Nach dem Gespräch mit dem angetroffenen deutschen Paar auf Radreise und Zeltaufbau trudelten auch die anderen ein in der Dunkelheit. Eine kurze Beratschlagung über die morgige Etappe ließ nicht viele Optionen zu: 86 Kilometer sollten es mindestens sein, denn dort war die erste Versorgungsmöglichkeit bzw. der nächste kleinere Ort eigentlich seit 200 Kilometern. Auf 150 Kilometer bis zu diesem Ort kam somit nur unser Übernachtungsspot als möglicher Versorgungspunkt in Frage – Wüste pur eben.

Zeltplatz.

Von hier aus sollte es mehr oder weniger nochmal die gleiche Distanz bis zur Grenze sein. Von ein paar Leuten aus unserer nun 6er-Gruppe kam daher der Vorschlag auf, weiter zu fahren und irgendwo wildzucampen, um näher an der Grenze zu sein und am nächsten Tag schneller nach Mauretanien zu kommen. Vermutlich auch wegen kleiner werdenden Geldbeutel sowie Datenvolumen…

Letztlich war ich jedoch froh, dass sich die Idee durchsetzte, an der nächsten Tanke mit Hotel nach einem Aufbau des Zeltes zu fragen. Da habe ich doch lieber einen sicheren Schlafplatz, Verpflegung und vor allem auch Strom. Daher standen also knapp 85 Kilometer an.

Da der Wind günstig sein soll, ließen wir es etwas gemütlicher angehen – auch wenn das deutsche Bikerpaar bereits um kurz nach 9 Uhr im Sattel saß. Das sind die wahren Morgenmenschen, nicht ich – wie mir immer vorgeworfen wird 😉 Um das einordnen zu können: Erst um 8:15 Uhr wurde es hier wirklich hell…

Wir genossen eh die Freiheit, dass jeder losfuhr, wenn er bereit war, und wir uns am ausgemachten Treffpunkt wieder trafen. So startete ich nach langem Frühstück um 11:30 Uhr in die Etappe. Die Landschaft blieb leicht hügelig, immer wieder konnte man einen Blick auf die Küste erhaschen, während man sich vom Nordostwind tragen ließ – in Rechtskurven mehr, in Linkskurven etwas weniger. Die unspektakuläre Etappe verging wie im Flug, und um ca. 15 Uhr waren die 86 Kilometer bereits überwunden und der Übernachtungsplatz erreicht. Der Hotelchef kam mir bereits zuvor, wies mir den Innenhof zum Aufstellen vom Zelt und gab mir das WiFi-Passwort – super gastfreundlich.

Ein paar Höhenmeter.

Erstmal gönnte ich mir im Restaurant nochmal eine ordentliche Tajine mit Orangensaft – nebenher lief hier an diesem Sonntagnachmittag sogar Premier-League-Fußball am Fernseher, perfekt zur Erholung 😉

Das deutsche Paar fragte mich dann zwar ob der Beobachtung, dass ich mir häufig in Cafés und Restaurants etwas „gönne“ und fast nie koche nach meinem Budget für die Reise, aber was soll ich sagen…erstens ist das ständig unterwegs sein doch nicht unanstrengend, sodass ich meistens zu faul bin. Zweitens ist hier der Unterschied bei den Restaurantpreisen eben deutlich geringer im Vergleich zum Einkauf frischer Lebensmittel als in Deutschland. Und drittens bin ich eben ein „Belohnungsmensch“: Wenn ich eine Etappe gut hinter mich gebracht habe, dann will ich mir auch mal was „gönnen“ und nicht jeden Euro bzw. jeden Dirham umdrehen. Allgemein halte ich auch wenig von diesem „Wettbewerb“, sich damit zu brüsten, mit so wenig Geld wie nur möglich durchzukommen. Wozu habe ich mir denn vorher das Geld zur Seite gelegt?! Man verzichtet bereits auf sehr viel, hat man sich ja auch selber ausgesucht – aber hin und wieder muss ein bisschen Luxus doch einfach sein. Falls es jedoch von Interesse ist, kann ich gerne mal gegen Ende der Reise einen Kassensturz machen und die Finanzen dieser Reise in einem Extrabeitrag in Form einer großen Statistik darlegen 😉 Ihr könnt gerne mal in die Kommentare schreiben, ob Interesse besteht!

Übrigens: Wer uns auf unserer weiteren Reise im Bezug auf Finanzen freiwillig unterstützen möchte, der kann uns gerne unter diesem Paypal-Link einen beliebigen Betrag senden. Weihnachten steht ja vor der Tür 😉 Spaß beiseite…

Apropos Weihnachten: Viele haben mich gefragt, wie denn hier in Nordwestafrika Weihnachten gefeiert wird. Die Antwort: Ich habe von dem Fest noch nie in meinem Leben so wenig mitbekommen wie hier, Weihnachten ist hier aufgrund des muslimischen Glaubens quasi nicht existent. Es ist aber auch mal ganz schön, von all dem Konsumwahnsinn hier nichts mitzubekommen…

Zurück zur Reise: An diesem Abend saßen wir nach Einkauf von Snacks in dem netten Ort Bir Gandhouz (auch Obst und Gemüse gab es hier!) noch lange zusammen und tauschten Reisegeschichten aus, ehe wir die Nacht im windgeschützten Innenhof verbrachten. Dank des netten Hotelchefs durften wir auch die Gemeinschaftsdusche im ersten Stock benutzen, wobei ich diese Gelegenheit nutzte, um meine Sportklamotten einmal zumindest grob auszuwaschen sowie über Nacht aufzuhängen.

Übernachtung im Innenhof des Hotels.

Am nächsten Morgen dann jedoch der große Schock: Wo ist meine Radelhose?! Vor allem: Alles andere war da, wer kommt auf die verrückte Idee, meine Radelhose zu klauen?!?! Ich suchte das ganze Gelände ab, ob eine Windböe sie irgendwo hingeblasen hat…nichts zu machen…

Schließlich fragte ich einen Hotelmitarbeiter, ob ich die Überwachungskameras sehen könnte über Nacht…doch der feine Herr konnte (oder wollte?) mir nicht wirklich weiterhelfen. Schließlich traf ich den Chef an und erklärte ihm mein Problem. Seine Vermutung: Die Hose wurde von einer Windböe auf den Boden geblasen und danach haben die Wachhunde des Geländes diese als Spielzeug verwendet. Ich solle ihm folgen. Tatsächlich: 300 Meter weiter und zweimal ums Eck lag meine Hose auf der Spielwiese der Hunde – voller Spuke, Sandstaub und anderem Dreck. Da hat sich das Auswaschen definitiv rentiert…einerlei: Ich war mega froh, dass die Hose da ist! Ab in die Wäschetasche damit und ausnahmsweise ohne Polsterung radeln – ich machte mich fertig und war wiederum gegen 11 Uhr abfahrbereit – 85 Kilometer bis zur Grenze!

Der Wind war diesmal nicht perfekt, aber doch gut, die Landschaft kurz vor Mauretanien wieder abwechslungsreicher in Form von einigen Höhenmetern und sich Sanddünen sowie Felslandschaften am Wegesrand. Auf halber Strecke überholte ich das wiedermal früh losgefahrene Radreisepaar und um 15:30 Uhr war ich angekommen in dem gut besuchten Ort Guergarate kurz vor der Grenze. Die Trucks stehen hier Schlange, es gibt reihenweise Restaurants, Hotels und Tankstellen.

Landschaft kurz vor der mauretanischen Grenze.

Da die anderen noch länger brauchten, ließ ich bei der Tanke am Ortseingang die Zeit ins Land streichen. Erst um 17 Uhr waren wir schließlich vollzählig. Nach kurzer Beratschlagung und Zustimmung des Tankstellenwarts entschieden wir uns, hier zu bleiben und erst am nächsten Tag die Grenze nach Mauretanien zu überqueren. Das Prozedere an der Grenze soll zwei Stunden in Anspruch nehmen, danach wird es dunkel und wir kennen uns nicht aus bzw. haben auch keinen Schlafplatz. Da lieber morgen rüber und heute noch etwas den Ort erkunden…

Letzter Schlafplatz vor Mauretanien.
Letzter Sonnenuntergang vor Mauretanien.

Das deutsche Paar schlug schließlich vor, mit dem Iron Train von Nhabadibou (die erste Stadt direkt hinter der Grenze) nach Choum zu fahren und von dort nach Nouakchott, in die mauretanische Hauptstadt, zu fahren. Einige waren sofort begeistert – bis auf mich. Nach etwas Recherche über diesen Eisenerzzug und die extremen Bedingungen war ich wenig überzeugt. Diese Fahrradreise ist für mich genug Abenteuer, da brauche ich nicht noch diesen Extrakick. Außerdem fühlte es sich für mich nicht richtig an, ohne Grund einfach 600 Kilometer weiter östlich weiterzufahren. Ich möchte einfach von hier aus weiter nach Süden fahren und sehen, wie die Landschaft sich ändert. Das deutsche Paar hatte schließlich alle auf seine Seite gebracht, sodass ich mich schon damit abgefunden habe, allein weiterzufahren bis Nouakchott – ohne mich! Wenn ich keine Lust habe, dann habe ich keine Lust – fertig aus!

Beim Frühstück an der Tanke vor dem Grenzübertritt  kam schließlich Lucas auf mich zu und meinte, dass er sich mir anschließen würde, damit ich nicht alleine fahren muss – auch für ihn wäre es so genug Abenteuer. Was ein „Ehrenmann“!

Meine Stimmung besserte sich auch wieder, nachdem ich schon etwas unglücklich war, dass ich nun wegen einer Schnapsidee eines dazugestoßenen deutschen Paares alleine weiterfahren muss…

So wurde mit neuem Elan der Grenzübertritt angegangen. Den Ausreisestempel aus Marokko erhielten wir schnell, ehe unsere Fahrräder von Hunden auf Drogen kontrolliert wurden. Anschließend ging es vier Kilometer über eine Sandpiste durchs „Niemandsland“ zwischen Westsahara und Mauretanien, quasi rechtsfreier Raum und daher als nicht ungefährlich deklariert.

Drogenkontrolle.
Niemandsland-Sandpiste zwischen den Grenzen.

Wir kamen jedoch wohlbehalten auf mauretanischer Seite der Grenze an. Hier war es freilich sehr chaotisch. Erst wurde unsere Reisepässe ungefähr fünf Mal kontrolliert, ehe wir nach Kontrolle unseres Gepäcks zur Immigration weitergeschickt wurden. Zwischendrin haben wir noch ein paar Euro und Dirham (ich insgesamt ca. 30 Euro) in mauretanische Ougiya getauscht (ca. 1.200 MRU bei dem Wechselkurs 1:40). Einen ATM gibt es hier nicht, das muss also erstmal ausreichen…

Bei der Immigration wurden Fingerabdrücke sowie Biometrie mit den Reisepassdaten abgeglichen, ehe man 55 Euro bezahlen musste. Hier kam das nächste Problem: Mein 50-Euro-Schein hatte einen kleinen Riss, sodass die Beamten das nicht akzeptierten. Auch meine Beschwerde: „Tu peux controller – c’est l’argent original!!“ wurde abgewiesen. Aufgrund der Beschwerde einiger nicht der französischen Sprache mächtiger Leser werde ich nun auch immer die Übersetzung hinzufügen, hier: „Du kannst es kontrollieren – das Geld ist echt!!“

Da ich mein restliches Bargeld bereits getauscht habe, musste Jannick mir Geld zur Bezahlung ausleihen. Kartenzahlung kennt man hier eh nur von Hörensagen…

Schließlich musste jeder von uns noch angeben, was er beruflich macht und wie lange er in Mauretanien bleiben möchte bzw. zu welchem Zweck, ehe wir anscheinend fertig waren. Als wir unseren Reisepass am Ausgang des Geländes vorzeigten, wurden wir jedoch zurückgewiesen: Das Visum muss noch einmal von den Beamten abgestempelt werden. Also nochmal zurück und in der Schlange vor dem Büro einreihen, um den Stempel zu bekommen, ehe wir endlich ins Land gelassen wurden. Knapp zwei Stunden hat die Prozedur schließlich gedauert…

Wir radelten schließlich noch ca. fünf Kilometer bis der Abzweigung nach Nhabadibou, ehe Lucas und ich uns vom Rest der Gruppe verabschiedeten, der nun mit dem Iron Train fahren wollte. An der Abzweigung haben wir den Bahnübergang des längsten Zuges der Welt zumindest mal überquert.

Der erste Bahnübergang seit langem.

Bei dem heißen Wetter machten Lucas und ich im Schatten eines Baumes nun eine kleine Snackpause, um Kraft zu tanken. Wir wussten: Der Wind kommt hier von Osten, und der Weg macht nun nach der Grenze erstmal einen Schlenker ins Landesinnere nach Osten. Das bedeutet Gegenwind auf den kommenden 35 Kilometern. Nhabadibou ließen wir beide aus dem gleichen Grund aus wie Dakhla: Zu wenig Motivation, gegen den Wind wieder von der Halbinsel runterzukommen. Nouakchott sollte als Einblick in eine mauretanische Großstadt doch reichen…

An der kleinen Boutique (so heißen die Minimärkte in Mauretanien), wo wir rasteten, warnte uns der Besitzer nun erstmals vor Schlangen in der Wüste – uff, daran habe ich jetzt noch so gar nicht gedacht…egal, Angst ist ein Fremdwort, wir haben lediglich Respekt!

Nach der Pause ging es ab in den Gegenwind – und in ein komplettes Kontrastprogramm: Man merkte, dass man nun in einem anderen Land ist. Die Durchquerung der Westsahara war eine Erfahrung, aber stellenweise manchmal fast etwas öde in der ewigen Steinwüste. Die Wüste in Mauretanien war genau das, wie man es sich vorgestellt hatte: Endloser Sand und spektakuläre Dünen. Zudem wurde es wieder etwas grüner, die Akazien in der Landschaft bildeten einen super Gegensatz zur Wüstenlandschaft. Der Weg führte zudem immer parallel zur Bahnlinie des Iron Train, mit spektakulären Sandbergen im Hintergrund – beeindruckend!

Die Bahnlinie des Iron Train mit spektakulären Hintergrund.
Erste Akazien am Wegesrand.

Hin und wieder passierten wir einzelne Wellblechsiedlungen, die uns zeigten, dass wir nun wirklich im exotischen Terrain angekommen sind. Hin und wieder stoppte uns eine Polizeikontrolle auf dem Weg, um den Reisepass zu sichten.

All diese überwältigenden Eindrücke machten die Gegenwindfahrt erträglich, ehe am späten Nachmittag der Ort Boulenouar erreicht war mit ersten Versorgungsmöglichkeiten. Waren diese in Westsahara jedoch noch halbwegs moderne Tankstellen und Cafés, so handelte es sich hier um Minimärkte in Form von Wellblechhütten. Man konnte erahnen, dass dieses Land zu einem der ärmsten der Welt zählt. Obst und Gemüse suchte man hier vergeblich – all diese Shops waren von Wasser, Keksen, Marmelade, Brot und Trinkjoghurt geprägt – unsere Haupternährung in der Wüste…

Der erste Versorgungspunkt.

Wir erkundeten anschließend noch den Ort, der durch viele Palmen ein durchaus grünes Erscheinungsbild aufwies. Abseits der Hauptstraße gab es zudem nur noch Sandpisten, wo wir unser Gefährt mühsam schieben mussten auf einigen tieferen Passagen. Immerhin fanden wir schließlich einen Markt mit Obst und Gemüse, wo wir direkt zuschlugen.

Im Zentrum befand sich ein großer, sandiger Fußballplatz, wo viele Kinder mit viel Elan und Freude dem Ball hinterjagten. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was für eine positive Wirkung dieser Sport auf fast allen Teilen der Erde hat: Diese Kinder haben wirklich nichts außer ihre Wellblechhütten im Nirgendwo der Sahara, werden wohl nie so eine Reise wie ich machen können in ihrem Leben. Aber ein rundes Leder reicht, um diesen Kindern ihren Spaß zu geben und für ein breites Grinsen zu sorgen.

Fußball – einfach ein Weltsport.

Mit diesen ersten Eindrücken von Mauretanien suchten wir ein paar Kilometer weiter eine Tankstelle auf als möglichen Übernachtungsplatz. Der Chef führte ein kleines, heruntergekommenens (sorry für die Wortwahl) Hotel direkt neben den Zapfsäulen. Wir fragten nach dem Preis für das billigste Zimmer, wobei es ein Missverständnis gab: In der alten Währung war der Wechselkurs zum Euro nicht 1:40, sondern 1:400. Der Hotelchef bot uns ein Zimmer für „cinq mille (5.000)“ an. Kurz im Kopf überschlagen: 5.000 dividiert durch 40 ist gleich ca. 125 Euro…ernsthaft?!?! Für ein Zimmer mit nichts außer einer halb funktionierden Dusche und einer arabischen Toilette, wo wir uns auf unsere Luftmatratzn in den sonst leeren Raum legen müssen?! „Mais c’est très cher…“, antworteten wir leicht schockiert („aber das ist sehr teuer…“). „Cher? C’est le prix normal…“ („Teuer? Das ist der normale Preis…“) Erst allmählich klärte sich die die Situation, dass der Preis in der alten Währung gemeint war.

Klar waren 6,25 Euro pro Person für diesen Standard und die Verhältnisse hier trotzdem…touristisch. Wir wollten weiter verhandeln, doch der Hotelchef ließ nicht weiter mit sich reden. Kurz überlegten wir, weiterzufahren und einen Platz zum Wildcampen zu suchen, ehe wir dann doch akzeptierten, bevor wir in Schwierigkeiten kommen…

Diese Entscheidung stellte sich als goldrichtig heraus: Kurz darauf sollte ein ausgewachsener Sandsturm loslegen…da waren wir gottfroh, windgeschützt in unserem Zimmer einen Salat zu verspeisen am Boden (mal ein paar Vitamine nach unzähligen Doppelkeksen und Marmeladenbroten…)

Sandsturm am ersten Abend in Mauretanien.

Es hatte auch etwas von digital detox, denn das Internet war hier in der mauretanischen Wüste deutlich schlechter als in Marokko und Westsahara. Der Empfang kam kaum über E hinaus…mit Glück ging eine WhatsApp raus, das war das höchste der Gefühle…außerdem ist Internet hier nicht gerade günstig. Stolze 20 Euro zahlte ich hier für 3 GB mit meiner eSIM. Aber man will ja irgendwie connected bleiben, sofern das Signal es zulässt…

Der Schlaf war zudem alles andere als erholsam, da die einheimischen, muslimischen Hotelbesitzer um 2 Uhr nachts lautstark beteten und uns aus dem Schlaf rissen…na ja, andere Länder, andere Sitten…immerhin gab uns der Chef am Abend vorher noch kurz Internet per Hotspot, um Famile und Freunden zu schreiben, dass wir gut nach Mauretanien gekommen sind.

Aufgrund fehlender Ablenkung in Form von Internet strichen wir am kommenden Morgen dann auch schnell die Segel, um voranzukommen. Ein Longride war geplant, um so nah wie möglich ans 140 Kilometer entfernte Chami zu kommen, die einzige Kleinstadt bis Nuakchott, wo man per ATM an Cash kommen konnte. Und unser Bargeldvorrat wurde nicht unbedingt größer…

Der Wind war jedoch bescheiden, wehte meist stürmisch von der Seite – die Landschaft dafür umso imposanter mit spektakulären Dünen direkt neben der Straße sowie in der Ferne und der ein oder anderen Akazie sowie einzelnen Büschen, die in der Wüste etwas verloren wirkten – unterbrochen von einer Gruppe Wüstenkamele, die gerade von ihrem Hirten eingerieben wurden.

Wüste, wie man es sich vorstellt.
Düne in der Nahaufnahme.
Wüstenkamele mit Hirte.

Die Distanzen zwischen den Versorgungspunkten wurden ebenfalls etwas geringer als in Westsahara: Vom Hotel bis zur nächsten Station waren es etwas über 40 Kilometer – wieder ein Markt in einer Wellblechhütte mitten im Nirgendwo. In der knalligen Mittagssonne suchten wir schattigen Schutz und verkosteten unser Marmeladenbrot als Mittagssnack. Da dieser Ort sonst nicht viel zu bieten hatte, fuhren wir alsbald ca. 25 Kilometer weiter zu einer Tanke mit Restaurant und Shops. Hier gab der Besitzer uns sogar Internet. Bei einem Sandwich checkten wir unsere Nachrichten. Auf Kaffee musste ich aufgrund der angespannten Bargeldlage dann doch lieber verzichten…

Entgegen der Vorhersage wurde der Wind auch am Nachmittag nicht besser, es lag auch daran, dass die Straße eher nach Südosten, als direkt nach Süden ging bei Wind aus Ost-Nordost. So hatten wir ständig eher Seiten- bis leichten Gegenwind.

Am späten Nachmittag machte die Straße dann die leichte Rechtsbiegung und wir spürten, wie es langsam besser wurde. Vielleicht kommen wir ja heute noch ganz nah an die Stadt Chami ran…

Bald kam jedoch ein Polizeicheckpoint, der uns einen Strich durch die Rechnung machte. Aufgrund der Tageszeit nach 17 Uhr mussten wir der Anweisung folgen, in dem kleinen Dorf des Checkpoints zu übernachten – zu unserer eigenen Sicherheit, da danach lange keine Übernachtungsmöglichkeit kam. Für 2,50 Euro pro Person wurde uns eine Hütte zugewiesen – ohne Strom und Wasser, aber immerhin genug Platz für unsere Luftmatratzen und unser Gepäck. Nach 90 Kilometern war also Feierabend.

Am Polizei-Checkpoint.
Hier drin wurde geschlafen.
Blick ins Innere.

In dem Ort voller Wellblechhütten gab es zumindest ein nicht als solches erkennbares Restaurant, denn unsere Vorräte waren jetzt doch sehr gestutzt. Es gab zwar nur Reis, die Portion entsprach aber immerhin einer für Radfahrer.

Joa, war sättigend.

Anschließend wurde aufgrund von fehlendem Internet wieder früh geschlafen, um den wohl günstigen Wind am nächsten Tag auszunutzen. Wasser konnten wir aus einem großen Wassertank entnehmen, der täglich von LKWs befüllt wird. Wir mussten letztendlich der Trinkwasserqualität vertrauen.

Mit gutem Wind düsten wir nach Chami, nur wenige nervige Linksschlenker der Straße setzten uns dem Seiten- bis Gegenwind aus. Die Landschaft wurde wieder etwas weniger spektakulär und flacher. Sand war jedoch weiterhin im Übermaß vorhanden. Wenn ein LKW passierte, so galt weiterhin: „Close your eyes and hold your breathe“.

Mittags wurde Chami erreicht nach 50 Kilometern, die Hauptstraße war gepflastert von Solarpanelen – sehr vernünftig bei dem Wetter hier. Der Plan war, Mittagspause zu machen, Geld am ATM zu holen, Snacks zu kaufen und dann weiterzufahren.

Kurz vor Ortseingang von Chami.

Teil 1 klappte wunderbar, ehe die Odyssee begann. Mit noch umgerechnet 3 Euro Cash wären wir beim Lebensmitteleinkauf nicht weit gekommen, so gingen wir zur ersten Bank, die jedoch nur Visa-Karten akzeptierte (wie alle drei Banken hier). Ich war mit meiner Mastercard also aufgeschmissen. Gottseidank hatte Lucas eine Visa. Dann war jedoch das Problem, dass zwei Automaten „out of service“ waren und der dritten das Bargeld leer war. Beim Versuch der Abhebung wurde sogar Geld vom Konto abgebucht, es kam aber kein Cash aus dem Automat. So musste obendrein auch noch eine Reklamation bei der Bank erfolgen. Es machte sich leichte Panik in uns breit, schienen wir doch echt kurz davor zu sein, ohne liquide Mittel in der Wüste dazustehen…

Auf Nachfrage wurde uns die Auskunft gegeben, dass der Automat in zwei bis drei Stunden wieder befüllt wird. Damit hatte sich das Thema des Longrides erledigt. Wir schlugen die Zeit in der Bank tot, immer in der Hoffnung, dass die Abhebung dann auch wirklich funktioniert. Sonst wären wir mitten in der Wüste ohne Zahlungsmittel dagestanden. Paypal und Kartenzahlubg kennt man hier wie gesagt nur von Hörensagen…

Nach bangen Stunden funktionierte es schließlich und wir waren endlich wieder flüssig. Vielen Dank Lucas, ohne dich hätte ich betteln müssen!!

Nachdem sich die Suche geeigneter Lebensmittelmärkte ebenso schwierig gestaltete, war uns nicht mehr nach weiterfahren. Wir suchten in iOverlander nach einem geeigneten Schlafplatz. Hier wurde das Polizeirevier als sicherer Ort zum Campen angegeben. So fuhren wir mit unserem Proviant zu diesem Ziel, wo man uns problemlos zu unserer Sicherheit erlaubte, das Zelt aufzubauen. Auch Gas zum Kochen wurde uns gewährt, um eigenes zu sparen, sodass wir den Tag wiederum mit Reis (der hier leicht verfügbar und sehr günstig ist) ausklingen ließen. Das Internet war in Chami immerhin H+, sodass zumindest ein paar Recherchen im Internet für die weiteren Tage möglich waren.

Es war natürlich sehr frustrierend, dass aus dem geplanten langen Fahrradtag bei optimalem Wind nun eine Bargeldodyssee in Chami wurde, aber letztendlich musste man in dem Fall wieder die kleinen Dinge schätzen: Wir hatten genug Cash, um zumindest mal bis Nouakchott zu kommen, fanden einen sicheren Schlafplatz und waren gesund, mussten zudem nicht verhungern 😉

Campen am Polizeirevier.

Klar – es waren noch 250 Kilometer bis Nouakchott und der Wind sollte ab dem übernächsten Tag markant drehen, aber irgendwie werden wir uns da schon durchkämpfen…und in der mauretanischen Hauptstadt haben wir ja dann auch endlich wieder eine Dusche, gutes Internet sowie eine Waschmöglichkeit – allgemein Zivilisation! Das Motto dieses Abends war definitiv: „Alles wird gut…“

3 Antworten zu „Wüste, Wellblech, Wind”.

  1. Vielen Dank für diese hochinteressante und spannende Berichterstattung! Es macht mir grossen Spass durch dich hier in eine andere Welt einzutauchen. lg Mirjam

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    1. Vielen Dank – das freut mich und motiviert mich, weiterzumachen und meine Eindrücke zu teilen 🙂 LG Cyprian

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    2. Ich schließe mich an. Es ist super interessant den Blog zu lesen und es machte Spaß dir bei der Reise zu folgen. Man kann durch deine gute Schreibe wirklich mitfühlen und radeln.
      Liebe Grüße und weiterhin alles Gute
      michi

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