Bereits bei der Anfahrt meines Hostels merkte ich, dass sich die Stadt Saint-Louis in mehrere Teile gliedert. Hierbei passierte ich nämlich die mehrere hundert Meter lange Brücke Point Faidherbe, die mich mit ihrer Architektur ein wenig an die Hohenzollernbrücke in Köln erinnerte (der Senegalfluss erinnerte mich aufgrund seines trübbraunen Erscheinungsbildes freilich eher an das Badewasser am Elbstrand).


Die wurde im Jahre 1892 aus handelstaktischen Gründen zu französischen Kolonialzeiten erbaut, um das Festland mit der Île de Saint Louis zu verbinden. Benannt ist sie nach Louis Faidherbe, dem französischen Gouverneur der Kolonie Senegal im 19. Jahrhundert.
Hiermit wären wir auch bereits bei zwei von drei Teilen von Saint-Louis: Das Festland, die Insel, in der sich die Altstadt und das koloniale Herzstück der Stadt befinden, sowie die nochmals dahinter liegende, mehrere dutzend Kilometer lange Landzunge in Form einer Halbinsel, die nur um die 100 Meter breit ist, die „lagune de barberie“. Sie endet im Nationalpark „Lagune de Barberie“, der später noch einmal Erwähnung findet.
Jedenfalls befindet sich hier das etwas ärmere Fischerdorf inklusive Fischerhafen und Fischmarkt. Aufgrund seines Stadtplans wird Saint-Louis auch als „afrikanisches Venedig“ bezeichnet.
Im 17. Jahrhundert wurde die Stadt von französischen Siedlern entdeckt und schließlich nach dem französischen König Louis IX benannt. Aufgrund der günstigen Lage direkt zwischen der Atlantikküste und dem Senegalfluss, der regelmäßig rauf und runter gefahren wurde, um unter anderem Sklavenhandel zu betreiben, wurde die Stadt zu einem der ersten europäischen Handelsknotenpunkte in Westafrika. Nur für kurze Zeit wurde der Standort durch britische Herrscher kontrolliert im 18. Jahrhundert, ehe ihn die Franzosen zurückeroberten
Apropos Westafrika: Bis 1957 war Saint-Louis aufgrund seines ökonomischen Stellenwerts auch Haupstadt der Kolonie sowie bis 1902 von Französisch-Westafrika, ehe Dakar diese Rolle zufiel. Heutzutage verbindet die ehemaligen Kolonien aus Französisch-Westafrika noch die gemeinsame Währung in Form des CFA-Franks – und Französisch als gemeinsame Sprache. Übrigens sehr zum Verdruss meines Privatguides: „Je n’aime pas les Français, ils ont toujours voulu plus de territoires et plus de pouvoir. Je n’ai rien contre les Anglais, les Allemands ou les Portugais. Mais les français… Je trouve ça génial qu’on enseigne enfin davantage l’anglais ici. Nous sommes indépendants et cela doit s’exprimer partout. Aussi, je ne suis pas fan de notre argent.“ („Ich mag die Franzosen nicht, sie wollten immer nur noch mehr Macht und noch mehr Gebiete. Ich habe nichts gegen Engländer, Deutsche oder Portugiesen. Aber die Franzosen…ich finde es super, dass hier endlich durchgreifend Englisch gelehrt wird. Wir sind unabhängig, das sollte sich auch überall zeigen. Deshalb mag ich auch unser Geld nicht.“)
Ok, soviel zu diesem kurzen geschichtlichen Hintergrund. All diese Informationen gab mir, wie im vorherigen Absatz bereits angedeutet, ein Einheimischer, den ich bei meinem Spaziergang über die Île de Saint Louis kennengelernt habe. Er lud mich zuerst zu sich auf einen Kaffee ein, ehe er mir sein Kunsthandwerk zeigte, unter anderem aus den Zähnen von Warzenschweinen gefertigt (natürlich nicht ohne Verkaufsabsicht). Leider musste ich ihm absagen – so viel Platz ist nicht in meinem Gepäck.
Er besaß jedoch auch eine Pferdekutsche, wodurch er mir eine Tour mit seiner Pferdekutsche über die Insel von Saint-Louis anbot – das traditionelle Fortbewegungsmittel hier. Als ich nach dem Preis fragte, so meinte er, ich solle hinterher ein Angebot machen. So willigte ich ein – mit etwas schlechtem Gewissen aufgrund von möglicher Tierquälerei. Er ging jedoch gut mit seinem Pferd um – und als Fleischesser ist bei mir eh schon Hopfen und Malz verloren bezüglich jeglicher Ethik gegenüber Tieren, um mich mal selbst etwas zu geißeln…
So führte er mich erst über die touristische Île de Saint-Louis, wo die eingangs beschriebene Kolonialgeschichte von Saint-Louis immer noch einen großen Fußabdruck hinterlassen hat – insbesondere auf dem südlichen Teil der Insel, wo sich die französischen Siedler niedergelassen haben. Die charakteristischen Balkonbauten waren unübersehbar.

Aber auch die in der nahen Umgebung tätigen Portugiesen (Guinea-Bissau war portugiesische Kolonie) haben hier ihren Abdruck hinterlassen mit ihren „maisons basses“ („niedrige Häuser“) mit Giebeldach – wenn auch eher sporadisch.

Nach der Besichtigung der Insel galoppierten wir weiter zur Halbinsel, wo quasi das wahre Leben der Einheimischen stattfindet. Hier schuften die Fischmarktmitarbeiter, um Tonnen von Fisch in die bereitstehenden Trucks zu verfrachten. Aufgrund des sehr schmalen Landstreifens herrscht ein wahres Verkehrschaos.


Schließlich führte mich mein Privatguide zurück zur Südspitze zum „Senegal Research and Documentation Center“, einem kunst- und kulturhistorischen Museums- und Forschungsstandort, der 1943 noch zu Kolonialzeiten gegründet wurde und sich dementsprechend auch in einem Kolonialgebüde befindet.

Weiter ging es wieder Richtung Norden zur ältesten Kathedrale Westafrikas, die wiederum im 19. Jahrhundert von den französischen Kolonialisten erbaut wurde.

Abgeschlossen wurde die Sightseeing-Runde schließlich mit dem Hotel de la Poste fast direkt neben der Faidherbe-Brücke. Wiederum ein historischer Ort: Es ist das älteste Hotel der Stadt und außerdem das Lieblingshotel des Fliegers Jean Mermoz. Ein Flugpionier, dem im Jahre 1930 als erstem der Überflug des Atlantiks von Afrika nach Südamerika, genauer gesagt Brasilien, glückte. Der Start war natürlich in Saint-Louis.
Wow – ich war geradezu beeindruckt von der historischen Bedeutung dieser Stadt. Soviel auf einmal habe ich schon lange nicht mehr gelernt – auch wenn dieser Ausflug natürlich einer wahren Konzentrationsübung glich, da mein Privatguide nur Französisch konnte. Für sein tolles Engagement und seine Mühe öffnete ich dann auch freiwillig den Geldbeutel, um ihm seinen mehr als verdienten Lohn zu überreichen. Außerdem kaufte ich ihm dann doch noch ein senegalesiches Fußballtrikot ab als Souvenir, das hat schon noch irgendwie Platz im Gepäck 😉
Hierauf revanchierte er sich wiederum mit einer weiteren Einladung zum Kaffee sowie einer typisch afrikanischen luftig-langen Hose in knalligen Farben, die er mir in die Hand drückte – auch das wird noch irgendwie Platz haben in meinem Gepäck😉 Kurzum: Danke Aladi, es war eine Freude, dich kennengelernt zu haben!!

Diese Nachmittagstour war dann auch mein Tageshighlight. Den vorherigen Tag verbrachte ich bis auf einen Spaziergang über den großen Straßenmarkt jenseits der bekannten Brücke auf dem Festland eher mit Erholung im Schlafsaal vom Hostel. Zudem ist es doch sehr schwierig, wenn man rausgeht und man nach wenigen Minuten von mehreren bettelnden Kindern umringt ist, die Geld und andere Präsente wünschen. Hier wuchs in mir doch sehr der Wunsch, nach diesem Tag, dem 23. Dezember, zu Weihnachten doch wieder in ruhigere Gefilde weiterzuziehen.


Am Abend trafen dann auch Jannick und Lucas ein am Hostel in Saint-Louis. Wir Plan war, am Christtag weiterzufahren in die Zebrabar zu fahren, die sich am Ende der Landzunge der „lagune de barberie“ im Nationalpark südlich von Saint-Louis befindet. Hierbei handelt sich um einen Treffpunkt für europäische Reisende, der von einem schweizerischen Paar gegründet wurde – man kann es also in gewisser Hinsicht fast als „driving home for christmas“ bezeichnen.
Da dieser Campingplatz nur 24 Kilometer entfernt war, ließen wir es entspannt angehen. Nach ausgiebigem Frühstück fuhr ich vor – ich habe schließlich am Vortag bereits alles über Saint-Louis gesehen und erfahren. Die beiden Kumpanen wollten sich noch Saint-Louis anschauen und später nachkommen, da sie erst in der Dunkelheit selbiges Ziel erreicht haben.

Mein Fahrrad befreite ich von grobem Dreck rund um Kette und Fahrwerk. Die gründliche Reinigung sollte dann am Campingplatz erfolgen mit großer Fläche und Schlauch. Hier im städtischen Hostel waren die Möglichkeiten doch begrenzt…
Nach wenigen Kilometern im Einzugsbereich des expandierenden Saint-Louis verließ ich alsbald Richtung Süden die Kleinstadt. Auf dem Weg durchquerte man einen weiteren Nationalpark, das „Reserve de Gueumbeung“. Bemerkbar wurde dies, als plötzlich mehrere Makaken in aller Seelenruhe am Straßenrand krabbelten – und sie waren so fotogen dazu!



Es schloss sich wiederum die Durchquerung eines Feuchtgebietes mit wiedermal allerhand Vogelarten an, ehe nach dem Passieren weniger Siedlungen die Zebrabar erreicht war. Hier traf ich wiederum auf Caspar. Kim und Wilfried mussten leider weiterreisen Richtung Dakar, um den Versicherungsschutz ihres Campers zu verlängern. Schade – kein internationales Weihnachten mit Norweger und Koreaner!
In der Zebrabar kam man schließlich sogar vor allem mit deutschen Urlaubern in Kontakt. Kein schlechtes Ziel, liegt dieser Campingplatz doch geradezu idyllisch direkt an der Lagune und dem Atlantik inmitten einer fast paradiesischen Ruheoase – auch für uns perfekt zum Erholen über die Feiertage. Zudem ein Beispiel, dass der Senegal durchaus auch ein lohnendes Urlaubsland darstellt, das viele eventuell gar nicht so auf dem Schirm haben.


Hier war man wahrlich gewissermaßen in einer „Europa-Bubble“. Hinzu kam, dass es hier zum ersten Mal seit dem touristischen Agadir wieder Bier gab – sogleich gönnte ich mir ein lokales „La Gazelle“-Bier – das erste seit einem Monat in eben jenem Agadir.

Das Positive war jedoch: Wollen man dieser Europa-Bubble entliehen, so musste man nur ein paar hundert Meter ins Dorf nebenan spazieren, um ins lokale Leben einzutauchen und bspw. ein Sandwich in dem als Küche fungierenden Innenhof einer ansässigen Familie mit Omelett und Bohnen zu verköstigen. Auf den Straßen tummelten sich wieder fußballspielende Kinder.

Vorwiegend genoss ich jedoch die Ruhe inmitten dieses Paradieses auf dem Campingplatz und widmete mich, sofern ich denn die Motivation hatte, meinen To Do’s wie bspw. der Reinigung von Fahrrad und Gepäcktaschen sowie dem Flicken einiger Löcher, die Zelt und Taschen nun doch schon abbekommen haben.
Es waren insgesamt wohl die wärmsten Weihnachten, die ich je miterlebt habe. Baden gehen an einer Nationalparklagune an den Weihnachtsfeiertagen hat schon was. Man kann fast von Glück sprechen, dass wir den Senegal im Winter befahren. Zu den Sommermonaten wäre es wohl fast unerträglich. So brauchten wir hier am Abend bei Wind doch fast einen Pulli…der Atlantik war zudem wie immer mit unter 20 Grad durchaus erfrischend.

Eine weitere Parallele zu Agadir gab es noch: Am Abend des 24. Dezember gab es einmal kurz für zehn Minuten ganz leichte, in der Luft verdunstende Regentropfen – der erste Regen seit ca. einem Monat eben in Agadir.
Zudem ist es das erste Weihnachten außerhalb des europäischen Kontinents in meinem Leben. Da kann man die Abwesenheit von der Familie schonmal verkraften und sich im Gegenzug mit europäischen Urlaubern austauschen (neben Deutschen auch einige Briten, Norweger und Franzosen sowie Schweizer). Ein paar waren auch mit ihrem Motorrad die Westküste Afrikas entlang unterwegs, sodass wir uns über unsere Routen austauschen konnten.
Neben Bier erlebten wir hier etwas, was man in dieser Gegend wohl auch sonst nur hier erleben konnte: Ein Weihnachtsdinner mit fünf Gängen! Ein Christbaum war hier zwar nicht aufgestellt, aber immerhin gab’s nette Beleuchtung.

Ein weiterer Vorteil der Europa-Bubble war, endlich mal wieder an einem sauberen, unvermüllten Ort zu sein. Denn: So geschichtsträchtig Saint-Louis auch sein mag, so vielfältig die Flora und Fauna in den Nationalparks der Region Saint-Louis auch ist – der Müll ist allgegenwärtig und liegt an jeder Ecke in rauen Mengen herum. Für einen Mitteleuropäer oftmals doch ein Dorn im Auge…

Wieder zu den schönen Sachen: Um auch an den Regenerationstagen rund um Weihnachten etwas zu erleben, machten wir eine gemeinsame Bootstour durch die die Lagune des Nationalparks hin zur Vogelinsel, wo sich die meisten Arten tummeln. Das Wasser hier ist übrigens weniger salzhaltig als das offene Meer, von welchem wir durch die eben jene vorher angesprochene Landzunge getrennt sind. Das Wasser ist hier also eine Mischung aus Salzwasser vom Ozean und Süßwasser aus dem Senegalfluss.

Die Vielfalt an Vogelarten inklusive verschiedener Zugvögel, die in ihren Formationen über uns hinwegzogen, war durchaus beeindruckend. So viele Vögel hier, inklusive mir 😉


Laut Recherchen kann man mit Glück auch Flamingos sehen. Wir hatten leider kein Glück, aber was solls.
Zusammenfassend hat mir bzw. uns die Region Saint-Louis sehr gefallen, hat sie doch so viel zu bieten: Von zahlreichen historischen Stätten über hektische und überlaufene Märkte, wie man sie sich im echten Afrika vorstellt, hin zu einer riesigen Flora und Fauna in toller, wieder grüner Landschaft rund um das städtische Zentrum. Man muss hier durchaus anmerken, dass wir ja nur zwei Nationalparkgebiete besucht haben. Den Djoudi Nationalpark of Birds haben wir ausgelassen, wäre aber auch ein sehr großer Umweg gewesen…
Am zweiten Weihnachtsfeiertag war es dann (vielleicht zum ersten Mal auf dieser Tour 😉) soweit, dass es Jannick in den Beinen kribbelte und er darauf brannte, weiterzufahren. Ich war jedoch die Entspannung in Person, über die Weihnachtsfeiertage habe ich mir Ruhe verordnet. Wir haben ohne Ruhetag fast die komplette Sahara innerhalb von ca. drei Wochen durchquert, da waren meiner Meinung nach die zwei Weihnachtsfeiertage schon mal drin als „Restdays“.
So einigten wir uns schließlich darauf, dass Jannick am 26. Dezember nachmittags entspannt losfährt, und wir dann einen Tag später, komplette frisch und mit voller Power, ihn wieder einholen😉
Als kleines Schlusswort möchte ich noch die sporadisch aufgekommene Frage beantworten, ob wir uns denn als Gruppe auch gegenseitig zu Weihnachten beschenkt haben – die Antwort: Nein – dieses Abenteuer gemeinsam erleben zu dürfen ist das größte Privileg und ein einziges Geschenk – da müssen wir uns nicht noch in materieller Form beschenken. Die Erinnerungen bleiben bekanntlich – unabhängig von Weihnachten – für immer.
So haben wir also Weihnachten auf unserer Tour verbracht, der Bericht über den Jahreswechsel folgt dann als nächstes…


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