der Schnur gezogen. Kerzengerade zog sie wie in Zeitlupe nach oben. Wie in Zeitlupe bewegte man sich auch im Sattel – natürlich waren kaum zehn Stundenkilometer drin. So kurz vor der Erlösung wurden mentale Stärke und Durchhaltewille nochmals auf eine harte Probe gestellt.
Zumindest die Schilder am Straßenrand motivierten einen bei diesen Bedingungen, nicht aufzugeben: Noch 30 Kilometer bis Aus, noch 20 Kilometer bis Aus, noch 10 Kilometer bis Aus…
Beim Rückblick auf die Strecke konnte man übrigens genau in Form von drei kleinen Hügeln den Anhaltspunkt erkennen, von dem aus man hier hochgekurbelt ist. Beim Gedanken, dass dieser Punkt 30 Kilometer entfernt lag, staunte man mal wieder nicht schlecht…

Auf den letzten 10 Kilometern zog die Steigung nochmals deutlich an. Statt von ein bis zwei Prozent, redete man nun von fünf Prozent Steigung. Man muss sich die Lage von Aus vorstellen wie auf einer Art Joch in dieser weiten Wüstenlandschaft, sodass die Steigung zum Ende hin natürlich tendenziell zunahm.
Ebenso nahmen nochmals tiefsandige Abschnitte zu. In dem steilen Stück konnte man so die ein oder andere Passage nicht mehr treten – wie heißt es: Wer sein Rad liebt, der schiebt…
Gefühlt zog sich der Anstieg ewig in die Länge. Man glaubte gar nicht mehr daran, dass dieser Gravel tatsächlich irgendwann enden sollte. Und dann – der Moment – *Trommelwirbel* – ASPHALT!! NACH 500 KILOMETERN IST ES GESCHAFFT!!!

Der grimmige Gravel ist besiegt, die Herausforderung ist gemeinstert! Ein epochaler, ja fast legendärer Meilenstein ist erreicht. Das, wovor man mit am meisten Respekt hatte und sich für einen selber manchmal fast wie ein „Endgegner“ darstellte, ist geschafft!
Fast kamen mir Freudentränen im Moment des Anblickes von festem Untergrund. Da kann man schonmal von seinen Emotionen übermannt sein, wenn man so heftig auf diesen Moment hingearbeitet hat und vor allem an diesem Tag nochmal wirklich an seine Grenze gegangen ist…

Auf Asphalt rollte ich entspannt die letzten fünf Kilometer nach Aus auf wieder knackigen 1.500 Metern Höhe, kam schweißüberströmt und fertig mit der Welt aber dennoch überglücklich am frühen Nachmittag an nach 110 Kilometern und buchte mich auf der Campsite ein. Nach dieser Anstrengung war ein Pausentag in dem kleinen Örtchen nun mehr als verdient! Einfach nur mal den Moment genießen und dieses Erfolgserlebnis feiern!
Zudem hörte ich nun wieder was von Jannick, wo ich mal wieder Internetempfang hatte: Er und Millot sind wohlauf und sie haben sich wohl dazu entschieden, über die D707 nach Aus zu fahren. Na, da bin ich auf jeden Fall auch gespannt! Fazit: Was für intensive Tage auf diesen Straßen und was für ein Triumphgefühl, diesen Abschnitt gemeistert zu haben!



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