Über die Königsstadt ins Hochgebirge

Nach dem fast tränenreichen Abschied von Laurin und ein paar letzten Höhenmetern raus aus Chefchaouen den Hang hoch, an dem selbiges liegt, kam endlich die Belohnung für die Mühen: Eine wunderbare, lange Abfahrt wieder runter in das Tal, aus dem wir hochgeradelt sind. Der letzte Rückblick auf die Stadt brachte noch einmal eine andere Perspektive zum Vorschein.

Wieder rausschieben aus den engen Gassen. Ja – hier hat es geregnet!
Abschied von Chefchaouen.

Knappe 200 Kilometer lagen nun vor uns bis Meknès. Wir überlegten vorher ausgiebig, welche der beiden Königsstädte wir nun besuchen sollten im Süden: Fés? Mèknes? Oder gleich beide? Laut Erfahrungsberichten sollte eine reichen. Der Blick auf die Höhenmeter ließ uns schließlich eine Entscheidung treffen: Der Weg nach Fés schlug mit über 3000 Höhenmetern auf 180 Kilometer zu Buche, der nach Mèknes mit immerhin noch etwas über 2000 Höhenmeter auf 200 Kilometer. Komm, lass Meknès machen! Wir werden uns auf dieser Reise noch genug schinden!

So fuhren wir bei dem nächsten Kreisverkehr rechts Weg ins Tal Richtung Mèknes statt südwärts Richtung Fés, womit das Ding entschieden war.

Insgesamt führte die Etappe, abgesehen von einem steileren Pass in leichtem Auf und Ab so dahin durch kleinere Dörfer und viel Ländlichkeit. Die Höhenmeter merkte man gar nicht so richtig. Trotz späten Aufbruchs wurden immerhin knapp 70 Kilometer absolviert mit doch fast 800 Höhenmetern. Die Aufgabenteilung war ebenfalls wieder klar: Irgendwann fahre ich davon und suche einen Zeltspot, den ich den anderen schicke. In diesem Fall eine durch viele Sträucher versteckte Wiese neben der Straße hinter der Ortschaft Ouazzane – hat also mal wieder wunderbar funktioniert!

Am Anstieg südlich von Chefchaouen.

Nachdem die anderen beiden im letzten Tageslicht eintrudelten, wurde sich auch draußen gar nicht mehr lange aufgehalten, es stand nämlich die kälteste Nacht seit den spanischen Bergen auf dem Programm – auf sieben Grad sank das Thermometer ab, sodass am nächsten Morgen durchgefroren das Zelt verlassen wurde. Mit der Sonne wurde es jedoch schnell wieder wärmer, als wir unsere Tour weiter gen Süden starteten.

Insgesamt eine eher unspektakuläre, fast flache Etappe mit vergleichsweise sehr wenigen Höhenmetern. Festzuhalten blieb lediglich, dass der Gegenwind im Laufe des Tages noch einmal merklich auffrischte und das Flair mit dem ein oder anderen Nieselregenschauer bei 15 Grad durchaus als ungemütlich zu bezeichnen war.

Wir fuhren durch viele kleinere Dörfer mit vielen Kindern auf der Straße. In einem dieser Dörfer mit kleinem Markt und Restaurants machten wir eine kleine Mittagspause mit Tajine, begleitet von verstörten Blicken der Kinder und anderen Besucher. Radreisende sieht man hier auf dem untouristischen Land wohl eher selten…

Als ich kurz vorgefahren bin und alleine unterwegs war durch ein weiteres dieser  Dörfer, machte ich auch erste Erfahrung mit sehr aufdringlichen Kindern, die Geld von einem wollen. Hier musste ich leider ablehnen. Wenn ich einem etwas gebe, wollen alle etwas. Schließlich wurde ich sogar einmal kurz beim Davonfahren mit Kieselsteinen beworfen.

Das waren jedoch die einzigen negativen Erfahrungen bisher. Ansonsten sind die Mitmenschen sehr nett, auf der Straße grüßt fast jeder und man erntet zahlreiche erhobene Daumen 👍

Auch als in dem Café eines kleinen Dorfes bei ungemütlichem Flair wartete auf die anderen beiden, unterhielt ich mich nett mit einem Einheimischen, der Englisch konnte und mich über die Zustände auf dem Land Marokkos aufklärte: „In the cities it’s a little bit different – they have good education and an ecomomy which works. Here on the countryside they have nothing – no good education, no possibility for good jobs – so be careful, some people just want your money!“ Bei diesen Sätzen musste ich wieder an die Kinder denken, denen ich auf der Straße begegnet bin.

Allgemein ernet man oftmals Blicke von den herumlaufenden Kindern, als wäre man ein Aussätziger oder von einem anderen Planeten. So ein Fahrradreisender mit vollem Gepäck passt eben einfach nicht in die Lebensrealität hier vor Ort.

Am späten Nachmittag suchten wir dann wieder zu dritt nach einem Campingspot neben der Straße. Die Suche gestaltete sich zunächst zäh, bei vor allem auf dem untouristischen Land durchaus wilden Autofahrern. Einprägsam war hierbei, als ich mich in der Mitte der Straße einordnete, um links in ein Waldstück abzubiegen. Gerade als ich abbiegen wollte, zog das hinter mir fahrende Auto schnell links statt rechts an mir vorbei – das war wirklich haarscharf und bewies wiedermal, auf was man sich hier in manchen Regionen als Fahrradfahrer einzustellen hat.

Einen Campingspot fanden wir schließlich fünf Kilometer weiter am Rande eines kleinen Waldstückes neben der Straße. Nach Zeltaufbau wurde der Tag schnell beendet, da sich das Wetter mit Nieselregen weiter ungemütlich zeigte. Zudem stand Regeneration auf dem Programm, da es am nächsten Tag bis Mèknes noch 56 Kilometer waren – allerdings auch über 1.000 Höhenmeter.

Nach kurzem Einfahren in der Ebene zog der Weg dann auch bald an mit vielen steilen Rampen, die man sich im ersten Gang geradeso hochkämpfen konnte. Die Steigungen erreichten phasenweise wiedermal um die 15 Prozent. Es wirkte stellenweise wieder wie – diesen Vergleich liebe ich einfach – die schwäbische Alb. Kaum hat man eine steile Rampe bewältigt, folgt bereits der nächste waghalsige Anstieg. Zur Mittagspause nach gerademal 20 Kilometern waren bereits über 500 Höhenmeter auf dem Konto – und das, obwohl die ersten knapp sieben Kilometer bis auf einen kleinen Hügel fast komplett flach waren.

Von da hinten kommend immer weiter bergauf.

Gestärkt wurde sich in dem netten Bergdorf mit Tee, Brot und einem Tajine. 35 Kilometer und nochmal 500 Höhenmeter lagen noch vor uns. Als der zweite von drei größeren Anstiegen begann, trennten sich unsere Wege wieder, da Christel in eine zufällige Begegnung mit Einheimischen geriet. So verblieben wir, dass ich wiederum zum gebuchten Apartment in Mèknes vorfahre und schonmal das Einchecken erledigte. Am Ende des zweiten Anstieges mit einigen steilen Passagen aber nicht mehr der extremen Steigung wie der Erste, war der höchste Punkt erreicht mit herrlichem Blick auf die Königsstadt bei eher bewölktem, hier in den Bergen fast frischem Wetter.

Blick von Passhöhe auf Meknès. Gut erkennbar: Nach Abfahrt muss alles wieder hochgefahren werden…

Eine tolle Abfahrt über einige Serpentinien folgte, die jedoch nicht zu 100 Prozent genossen werden konnte: Hinterher musste man nochmal über 200 Höhenmeter hochkurbeln bis in die am Hang gelegene Königsstadt.

Schließlich entpuppte sich dieser letzte der drei Anstiege jedoch als kontinuierliche Bergauffahrt im Bereich von ca. 4-5 Prozent Steigung. Im Vergleich also sehr angenehm und gut machbar, sodass nach den letzten Kilometern durch den Stadtverkehr das Apartment mit toller Lage direkt neben der Medina von Melnès erreicht war.

Das Einchecken in das Apartment geriet anschließend zu einer Herausforderung, da der Vermieter zuerst meinte, dass das Transportieren der Fahrräder in die Räumlichkeiten nicht möglich sei. Immerhin konnte er Französisch neben Arabisch, sodass wir uns gut verständigen konnten. Das Treppenhaus war durchaus eng. Dennoch versicherte ich ihm, dass das mit vorherigem Abmontieren des Gepäcks möglich sei: „Ça va marcher sans bagage!“ Schließlich willigte er ein: „Nous pouvons l’essayer.“

Mit etwas Geschicklichkeit ließ sich das Fahrrad dann auch ohne Probleme die Wendeltreppe hochtransportieren. Gemeinsam brachten wir dann meine Taschen in die Wohnung, ehe ich auf die beiden anderen wartete und meinen Heißhunger in Form von Süßigkeiten und Brot von einem Straßenladen in Meknès stillte. Ja – über die Ernährung hier lässt sich diskutieren.

Als schließlich eine Stunde später die anderen beiden eintrafen, schafften wir gemeinsam in Teamwork Räder und Gepäck die Treppen hoch. Vorgenommen wurde sich noch viel bezüglich Stadterkundung am Abend, aufgrund der Erschöpfung und des sowieso eingeplanten Sightseeing-Tages blieb es jedoch beim Faulenzen und Erholen an diesem Abend.

Der gemütliche Start in den nächsten Tag erfolgte mit einem Frühstück beim McDonald’s von Meknès, kein großes marokkanisches Kulinarikhighlight, aber ich musste meinem Kumpel zu Liebe in jedem Land wenigstens einmal einen McDonald’s besuchen und Auffälligkeiten berichten. Hier ließ sich festhalten, dass es Piña Colada gab. Jedoch ohne Alkohol, sodass es eher einer Süßigkeit mit etwas Ananassaft glich. Das Preisniveau bewegte sich zwischen marokkanischen und europäischen Preisen…da ess ich doch lieber wieder in Zukunft für weniger Geld am Markt und in den Restaurants…

Das Zentrum von Meknès, dahinter der Zugang zum Markt.

Der weitere Tagesverlauf glich einer großen Shoppingtour durch die Medina von Mèknes quasi neben unserem Apartment. Man musste sich sehr disziplinieren, insbesondere die süßen Versuchungen in Form von Gebäck lauerten an jeder Ecke.

Versuchungen an jeder Ecke.

Ein kulinarisches Highlight waren frisch gepresster Orangen- und Granatapfelsaft sowie Mandelmus mit Arganöl und Honig – definitiv zu empfehlen!

Lecker.

Leider waren fast alle Sehenswürdigkeiten von Mèknes aktuell im Prozess der Restaurierung und daher gesperrt, sodass bspw. auch ein Bild vom Königspalast entfiel.

Am Tor zum Palastbezirk

Immerhin hatte ein Mausoleum offen, wo der Eintritt auch frei war. Dazu außer des Ausziehens von Schuhen ohne Kleidungsvorschriften und mit definitiv sehr eindrucksvoller Architektur aus Stuck, Marmor und Zedernholz. Das Grab des Sultans Moulay Ismail. Für weitere geschichtliche Hintergründe bin ich leider der falsche Ansprechpartner, da mein Horizont zu dieser Thematik leider (noch) begrenzt ist😉

Im Mausoleum.
Einen Besuch war es definitiv wert.

Hiernach wurde der Tag abgesehen vom Abendessen und einem weiteren kleinen Marktbesuch auch mehr oder weniger beendet erklärt (auch das Wetter zeigte sich regnerisch) und über die weitere Routenführung diskutiert: Das nächste große Ziel ist der Ouzoud Wasserfall – was kann man bis dahin noch alles mitnehmen?

In der WhatsApp-Community zu Radreisenden in Westafrika wurde der Weg in den mittleren Atlas zu den Orten Ifrane und Azrou empfohlen. Ich schaute in Komoot nach: Ifrane liegt auf fast 1.700 Metern. Der Weg hierhin bedeutet 1.200 Höhenmeter auf 65 Kilometer. Die Alternative wäre, einfach der der Hauptstraße zu folgen, die am Rand vom Atlasgebirge verläuft und daher nicht viele Höhenmeter beinhaltet. Es wurde jedoch versichert, dass man in diesen Gegenden ein komplett anderes Bild von Marokko erlebt, abseits von Großstädten, Märkten und Küstenregionen.

Als ich meinen Mitreisenden von der Idee erzählte, waren diese zunächst skeptisch. Jedoch wäre die Alternative zwar unanstrengender, aber auch deutlich trostloser gewesen bezüglich etwaiger Highlights. Bald kam die Zusage nach dem Motto: Wird schon machbar sein!

Schon skurril, dass wir uns für Meknès und gegen Fés entschieden haben, um Höhenmeter zu sparen, und nun die Bergetappe der „flachen“ und direkten Routenwahl über die Hauptstraße in Richtung Ouzoud vorziehen.

Nach dem regenerativem Schlaf und Frühstück mit allen – bedingt gesunden – Leckereien vom Markt wurde der Logistikakt über die Treppen wieder rückabgewickelt, die Räder wieder das Treppenhaus runtergetragen und unten beladen. Unten kamen wir während der Aktion ins Gespräch mit zwei Franzosen. Einer schaute uns mit großen Augen an, als wir vom Plan erzählten, nach Ifrane zu fahren: „Il y a la neige!“ Was?! Da oben liegt Schnee?! Ich bekam große Augen – nichts wie hin da!

Christel musste noch über den Decathlon fahren, um Werkzeug für ihr Fahrrad einzukaufen. Ich war startklar und mir kribbelte es – bereits nach 10 Uhr – wieder mal bereits sehr in den Beinen. Christel merkte das und bot mir an, schonmal vorzufahren. Jannick wollte Christel nicht alleine lassen und zweifelte zuerst kurz an dem Plan, sah dann jedoch auch ein: „Es geht ja nur bergauf, du wirst eh sofort weg sein – also bis später!“

So machte ich mich auf den Weg, raus aus Meknès weiter Richtung Süden und den mittleren Atlas. Beobachtet von so mancher Schaf-Herde führte der Weg angenehm beständig leicht bergauf durch die weiterhin karge Landschaft, der Rückblick auf Meknès vor seinen bergigen Ausläufern war durchaus eindrucksvoll.

Tschüss, Meknès!

Kurz vor El Hajeb zog die Steigung deutlich an, mir knapp 10 Prozent ging es hoch in das Dorf. Durch dieses selber führten die Gassen sogar mit knapp 15 Prozent. Die Einwohner, für die Touristen auf dem Fahrrad ein sehr ungewohnter Anblick waren, musterten mich wiedermal mit einem sehr fragwürdigen Blick, während ich durchaus angestrengt hochpedalierte.

Hinter der Ortschaft kam man nach weiterem Anstieg auf einem fast wüstenartigen Hochplateu an, wo sich das Gelände etwas zurücklehnte, mittlerweile wieder auf 1.000 Meter Seehöhe. Eine weitere Steilstufe führte schließlich rein in den Wald des Ifrane Nationalparks, durch welchen sich die Straße in leichter Steigung hindurchschlängelte. Die Vegetation war, wenn man europäische Verhältnisse gewohnt ist, noch sehr untypisch für die Höhe. Lediglich an der frischen Luft merkte man, dass man sich wohl bereits sehr weit oben befindet.

Kurz vor Ifrane ging es aus dem Wald wieder raus und am höchsten Punkt konnte man auf mittlerweile 1.650 Metern Höhe einen ersten Blick auf diesen Gebirgsort werfen. Um es direkt vorweg zu nehmen: Schnee war hier nirgendwo auch nur ansatzweise zu sehen 😉

Dennoch kam man sich im Vergleich zu den vergangenen Tagen in vielerlei Hinsicht vor wie in einer anderen Welt oder besser gesagt einem anderen Marokko, als ca. 65 Kilometer und über 1.200 Höhenmeter nach dem Aufbruch in der Königsstadt Meknès der Gebirgsort Ifrane erreicht war…

Im Anrollen auf den Ort Ifrane…

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