Raus aus der Stadt Tetouan hatten wir in unserem Lager bereits unser erstes richtiges Marokko-Highlight vor Augen: Die Stadt Chefchaouen mit ihren bekannten blauen Gassen wartete auf uns – nicht einmal 50 Kilometer entfernt. Der Blick auf die Höhenmeter bei der Eingabe in Komoot ließ uns jedoch ein wenig die Kinnlade herunterfallen: Knapp 1.000 Höhenmeter mussten überwinden werden – wir spürten immer mehr, warum viele uns vor dem bergigen Marokko warnten.
Na ja, es half ja alles nichts. Und es waren ja nur 50 Kilometer – also Augen zu und durch. Ich stellte den Wecker auf 7:30 Uhr. Wir waren nun wieder in der westeuropäischen Zeitzone angekommen, bzw. der mitteleuropäischen Normalzeit. Das hieß, dass es wieder eine Stunde früher hell wurde.
Der Blick beim Ausstieg aus dem Zelt in der Früh war durchaus skurril: Zwei „Penner“, irgendwo im Wald am Schlafen in ihrem Chaos. Ich konnte es mir kaum verkneifen, ein bis zwei Fotos zu machen.

Wie auf dem Foto zu sehen, wurden die Taschen gar nicht abmontiert, um schnell startklar zu sein. Früh waren wir fertig, um die 50 Kilometer in die blaue Stadt hinter uns zu bringen.
Zuerst ging es ganz entspannt die ersten Höhenmeter weiter den Berg hoch bis zum zwischen den Felsen des Rif-Gebirges gelegenen Ort Zinat, vorbei an einem malerischen Stausee.


Als die Bewölkung in dem Gebirge nach dem Ort insgesamt zunahm, galt gleiches auch für die Steigung. Schnell bildeten sich bei unserem Viererteam zwei Gruppen: Laurin und ich preschten den Berg voran hoch, Christel und Jannick folgten entspannt dahinter.
Die Steigung war immer noch gut fahrbar, zog sich aber über gute 30 Kilometer hinauf von 150 Metern auf unserem Zeltplatz bis auf 650 Meter. Insgesamt wurden daher recht entspannt die ersten 600 Höhenmeter mit Gegenanstiegen bewältigt, gemeinsam mit Laurin.
Auffällig waren die vielen Kinder am Straßenrand, die einem mit mitleidsvollem Blick ihre Beeren verkaufen wollten. Das tat einem echt in der Seele weh – aber leider brauchte ich in dem Moment einfach nichts, mit einem „Je suis desolée“ aus schwerem Herzen über die Lippen gebracht…
Laurin brauchte dann doch etwas in dem kleinen Dörfchen auf „Passhöhe“ beim Markt, während ich bereits die rauschende Abfahrt genoss. An einem malerischen See ca. 200 Höhenmeter weiter unten machte ich Pause, um wiederum auf Laurin zu warten. Nachdem wir gegenseitig Fotos voneinander an dem Bergsee schossen, ging es immer weiter runter – mehr als entspannt.

Schließlich waren wir ca. sieben Kilometer vor dem Ziel wieder auf 250 Höhenmetern. Chefchaouen lag auf knapp 600 Höhenmetern – diese sieben Kilometer mit 350 Höhenmetern hatten es dementsprechend mehr als in sich. Zwischendurch ging es über einen Kilometer mit deutlich über 10 Prozent – in der Spitze bis zu 15 Prozent – den Berg hinauf.
Eisern wurde hochgekurbelt, das Ziel mit den blauen Häusern oben am Berg bereits vor Augen. Laurin zollte mir Respekt: „Wie du hier mit deinem Gepäck bei der Steigung noch hochfährst – echt stark!“ Das Kompliment nehme ich gerne an, du bist aber auch keinesfalls schlecht unterwegs hier!

Kurz vor dem Ort lehnte sich das Gelände immerhin auch wieder etwas zurück. Nach einer weiteren „krassen Rampe“ mit um die 15 Prozent war laut Komoot das von Jannick gebuchte Hostel erreicht – nanu?! Wo ist es denn jetzt?!
Ich schaute auf Google Maps nach – Komoot hatte uns nur an den Rand der Altstadt mit den vielen Gassen geschickt. Wir kannten uns nicht aus und standen vor Treppen, die in die Altstadt führten. Schließlich bot uns ein Einheimischer seine Hilfe an und wies uns den Weg zum Apartment. Wir dachten uns bereits, dass er Geld haben will – und tatsächlich verlangte er nach Erreichen des Hostels 50 Dirham von uns.
Wir blieben in diesem Fall stur: „You didn’t say before that you want money – you seid helping, not working for money.“ Der Mann behaarte auf seiner Geldforderung, wir auf unseren Prinzipien – ehe er mit einigen marrokanischen Flüchen und wütendem Gesichtsaudruck verschwand.
Schwamm drüber – Laurin und ich verstauten unsere Räder im Abstellraum des ebenso blau gestalteten Hostels, checkten ein und machten einen ersten Spaziergang durch Chefchaouen – die engen, blauen Gassen haben durchaus ihren „Vibe“. Auf dem Hauptplatz tummeln sich derweil die Touristen in den Restaurants. Die Altstadt ist ein einziger großer Markt. Restaurants, Imbissbuden und Läden reihten sich nur so aneinander. Schnell wurden bei dem Spaziergang und entsprechenden Preisen die am Berg gelassenen Kalorien auch wieder reingeholt.

Ebenso konnte man fast eine Strichliste führen, wie oft man angesprochen wurde wegen des Konsums von Haschisch – und wie oft das Gegenüber behauptet, sein Stoff wäre der Beste der Umgebung! Jajajaja…nichts gibt’s!
Auffällig waren zudem die vielen Fußballfans, insbesondere vom FC Barcelona. Der Name Lamine Yamal war hierbei sehr dominant, sehr naheliegend bei seinen marrokanischen Wurzeln.
Als Jannick und Christel später auch eintrafen und wir gemeinsam einem abendlichen Spaziergang über den Markt unternahmen, bildete ich mir schließlich ein, beim Vorbeilaufen ein bekanntes Gesicht gesehen zu haben. „Das ist keine Einbildung, dieses Person kenne ich, glaube ich“, ließ ich die anderen wissen.
Schließlich konnte ich mich dazu durchringen, einmal den Namen zu rufen – und tatsächlich: Da trifft man tatsächlich eine ehemalige Mitstudentin aus dem Master zufällig irgendwo in Marokko – die Welt ist doch so klein. Diese Begegnung war wahrlich die Kirsche auf die Torte eines wahrhaft „crazy“ Tages, nebenbei der 100. Tag dieser Reise seit Aufbruch in Flensburg. Standesgemäß, würde ich mal behaupten!

Wirklich geschafft von dem ereignisreichen Tag fiel man schließlich ins Bett – morgen mal nicht Fahrradfahren, sondern lediglich erholen und Chefchaouen genießen!
Wer mich kennt, der weiß jedoch, dass ich bereits um halb 8 wach war, mir bei den zahlreichen Läden in der Altstadt bereits ein kleines Frühstück gönnte, während die Mitreisenden noch in Träumen schwelgten.
Der morgendliche Spaziergang durch die blauen Gassen in voller Stille und ohne jegliche Menschen hatte auch eine ganz besondere Stimmung – aufgrund dessen bin ich einfach Morgenmensch, die beste Tageszeit!


Als ich zurück war, starteten die anderen auch so langsam in den Tag. Gemeinsam gingen wir satt marrokanisch frühstücken für umgerechnet unter vier Euro (für mich das zweite Frühstück an diesem Tag).

Anschließend wurde natürlich in den Marktgassen weiterhin das Kalorienkonto gefüllt, ehe wir am Nachmittag die Bilanz durch eine kleine Wanderung von etwas über zwei Kilometern und 200 Höhenmetern auf einen Aussichtspunkt über Chefchaouen nur etwas aufbessern konnten (ist ja letztendlich eh egal bei dem fast täglichen Fahrradfahren). Das war nochmal eine ganz andere Perspektive über die Stadt!

Als wir sahen, dass zwei andere Personen auf den Masten einer nicht fertiggestellten Seilbahn kletterten und Laurin sich anschloss, ließen Jannick und ich uns nicht lumpen und ließen ebenfalls spektakuläre „Insta-Bilder“ von uns schießen mit Gebirge und Stadt im Hintergrund in schwindelerregenden über 10 Metern Höhe 😉 Habe ich schon erwähnt, dass Jannick eigentlich Höhenangst hat, aber gleichzeitig auch Spaß daran, diese zu überwinden?

Allgemein haben die geröllig-felsigen Berge des Rif-Gebirges ein hochalpines Flair, wie man es sonst nur aus der Heimat kennt. Fast ein wenig „lechtalig“.

Erwähnenswert war zudem eine Begegnung im Aufstieg mit einem deutschsprachigen Afrikaner. Er wurde in Kenia geboren und musste Afrika als weißer Mann in jungen Jahren verlassen, lebte dann mehrere Jahre in den USA, bevor er kurz nochmal zurück nach Afrika ging und dann auch mehrere Jahre im DACH-Raum lebte, weshalb er Deutsch sprechen konnte. Aktuell mit Mietwagen unterwegs ist.
Wir diskutierten munter über die Konsequenzen einer Wiederwahl von Donald Trump in den USA oder auch das Müllproblem in Afrika. Er hatte hierzu einen eigenen, interessanten Standpunkt: „Die Leute haben hier einfach ein anderes Anspruchsdenken. So weit denken die gar nicht, sie brauchen die Plastikverpackung in dem Moment nicht, also wird sie weggeschmissen. Das ist vergleichbar mit der Gestaltung der Häuser in Afrika, wo oftmals beispielsweise der Türrahmen schief ist oder andere Sachen. In Europa wird auf sowas sehr viel Wert gelegt, in Afrika ist man froh dass man das Dach über dem Kopf hat, was anderes interessiert schlicht nicht. Genauso ist es mit dem Müll. Die Leute interessiert das Essen in der Verpackung, das andere ist ihnen egal.“
Nach vielen Ausblicken und interessantem Meinungsaustausch machten wir uns wieder auf ins Tal, um nach kurzer Pause im Hostel am Abend nochmal aufzubrechen, traditionell marokkanisch Tajine und Suppe zu essen.

Zu viert entwickelten sich wieder einmal interessante Gespräche, über die Müllproblematik kamen wir zum Thema Nachhaltigkeit. Eine Lösung, wie man den CO2-Zertifikatehandel von monetären Interessen loslösen kann oder den bei so gut wie allen Firmen dominierenden Scope-3-Fußadruck, also die Emissionen aus vor- und nachgelagerten Aktivitäten von Unternehmen von Rohstoffgewinnung bis zur Produktverwendung durch den Kunden, vergleichbarer gestalten kann als nach jetzigen Standards (ISO-Norm oder Greenhouse Gas Protocol), konnten jedoch auch wir nicht finden 😉
Tjaja, auch Jannick und ich werden mit einem Rückflug aus Kapstadt die eigentlich positive Klimabilanz unserer Reise noch einmal ordentlich ins Negative reißen.
Zurück im Hostel erlebte ich dann nochmal eine wahre Rarität auf dieser Reise: Der El Classico Real Madrid gegen FC Barcelona wurde übertragen, unter den Augen des mitfiebernden Hostelleiters.
Gemeinsam verfolgten wir den 4:0-Triumph des FC Barcelona mit den Hauptdarstellern Hansi Flick und Robert Lewandowski. „Congrats! Hans Flick was the best choice for your team“, gratulierte ich dem euphorisierten Hostelleiter. Er wird nicht der einzige Fußballfan voller Glücksgefühle an diesem Ort und Abend gewesen sein…
Aufgrund der vielen Fußballfans zog ich am Vorabend auch einfach mal mein FC-Bayern-Trikot an und musste mir direkt ein „Hahahha! 4:1! You are so bad!“ in einer Gasse anhören, da mein Herzensverein unter der Woche ebenso wie Real Madrid bereits untergegangen ist gegen diesen FC Barcelona. „8:2!“, entgegnete ich und ging weiter – liegt eben alles nur an Hansi Flick. Den Hintergrund meiner Antwort musste ich meinen im Bezug auf Fußball komplett desinteressierten Mitreisenden natürlich hinterher erst einmal erklären.
Ich war fast erstaunt, dass die drei sich anschlossen und im Hostel ebenfalls der Partie beiwohnten. Die Nachfrage, ob denn Kylian Mbappé nicht normal für Frankreich spiele und warum er auf einmal bei Real Madrid wäre, sagte jedoch so gut wie alles…dem war nichts mehr hinzuzufügen 😉
Der nächste Morgen war dann fast ein wenig nostalgisch: Nach drei Tagen voller guter Gespräche und Erlebnisse mussten wir uns wieder von Laurin verabschieden – nach einem erneut reichhaltigen, marrokanischen Frühstück, versteht sich 😉
Zum Thema Fußball muss ich gestehen, dass so Mitreisende ohne jeden Bezug zu dem Sport durchaus interessante Fragen stellen können: „Was ist eigentlich der genaue Sinn dieser Abseitsregel? Und nach welchen Kriterien setzt man am Arm die Grenze zwischen Handspiel und Schulter?“ Puhhh – da war ich als „Experte“ überfragt. Zu ersterem vielleicht, damit man sich ein Tor erspielen muss und nicht einfach einen Spieler am gegnerischen Strafraum stehen lassen kann, der mit langen Bällen gefüttert wird?! Wer hiervon mehr Informationen hat, gerne kommentieren 😉
Ich möchte auch die nicht fußballinteressierten Leser nicht vergraulen mit dem Übermaß an diesem Mannschaftssport als Thema dieses Blogs. Aber man kommt in Marokko und speziell Chefchaouen einfach kaum umhin: Überall läuft Fußball, fast alle laufen in Trikots rum…
Na ja, wie dem auch sei – Laurin musste leider aus beruflichen Gründen am 5. November in der Heimat sein und fuhr daher mit dem Bus an die Küste nach Essaouira, um diese Gegend auch noch ein bisschen zu besichtigen. Gut, dass wir alle Zeit der Welt haben…
Zu allem Überfluss war Laurin auch noch zu spät dran, sich an dem Tag unserer Weiterfahrt ein Busticket zu buchen, alles war bereits ausgebucht. So musste er noch eine Nacht länger im Hostel bleiben, während wir schließlich mittags nach gemeinsamem Abschiedsfoto die Segel setzten. Nächste Station: Meknès!



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