Die ersten Tage: „Moin“ aus dem hohen Norden

Vor lauter Aufregung war ich natürlich schon vor dem Wecker um halb 7 wach. Ich lag bis zu jener Zeit eher noch wach im Bett, ehe ich mich aufmachte, um einen Kaffee zu trinken sowie drei Schinken-Käse-Toastsandwiches als Energiegrundlage einzuverleiben. Im Anschluss packte ich mein Zeug wieder zusammen, ehe ich wieder alles mit dem Fahrrad zwei Stockwerke nach unten tragen musste. Unten vor der Tür musste dann erstmal wieder alles am Fahrrad festgemacht werden. Es war dann auch 8 Uhr, bis ich mit allem fertig war. Jetzt aber los! Ziel: Kieler Bucht…nochmal mit kleiner Verspätung, da das GPS meiner Uhr mal wieder Probleme machte.

Schließlich ging es los, ich kämpfte mich erstmal aus dem Flensburger Stadtverkehr aufs Land. Nach einer halben Stunde kam ein Anruf – es war die Unterkunft: „Wo haben Sie denn den Schlüssel nach dem Checkout deponiert?“ Oh Mann, ich sollte ihn ja in die Box draußen tun, aber indem Gerödel aufgrund des vielen Gepäcks und fehlenden Aufzuges habe ich ihn wohl einfach in der Hosentasche vergessen. Gottseidank sind die Mitarbeiter wohl sehr früh auf Zack, sodass ich nur 10 Km entfernt war. Einer fuhr schließlich zu meinem gesendeten Standpunkt raus, um den Schlüssel zu holen – aus Kulanz ohne Zusatzkosten. Mal wieder Glück gehabt!

Ansonsten fuhr ich im leicht welligen Geläuf Schleswig-Holsteins so vor mich hin – bei besten Bedingungen: Entspannte 20 Grad mit einer leichten Brise Wind bei wolkenlosem Sonnenschein. Gewöhnungsbedürftig war das „Moin“, was mir regelmäßig bei Begegnungen zugerufen wurde. Ich musste mich jedes Mal aufs Neue zusammenreißen, nicht „Servus“ zu antworten. Nach zwei Stunden waren 40 Kilometer voll. Zur „Halbzeit“ ging es per Fähre über die ca. 100 Meter breite Schlei. Snackpause inklusive.

Der zweite Teil der Tour war freilich etwas weniger entspannt. Mit der Nähe der Ostsee wurde der auflandige Wind langsam spürbar, das Gelände war zwar nicht steil, aber es ging konstant bei 1° Steigung aufwärts. Zwei Pausen mussten daher eingelegt werden, um Kohlenhydrate in Form von Knoppers-Erdnussriegeln nachzulegen. Eine große Essenspause legte ich nicht ein, da ich vorher vergessen hatte, meine GPS-Uhr zu laden und diese ab Kilometer 60 „schwachen Akku“ anzeigte. Hier soll jeder Kilometer aufgezeichnet werden!Gegen 14 Uhr war das Ziel des Campingplatzes Kiel-Falckenstein schließlich erreicht. Juhu! Die erste Etappe im Kasten!

Ich freute mich jedoch nur kurz, da sofort die nächsten Schwierigkeiten warteten. Der Check-in für den Campingplatz ging nämlich erst ab 15 Uhr wieder aufgrund einer langen Mittagspause. Ich saß daher auf der Terrasse vom Restaurant (das ebenfalls erst 17 Uhr offen hatte, wird also nichts mit einer schnellen „richtigen“ Mahlzeit) und „drehte Däumchen“.

Um 15 Uhr konnte ich dann einchecken und mein Zelt aufbauen. Beim Auspacken im Zelt entstand schnell ein ausgewachsenes Chaos. Hajajaj, das morgen früh alles wieder einzupacken und abzubauen könnte Zeit fressen…

Na ja, fürs erste wars egal. Ich nahm mein Badezeug und genoss eine Abkühlung in der Ostsee direkt hinter dem Campingplatz. Verdient nach über 80 Kilometern mit Gepäck!

Das erste Mal Meeresflair – und das vorerst letzte Mal

Um 17 Uhr gab’s dann auch pünktlich etwas zu Essen – natürlich Nudeln, um die Energiereserven aufzuladen. Anschließend wurden sämtliche Regenerationscremes und eine Magnesiumtablette beansprucht. Meine Beine sind zwar nicht sonderlich kaputt, aber morgen stehen 110 Km an. Abgesehen von einem weiteren Strandabstecher am Abend ging dieser Tag daher recht ereignislos vorüber. Früh lag ich im Zelt, den Wecker auf 6:15 Uhr gestellt, um pünktlich 8 Uhr morgens los zu kommen. Nächstes Ziel: Wedel bei Hamburg!

Die Einpackerei zog sich zu Beginn doch noch etwas länger hin, inklusive Kaffeekochen per Brenner. Insgesamt war ich über 1 1/4 Stunden mit Kaffeetrinken und zusammenpacken von Zelt und Gepäck beschäftigt, ehe ich es doch um minimal nach 8 Uhr schaffte, loszufahren. Durch die herrlich grüne Innenstadt Kiels ging es raus aufs Land. Alles in angenehm frischer Luft. Im Städtchen Neumünster nervten mich nach langer Überlandfahrt jedoch nicht nur die vielen roten Ampeln – nein, ich merkte auch, wie es wärmer wurde. Eisern trat ich vor mich hin, um da zu sein bevor es zu krass wird. Alle 10 Kilometer groß getrunken inklusive einem großzügigen Schluck aus der Pulle. Immerhin spendeten Wald und so manche Allee zumindest zeitweise Schatten. 30 Grad im hohen Norden – und ich dachte, dass Hitze mich frühestens einige hundert Kilometer weiter südlich so richtig beschäftigen würde – was ein Irrglaube!

Brücke bei Kiel

Zu allem Überfluss musste ich auch noch einen kleinen Umweg fahren, da mitten auf der Route eine Demo gegen die AfD war. Ich habe an sich nichts dagegen, bin auch kein Fan der AfD – aber das hätte man ja auch an einem anderen Tag machen können. Immerhin kam ich so ins Gespräch mit einem Polizisten, der mich umleitete. Er sah mein vollbepacktes Fahrrad und fragte mich, wohin ich fahren würde, er sei auch begeisterter Radfahrer. Ich glaube, ich habe mich noch nie so nett mit einem Polizisten im Einsatz unterhalten – es war also auch ein schöner Aspekt der Tour!

Um ca. 15:15 Uhr kam ich knapp über 7 Stunden und 112 Kilometer später schließlich an bei meiner Tante. Nach kurzem Auspacken und einer Essenspause wurde der Elbstrand in Wedel aufgesucht. Nichts wie rein in die braune Plörre bei den schweißtreibenden Temperaturen! Gefühlt glänzte meine Haut nach dem Eintauchen in einem Ölfilm. Egal – den Nutzen der Abkühlung hat es erfüllt. Nach abendlichem Grillen mit zwei Bier (ja, ich wollte ab Tourstart auf Alkohol verzichten, aber die Inkonsequenz lässt grüßen…) wurde am Sonntag ein Ruhetag eingelegt.

Ein zumindest „zweitklassiger“ Hinweis, welcher Großstadt man sich nähert😉

Bei der Weiterfahrt zum Wochenstart gab es ein Kontrastprogramm: Nach einem Wettersturz über Nacht gab es typisch nordisch-windiges Schauerwetter. Nach Frühstück und einem Kaffee bei der Familie ging es auf die Fähre zur anderen Elbseite. In Horneburg traf ich auf Philipp, der sich über Instagram zum Mitfahren angemeldet hatte. Es folgte ein netter Austausch mit dem überraschend jungen Mitfahrer, sodass die 90 Km bis Bremen trotz Wind und ein paar wenigen Restschauern wie im Flug vergingen.

In Bremen angekommen traf ich auf einen weiteren Mitfahrer, der bereits auf dem Bild im vorherigen Blogbeitrag zu sehen war 😉. Beide kamen ebenfalls mit der Bahn angereist.

Na – wer erkennt ihn?😉

In Bremen gab es nach den 90 Km einen ruhigen Nachmittag im Stadionbad neben der Heimstätte des traditionsreichen SVW. Einem gesprächigen Abend und einer kurzen Nacht folgte die Etappe Richtung Dümmersee, diesmal zu dritt. Wieder 90 Km. Mit der Gefahr von Schauern und Gewittern, weshalb wir ab halb 8 auf der Strecke waren. Es lief, bis wir bei einer Pause nach 20 Km einen Blick auf den Regenradar warfen: In einer Stunde soll sintflutartiger Regen mit 20 Litern in einer Stunde niederprasseln. Wir fuhren noch 10 Km bis zum nächsten Ort und beschlossen, in einer Bäckerei ein zweites Frühstück einzulegen und den Regen auszuharren.

Abkühlung direkt neben dem Traditionsstadion

Als nach einer Stunde Kaffee und Kuchen bis auf ein paar Tropfen immer noch nichts durchzog, wurden wir stutzig. Der Blick auf die Wettervorhersage zeigte tatsächlich: Die Schauerzelle zog quasi komplett vorbei. Danke für Nichts! Immerhin eine lange Pause. Es sollten jedoch noch leichte Schauer folgen.

Allein auf weiter Flur

Uns war es egal: Wir fuhren nun weiter und schauten einfach. Tatsächlich sollten wir auf den gesamten 90 Km komplett trocken bleiben, obwohl es links, rechts, vorne und hinten immer wieder „grummelte“. Der an diesem Tag eingestiegene Mitfahrer hielt sich trotz des wenigen Trainings wacker, zog die 90 Km durch. Gegen 16:30 Uhr war das Ziel Dümmersee erreicht, und die Gegend rund um den See war dank der drei Ankömmlige im wahrsten Sinne des Wortes nun ein bisschen „dümmer“ 😉.

Mit einem Sprung in den vom Wind aufgewühlten See wurde das Kapitel Norddeutschland offiziell beendet. Morgen wird Niedersachsen verlassen und der Weg führt weiter nach Nordrhein-Westfalen. Und es warten nun die ersten „ernsthaften“ Höhenmeter nach 400 Km mehr oder weniger durch die Ebene.

Abkühlung nach 90 Km fühlt sich an wie Freiheit pur

2 Antworten zu „Die ersten Tage: „Moin“ aus dem hohen Norden”.

  1. Augenmerk auf „mit einem Polizisten im Einsatz“ 😂😉

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    1. Haha ja ich habs bewusst so formuliert 😉😅😅

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