Die Anreise – aller Anfang ist schwer

Die letzten Tage vor Projektstart waren für mich von gemischten Gefühlen geprägt – im wahrsten Sinne des Wortes. Einerseits Anspannung ob der Touren und der Reise, die mich erwarten wird, aber auch etwas Wehmut, da man allen Freunden und Bekannten in der Heimat nun leise „Servus“ sagt. Andererseits auch Nervosität, da gleich die Anreise mit der deutschen Bahn aus Erfahrung ein kleines Abenteuer darstellen könnte. Ich bin nämlich noch nie mit einem Fahrrad ICE gefahren – geschweige denn mit einem Fahrrad, das 28 Kilogramm Zusatzgewicht hatte.

Nach letzten Vorkehrungen vergingen die Tage bis zum 17.07. doch relativ schnell. Bis zu diesem Tag war ich noch relativ entspannt, als dieser Mittwoch dann da war, kam die Aufregung jedoch umso heftiger. Jetzt ist der Tag also wirklich gekommen – der Tag, an dem ich die Heimat verlassen würde. Mittags würde ich mich aufs Fahrrad hocken, die 15 Km zum nächsten Bahnhof fahren und dann erst einmal nach München reisen, bevor es am 18.07. per ICE weiter in Richtung Norden gehen würde.

Am Vormittag kam ein guter Freund zu Besuch, um mich zu verabschieden. Er gab mir einen Talisman sowie einen Briefumschlag, den ich erst in Afrika öffnen solle – falls es mir mal schlecht geht. Spannend! Ich denke so lange kann ich mich gedulden 😉

Um 12:45 Uhr war es schließlich nach einer letzten Mahlzeit so weit – ich würde mich auf den Weg machen, bye bye für über ein Jahr! Fast flossen Tränen, die Stimmung war sehr wehmütig. Auch die ersten Kilometer auf dem Rad Richtung Bahnhof waren fast schon bedrückend. Dann ging der Blick jedoch nach vorne – jetzt zählt nur das Projekt Anreise! In unter 45 Minuten waren die 15 Km zum Bahnhof absolviert, sodass noch Zeit für kurze Entspannung war. Überraschenderweise war der erste Regionalzug pünktlich da und ich wuchtete meinen gefühlt tonnenschweren Drahtesel hinein. Der Zug war angenehm leer und ich hatte Platz. In Weilheim musste ich nach München umsteigen. Trotz 5 Minuten Verspätung ganz entspannt, da der Zug nach München ebenfalls Verspätung hatte – manchmal hat die „Zuverlässigkeit“ der deutschen Bahn doch Vorteile. 😉

Der Zug war voll, ich stand an meinem Fahrrad im Mehrzweckabteilung, aber letztendlich kam ich ohne Probleme und Kontrolle nach München – die 6,50 Euro für ein Fahrradticket hätte ich mir also auch sparen können.😅

Nach Ankunft genoss ich mit guten Freunden und bei einem (ja, wirklich nur einem!) letzten „lecker Bierchen“ den Abend auf dem Tollwood-Festival (einer von beiden sollte mich bald begleiten). Es hatte alles eine etwas nostalgische Stimmung, man wusste, dass am nächsten Tag die große Reise gen Norden ansteht.

Einer von beiden wird bald wieder in dem Blog auftauchen😉

Nach einigen Stunden Schlaf ging der Wecker um 7 Uhr. Noch schnell das Gepäck wieder fertig machen und ans Fahrrad, und ab zurück zum Hauptbahnhof radeln. 10 Minuten und einige riskante Überholmanöver von gestressten Pendlern später war ich am Abfahrtsort für meinen Zug in den Norden. Es ging entspannt los, ich trank einen Kaffee und unterhielt mich mit einer Französin, die anbot, beim Bestellen auf mein Fahrrad aufzupassen, über das Fernradeln. Nebenbei durften auch die Französisch-„Skills“ schon einmal wieder aufgewärmt werden 😉

Nach dem Smalltalk mit der charmanten Dame machte ich mich zeitig auf zum Gleis, um keinen Stress beim Einräumen des Fahrrades zu bekommen. Auf einmal die Ernüchterung: Der Zug kann noch nicht bereit gestellt werden, Abfahrt wohl 9:10 Uhr statt 8:50 Uhr. Na gut, dachte ich mir, ist zu verschmerzen. Ich ließ am Bahnsteig die Minuten ins Land streichen. Mittlerweile nach 9 Uhr und immer noch kein Zug in Sicht.

Wo bleibt der Zug?

Ich erblickte einen weiteren Reiseradler mit schwerem Gepäck. Ein etwas älterer Herr auf dem Weg nach Rostock zu einem Konzert. In seinen jungen Jahren war er wohl ebenso begeisterter Fernradler, erzählte von Touren im DACH-Raum, in Frankreich und über den Balkan bis nach Griechenland. Wir kamen ins Gespräch, ehe wir auf die Uhr schauten: 9:20 Uhr und noch immer kein Zug in Sicht. Schleichend wechselten die Gesprächsthemen zur Unzuverlässigkeit der deutschen Bahn, wir tauschten unsere Erfahrungen bezüglich Verspätungen und Ausfällen aus.

Ein paar Minuten später sollte der Zug dann tatsächlich einfahren. Dank der gegenseitigen Unterstützung beim Einräumen der Räder war diese Herausforderung entspannt machbar. Nach Abnahme des Gepäcks saßen wir an den Plätzen. Der Zug sollte jedoch weiterhin stehen. Grund: Die Ware ist noch nicht da. Stark – über eine halbe Stunde später kommt überhaupt erst der Zug und die Ware ist immer noch nicht da.

Um 9:36 Uhr – mit stolzen 46 Minuten Verspätung – kam der Zug schließlich ins Rollen. Aufgrund der Leere des Zuges entschied ich mich gegen meinen reservierten Platz und gesellte mich zu dem radbegeisterten Herren in den Vierer, um mit ihm über mögliche Routen zu quatschen. Er machte mir verschiedene Vorschläge zu schönen Varianten entlang der geplanten Tour. Freilich ging es erstmal nur um Europa – damit prahlen, dass ich vorhabe bis Südafrika zu radeln, wollte ich dann doch erstmal nicht 😆. Und es ist ja besser, erst einmal in kleineren Etappen zu denken.

Ich glaube, ich habe den Herren auch auf andere Gedanken gebracht. Dieser war nämlich ursprünglich außer sich, da er um 18 Uhr in Rostock bei einem Konzert sein wollte – was dank der Verspätung wohl nun unmöglich sein dürfte. Mit unserem Austausch konnte ich ihm etwas Abstand von seinem „Schlamassel“ gewähren.

Die Fahrt begann dann so, wie man es halt kennt: Immer mal wieder werden eine oder zwei Minuten mehr Verspätung herausgefahren, inklusive einer fünfminütigen Verzögerung aufgrund einer „Türstörung“. Immerhin behielt der Sprecher der Bahn seinen Humor: „In wenigen Minuten erlangen wir Erlangen.“ Immerhin unterhielt ich mich weiterhin nett mit dem Herr, den es in Richtung Rostock zieht. Er gab mir Tipps, wo ich eventuell bei meiner Ausrüstung aussortieren kann – schau mer mal. 😉

Weiter ging es über Erfurt, Leipzig und Lutherstadt-Wittenberg Richtung Berlin, wo meine Bekanntschaft mich schließlich leicht gestresst verließ aufgrund der Verspätung. Halt für Halt sammelte der Zug mehr Verspätung an, in Berlin waren es schließlich 65 Minuten, sodass ich langsam sogar um den Regionalzug nach Flensburg zitterte, der eine Stunde später fahren sollte. Laut DB Navigator sollten mir noch 10 Minuten zum Umsteigen bleiben. Immerhin von Gleis 5 zu Gleis 6 – also direkt gegenüber. Ich bereitete mich akribisch vor und checkte, in welchen Abschnitten von Gleis 6 mein Zug hält. Dann muss ich im Zweifel schnell vom einen Ende des Bahnsteigs zum anderen und dann das Fahrradabteil zügig finden. Hoffentlich ist der Zug nicht bereits überfüllt, da laut Auskunft der deutschen Bahn ja die Fahrradmitnahme nur bei entsprechender Auslastung möglich sei.

Meine Sorgenfalten wuchsen, ob ich im Zweifel nochmal eine Stunde in Hamburg totschlagen muss. Zumal der Zugbegleiter meinte: „Ich würde mal noch so 5 bis 10 Minuten draufrechnen, bei dem Laden weiß man nie.“

In der App stand weiter Ankunftszeit 16:30 Uhr. So sollte das mit 13 Minuten Umstiegszeit doch entspannt sein, dachte ich mir. Vorsichtshalber ging ich bereits 10 Minuten vorher zu meinem Fahrrad, machte alles ausstiegsbereit und drängelte mich bereits an die Tür, begleitet von viel Nervosität. Schließlich kam der Zug doch „pünktlich“ um 16:31 Uhr in Hamburg Hauptbahnhof an, doch das Gleis für den Regionalzug nach Flensburg wurde kurzfristig von Gleis 6 auf Gleis 12 verlegt. Geistesgegenwärtig sprintete ich Richtung Aufzug, fuhr auf die obere Plattform, drängelte mich mit meinem breiten Bike durch die Menschenmassen und krallte mir den Fahrstuhl zu Gleis 12.

Unten dann kurz Verwirrung: Ein Zugteil fuhr nach Flensburg, der andere nur nach Kiel. Ich hielt in meiner Hektik nur nach dem Fahrradsymbol Ausschau. Da ist es doch! Schnell hingelaufen – nein! Dieser Zugteil fährt nach Kiel! Also wieder zurück gelaufen ans andere Ende vom Zug. Ganz hinten, am letzten Wagon, war schließlich der Fahrradraum – welcher bereits proppenvoll war mit Rädern. Das habe ich bereits befürchtet. Aber egal – ich wuchtete meinen Koloss hinein und tatsächlich – die netten Mitfahrer konnten mir tatsächlich noch eine Lücke für meinen Schlitten bereitstellen: „Du siehst so schwer beladen aus wie sonst keiner hier, dir geben wir mal Vorrang!“ Dieses Zitat kann man sich in entspanntem norddeutschem Slang vorstellen. Ich war einfach nur dankbar – es gibt doch noch rücksichtsvolle Menschen auf dieser Welt. Erleichtert fixierte ich mein Fahrrad mit meinem Expander und nahm es in Kauf, in dem komplett überfüllten Regionalzug zu stehen. Jetzt noch zwei Stunden Zugfahrt und dann noch 3 Kilometer zur Unterkunft und die Tagesaufgabe ist vollbracht! Da kann jetzt doch nichts mehr schief gehen, dachte ich mir!

Ich kam mit einer einheimischen Dame ins Gespräch, die mir noch Tipps für eine abendliche Erkundung Flensburgs an die Hand gab.

Der Zug kam schließlich 18:45 Uhr in Flensburg an. Ich radelte die knapp drei Kilometer zur Unterkunft. Jetzt schnell Fahrrad in die Unterkunft und nochmal Flensburg erkunden. Dann noch ein letzter Schock: Die Unterkunft war im 2. Stock, und der Zugang nicht barrierefrei. Also am Eingang alles Gepäck vom Fahrrad und schnell hoch aufs Zimmer tragen. Das Gleiche wird dann morgen früh wieder in umgekehrter Reihenfolge sein müssen – umständlich! So brachte ich nur kurz mein Gepäck aufs Zimmer und fuhr gleich nochmal die 5 Km zur Grenze zu Dänemark. Hier ist er also – der nördlichste Punkt der Tour. Ab jetzt geht es nur noch in eine Richtung: In den Süden!

Grenze zu Dänemark

Kurz den Moment genossen, wieder zurück geradelt und kurz Snacks für den nächsten Tag eingekauft inkl. Frühstück. Anschließend noch kurz die Abendsonne im Flensburger Hafen genossen, ehe ich nach einem kurzen Snack im Notfallimbiss namens McDonald’s 200 Meter entfernt unter diesen Tag einen Haken setzte (davor hatte ich bis auf drei Brote keine richtige Mahlzeit den ganzen Tag über).

Flensburg Hafen

Nun ist es also so weit: Der Wecker ist auf halb 7 gestellt – nach kurzem Frühstück und Zusammenräumen geht’s morgen früh endlich los mit Etappe 1!

Eine Antwort zu „Die Anreise – aller Anfang ist schwer”.

  1. Avatar von rieggermichael99
    rieggermichael99

    Der schwierigste Teil sollte geschafft sein 😉

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