Nach (Aus)zeit: Ab ins letzte Land!

Aus und vorbei – so könnte man es im wahrsten Sinne des Wortes beschreiben, als ich hunderte Kilometer von Gravelpisten hinter mir gelassen habe und den abgelegenen, kleinen Ort Aus erreicht habe auf der Höhenlage von knapp 1.500 Metern.

Abgelegen trifft es ganz gut – die nächsten größeren Städte sind im Westen Lüderitz mit knapp 120 Kilometern Entfernung, im Osten Keetmaanshop mit über 200 Kilometern Entfernung sowie im Süden Rosh Pinah mit ca. 170 Kilometern Entfernung.

Die kleine Siedlung mit Tankstelle in der Früh.

Auch dank dieser Ruhe und Abgelegenheit war es ein guter Moment, sich einen Tag zu erholen und einmal innezuhalten. Das Ziel dieser Radreise – Kapstadt – ist nur noch um die 1.000 Kilometer entfernt. Das ist quasi greifbar! Wie geht es danach eigentlich weiter? Was kommt als nächstes? Dieses Reisekapitel ist auf einmal fast vorbei – Wahnsinn, wie die Zeit rennt! Nun ja – erstmal das Ding nach Hause schaukeln und die letzten Kilometer dieser Reise genießen!

Der Ort Aus hat zumindest mal zwei Campsites sowie eine Tankstelle mit Shop zu bieten, wo man sich verpflegungstechnisch wieder neu ausstatten konnte. Zudem besitzt er sogar ein Bahnhofshotel, das wohl beliebt für Geschäftsreisen ist und als Zielgruppe vor allem Touristen mit einem dickeren Geldbeutel als meinem verbleibenden Budget bereithält. Immerhin kann man in dem Restaurant wohl sehr gut und im Verhältnis preiswert speisen, was ich mir für den Erholungstag vorgenommen habe.

Wie der Begriff „Bahnhofshotel“ nahelegt, besitzt Aus sogar einen Bahnhof mit einer Zugverbindung zwischen Lüderitz und Aus. Der Zug fährt jedoch nur sporadisch. Es ist wohl eher Glückssache, auf diese Weise nach Lüderitz an die Atlantikküste zu kommen.

Die Bahnlinie von Aus.

Der Ort ist des Weiteren auch eng mit der deutschen Kolonialzeit verbunden in Form eines Stützpunktes der Schutztruppe. Am Bahnhof ist zudem ein Denkmal des damaligen deutschen Kaisers Wilhelm II zu finden, das dort 1913 anlässlich zu dessen 25-jährigen Amtsjubiläum installiert wurde.

Weiters ist das Siedlungsbild noch von einer römisch-katholischen Kirche geprägt, inmitten von atemberaubender Halbwüsten-Gebirgslandschaft. Aufgrund der Höhenlage kann es hier natürlich auch sehr kalt werden. Es ist sogar der Ort in Namibia, wo es zum letzten Mal geschneit hat. Pullover und Fleece-Hose waren für die Nacht im Zelt auf jeden Fall mal wieder bereit. Ein kleiner, aber doch sehr interessanter Ort. Die Highlights sind aber natürlich innerhalb kurzer Zeit besichtigt.

Die Kirche.
Die umliegende Landschaft.

Den Ruhetag in Aus nutzte ich so für ein sehr nahrhaftes regeneratives Frühstück im Bahnhofshotel gegen kleines Geld. Zudem ist dieses Hotel auch bekannt für seinen Kuchen – ja, die Route durch den namibischen Südwesten ist wahrhaft auch eine „Kuchenroute“. Im späteren Tagesverlauf checkte ich diesen aus in Form des Passionfruit-Cheesecake. Fazit: Er übertrifft Solitaire um Weiten, ist aber auch sehr kalorienreich und dementsprechend auch stark sättigend. Ein Stück reicht auf jeden Fall!

Self-Treatment.

Abseits dieser Aktivitäten genoss ich die Ruhe und ließ einfach die Seele baumeln. Diese Abgelegenheit hier – das Kontrastprogramm zu Hektik und Menschen im Alltag, der mich schon bald wieder zurück haben wird. Zwischendrin wartete ich mein Fahrrad und bereitete es nun wieder auf Asphalt vor: Nachdem der Luftdruck auf 3 Bar reduziert wurde bei Sand und Schotter, kamen nun wieder 5 Bar drauf!

Für die Weiterfahrt gab es zwei Optionen: Man kann hinter Rosh Pinah die Grenze nach Südafrika südwestwärts in Richtung Alexander Bay an der Küste überqueren. Diese Route beinhaltet bis zur Grenze nur Asphalt.

Die Alternative ist, dass man südostwärts den grenzüberschreitenden Ais-Ais-Richtersfeld-Nationalpark durchquert entlang des Orange-Grenzflusses. Anschließend wird die Grenze nach Südafrika im Örtchen Vioolsdrif überquert. Die Durchfahrt des Nationalparks beinhaltet nochmals knapp 90 Kilometer Gravelpiste – aber sehr wahrscheinlich auch atemberaubende, landschaftliche Eindrücke.

Komm, so sagte ich mir – nach dem ganzen Gravel, den du hinter dir hast, kann dich so etwas jetzt auch nicht mehr aus der Bahn werfen. Das macht den Kohl auch nicht mehr fett! Meine Entscheidung stand also.

Was machen Jannick und Millot? Sie haben auf den Gravelstraßen wohl keinen Empfang. Ich habe keine Ahnung, wann die beiden in Aus ankommen. Und ob ich sie im Falle der gemeinsamen Weiterfahrt für einen Gravel-Nachschlag begeistern kann?!

Ich muss ja ehrlich zugeben – zumindest zwischendurch mal alleine zu fahren hat seinen Reiz. Klar, kritisch betrachtet ist es egoistisch. Manchmal ist aber das eigene Latein für Rücksichtnahme einfach akut erschöpft. Und hey – so wie es jetzt ist, dass ich meinen Rhythmus fahren kann und auf niemanden Rücksicht nehmen muss, macht es mir zumindest aktuell unheimlichen Spaß. Ich genieße die Ruhe und Einsamkeit, es ist wie eine Stresstherapie vor dem baldigen Wiedereinstieg in ein „normales Leben“.

Dazu kommt, dass Jannick ja jetzt nicht alleine ist. Da sagte ich mir schließlich: Komm, fahr doch noch weiter ein bisschen solo. Man kann sich auch später wieder treffen…ich bin quasi ein bisschen auf den Geschmack des Soloradelns gekommen, wenn man so will. Noch fühlte ich mich nicht bereit, wieder in Gruppe zu radeln. Die Vorstellungen sind einfach zu weit auseinander geklafft. Kurzum: That’s life! Lieber einmal mehr getrennt fahren und dafür ohne großen Streit ankommen. Außerdem: Aus ist zwar ein interessanter Ort, aber nach einem Tag hier kann es doch etwas…langweilig werden.

Gut, genug gerechtfertigt. Der Blog soll ja hier nicht einem anwaltlichen Verteidigungsschreiben gleichen 😉 Mit mir im Reinen (auch wenn es verständlicherweise nicht jeder gut findet), nahm ich nach einem Pausentag das Frühstück im Bahnhofshotel nebenan noch mit, um frisch gestärkt den nächsten Meilenstein anzugehen. Dieser lautet: Grenze nach Südafrika!

„Nach all dem Gravel wirst du auf Asphalt fliegen!“, sagte ich mir voller Optimismus. Das mag dann vielleicht auch auf den ersten Kilometern nach Aus gestimmt haben. Aber da ist ja noch so eine Sache, die man gerne mal vergisst: Der Wind!

Mittlerweile befindet man sich voll in der Zone des südlichen Passatwindes. Die normale Windkomponente des Passats ist Südost. Ich radele in Richtung der nächsten Stadt immer Richtung Süden – Mist!

So holte mich dann auch spätestens am frühen Mittag der auffrischende Gegenwind wieder auf den Boden der Tatsachen. Die ersten vielleicht 45 Kilometer nach Aus ist man dank der steten Bergabfahrt runter vom Hochplateau tatsächlich „geflogen“.

Unendliche Weite und immer leicht bergab.

Ab hier beginnt eine wellige Landschaft mit tendenziell noch mehr „Down“ als „Up“. Mit dem Gegenwind strebte die Geschwindigkeit aber bald wieder den 15 Stundenkilometern entgegen. Vor allem die stürmischen Böen bremsten einen kurzzeitig ganz schön runter. Frustrierend!

Eine Landschaft wie in den USA, 100 Kilometer vor Rosh Pinah.

Pausen wurden nun häufiger eingelegt, um etwas zu verschnaufen. Alt werde ich heute auf dem Fahrrad definitiv nicht mehr! Rosh Pinah wird sowieso erst morgen angepeilt!

Erstmal eine komfortable Gegenwind-Pause.

Man muss hierzu wissen: Rosh Pinah ist als nächster Ort und vor allem Versorgungspunkt ca. 170 Kilometer entfernt. Dazwischen ist Nichts! Also wirklich: NICHTS! Kein Dorf, keine Siedlung, keine Tankstelle – einfach nur Landschaft!

Das Problem hierbei: Ich habe in Aus tendenziell zu wenig Verpflegung und auch Wasser mitgenommen. Ich sollte also tunlichst schauen, dass ich es am nächsten Tag nach Rosh Pinah schaffe.

So pedalierte ich noch etwas dahin. Aufgrund des zunehmenden Gegenwindes und mangels der Aussicht auf irgendeinen Ort mit Verpflegung oder anderweitiges Ziel hatte ich aber bereits am frühen Nachmittag genug, als ich ein verlassenes, Gebäude bzw. die Ruine davon am Straßenrand erblickte. Natürlich kannte ich diesen Spot schon von meiner Begleitapp „iOverlander“.

Ich checkte den Spot aus: Die Ruine bot einen guten Schutz gegen den stürmischen Wind. Und man ist versteckt vor der eh kaum befahrenen Hauptstraße. Die Entscheidung stand: Ich mache Feierabend.

Schnell war das Lager aufgebaut und eine kleine Mahlzeit verspeist. Was mache ich jetzt eigentlich noch den ganzen Nachmittag? Internetempfang ist hier sowieso keiner.

Spot my tent 😉

Ich checkte das verlassene Gebäude aus. Diese Ruhe hier, dieses absolute Nichts mit Ausnahme von ein bis zwei vorbeifahrenden Autos pro Stunde. Und jetzt hier alleine die Zeit totschlagen – fast schon ein wenig beklemmend! Ein Schatten an der Wand konnte mit etwas Fantasie immerhin als das Profil eines Gesichts gedeutet werden, sodass ich mich immerhin nicht ganz allein fühlte…

Man ist nicht komplett alleine😉

Ansonsten legte ich mich einfach in den Schatten und machte ein kleines Nickerchen. Am späten Nachmittag wurde dann die Sonne auch schwächer und man konnte es im Zelt aushalten. Zwei Stunden ließ ich beim Schreiben dieses Blogs ohne Ablenkung von Internetempfang meinen Gedanken nochmals freien Lauf, ehe ich um halb 9 bereits schlief.

Da ich ja eigentlich sonst hier eh nur meine Zeit verschwende, war der Plan natürlich, früh loszufahren. Zumal die Windvorhersage auch nicht allzu rosig aussah: Er weht stark böig aus Ost. Die ersten 30 Kilometer wird der Weg erstmal nach Südosten ziehen. Hieß: Ich machte mich mal wieder mental bereit für einen weiteren Kampf – diesmal nicht gegen die Straßenbedingungen, sondern gegen den Wind.

So kam es dann auch nach frühen Aufbruch um halb 8 Uhr morgens. Die ersten 30 Kilometer dackelte ich mit 13-14 Stundenkilometern dahin. Es war mal wieder so richtiges Mentaltraining: Stoisch fuhr ich immer 10 Kilometer und gönnte mir nach diesen eine kurze Trinkpause sowie einen Snack als Belohnung. Komm Junge, weitermachen! Nicht aufgeben! Die Hoffnung, die mich antrieb, war stets, dass es deutlich besser wird, sobald der Weg nach Südwesten zieht. Dann sollte ich bei Ostwind ihn ja tendenziell eher im Rücken haben.

Als mal wieder 10 Kilometer geschafft waren…

Und wie! Nach ziemlich genau 30 Kilometern und einer langgezogenen Rechtskurve bekam ich das Gefühl, als wenn eine unsichtbare Person mich mit brutaler Vehemenz von hinten anschubst. Gute 10 Kilometer flog ich selbst bei leichter Steigung mit über 30 Km/h über die Asphaltstraße – nur richtig fliegen muss schöner sein!

Schließlich gab es aber nochmals einen letzten steileren Anstieg, der mich wieder auf unter 20 Km/h runterbremste. Nach dem die vergangene Wildcampingnacht bereits auf unter 1.000 Metern Höhe stattfand, ging es nochmals bis auf 1.200 Meter hoch, hauptsächlich in Form dieses kurzen Anstiegs.

Rückblick auf den Anstieg: Unendliche Weite mal wieder!

Oben angekommen folgte ein wahrer Geschwindigkeitsrausch: Über gute 35 Kilometer Strecke geht es hinunter auf nur noch knapp über 300 Meter Höhe, auf denen Rosh Pinah lag – man sagte dem großen Hochplateau, auf dem das namibische Inland lag, endgültig „servus“. Die lange Abfahrt kommt durch das Flusstal des Orange-Rivers zustande, welchem man sich nun immer weiter näherte.

Lange Abfahrt bis in den Taleinschnitt ziemlich genau in der Bildmitte.

Bei der langen Abfahrt konnte man ca. 40 Minuten, bzw. um die 20 Kilometer einfach laufen lassen. Sämtliche Bestzeiten auf 5 Kilometer, 10 Kilometer, 10 Meilen sowie eben 20 Kilometer wurden geknackt.

Für einen Rekord auf 30 Kilometer hat’s dann leider nicht mehr gelangt. Der Grund: Mit einem markanten Linksschlenker nach 25 Kilometern zog die Straße wieder in Richtung Südosten – und damit in den Gegenwind. Man befand sich noch mitten in der Abfahrt, doch auf einmal waren trotz Gefälle wieder kaum mehr als 15 Stundenkilometer drin – einfach nur frustrierend nach der vorangegangenen Leichtigkeit!

Immerhin waren es nur noch 10 Kilometer bis Rosh Pinah, die ich mich in 40 Minuten noch durchkämpfte. So war ich schließlich zur Mittagszeit nach 90 Kilometern voller Höhen und Tiefen in Rosh Pinah an der zentralen Tankstelle als Versorgungspunkt.

Das Geschwindigkeitsdiagramm veranschaulicht die Fahrt ziemlich gut. Quelle: Strava.

Ich schüttete mich erstmal wieder mit Softdrinks zu, holte mir an der Frischetheke ein ordentliches Mittagessen, checkte nach etwas über einem Tag ohne Empfang mal wieder die Internetwelt, kam auch mit ein paar Einheimischen in Smalltalk…

Was soll ich jetzt eigentlich noch groß weiterfahren? Der Wind wird nicht mehr besser, mein dringend zu erreichendes Ziel war geschafft…und danach kommt auch nochmal bis zur Ortschaft Aussenkehr in etwas über 90 Kilometern nichts mehr…

Bei Essen, Handy und gelegentlichen Gesprächen ließ ich in der Zivilisation in Rosh Pinah noch einige Stunden vorbeiziehen. Die Herausforderung war nun nur noch, einen Schlafplatz zu finden. Das Problem: In Rosh Pinah gibt’s keine Campsite zum Zelten und die Unterkünfte liegen alle oberhalb des Budgets. So gab es keine andere Option, als am späten Nachmittag nochmal rauszufahren aus dem Ort, um wildzucampen.

Frisch aufgestockt mit Essen und Trinken, kurbelte ich noch etwas über fünf Kilometer gegen den Wind, ehe ich bei einer Brücke unter der Straße fündig wurde. Hier sieht einen niemand und man hat zudem einen Windschutz – Jackpot!

„Schlaf doch einfach unter der Brücke.“

Ich schob mein Fahrrad die Böschung runter und installierte mein Zelt. Abgesehen vom Wind mal wieder bei absoluter Ruhe, umgeben von lediglich Landschaft. Mit Ausnahme von einem Auto alle 15 Minuten, das durchrauscht.

Man muss sich das mal vorstellen: Aufgrund der Wärme zog ich mich nach Aufbau des Lagers halbnackt aus und genoss, nur mit Badehose bekleidet an der Straße sitzend das Abendlicht mit dem Blick in die (wohl schon südafrikanischen) Berge in der Ferne – das ist wohl der Inbegriff des Gefühls von Freiheit!

Ein wunderbarer Abend auf der Straße!

Nach ruhiger Nacht unter der Brücke (wenn auch nicht ganz obdachlos 😉) war ich bereit am nächsten Morgen das Gefühl der Freiheit weiterzuleben und wieder loszurollen! Um halb 8 war ich soweit fertig und wollte aufs Fahrrad steigen…Moment mal! Da stimmt was nicht!

Der Blick auf den Vorderreifen bestätigte: Der lag auf der Felge. Der fünfte Platte dieser Reise. Quasi über Nacht, gestern Abend war noch alles in Ordnung…also Kommando zurück und erstmal den notwendigen Eingriff vornehmen.

Das Loch war winzig, ich hatte jedoch Glück und konnte direkt eine „Vermutung“ spotten, die sich durch einen „Spucketest“ bestätigte. Das sah nicht mal nach einem Fremdkörper aus. Das sah nach typischer Abnutzung aus – der Schlauch ist an der Stelle schlicht zu porös geworden.

Gottseidank hatte ich noch Reparaturwerkzeug, doch langsam wird es knapp: Noch drei Flicken und ein Ersatzschlauch, da ich fast alles irgendwann mal an Jannick und andere Radfahrer gespendet habe, als ich noch gar keinen Platten hatte. Ob sich das nicht doch noch rächt?! Vielleicht sollte ich doch nochmal nachkaufen…nur wo?!

Für den Moment war es in Ordnung – schnell das Loch geflickt, Mantel wieder drauf und fertig. Blöd nur, wenn in dem Moment wieder die Links-Rechts-Schwäche zuschlägt…ich habe mal wieder den Mantel falsch herum auf die Felge getan. Also nochmal runter und andersrum drauf…

Der Spaß kostete mich nochmals 10 Minuten extra, sodass ich schließlich um 8 Uhr statt um halb 8 abfahrbereit war. Na ja, haste halt auch mal Pech! Nicht entmutigen lassen, sondern jetzt die Fahrt genießen!

Drei Kilometer gab’s noch Asphalt, dann kam ein Linksabzweig auf den Gravel. Geradeaus wäre man in Richtung von Oranjemund gefahren (die Mündung des Orange-Rivers in den Atlantik). Hier kommt man direkt zum Grenzübergang Alexander Bay.

Ich setzte den Linksblinker und begab mich wieder auf Gravel, der in der Zufahrt zum Ais-Ais-Richtersfeld-Nationalpark noch arg waschbrettig war. Bitte nicht schon wieder! Bereue ich meine Entscheidung?! Immerhin ging’s zum Nationalpark nochmals nur bergab, da man ja ganz in das Flusstal hinunter musste.

Hinunter ins Flusstal.

Schließlich kam ich in dem Örtchen Sendelingsdrif zum Eingangstor in den Park. Hier könnte man ebenfalls per Boot direkt nach Südafrika. Aber Namibia ist so schön, da bleib ich doch besser noch ein wenig auf der nördlichen Flussseite 😉

Kulisse unmittelbar vor Beginn des Parks.

Als man nach Einfahrt in den Nationalpark das Flusstal erreicht hatte und das erste Mal den wunderbaren Orange-River zu Gesicht bekam, wurde der Gravel alsbald deutlich besser – ja, fast genussvoll.

Erster Blick auf den Orange-River.

Dennoch struggelte ich anfangs etwas. Die Ursache habe ich schnell ausgemacht: Die Reifen waren vom Luftdruck her noch auf Asphalt eingestellt. Da ich keine Lust hatte, zum Feinjustieren extra die Pumpe hervorzukramen, ließ ich rein nach Gefühl etwas Luft aus den Reifen. Und siehe da: Sofort war es viel angenehmer zum Fahren. Kleine Veränderungen bewirken manchmal Wunder…

So konnte ich die beeindruckende Landschaft ohne Probleme genießen. Hier trafen zwei Welten am selben Ort aufeinander: Das Grün direkt am Ufer de Flusses mit wilden, schroffen Felsgestalten im Hintergrund, die so richtiges Hochgebirgsfeeling brachten. Was für ein Kontrast!

Was für eine schöne Strecke!
Ein anderer Eindruck.

Fast meditativ kurbelte ich dahin, nebenbei immer diese Landschaft aufsaugend. Zudem war man mal wieder komplett alleine – hier in diesem Park war bis auf vier, fünf passierende Autos innerhalb mehrerer Stunden wirklich niemand! Was für eine Ruhe! Was für eine Atmosphäre!

Da es bis zum Ende des Gravels eben fast 90 Kilometer waren und sich eine Campsite mitten im Park am Fluss zum Übernachten anbot, splittete ich diesen Teil auf zwei Tage auf. So kann ich am nächsten Tag direkt die Grenze ins Visier nehmen, die vom Ende des Parks nur noch um die 60 Kilometer entfernt ist.

Somit blieb es an diesem Tag bei leichtem Auf und Ab entlang des Flusses (tendenziell bergauf, da man ja den Fluss hinauf fährt, weg vom Meer) bei 58 Kilometern, ehe mittags diese ruhige Campsite im Nirgendwo erreicht war.

Wenigstens war ein Ranger zur Stelle, der mir Zeltplatz und Sanitäranlagen zeigte. Verpflegung gab’s hier keine. Zumindest lag es traumhaft direkt am Fluss und man hätte sogar schwimmen gehen können. Dennoch war hier auch ich etwas skeptisch aufgrund möglicher Tiere. Zudem war das Wetter ungemütlich und gar nicht einladend für Plantschaktivitäten.

Traumhafte, landschaftliche Lage.

Schon am Vormittag war es gewittrig. In der Ferne sah ich während meiner Fahrt immer wieder Blitze zucken. Nun fielen am Nachmittag tatsächlich ein paar Tropfen. Der erste Regen seit…ja, seit wann eigentlich?! Kongo?! Ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern…

So verbrachte ich bei verfügbarem WLAN den Nachmittag vornehmlich mit Handy-Updates und dem Planen der Fahrt zur Grenze.

Wenn man die Ruhe nur beim Anblick des Bildes nachempfinden kann…

Direkt nach Start der 90 Kilometer bis Südafrika soll sich der Weg vom Orange-River kurz entfernen und die umgebende Bergkette durchqueren, bevor er wieder auf den Fluss trifft. So sollen auf den ersten acht Kilometer wohl erstmal deutlich über 400 Höhenmeter warten – ein ordentlicher Tagesstart! Anschließend geht’s nach gleich langer Abfahrt und den letzten Gravelkilometern am Fluss entlang in die nächste Ortschaft Aussenkehr und von dort noch etwa 50 Kilometer weiter bis in die Ortschaft Noordoewer an der Grenze.

Soweit der Plan. Den Abend verbrachte ich bei gar einsetzendem Landregen in der Hütte der Campsite beim Gespräch mit dem netten Ranger, der mich über die Tour ausfragte.

Schließlich war mein klatschnasses Zelt am Morgen nach Regenende und wiedermal auffrischendem Wind in der Nacht sogar trocken und ich durfte in Ruhe meine letzte Etappe in Namibia starten.

So wird man gerne geweckt!
Nun zeigte sich der Fluss auch bei Sonne!

Der Anstieg zu Beginn hatte es in sich und ließ einen so manchen Schweißtropfen vergießen. Dennoch: Die Kulisse entschädigte um ein Vielfaches hierfür. Diese schroffe Felswelt und die spektakuläre Straße, wie sich sich durch diese hochgebirgsartige Landschaft schlängelt! Was für Eindrücke im Licht der Morgensonne! So machen Höhenmeter Spaß!

Was für ein Morgen!

Oben angekommen gab’s natürlich eine ebenso spektakuläre Abfahrt wieder an den Fluss, durch stellenweise canyonartige Felsstrukturen. Unten traf man wieder auf das satte Grün des Flusses als Kontrast. Diese 20 Anfangskilometer – sie stellten landschaftlich sogar vieles bisher in Namibia Erlebte in den Schatten – definitiv in den Top 5 der Highlights dieser Reise!

Eine lange Abfahrt…
…durch eine große, fast canyonartige Schlucht.
Gleich wieder zurück am Fluss unten.
Rückblick: Man kriegt nicht genug von diesen Eindrücken!

Leider bin ich etwas zu spät für die sog. „Flowerseason“ Ende August/Anfang September. Zu dieser Zeit soll die Natur rund um den Orange-River aufgrund kurzzeitiger Regenfälle geradezu explodieren und bunteste Eindrücke liefern, auch mit so mancher endemischer Pflanzenart. Auch Reptilien und andere Tierarten sollen dann mit hoher Wahrscheinlichkeit zu beobachten sein.

Jetzt war „nur“ die Landschaft der Hingucker – mit Ausnahme von ein paar Baboons, die vor meinen Augen noch seelenruhig die Straße überquerten.

Es gab nicht nur Landschaft zu gucken.

Bald war der super zu fahrende Gravel zu Ende. Der Fluss wurde wieder verlassen und ich war wieder auf Asphalt unterwegs. Anlässlich hierzu wurde eine erste Pause eingelegt und der Reifendruck wieder erhöht.

Tschüss, Gravel!

In nun nur noch hügeligem Terrain wurde der Ort Aussenkehr angepeilt. Hier soll es sogar einen Spar-Supermarkt geben – eventuell ein optimaler Ort für Mittagspause?!

Als ich ankam, stellte sich jedoch heraus, dass die Hauptstraße den Ort über einen Hügel umfährt. Ein Abstecher in das „Tal“ hatte einen Umweg und extra Höhenmeter bedeutet. Zudem liefen hier auch, wie man umgangssprachlich sagt, „komische Gestalten“ über die Straße. Alleine unterwegs, hatte ich irgendwie kein gutes Bauchgefühl, hier anzuhalten.

Komm, fahr weiter! 50 Kilometer noch bis zum Grenzort, zieh durch und lass es dir dort gutgehen! Meine innere Stimme nahm mir die Entscheidung ab und ich trat weiter in die Pedale.

Nach dem Ort und ein paar ersten Weinanbaugebieten im Einzugsbereich dahinter kam man auf einem letzten Anstieg nochmals ins große Niemandsland, umgeben von Felslandschaft auf weiter, gerader Straße.

Erste Weinanbaugebiete (rechts) gehen wieder in weite Felslandschaft über.

Nach einer kurzen Riegelpause in genug Entfernung zum Ort machte ich mich dran, den nun verbleibenden, knappen Marathon bis zum Grenzort hinter mich zu bringen.

Nochmals typisch lange, schnurgerade Straßen.

Blöd nur, dass sich, dem Ziel immer näher kommend, der Gegenwind langsam aber sicher wieder bemerkbar machte. Bald frischte er böig auf und selbst, als es tendenziell eher bergab ging, kam ich nur noch mit 15 Stundenkilometern voran.

Den Grenzort in der Ferne bereits sichtbar, machte die Straße nochmals einen Linksschlenker in Form einer rasanten Abfahrt wieder zurück in das canyonartige Tal des Orange-Rivers mit nun vielen Weinanbaugebieten. Aus Gegenwind wurde Rückenwind und ich flog nochmals für wenige Kilometer, ehe kurz vor dem Ziel die Straße nochmals einen Rechtsschlenker machte. So blies mir die letzten wenigstens nur fünf Kilometer der Wind wahrlich in Sturmstärke ins Gesicht. Bei knapp 12 Stundenkilometern brachte ich es letztlich ins Ziel und musste mich nicht mehr zu lange quälen.

Zurück im Tal des Orange-Rivers.

Ich kam an der Orange River Lodge mit Restaurant und Tankstelle daneben an und buchte mich hier ein. Es war zwar erst Mittagszeit, weil ich nun ohne größere Pause die 90 Kilometer durchgefahren bin, aber wieso sollte ich jetzt schon die Grenze übertreten?

Here we are.

Jannick und Millot sollen ja auch ein bisschen aufholen können und ich habe ja generell keinen Stress! Ins vier Kilometer entfernte Südafrika geht’s entspannt am nächsten Tag.

Etwas ausgehungert und auch erschöpft aufgrund von Sonne und Gegenwind stattete ich stattdessen der Tankstelle nebenan einen Besuch ab, deckte mich mit Snacks ein und genoss den Nachmittag. Danke Namibia, für diese herausfordernde, aber auch wunderschöne Zeit! Es war mir eine Ehre!

Der Plan war nun, bis auf den Grenzübertritt nur im nächsten Ort in eine Unterkunft einzuchecken (einmal kann man es sich trotz nun knappem Budget schon mal gönnen, vor allem nach den intensiven Tagen bis zur Grenze) und die anderen beiden weiter aufschließen zu lassen und generell von ihnen zu hören…

…und um natürlich einmal eben den Moment zu genießen und das alles etwas sacken zu lassen. Da geht’s jetzt wirklich ins letzte Land! Das Ende ist so nah! Unglaublich und schwer zu realisieren, dass man es wirklich bis hierhin geschafft hat!

Übrigens: Apropos Budget – wer auf den letzten Zügen dieser Reise nochmal eine freiwillige Unterstützung dalassen möchte – das hier ist der neue Paypal-Link. Da gab es leider ein paar Unstimmigkeiten, weil der alte abgelaufen ist – sorry hierfür!

Im nächsten Blog nehme ich euch dann mit auf den Anfang vom Ende, die letzten Züge dieser unvergesslichen Zeit…

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