Der letzte Meilenstein

Nach meinem Ruhetag in Springbok und der Klarheit, dass es erst einmal getrennt weitergehen sollte bis zu einem eventuellen Wiedersehen an der Atlantikküste, war ich hochmotiviert, wieder in die Pedale zu treten. Das Ziel, das Kap der guten Hoffnung, lag schließlich nur noch ca. 600 Kilometer entfernt – unglaublich!

Ich entschied mich dazu, nun täglich einfach von Ort zu Ort weiterzufahren. Der nächste Ort nach Springbok hörte auf den Namen „Kamieskroon“ und war knappe 70 Kilometer entfernt. Sicher hätte ich mir auch mehr vornehmen können. Ich befand mich körperlich in einer wirklich ausgezeichneten Verfassung und war aufgrund des greifbaren Ziels zudem hochmotiviert.

Dennoch hatte ich natürlich auch alle Zeit der Welt und wollte Millot und Jannick natürlich auch die Chance geben, mich einzuholen. Hinzu kam, dass der Wind hier stets das Zünglein an der Waage spielt. Die normale Windrichtung ist aufgrund der Passatwindzirkulation, wie in vorherigen Blogs bereits mehrfach erwähnt, in Südafrika vornehmlich Südost. In der Früh war er stets schwach, ehe er mittags im Normalfall deutlich zulegte. Früh aufstehen war daher Trumpf. In dieser Hinsicht war ich immer noch recht froh, alleine zu sein und auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Der Plan war daher, immer nur vormittags zu fahren.

So auch an diesem Tag. Der Wind war gegen mich, sollte jedoch vormittags im Rahmen sein. Vor der Losfahrt musste jedoch noch eine äußerst frische Nacht überstanden werden. Nach dem Hochnebel des Vortags mit einer Höchsttemperatur von 12 Grad, die auch dem heimischen Herbst zur Ehre gereicht hätte, klarte es in der Nacht wieder auf. In meinem Zelt wachte ich so bei kuscheligen 7 Grad auf. Das kostete erst einmal Motivation, aus dem Schlafsack zu kommen.

🥶

Es half natürlich trotzdem alles nichts, und immerhin war die Sonne mit von der Partie und erwärmte einen schnell. Ich packte in Ruhe mein Zeug zusammen und war schließlich immerhin um 8 Uhr abfahrbereit. In kühler Luft, aber bester Morgenstimmung setzte ich meinen Weg fort in Richtung Süden.

Ich liebe radeln in der Früh.

Die gebirgige Halbwüstenlandschaft setzte sich erst einmal fort und erwies sich als wahrhaft beeindruckend. In mittlerweile normaler, hügeliger Landschaft rollte es sich gut. Nach den ersten 20 bis 30 Kilometern wartete zudem eine lange Abfahrt von fast 900 Höhenmetern wieder runter auf unter 500 Höhenmeter. Bei schwachem Wind ein wahrer Genuss. Einfach aufsaugen, diese Eindrücke! Bald wird es damit vorbei sein!

Genuss pur.

Aber – man kennt es bereits aus anderen Blogbeiträgen – natürlich muss man auch alles wieder rauf. Abrupt war die Abfahrt zu Ende und es begann der Gegenanstieg. Zudem frischte nun der Gegenwind aus Südost leicht auf. Hierbei erwies sich die bergige Landschaft jedoch als Trumpf – sie schützte einen vor gröberem Gebläse. So konnte man sich in Ruhe Stück für Stück die kommenden 20 Kilometer wieder zurück auf knapp 900 Höhenmeter hoch arbeiten – immer begleitet von einer Kulisse, die für die Strapazen mehr als nur entschädigte.

Es wurde zudem tendenziell immer grüner, stellenweise fast bunt. Man durchquerte nämlich den Namaqua Nationalpark mit seinem Markenzeichen von endemischen Pflanzenarten. Insbesondere zur „Flowerseason“ im September kommt man hier bei gelegentlichen Regenfällen in großen landschaftlichen Genuss. Leider bin ich nun etwas zu spät da hierfür. Dennoch boten sich so einige landschaftliche Highlights, die jene Bergauffahrt nochmals versüßten.

Ohne Worte.

Als iTüpfelchen gab’s auf den fünf Kilometern nochmals eine schöne Abfahrt, ehe das Ziel bereits um 12 Uhr als schöne Halbtagesetappe erreicht war ohne jeglichen Stress. Zwischen Springbok und Kamieskroon gab es wiedermal sowieso keine Einkehrmöglichkeit, geschweige denn Zivilisation. So wurde die fast medidative Pedalierei nur von einer kurzen Snackpause am Beginn des Anstiegs unterbrochen.

Ich buchte mich auf dem Campingplatz von Kamieskroon ein, baute mein Zelt auf, nahm eine Dusche und genoss den Nachmittag, an dem der Wind erwartungsgemäß nun deutlich auffrischte. Gottseidank brauchte ich mich hierfür nun nicht mehr zu interessieren- für diesen Tag waren keine weiteren Kilometer geplant.

Angekommen.

Der verträumte Ort bot viel Ruhe und Gemütlichkeit. Die Kehrseite hiervon waren jedoch mal wieder die fehlenden Einkehrmöglichkeiten. Ein Restaurant hatte wohl zur „Flowerseason“ aufgrund von mehr Tourismus wohl noch offen, machte neulich aber wohl aufgrund von beginnender Nebensaison die Schotten dicht. Na ja, immerhin habe ich ja in Springbok meine Vorräte noch ein wenig aufgefüllt. Außer eines kleinen Erkundungsspazierganges in dem Ort passierte nichts erwähnenswertes. Erstmals stellte man sich fast bildlich im Kopf vor, wie man am Kap stehen wird – es war langsam wirklich greifbar!

Kirche von Kamieskroon.
Ein kleiner Ort in idyllischer Berglandschaft.

Bis zur nächsten Ortschaft, Garies, waren es gerade mal etwas über 40 Kilometer. Ich hätte es entspannt angehen können, dennoch gab es mal wieder das Gegenargument namens „Wind“. Dieser soll in den Morgenstunden günstig sein und aus Nord wehen, ehe er langsam drehen sollte. Warum quälen, wenn ich einfach früh losfahren kann?! Ich bin dank meines nun etablierten Rhythmus ja eh um halb 7 wach…

Genau so kam es dann auch. Entspannt frühstückte ich meine Haferflocken und war um halb 9 fertig, um wieder in die Pedale zu treten. Die Höhenmeter ließen freilich auch weiterhin nicht nach. In viel Auf und Ab ging es wieder tendenziell mehr aufwärts. Ein paar kleine Siedlungen wurden passiert, ansonsten weiterhin das gleiche Bild: Viel weiterhin Landschaft!

Zwischendrin gab der Blick nach Westen ein kleines Highlight frei: Da in der Ferne – das Meer! Der Atlantik! Luftlinie ca. 80 Kilometer entfernt. In der abseits von möglicher Hochnebelbewölkung extrem trockenen Luft hatte man stets eine gigantische Fernsicht über die weite Landschaft – der Luxus des Radreiselebens in diesem landschaftlich eindrucksvollen Land.

Da hinten ist das Meer!

An einem schattigen Rastplatz neben der Straße mit eben jenem Blick nutzte ich die Möglichkeit für eine kleine Pause. Ein heißer Tag bahnte sich an. Zur Erinnerung: Zwei Tage zuvor bibberte man noch bei eben diesem Hochnebel und 12 Grad Höchsttemperatur…

Das Restprogramm des Tages war entspannt: Nach diesem höchsten Punkt ging es in eindrucksvoller Landschaft bis auf einen winzigen Gegenanstieg nur noch bergab. Mit Rückenwind war ein regelrechter Geschwindigkeitsrausch die Folge. In der langen Abfahrt runter in den Ort Garies mit seiner Tallage auf nicht mal mehr 400 Metern Höhe zeigte mich meine GPS-Uhr eine Höchstgeschwindigkeit von 65 Stundenkilometern an – ein wahrhaftes Gefühl von Fliegen.

Eindrucksvolle Abfahrtskulisse.

Diese wunderbare kurze Ausfahrt wurde außerdem versüßt durch eine atemberaubende Flora links und rechts der Straße, ein paar Ausläufer der „Flowerseason“ waren doch immer noch präsent im Namaqua Nationalpark mit seinen zahlreichen Pflanzenarten, darunter ca. 130 endemische, die nur in dieser Region vorkommen. Welche genau – da bin ich leider überfragt. Müsste ich mal genauer einlesen…

Farbtupfer.

Am späten Vormittag war der wunderschöne Ort bei heißen 30 Grad bereits erreicht, ich machte Feierabend. Ein sehr günstiger Campingplatz mit wiederum der expliziten Zielgruppe von Radreisenden bot sich perfekt für einen entspannten Nachmittag an, um der Hitze zu entfliehen. Die Sanitäreinrichtungen waren natürlich etwas spartanisch, auf dieser Reise lernte man jedoch die Anspruchslosigkeit. Allein eine Dusche sowie Toilette sind ja schon Luxus.

Ein Campingplatz für Fahrradfahrer.

Zudem gab’s direkt nebenan ein wunderbar schattiges Café mit sogar WLAN, wo ich bei Kaffee und einem Mittagessen die Seele baumeln ließ. Währenddessen konnte man Handy mal wieder dringend benötigte Updates durchführen, nachdem die Zeiten von gutem WLAN auch hier rar sind.

Als wäre das nicht schon die Definition eines perfekten Ortes zum Entspannen, gab es nebendran auch noch eine Tankstelle, wo man wiedermal Snacks nachkaufen konnte. Ein Eis ließ einen das Wetter mit gefühlt noch heißeren Temperaturen bei trockenem Wind aus dem Inland gut ertragen. Nein, weiter fahren hätte heute eh keinen Sinn gemacht. Zumal der nächste Ort Bitterfontein gute 70 Kilometer entfernt war.

Die Windvorhersage für den nächsten Tag war mal wieder Frühaufsteher freundlich: Wiederum sollte es am Vormittag optimale Bedingungen geben, ehe der Wind ab dem Mittag zunehmend auf Süd drehen sollte. Da wie immer einige Höhenmeter zu bewältigen waren, plante ich mehr Zeit ein, wollte jedoch wiederum möglichst mittags da sein. So verlegte ich meinen geplanten Start nochmals etwas vor: Halb 7 in der Früh sollte Abfahrt sein. Geplant waren 80 Kilometer bis zum Ort Nuwerus, 10 Kilometer hinter Bitterfontein. Dieser liegt direkt an dem Abzweig weg von der Hauptstraße über eine Gravelroute Richtung Küste, sodass man am nächsten Morgen diesen Abschnitt direkt angehen kann.

Luxus hier: Ein windgeschützter Zeltplatz!

Hochmotiviert ließ ich mich daher um halb 6 Uhr wecken und packte noch im Dunkeln mein Zeug fertig, um im Sonnenaufgang dann loszufahren. Dank meiner Routine mit vorbereiteten Overnight Oats zum Frühstück ging’s auch zackig und ich war wie geplant früh auf dem Weg.

Zu Beginn gab es natürlich wieder einmal – Höhenmeter! Schließlich musste man ja aus dem Tal, in dem Garies liegt, wieder raus. So gab’s gute 250 Höhenmeter erstmal als Aufwärmen zum Morgen, jedoch immer begleitet von super Rückenwind. Als es nach diesem Anstieg dann über längere Zeit wieder mehr bergab ging durch die immer noch malerische und vielleicht mittlerweile etwas grünere Landschaft, flog man wieder regelrecht.

Nebenbei wurde auch die Provinz Nordkap verlassen, man rollte hinein nach „Westkap“ – willkommen in der Zielprovinz!

Willkommen in der Zielprovinz!

Mehr oder weniger pünktlich an dem Schild begann dann auch wieder der neuerliche Bergaufteil. Über fast 30 Kilometer ging es immer leicht bergauf – Erinnerungen an Namibia wurden mal wieder wach. Schließlich war man am fortgeschrittenen Vormittag bereits in Bitterfontein, wieder auf einer Art Hochplateau.

Ich legte an der Tanke des Ortes einen kleinen Kaffeestopp ein, hatte alle Zeit der Welt, nicht mal 10 Kilometer vor meinem angepeilten Ziel: Nuwerus.

Die Pause verbrachte man jedoch lieber drinnen. Es hatte nun kaum 20 Grad, durch den Wind fühlte es sich eher an wie weniger als 15 Grad. Zur Erinnerung: Am Vortag hatte es hier noch 15 Grad mehr. In Südafrika im Frühling erlebt man quasi drei Jahreszeiten in kurzer Zeit auf einmal. Der Körper muss hier einiges aushalten und Anpassungsfähigkeit beweisen bei den sich ständig ändernden, äußeren Bedingungen.

Ich war ganz froh, als nach 10 weiteren hügeligen Kilometern Nuwerus am späten Vormittag vor Ende des guten Windes erreicht war. Auf einem netten Campingplatz in dem Ort baute ich mein Zelt auf, wiederum gottseidank mit Windschutz.

Schlafplatz.

Der wiederum super einladende Gastgeber sprach mich auf mein Springbok-Trikot an. Da es Samstag war, lud er mich sofort zum Rugby-Schauen ein am Nachmittag: Die Springboks gegen Argentinien. Vorher verwöhnte er mich noch bei köstlichem Kaffee und Kuchen.

Einen Haken hatte die Sache jedoch: Es gab zwar einen Lebensmittelmarkt direkt hinter der Unterkunft, als ich etwas besorgen wollte, pfiff mich der Gastgeber zurück: Am Samstag ist bereits um 12 Uhr geschlossen, am Sonntag ist sowieso zu.

Mist! Ich hatte nichts mehr außer Haferflocken mit Tomatensoße und Dosensardinen…na gut, dann muss zum Notfall wohl das mal wieder reichen!

Am Nachmittag das Rugby-Match anzuschauen, war als bekennender Fußballfan eine durchaus angenehme Abwechslung. Der Gastgeber gab mir einen Crashkurs zu den wichtigsten Regeln (bspw. Wurf nur nach hinten, nur Schuss nach vorne), dann ging es auch schon los. Die Gauchos zeigten sich überraschend stark, jedoch konnten sich die Springboks am Ende knapp durchsetzen. Und ich bin immer wieder überrascht, was für ein – sorry – Weicheiersport Fußball im Vergleich hierzu ist. Die geben sich laufend Boeychecks mit vollem Anlauf und stehen auf, als wäre nichts gewesen…

Gemütlicher Rugby-Nachmittag.

Am Abend, mit der tieferstehenden Sonne, wurde es dann schnell ziemlich ungemütlich. Ja, fast frisch! Der Wind war wahrhaft beißend. So verschwand ich schnell in meinem kuscheligen Schlafsack im Zelt.

Früh starten war mal wieder Trumpf. Es sollte eine Meilensteinetappe sein: Die Rückkehr an den Atlantik wartete, inklusive einer nochmals kleinen Graveleinlage. Es sollte Gegenwind vorherrschen, der aber mal wieder bis zur Mittagszeit im Rahmen ist. Also ab dafür!

Wiederum war ich um halb 7 in der Früh auf dem Weg, bereit für eine Wiederankunft an der Küste. Direkt hinter Nuwerus ging der Gravel los, wiederum mit einem 100-Höhenmeter-Anstieg direkt zum Frühstück. Oben angekommen gab’s eine Abfahrt, die in hügeliges Auf und Ab überging. Der Gravel wurde furchtbar waschbrettig und auch sandig, ich fühlte mich an namibische Straßenverhältnisse zurückerinnert. Das ein oder andere Fluchen war unvermeidlich, die Gelenke wieder ordentlich belastet…

Oben angekommen.

Immerhin hatte der Spuk nach knapp 30 höhenmeterreichen Kilometern ein Ende und man konnte wieder auf bestem Asphalt daherrollen, tendenziell immer weiter bergab in die Stadt Lutzville, ca. 30 Kilometer von der Küste entfernt gelegen. Ich überlegte, einen kleinen Stopp einzulegen. Aus Gründen des aktuell noch nicht schlechten Windes entschied ich mich jedoch dagegen: Komm Junge! Durchziehen und dann das Meer genießen!

Begleitet übrigens wiederum, wie auf obigem Bild bereits sichtbar, von nasskaltem Gewölk. Ja, zwischendurch nieselte es sogar etwas aus dem Hochnebel – brr!

Nein, in die Hose habe ich mir trotz aller Umstände nicht gemacht.

Nach Lutzville stellte sich einem ein nochmals grimmiger, langgezogener Anstieg in den Weg, ehe die nachfolgende Abfahrt die ersten paar Küstenblicke freigab. Die letzten knapp 10 Kilometer bereits an der Küste frischte der Gegenwind. Aber egal – ich war ja quasi am Ziel.

Wieder zeitig am späten Vormittag war nach wieder 80 Kilometern Strandfontein erreicht. Und damit auch das Meer, nach einer kurzen Abfahrt stand ich unten an der Küste – der letzte Meilenstein war erreicht, noch etwas über 300 Kilometer bis zum Kap der guten Hoffnung! Wie passend, dass es hier gleich einen Platz zum Aufstellen des Zeltes gab in bester Premiumlage am Meer.

Erster Meeresblick.
Zurück am Meer.

Nach einer kurzen „Siesta“ nach diesem doch intensiven Vormittag kundschaftete ich die wunderschöne Strandpromenade aus. Wie passend, dass zum späten Mittag auch das Hochnebelgewölk verschwand und einer sonnigen, zweiten Tageshälfte Platz machte. Das türkise Atlantikwasser bot sich gerade zu für eine Erfrischung. Bei 13 Grad Wassertemperatur und einem frischen Wind musste ich jedoch ausnahmsweise mal passen – ich bin wirklich zu einem ernsthaften Warmduscher geworden.

Paradiesisch, aber kalt…

So begab ich mich stattdessen auf Lebensmittelfang in dem Dorfladen, der hier gottseidank auch sonntags offen hatte. Auf dem Campingplatz traf ich andere Overlander. Beispielsweise zwei Motorradfahrer aus Kapstadt oder auch ein niederländisches Paar, das seit langer Zeit den „Nomadenlifestyle“ im Camper lebt.

Spaziergang.

Bei interessanten Gesprächen ging der Nachmittag schnell vorbei, ehe es mit dem frischen Wind nach einem genussvollen Sonnenuntergang über dem Meer schnell frisch wurde und ich mich schnell im warmen Zelt verkroch.

Schlafplatz in wahrer Premiumlage.
Zum Träumen.

Nun konnte ich es entspannt angehen lassen. Mein Plan war, nur von Bucht zu Bucht zu fahren und die anderen beiden aufschließen zu lassen, dass man ja eventuell gemeinsam ins Ziel „einrollen“ kann. Gewissermaßen „Beachhopping“.

Für den nächsten Tag waren so nur knapp 45 Kilometer bis zum nächsten Küstenort, Lamberts Bay, geplant. Ich schlief mit halb 8 für meine Verhältnisse aus und machte mich ganz entspannt fertig. Der Gegenwind war nun omnipräsent. Am Morgen natürlich immer deutlich schwächer als nachmittags.

Nach wärmer Verabschiedung von meinen Overlander-Bekanntschaften machte ich mich entspannt auf den Weg. In einer kleinen Siedlung fünf Kilometer weiter, Doringbaai, legte ich nochmal eine Kaffeepause ein. Allerdings: Wer an Mittelmeerfelling hier denkt, der täuscht sich. Der Wind war auch vormittags wieder ungemütlich, eine Jacke beim Kaffeetrinken draußen unverzichtbar.

Stärkung vor dem Gravel.

Alsbald wollte ich nicht weiter auskühlen und trat wieder in die Pedale. Hinter der Siedlung sollte es wieder auf eine Gravelstraße gehen, die immer parallel neben einer Bahnlinie verläuft. Die App „Komoot“ schlug mir jedoch eine Abkürzung direkt an der Küste vor. Warum nicht?!

Wenn man in all der Zeit jedoch eins gelernt haben sollte, dann, dass man Komoot nicht blind vertrauen darf. So leider auch diesmal. Am Anfang war die Piste nur etwas waschbrettig, der Sand aber noch überschaubar. Das änderte sich jedoch alsbald und so manche Tiefsandpassage machte Schieben erforderlich. Besser wurde es dann auch nicht mehr. Man war froh, wenn man zwischendrin mal ein paar Meter fahren konnte, ehe man sich in der nächsten Sandbank wieder festfuhr.

Der Anfang: Schon nicht optimal, aber noch fahrbar.

Ich fluchte leise vor mich hin und schob wahre Aggressionen auf Komoot, während ich die Kilometer runterzählte, bis der Weg wieder auf die Bahnlinie trifft. Im Schneckentempo kämpfte ich mich durch. Ein wahres Oberkörperworkout, da man stellenweise mehrere 100 Meter durch den tiefen Sand schieben musste. Ca. 2,5 Stunden brauchte ich für die etwas über 20 Kilometer, bestimmt mindestens fünf davon schiebend. Immerhin: Auf dieser ganzen Passage habe ich mehr Schildkröten, als Menschen gesehen.

Die Schildkröte guckt mir beim Schieben zu…

Abgekämpft und erschöpft kam ich dann endlich wieder auf die Gravelstrecke an den Gleisen. Nun war der Weg wieder gut fahrbar. Aufgrund von nur noch etwas über 10 Kilometern bis Lamberts Bay verzichtete ich auf eine Pause und brachte diesen Weg letztlich schnell hinter mich, bevor der Gegenwind zu stark auffrischte.

In Lamberts Bay traf man schließlich wieder auf Asphalt. Ich ging auf den Caravan-Platz, stellte mein Zelt auf und erklärte den Fahrradtag mal wieder für beendet. Zu Fuß kundschaftete ich bei mittags wiederum aufreißender Bewölkung den wunderschönen Strand aus und besorgte mir Lebensmittel im Spar im Ortszentrum.

Das Kneifen vor dem Einstieg in das Wasser vom Vortag wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Ich biss die Zähne zusammen und tauchte einmal ein in die kalten Atlantikfluten, als ich den Strand genoss.

Einmal überwinden…
Die Bucht von Lamberts Bay.

Ohne erwähnenswerte Vorkommnisse ging der Tag zu Ende und ich plante bereits den nächsten Tag: Das nächste Ziel war Elands Bay, ca. 27 Kilometer entfernt. Die kurzen Etappen in Verbindung mit der malerischen Küste – es hatte etwas von Kurzurlaub am Ende dieser Fahrradreise.

Aber nicht temperaturtechnisch: Im Zelt war nachts wiedermal ein Pullover im Schlafsack obligatorisch. In der Früh weckte mich am nächsten Tag ein nasskalter Küstennebel. Ohne Zeitstress ließ ich es entspannt angehen und frühstückte noch in einem kleinen Café im Ortszentrum. Der Nebel ließ sich jedoch Zeit, weshalb ich auf den ersten Asphaltkilometern nochmals ordentlich in meiner Windjacke strampeln musste, damit man überhaupt warm wird. Es war das Feeling eines nasskalten Novembertages in der Heimat – die Akklimatiserung an die Rückkehr Ende Oktober beginnt bereits hier in Südafrika.

Entspannter Tagesstart.
Ungemütlich…

Als ein neuer Abschnitt auf der Gravelstraße neben der Zuglinie begann, riss es dann alsbald auf und die Sonne heizte ordentlich ein. Zudem kam ich zum letzten Mal in Genuss von katastrophalem Gravel. Die letzten Kilometer bis Elands Bay wurde man auf sandigem Waschbrett nochmals ordentlich durchgeschüttelt. Wird Zeit, dass das endlich ein Ende hat…

Küsteneindrücke: Der Nebel verschwindet…
Kurz vor Elands Bay: Durchfahrt eines Güterzuges.

Immerhin: Die Etappen waren kurz und entsprachen so trotz mancher widriger Bedingungen eher einer entspannten Kaffeefahrt. Am späten Vormittag wiederum war der paradiesische Strandort direkt an einer Steilküste erreicht und ich stellte mein Zelt wiederum im Caravanpark in Premium-Lage am Strand auf.

Wunderbare Bucht.

Das kleine Örtchen hatte immerhin einen Supermarkt, ein nettes Café sowie einen Shop für Chinaware zu bieten. Hier holte ich mir für 2 Euro einen Adapter für britische Steckdosen. In Südafrika kommt man nämlich manchmal wahrhaft an seine Grenzen, einen europäischen Stecker zum Aufladen von Powerbanks und Handy zu finden…so konnte endlich Abhilfe geschaffen werden.

Ich genoss ein wenig den Strand und nahm wieder ein kurzes, erfrischendes Bad in den nun 14 Grad kühlen Wellen – zweiter Badetag in Folge, wenn man so will.

Die paradiesische Lage inklusive der Ruhe – ich überlegte tatsächlich, hier noch einen vollen Tag zu bleiben und einfach noch etwas Kurzurlaub auszureizen. Schließlich wollte ich die anderen beiden ja auch aufholen lassen. Am Nachmittag bekam ich jedoch von Jannick eine Nachricht, dass er und Millot noch andere Pläne haben und länger an der Küste verweilen wollen und erst später nach Kapstadt kommen möchten. Ich bräuchte nicht zu warten. So warf ich meine Pläne wieder um. Sicher, die Küste ist sehr schön. Große Abwechslung bezüglich möglicher Beschäftigungen bot sie jedoch auch nicht. Und so kurz vor dem Ziel möchte man das Ding halt auch irgendwann mal „zumachen“. Zudem sehnte ich mich bei all den kalten Zeltnächten auch langsam mal wieder nach einem warmen Bett. Kapstadt ist sicherlich der geeigneteste Ort, um noch länger die Zeit zu genießen…

Lange Rede, kurzer Sinn: In diesem Moment stand fest, dass ich vorerst alleine ins Ziel „einrollen“ werde. Sicher ist es schade, wenn wir so lange gemeinsam geradelt sind. Dennoch sagte ich mir hier: That’s life! Dann sehen wir uns halt in Kapstadt wieder und verbringen noch ein paar schöne Tage vor dem Heimflug. Nun wollte ich mich also nicht länger aufhalten und das Ding zügig zu Ende bringen…

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