Eine große Stellschraube in der Vorbereitung, auf die mich viele angesprochen haben: Wie bereitet man sich eigentlich fitnesstechnisch auf ein solches Unterfangen vor? Schließlich muss bald ein Fahrrad mit über 20 Kilogramm Zusatzgewicht bewegt werden – das kostet einiges an Kraft.

Ehrgeizig und voller Tatendrang – so bin ich halt nun mal – legte ich beim Erhalt des Reisebikes gleich los und spulte Kilometer um Kilometer ab. Das Gepäck war zu dem Zeitpunkt natürlich noch mehr als unvollständig. Ob das denn wirklich effektiv auf die Belastung vorbereitet? In mir wuchsen nach einigen Tagen leise Zweifel. Sollte ich doch lieber auf Krafttraining setzen für Waden und Oberschenkel? Aber bringt das wirklich was, wenn ich mich in der Vorbereitung nur auf den Unterkörper konzentriere? Dann doch lieber gleich Ganzkörper, um Dysbalancen zu vermeiden. Neben nur noch gelegentlichen Ausfahren des neuen Fahrrads entschied ich mich also dazu, jeden Tag 20-minütiges Ganzkörper-Workout zu starten, bestehend aus Klassikern wie Liegestützen, Kniebeugen oder auch Planks.

Sobald ich mein Gepäck vollständig habe, sollte dann noch die ein oder andere Probetour erfolgen, um sich an die Zusatzbelastung zu gewöhnen. Aber bloß nicht übertreiben, dachte ich mir. Bald verbringe ich eh extrem viel Zeit im Sattel, und der Körper wird sich aufgrund dieses Umfanges schnell an die Belastung gewöhnen. Wie sagte Jannick auch: „Die Grundlagenausdauer solltest du haben, der Rest kommt dann von alleine beim fahren.“ Auch andere Stimmen aus meinem Bekanntenkreis schlugen in dieselbe Kehre und meinten, ich solle einfach losfahren und der Rest wird sich dann schon im Laufe der Tour ergeben.

Natürlich – so ehrlich bin ich – bekräftigten diese Rückmeldungen meiner Mitmenschen meinen inneren Schweinehund: „Ach, mach dir mal nicht so einen Stress – du wirst da auch ohne viel Training schnell reinkommen. Im Gegenteil: Verschieß doch nicht all dein Pulver, bevor es überhaupt noch nicht losgegangen ist. Erschwerend hinzu kamen das doch immer wieder wechselhafte und phasenweise auch regen- bzw. unwetterträchtige Wetter in Süddeutschland im Frühsommer 2024, sowie natürlich die EM 2024. Auch wenn ich ein eher zurückhaltender Alkoholkonsument bin, so kam man bei dieser vierwöchigen Dauerparty für Fußballfans, zu denen ich mich definitiv zähle, kaum umhin, nicht doch mal regelmäßig das ein oder andere Kaltgetränk zu kippen. So würde jeglicher ernstzunehmender Trainingseffekt wohl eh sofort wieder im wahrsten Sinne des Wortes in einer Mischung aus Hopfen, Malz und Wasser „weggespült“ werden. „Also nimm das Training im Vorfeld mal nicht so ernst“, sprach meine innere Stimme zu mir – „es bringt bei den Umständen eh wenig, solltest du dich wirklich konsequent drauf vorbereiten wollen. Konzentrier dich lieber darauf, dass alles Organisatorische und die Ausrüstung etc. passen. Die Fitness wird dann schon während der Tour kommen, wenn du hierbei dann auch wirklich auf deinen Körper achtest und auch Alkohol erst einmal weglässt. Genieß jetzt lieber die Heim-EM mit allem was dazugehört, so etwas kommt nicht so häufig vor.“

Beim Jedermannturnier im Heimatdorf (übrigens – wie sollte es anders sein – als Champion beendet) wurde mir bei 32 Grad und 23 Grad Taupunkttemperatur bewusst, wie sich das Radfahren in den Tropen wohl anfühlen wird. Wenn man schon bei 7x 10 Minuten Fußball spielen – zugegebenermaßen unter zumindest leichtem Alkoholeinfluss – auf dem Zahnfleisch geht…na ja, meldete sich meine innere Stimme mal wieder: „Lass es jetzt einfach mal auf dich zukommen. So wie mit den Höhenmetern wird es auch mit der Hitzebelastung. Du fängst an im gemäßigten Norden Deutschlands, fährt dann Richtung Südwesten, wo es auch mal warm werden kann im Juli und August, dann machst du in Frankreich und auf der iberischen Halbinsel erste Hitzeerfahrungen, ehe Sahara und Tropen warten und du hierfür bereits genug akklimatisiert bist, um ohne Probleme durchzukommen!“

Zähneknirschend und mit doch leichten Sorgenfalten ergab ich mich diesem hartnäckigen, inneren Schweinehund, der nicht locker lassen wollte. So war mir definitiv bewusst, dass der Anfang hart werden würde, bis sich der Körper an die Belastung angepasst hat. Hierauf meldete sich wieder mein innerer Schweinehund: „Wenn du dich nun dazu entscheidest, ganz im Norden Deutschlands zu starten, hast du doch am Anfang eh kaum Höhenmeter – da kannst du dich entspannt warmfahren im Flachland, ehe es auf bergigen Strecken wirklich ernst wird.“ Ein weiterer Punkt, der mich in meiner bequemlichen Haltung belässt, ist der Verschleiß. Ich möchte mein Fahrrad ja doch noch schonen – damit es dann so bald es losgeht, wie auf dem Servierteller bereit ist zum losfahren. Ok – Schweinehund 1, Sportlergewissen 0.

Trotzdem wusste ich, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin: Trotz fehlender Höhenmeter wird der Start so verdammt hart werden, wenn man sich Etappen von 80, 90 Km als Ziel setzt – und zwar täglich. Aber da muss ich dann wohl durch, und ich tue es ja freiwillig. Wenn etwas unerschütterlich ist, dann natürlich Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Wille. Diese drei Tugenden werden mich hoffentlich durch die ersten ein, zwei Wochen bringen, bevor ich mich an das neue Bikepacker-Leben gewöhnt und eingegroovt habe. Wie bereits erwähnt und von vielen Seiten mehrmals bestätigt: Der Körper gewöhnt sich schnell. Es wird ein endlicher Zeitraum sein, ehe die Qual und Schinderei hoffentlich schnell zum Genuss und Lebenselixier werden. Augen zu und durch! Zur Not helfen Kohlenhydrate und der ein oder andere Regenerationstag!

Außerdem – so offen und ehrlich muss ich sein – war ich noch nie DER passionierte Radfahrer. Klar, hin und wieder mal eine Tour, vielleicht auch etwas länger, war schon drin. Insgesamt sah ich mich jedoch eher dabei, auf 3000er Berge zu wandern und stellenweise auch zu klettern. Ja, ich möchte bezweifeln, das Radsport mein Lieblingssport ist bzw. war. Besonders mein Allerwertester machte mir bei längeren Radtouren oft unmissverständlich klar, dass ich aus seiner Sicht doch lieber ein anderes Hobby ausüben sollte. Bei starkem Gegenwind habe ich mir schon oft geschworen, dass dies meine letzte Radtour gewesen ist in meinem Leben. Von „Spaß“ kann man hier wohl kaum sprechen.

Aber – und das ist ein großer Unterschied – wir radeln ja nicht, um Leistungssport zu betreiben bzw. des Fahrradfahrens wegen. Nein – wir fahren Fahrrad um zu reisen, und zwar in einem solchen Tempo, dass man alles noch einmal ganz anders und viel bewusster wahrnimmt, als wenn man sich in den Flieger hockt oder mit dem Auto über Schnellstraßen in seine Zieldestination fährt. Wir haben keinen Stress, müssen niemandem etwas beweisen. Wir fahren morgens los in unserem Tempo und genießen das, was wir auf unserer Strecke sehen und erleben dürfen. Jede Tour ist ein neues Erlebnis mit unendlich vielen Eindrücken – positiver und auch negativer Natur. Und genau diese Spannung, diese Aussicht ist das, was mich bzw. auch uns beide antreibt und uns dazu motiviert, auch mal in Phasen durchzuziehen, die demotivierend sein können – sei es wegen Ermüdung, Heimweh, einem schlichten mentalen Tief oder eben auch mal aufgrund von externen Faktoren wie dem Wetter. Stichwort Gegenwind, Unwetter, tagelanger Dauerregen oder auch häufige Pannen am Fahrrad, die Zeit und Nerven kosten werden.

Ok – genug des Philosophierens und des Spuckens großer Töne – in wenigen Tagen geht es in die Praxis und dann zeigt sich, wie sich die körperliche Verfassung und sonstige Faktoren während der Zeit im Sattel wirklich entwickeln werden.

Eine Antwort zu „Training”.

  1. Avatar von Michael Riegger
    Michael Riegger

    Jedermanntuniersieger 2k24 💪🏻💪🏻💪🏻

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