Auf dem Hochplateau

Ifrane – als mir dieser Ort empfohlen wurde und ich im Internet von der „marokkanischen Schweiz“ las, ließ dies bei mir das Interesse bereits steigen an diesem Ort. Auch die Charakteristik als Skiort war ausschlaggebend. Der afrikanische Allzeitrekord bezüglich der Tiefsttemperatur wurde ebenfalls hier aufgestellt mit -23,9 Grad Celsius – wahrhaft ein Ort der Gegensätze und Extreme.

Als man in diesen Ort reinrollte, hatte dieser auch durchaus ein eigenes Flair. Wenn auch nicht komplett so, wie man sich jetzt einen Skiresort in den Alpen vorstellt. An die Schweiz oder allgemein Mitteleuropa erinnerten lediglich die Giebeldächer und die im Vergleich schon merklich höheren Preise.

Ein etwas anderes Marokko.

Als ich in unser Airbnb eincheckte, war dieses auch durchaus „urig“ eingerichtet mit einem Gasofen, der zum Heizen genutzt werden konnte. Dieser hatte bereits jetzt Anfang November seine Daseinsberechtigung, es war alpin-frisch hier oben, trotz Sonnenschein. Jetzt in der Nebensaison war diese Wohnung für für einen sehr erschwinglichen Preis zu haben. In der Hauptskisaison wird es wohl definitiv mehr kosten, wie ich mir vorstellen könnte.

Urig mit traditionellem Flair.

Beim Warten auf die anderen unternahm ich einen kleinen Spaziergang durch den Ort. Nicht nur von den Temperaturen fühlte es sich an wie daheim – auch die Atmosphäre von goldenem Oktober mit viel buntem Laub und Sonnenschein ließ durchaus Heimatgefühle in einem erwecken – als ob man sich hier gerade in Marokko befindet?!

Dieses Foto könnte auch aus einem goldenen Oktober in der Heimat stammen.
Ein Ort mitten in Herbstidylle.

Nach einer Mahlzeit im goldenen Spätnachmittagslicht kamen die beiden Mitreisenden bereits im Dunkeln an – sie haben sich wohl einmal aufgrund von GPS-Problemen leicht verfahren. Egal – Hauptsache wohlbehalten angekommen.

Als sich bei einstelligen Temperaturen auch noch Nebel bildete bei der sternenklaren Nacht, hatte man endgültig den Eindruck, man wäre hier in der Heimat. Auf der Medina ging es hier in den Bergen deutlich ruhiger zu als noch in Chefchaouen, Meknès oder Tanger. Es hatte eben eine gemütliche Stimmung hier oben, mir gefiel es sehr.

Irgendwie wirkten die Farben des Sonnenunterganges bereits sehr kalt.

Wir überlegten, ob die höheren Lebensmittelpreise mit den Transportkosten hierher ins abgelegene Atlasgebirge und dem kälteren Klima zusammenhängen. Letztendlich ist jedoch wohl eher die Touristenzielgruppe in Form von Skiurlaubern mit größerem Geldbeutel ausschlaggebend…sogar der marokkanische König hat hier in der Gebirgsidylle wohl seinen eigenen Rückzugsort. Der Name „marokkanische Schweiz“ hat wohl doch irgendwie seine Bedeutung.

Da wir im Apartment eine Waschmaschine zur Verfügung hatten und wir alle dringend mal wieder waschen mussten, wurde einmal eine Maschine vollgemacht. Ein Wäscheständer war jedoch nicht vorhanden, wodurch wir vor dem Schlafengehen improvisieren mussten beim Aufhängen. Am nächsten Morgen sah das Wohnzimmer durchaus wild aus, inklusive der irgendwie ins Apartment gequetschten Fahrräder.

Wäschetrocknung.

Aufgrund der durchaus harten Etappe hier hoch beschlossen wir, am nächsten Tag entspannt zu machen und einen halben „Restday“ zu machen, indem man nur in den 20 Kilometer entfernten Ort Azrou fährt, der zudem 400 Höhenmeter tiefer liegt.

Bei genauerer Recherche stellte ich fest, dass man nach Azrou auch statt der Hauptstraße auch einen Schlenker wieder raus in den Ifrane Nationalpark fahren kann. Hier laufen Berberaffen in freier Wildbahn rum, und man kommt an der Skihütte des Skiklubs von Ifrane vorbei. Es brauchte keine Überlegung: Der Umweg wird in Kauf genommen! 37 Kilometer und 450 Höhenmeter sind ja trotzdem überschaubar…

Im gegenseitigen Einvernehmen wurde der Tag daher ruhig angegangen. Natürlich war ich trotzdem um 8 Uhr wach, auch wegen der Kälte im Schlafzimmer, in welches die Wärme vom Gasofen nur bedingt gelang. Beim Aufwachen war der eigene Atem sichtbar – brr!

Schnell ins geheizte Wohnzimmer und entspannt frühstücken, bevor Leben in die Bude kommt. Bis das Chaos wieder komplett aufgeräumt war, schlug die Uhr bereits die Check-out-Zeit von 12 Uhr.

Da Jannick und Christel erst im Dunkeln angekommen sind und daher noch ein wenig den Ort erkunden wollten, ich mir jedoch am Nachmittag ein gutes Bild hiervon gemacht habe und es mich schon wieder in den Beinen juckte, beschlossen wir, gemeinsam Mittag zu essen und mich dann wieder vorfahren zu lassen.

Um kurz nach 13 Uhr war ich auf der Straße rein in den Nationalpark, es ging weiter leicht bergauf. Bald folgte noch einmal ein steilerer Abschnitt mit etwas über 100 Höhenmetern, ehe man sich auf über 1.900 Metern Seehöhe wiederfand. Hinter der Passhöhe eröffnete sich ein umwerfender Blick auf die schneebedeckten Dreitausender im mittleren Atlasgebirge. Hier versteckt er sich also, der versprochene Schnee!

Nochmal ein steilerer Anstieg. Im Hintergrund Ifrane.

Obendrein war hiermit ein neuer höchster Punkt der bisherigen Tour erreicht – die Gegend um St. Moritz mit seinen etwas über 1.800 Metern Höhe kann einpacken 😉

Da isser doch! Blick auf 1.900 Metern Seehöhe…

Eine umwerfende Landschaft, ehe die Straße erst wieder leicht abfiel und dann im beginnenden Wald wieder leicht an Höhe gewann. An einer Lichtung des Waldes kam das nächste Highlight zum Vorschein: Die Skihütte des Skiklubs Ifrane. Einen Skilift suchte ich jedoch vergeblich, lediglich Stromleitungen waren rund um die Hütte installiert. Aber hier muss wohl in wenigen Wochen Skibetrieb herrschen. Ich machte ein paar Fotos von dem Ort, wich jedoch auch schnell wieder zurück, als der Hund neben der Hütte lauter wurde…

Sowas hätte ich nicht in Marokko verortet…

Hinter der Hütte ging es weiter bergauf, ehe der höchste Punkt erreicht wurde mir laut GPS knapp 1.970 Höhenmeter. Schade – das knacken der 2.000 Meter wäre natürlich die Kirsche auf die Torte gewesen!

Direkt zu Beginn der Abfahrt zeigte sich der Affenwald, unverkennbar mit der Anwesenheit einiger Touristen. Ein Einheimischer nahm sich natürlich gleich mir an und machte einige Bilder mit den Berberaffen, wusste zudem genau, wie man diese anlockt mit Nüssen. Mir war klar, dass er natürlich Geld möchte, aber in diesem Moment akzeptierte ich das und drückte dem Herrn 50 Dirham in die Hand – man muss ja auch mal gönnen. Als er sich jedoch enttäuscht zeigte und für die Fotos und insgesamt ca. fünf Minuten Arbeit mehr wollte, musste ich ihm jedoch eine Absage erteilen. Bevor Diskussionen entstanden, setzte ich lieber schnell meinen Weg fort. Mit Fotos gemeinsam mit meinen „Artgenossen“ im Gepäck, wie einige Freunde humorvoll kommentierten 😉

Sieht nach Freundschaft auf den ersten Blicn aus.

Nach einer ersten Abfahrt bog der Weg wiederum rechts ab in einen Waldtrail ins Gelände mit Geröll und Steinen. Für ein paar Meter war mal wieder Schieben angesagt, ehe mit jedem Höhenmeter tiefer Geröll und Blockwerk wieder in einem fahrbaren Graveltrail durch den Wald übergingen.

Mal wieder ein bisschen Offroad.
Im Wald wurde es wieder besser.

Schließlich kam man an einem zweiten Affenwald heraus, wo sich zahlreiche Makaken tummelten – da fiel meine Anwesenheit fast gar nicht mehr auf. Ich packte meine Kamera aus und knipste munter drauf los. Erschreckend war lediglich der Müll, der auch hier auf dem gesamten Waldgebiet herumlag, das den Lebensraum der Affen darstellte – kein schöner Anblick.

Da klettert man doch lieber den Baum hoch, als sich unten im Müll zu wälzen.

Nach der Fotosession machte ich mich auf, um wieder auf Asphalt die Abfahrt nach Azrou zum gebuchten Apartment zu genießen. Die Straße war schön gerade, sodass man mit locker 60 Km/h runterrollen konnte. Diesmal kamen einem die steilen Straßen mal mehr als gelegen 😉

Das Apartment befand sich in einer kleinen Seitengasse fußläufig vom Zentrum mit Medina entfernt. Die fußballspielenden Kinder auf der Straße waren wiedermal alles andere als schüchtern und wollten mit mir auf Französisch reden. Leider bevorzugte ich in dem Moment der Ankunft Ruhe und Einsamkeit, weshalb ich den Kindern schweren Herzens den Rücken zuwandte nach kurzem Smalltalk.

Das Apartment hatte definitiv seinen Flair, war traditionell marrokanisch eingerichtet. Bevor die beiden Mitreisenden antrudelten, machte ich wiederum eine kleine Erkundung der Stadt. Im Gegensatz zu den anderen besichtigten Städten war der Souk eher klamottenlastig. Essensstände waren in der Minderheit.

Diese Einrichtung hat definitiv Stil!

Unweit vom Hauptplatz des sehr modern wirkenden Bergörtchens befand sich ein felsartiger Aussichtspunkt. Wenn man hier heraufkraxelt, hat man einen super 360-Grad-Blick über Azrou und die Umgebung. Im Sonnenuntergang definitiv eine wunderschöne Stimmung. Allgemein wirken die Orte Ifrane und Azrou sehr modern und gepflegt, wohl untrennbar mit dem höheren Wohlstand hier verbunden. Abgesehen von touristischen Hotspots wie dem Affenwald lag hier insgesamt auch deutlich weniger Müll herum als in anderen, bisherigen Regionen.

Skurril war, dass einer der anwesenden Besucher mich anscheinend als Deutschen identifiziert hatte und mir „Adolf Hitler!“ hinterher brüllte. Ich nahm es mit Humor 😉

Abendstimmung in Azrou.

Nach Sonnenuntergang ging ich zurück zum Airbnb, ehe die Mitreisenden wiederum eintrudelten. Es folgte der traditionelle Souk-Spaziergang mit Kauf vom frischem Obst für den nächsten Tag sowie einem kleinen Abendessen.

Das Zentrum von Azrou im Sonnenuntergang.

Abends diskutierten wir wiederum die weitere Route. Nach Khenifra, der nächsten größeren Stadt, konnte man entweder relativ entspannt über die Hauptstraße fahren, oder über den Khenifra Nationalpark. Das hätte wiederum fast 2.000 Höhenmeter auf die 100 Kilometer lange Strecke bedeutet. Zudem hätte man auf dieser Route endgültig das erste Mal die 2.000-Höhenmeter-Marke geknackt, die uns heute noch knapp verwehrt blieb.

Die Kehrseite der Medaille war, dass wir dieses Hochplateau definitiv in zwei Tagen absolvieren müssten und unsere Schlafsäcke nicht für Temperaturen um den Gefrierpunkt ausgelegt sind, mit denen wir uns unweigerlich hätten beschäftigen müssen. Auch Unterkünfte waren in diesem relativ naturbelassenen Gebiet rar. Die Erfahrungen aus Spanien haben uns eigentlich gereicht bezüglich kalter Nächte.

Wir waren hin- und hergerissen. Doch letztendlich entschied sich unser Bauchgefühl gegen den Nationalpark und für die Hauptstraße, die immer am Rande des mittleren Atlas entlangführen sollte mit entsprechend weniger Höhenmetern. Vorweg: Die Routenwahl sollte sich als absoluter Glücksgriff entpuppen.

Zuallererst hatten wir jedoch auch so schon eine kalte Nacht zu überstehen, da wir uns immernoch auf 1.300 Metern Seehöhe befanden und das Apartment nicht geheizt war und lediglich Fleecedecken besaß. Beim Aufwachen konnte man wiedermal sich selbst beim Ausatmen zuschauen.

Aufgrund der nun entspannteren Strecke ließen wir es wieder entspannt angehen. Kurz vor Check-out kamen unsere Vermieter als Überraschung mit einer Frühstücksplatte mit Tee, Brot und Gepäck vorbei – was für eine nette Geste und Ausdruck von Gastfreundschaft! Da kann man die Kälte in der Nacht definitiv verschmerzen…

Frisch gestärkt zeigte ich Jannick und Christel noch einmal das Zentrum von Azrou bei Tageslicht, ehe die Route mit einer Abfahrt auf wieder unter 1.000 Meter Seehöhe begann und nun meist flach im Tal verlief neben den Erhebung des mittleren Atlas, die links bzw. südöstlich von uns steil aufragten. Außerhalb der paar marrokanischen Dörfer, welche wir passierten, war die Landschaft hier wiederum sehr karg und fast halbwüstenartig, aber auch sehr eindrucksvoll und farbenfroh. Manchmal mutete es an, als wäre man irgendwo in der Nähe der USA-Westküste unterwegs. Wir wissen nicht, wie schön die Route durchs Gebirge im Khenifra Nationalpark gewesen wäre – aber diese Route enttäuschte definitiv nicht, und ließ einen mal von den vielen Höhenmetern entspannen.

Karg, aber wunderschön.

Heute fuhren Jannick und ich vorneweg, da Christel noch in einem der Dörfer den Markt studieren wollte. Wie entspannt sich so eine vergleichsweise flache Etappe fährt, wenn man davor nur rauf und runter hatte! (Stellenweise nur rauf😉).

Gemütlich machten Jannick und ich am Nachmittag noch einmal in einem größeren Örtchen auf der Strecke Snackpause. Ich war zufrieden – schönes Wetter, schöne Landschaft und wir kamen super voran!

Knapp 10 Kilometer fuhren wir noch weiter, bevor am Beginn eines Waldstückes die lange Abfahrt vom Hochplateau begann. Genau in diesem Waldstück, durch welches die Serpentinenstraße führte, suchten und fanden wir relativ bald einen guten Schlafplatz, den wir Christel weiterleiteten. In wirklich schöner Stimmung ging hier im Wald die Sonne unter und markierte einen würdigen Tagesabschluss.

Idyllischer Tagesausklang.
Die letzten Sonnenstrahlen.

Relativ bald traf auch Christel ein. Auch für sie war es hier einfach, einen schönen Platz für ihre Hängematte zu finden.

Dieser Sonnenuntergang, er hatte in mehrfacher Hinsicht etwas von Abschiedsstimmung: Weit über 6.000 Höhenmeter haben wir auf nicht einmal 500 Kilometern durch Marokko bis dato angesammelt, doch am nächsten Tag sollte die endgültige Abfahrt von dem Hochplateau folgen, nachdem man heute schon deutlich an Höhe verloren hatte.

Damit war es das auch schon fast mit den Bergetappen durch den mittleren Atlas. Die Betonung liegt auf „fast“: Dieses Gebirge sollte noch einen wahrhaft krachenden Abschiedsgruß für uns bereithalten – mehr hierzu im nächsten Blogbeitrag.

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