Boké: An dem entspannten Morgen rätselte ich, wie lang die anderen beiden nun wohl brauchen würden, um nachzukommen. Wir haben zwar das Museum in Boké als potenziellen Treffpunkt ausgemacht, jedoch hatten die anderen beiden ja noch kein Internet.

Derweil war es für mich jedoch gar nicht so schlimm, erst einmal dort zu bleiben. Alle meine Powerbanks hatten nämlich nach einer Woche wildcampen so gut wie keinen Akku mehr – da hätte ein direktes Weiterfahren wenig Sinn gemacht. Im Restaurant vom Museum konnte ich meine Powerbanks ohne Probleme anstecken.

Da ich nach einer Nacht im Zelt hinter dem Museum wie immer früh wach war, spazierte ich einmal runter zu einem Aussichtspunkt über dem sich ums Eck befindlichen Rio Nunez und genoss einen schönen Sonnenaufgang. Anschließend packte ich mein Zelt wieder zusammen aus Rücksicht vor potentiellen Museimsbesuchern und weil ich ja nicht wusste, ob ich noch eine zweite Nacht dort verbringen würde, was mir Ousmane, der mich am Vorabend herzlich empfangen hatte, bereits angeboten hatte: „Tu peux rester un jour ou cinq jours – comme tu veux!“ („Du kannst einen Tag oder auch fünf Tage hier bleiben – wie du willst!“).

Morgenstimmung am Rio Nunez.

Für das Zelten am Museum sollte ich pro Nacht die Gebühr von 30.000 Guinee-Francs (ca. 3 Euro) bezahlen. Hierbei war der Preis für den Eintritt ins Museum bereits inbegriffen. Da die Ausstellung jedoch keine Erklärung bot, buchte ich für 20.000 Francs extra noch eine Führung mit dem Chef des Komplexes dazu.

Zelten hinter dem Museum.

Nachdem ich also in einem kleinen Restaurant in der Stadt ein ordentliches Frühstück zu mir nahm, wurde ich durch die interessanten Räumlichkeiten des Boké-Museums geführt.

Erst erklärte er mir den Hintergrund zu drei prägendem Persönlichkeiten Guineas: René Caillé, Alpha Yaya Diallo und Samory Toure.

Samory Touré entstammte den Malinke, einem der vier dominanten Stämme Guineas. Er war Militärführer in Westafrika im späten 19. Jahrhundert und genießt noch immer einen Status als guineischer Volksheld, da er sich erbittert über Jahre den Franzosen zur Wehr setzte, die das Gebiet rund um das heutige Guinea kolonialisieren wollten (was dann letztendlich auch gelang). Er starb, nachdem er in französische Gefangenschaft geriet und deportiert wurde.

Denkmal Samory Touré.

Alpha Yaya Diallo, auch Alpha Yaya von Labé genannt, war ein weiterer Widerstandskämpfer gegen die französische Herrschaft im Gebiet des Fouta Djallon, der bergigen Region im Nordwesten Guineas. Letztlich wurde er nach Mauretanien deportiert, wo er 1912 starb.

Denkmal Alpha Yaya Diallo.

René Caillé hingegen hatte nichts mit den Widerstandskämpfen gegen die Kolonialisierung der Franzosen zutun, er war ein europäischer Reisepionier Anfang des 19. Jahrhunderts. Der erste Europäer, der Timbuktu in Mali entdeckte und hierüber in Europa berichtete. Seine Reise dorthin startete er am Rio Nunez in Boké in Richtung Osten, weshalb die Straße vom Museum im westlichen Teil Bokés bis ins Zentrum auch nach ihm benannt ist.

Denkmal René Caillé.

Weiters wurde ich durch eine Ausstellung mit Alltagsgegenständen geführt, mit denen sich die Ureinwohner Guineas behalfen, bspw. das Xylophon als Kommunikationsmittel.

Zudem waren alle Präsidenten Guineas seit der Erklärung der Unabhängigkeit ausgestellt, unter anderem auch Ahmed Touré, der erste Präsident nach der Unabhängigkeit im Jahre 1958. Man erklärte mir, dass unter dem damaligen französischen Präsidenten de Gaulle eine Abstimmung zwischen den kolonialisierten, westafrikanischen Staaten stattfand: Die Wahl zwischen kompletter Unabhängigkeit und dem Entzug jeglicher Entwicklungshilfen oder dem Erhalt des Kolonialismus mit entsprechenden Entwicklungshilfen. Guinea entschied sich als einziges Land für die Variante „Armut aber Freiheit“. Das ist auch der Grund, warum die Guinea seine eigene Währung hat. Im Museum ist auch der erste in Umlauf gebrachte Guinee-Franc ausgestellt.

Interessant ist, dass das Museum ein klassisches Kolonialgebäude ist, in dem auch ein französischer Gouverneur zu Kolonialzeiten gehaust hatte. Im Keller wurden wiederum im Gefängnis die Sklaven gehalten, da das Gebäude einen strategischen günstigen Standort direkt am in den Atlantik mündenden Rio Nunez besaß, um die Sklaven nach Amerika zu deportieren. Ich durfte also direkt neben dem ehemaligen Gefängnis aus Kolonialzeiten campen.

In diesem Raum wurden in der Weise bis zu 40 Sklaven gefangen gehalten.

Nach diesem geschichtlichen Exkurs ließ ich im Restaurant des Museums die Seele baumeln und erholte mich von der anstrengenden Tour am Vortag. Die schwüle Hitze wirkte auf mich doch eher abschreckend bezüglich weiterer Erkundungen im Zentrum des doch recht beschaulichen Bokés. Lediglich einen kleinen Spaziergang zum Orangeshop unternahm ich, um nochmal 4 Gigabyte auf meine SIM-Karte zu buchen, da die 1,2 Gigabyte, die mir die Verkäufer am Markt nur anbieten konnten am Vortag, wohl kaum ausreichend sein werden.

Direkt neben dem Museum war der Polizei-Stützpunkt von Boké. Ich kam mit ein paar Beamten ins Gespräch, die mir eine Dusche anboten. Als ich meine Wechselkleidung holen wollte, bot mir mein Gastgeber jedoch ebenso eine Eimerdusche an, wodurch ich mir den Rückweg sparte. Außerdem wollte er mich anschließend am späten Nachmittag mitnehmen zum Pétanque spielen. Er fragte mich, ob ich die Sportart kenne. Hierbei stieß er natürlich auf Bestätigung, da mir das Spiel aufgrund der Leidenschaft meiner Großeltern sehr geläufig ist.

Leider kamen genau in diesem Moment endlich die Mitstreiter Jannick und Lucas an, wodurch ich auf ein Match leider doch erstmal verzichten und mich stattdessen um die beiden kümmern musste.

Die beiden waren immer noch offline, da der Orangeshop wohl schon zu hatte. Gut, dass wir uns so wiedergefunden haben.

So verbrachten wir den Abend mit Ousmane im Restaurant des Museums, das zum Verweilen wahrhaft einlud. Ousmane wohnt direkt neben dem Museum und arbeitet hier als Maler und Kunsthandwerker. Am Nachmittag zeigte er mir seine sehr gelungenen Malereien. Leider ist in meinem Gepäck kein Platz mehr 😉

Nach einem Abendessen im Restaurant wurde also die zweite Zeltnacht am Museum verbracht, ehe wir am nächsten Morgen bei mehreren Kaffees im Restaurant erst einmal die Zeit ins Land streichen ließen. Unser nächstes Ziel nach Boké war die Hauptstadt Conakry, ca. 250 Kilometer entfernt. Da wir ein Airbnb gebucht haben, das jedoch erst ab dem 1. Februar, also fünf Tage später, zur Verfügung stand, konnten wir es eh ruhig angehen mit 50 Kilometern pro Tag.

Schließlich packte ich aber doch meine Sachen zusammen und war abfahrbereit, während sich die anderen erst einmal um Internet kümmern mussten – wenngleich sie Zweifel äußerten, sich überhaupt Internet zu holen, nachdem sie von dem horrenden Preis für meine SIM-Karte erfahren.

Da ich jedoch gerne schonmal loslegen wollte, war natürlich die Verbindung zu den anderen beiden unabdingbar, sodass mir zumindest Lucas doch versicherte, sich Internet zu holen. So fuhr ich durch das hügelige Gelände wieder raus aus Boké – nun jedoch auf allerbestem Asphalt.

Relativ bald war der nächste größere Ort Kolaboui erreicht, wo ich mich mit Bissap-Saft und Snacks eindeckte auf dem hektischen Markt. Weiter ging’s über wiederum feinsten Asphalt durch einzelne Dörfer Richtung Südwesten. Auffällig war, wie die Kinder bei der Durchfahrt jedes dieser Dörfer laut „FOTÉ!“ skandierten.

Nach etwas über 50 Kilometern hielt ich schließlich bei einer kleineren Siedlung an und fragte um die Erlaubnis, hier irgendwo mein Zelt aufzustellen, um mich zu erholen. Die Bewohner ließen mich ohne Probleme machen, sodass ich hinter einem der Häuser mein Zelt aufbaute und nachmittags ein wenig die Zeit verstreichen ließ. Komischerweise hatte meine WhatsApp-Nachricht an Lucas mit der Durchgabe meines Standortes immer noch nur einen Haken. Nanu?! Muss er Akku sparen und hat deswegen den Flugmodus an?!

Versteckt hinter einem Haus direkt am Zugang zum Dschungel.

Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, die Nacht eventuell alleine zu verbringen, ehe mir Lucas am frühen Abend doch noch antwortete. Um für die beiden sichtbar zu sein, gesellte ich mich zu den fußballspielenden Kindern an der Straße. Wir spielten „Schweinchen in der Mitte“. Bemerkenswert war, dass die Kinder nicht wollten, dass ich in die Mitte gehe, sobald ich den Ball verloren habe. Ich fragte ich nach dem Warum…und hoffte, dass die Sonderbehandlung nicht an meiner Hautfarbe liegt.

Alsbald trafen dann die beiden anderen Kollegen auch ein. Hierbei klärten sich auch die Internetprobleme auf: In Boké gab es wohl keine SIM-Karten mehr, sodass die beiden es in Kolabui probierten. Auch hier gab es zunächst eine Absage, bevor jemand auf dem Markt seine bereits genutzte SIM-Karte anbot für einen etwas günstigeren Preis als meine. Ich realisierte langsam, was für ein Glück ich zwei Tage vorher in Boké wohl gehabt haben muss, irgendwie an Internet gekommen zu sein, wenn es hier solche Versorgungsengpässe gibt…

Am Abend kam zudem von unserer Airbnb-Vermieterin die Nachricht, dass wir theoretisch auch schon einen Tag früher reinkönnen. 200 Kilometer in drei Tagen – in Jannicks angeschlagenem Zustand bestanden weiterhin leichte Zweifel, dennoch gaben wir ihr positives Feedback für eine mögliche frühere Ankunft.

Aufgrund der hier etwas aggressiveren Moskitos hüpften wir schnell in die Zelte und ruhten bis zum nächsten Morgen.

Das Zeltlager am Morgen.

Da Lucas Ladeschwierigkeiten mit seinem Handy hatte, wurde am nächsten Tag darum gebeten, zusammen zu fahren. So begannen wir auch gemeinsam. Das Vorhaben zerschlug sich jedoch schnell, als ich einige Zeit im Flow meinen eigenen Rhythmus fuhr und die anderen dann natürlich nicht mehr hinter mir waren. So wartete ich im Ort Koussaya fast 50 Minuten. Leider vergebens – und weil niemand erreichbar war aus für mich unerfindlichen Gründen – Lucas hatte noch etwas Strom auf dem Handy – machte ich mich dann alleine weiter. Der Weg war ja eh klar – immer nur geradeaus.

Im durchaus hügeligen Terrain ging es durch das ein oder andere Dorf immer Richtung Boffa. Zur späten Mittagszeit und knapp 60 Kilometer später war die Kleinstadt erreicht. In einem kleinen Familienrestaurant am Markt genoss ich meinen Reis mit Fisch. Die Mutter bot mir zugleich an, dass ich auch gerne hier anhalten und die Nacht mit ihrer Tochter verbringen könne, weil diese mich sehr attraktiv finden würde.

Hügeliges Gelände.

Aus nachvollziehbaren Gründen lehnte ich jedoch ab und fuhr stattdessen noch einem kurzen Einkauf am Markt noch etwas weiter. Nach der Überquerung des Flusses Fatala und knapp 70 Kilometern fragte ich wiederum bei einer Siedlung nach der Möglichkeit, dort zu schlafen. Wieder war es für die Bewohner überhaupt kein Problem. Ich durfte mein Zelt hinter ihrem Haus aufstellen, sie versorgten mich mit Wasser sowie einer Eimerdusche und luden mich zu einer großen Portion Reis mit Fisch ein. Hinterher kochten sie mir noch Tee. Über das Thema Fußball konnte ich mich mit den diesem Sport verfallenen Einwohnern relativ schnell auf eine Wellenlänge bringen. Eifrig tauschten wir uns über die Salahs, Musialas, Mbappés und Lamals dieser Welt aus.

Der Zeltplatz.

Irgendwie fand ich es in diesem Moment auch ganz reizvoll, die meisten Etappen alleine zu fahren. Für einen Schlafplatz musste man schließlich eigeninitiativ auf die Leute zugehen und fand so prima Anschluss an die lokale Bevölkerung auf dem Dorf, die mehr als großzügig und zuvorkommend war. Man hat fast den Eindruck, dass man sich als auf die Leute zugehender, durchgeschwitzter und müder Reisender mit einem kleinen Fahrrad fast ein bisschen nahbarer und verletztlicher zeigt als der 5-Sterne-Hotel-Urlauber oder Mietwagen-Roundtrip-Urlauber. Es scheint jedoch bei der lokalen Bevölkerung, die selbst gewiss nicht viel hat und für Hungerlohn arbeitet, den Hilfeinstinkt zu wecken.

Langsam hat man sich an diese Art zu duschen gewöhnt.

Da an diesem Abend der letzte Spieltag der Ligaphase der Champions League war, nahm man mich sogar mit zu den Nachbarn, um bei ihnen in großer, lokaler Runde am Abend Fußball zu schauen. Leider wurde nur das einseitige Spiel von Stuttgart gegen Paris St. Germain auf dem französischen Sender übertragen, dennoch war es eine tolle Erfahrung, mit diesem fußballbegeisterten Volk unseren gemeinsamen Lieblingssport zu verfolgen.

Fast wie daheim mit Bier bei Freunden.

Leider hatte das Vergnügen nach 35 Minuten ein Ende, als meine beiden Kollegen im Dunkeln schließlich nachkamen. Was heißt leider? Das Spiel war zu dem Zeitpunkt rein sportlich eh schon entschieden, sodass ich den Rest des Abends wiederum mit Jannick und Lucas verbrachte. Hier klärte sich auch wiederum das Problem der fehlenden Erreichbarkeit am Beginn der Tour auf: Der SIM-Karten-Verkäufer vom Vortag hatte Lucas wohl einen 1-Tages-Internetpass gebucht, wodurch dieser dann mitten auf der Tour merkte, dass er ohne Internet dastand. Die Suche eines Orangeshops zum Buchen von Datenvolumen gestaltete sich wohl äußerst mühevoll, erst in Boffa wurde man nach mehreren Versuchen fündig – womit auch die späte Ankunft zu erklären war. Als ich fast eine Stunde wartete, haben die beiden wohl genau einen Ort vorher bereits Pause eingelegt.

Im gemeinsamen Gespräch mit unserem Gastgeber erfuhren wir zudem noch, was es mit dem Wort „Foté“ auf sich hat: So nennt man in der Sprache des Stammes der „Soussou“, einer weiteren in der Küstenregion dominanten ethnischen Gruppe in Guinea, Menschen mit weißer Hautfarbe. Es sei jedoch keineswegs negativ gemeint, sondern eher respektvoll.

Vor dem Schlafengehen besprochen wir das nächste Tagesziel: Ein in iOverlander ausgeschriebener Flusslauf wurde auserkoren, fast 90 Kilometer entfernt am Fuße der Halbinsel mit der Hauptstadt Conakry. So kann man die Hauptstadt am nächsten Tag entspannt erreichen.

Da nun alle Probleme geklärt schienen, Lucas Internet besaß und auch sein Handy wenigstens noch ein paar Prozent Strom bekam, akzeptieren wir unsere unterschiedlichen Tagesthythmen und man ließ mich vorfahren, sodass ich um kurz nach 9 Uhr am nächsten Morgen startete nach der Verabschiedung von unseren super netten Gastgebern.

Das Lager wiederum am nächsten Morgen.

In der Nacht zuvor hatte es sogar kurz geregnet, jedenfalls war das Zelt in der Früh klatschnass und aufgrund der zusätzlichen Feuchtigkeit entstand starker Morgennebel, fast ein bisschen wie im Herbst in der Heimat. Ich jedenfalls genoss die morgendliche Kühle und das herbstliche Flair auf den ersten Kilometern der hügeligen Strecke.

Bei einer Flussüberquerung in der Früh.
Eine fast mystische Allee…

Bald war es nämlich vorbei hiermit: Die Sonne setzte sich durch und heizte ordentlich ein, man fühlte sich wiederum wie im Dampfbad eines heimischen Thermalbades. Mit dem zügigen Einkauf von 10 Plastiksäcken voll Wasser wurde die Tour fortgesetzt.

In dem Ort Tanene, genau auf Hälfte der Strecke, wollte ich Mittagspause machen. Wollte ich – die Tageszeit war noch zu früh und die Restaurants auf dem Markt haben noch nicht geöffnet. So holte ich mir lediglich ein paar Backwaren an dem hektischen, überlaufenen Markt und rastete in Ruhe am Flussufer des sich anschließenden Flusses Konkoure. Dieser musste aufgrund seiner Verzweigungen auf gleich drei Brücken überquert werden.

Auf dem zweiten Teil der Tour kamen ziemlich schnell die Ausläufer der Berge des Fouta Djallon in Sichtweite. Die Straße führte in hügeliger Landschaft an diesen majestätischen Gestalten vorbei – mit dem saftigen Grün der Palmen im Vordergrund ein Anblick wie aus einem Nationalpark.

Da geht dem Alpenbewohner wieder das Herz auf.
Ein anderer Blickwinkel.

Nach einigen weiteren Kilometern durch diese Landschaft auf langsam wieder schlechter werdendem Asphalt mit vielen Schlaglöchern und einigen staubigen Baustellen durchs Geröll wurde die Ortschaft Khorira erreicht, die ebenfalls an einem Nebenlauf des Konkoure lag. Ein Trail von einem Kilometer weg von der Hauptstraße führte zu dem ruhigen Flussbecken als Tagesziel nach 88 Kilometern.

Ruhig war es hier am Nachmittag nicht: Viele Einheimische wuschen hier ihre Kleidung, sie störten sich jedoch nicht an mir und ließen mich in Ruhe mein Zelt aufbauen. Im Gegenteil: Ein paar Kinder beobachteten mein staubiges Fahrrad und hatten Gefallen daran, dieses zu säubern – diesen Service nahm ich doch gerne an, nachdem ich ein paar meiner Klamotten bereits im Fluss von grobem Schweiß befreit hatte und mich obendrein erfrischte.

Herrliche Erfrischung nach 88 Km.

Nach Sonnenuntergang wurde es schlagartig ruhiger an diesem wunderschönen Ort, als die Hiobsbotschaft kam, dass Jannick und Lucas zu spät starteten für diese lange Strecke und es daher nicht mehr schaffen würden. Ich würde die Nacht also alleine hier verbringen…

Da der Ort wohl bei der Bevölkerung nicht ganz unbekannt ist, sicherte ich mein abgeschlossenes Fahrrad zusätzlich durch das Verbinden mit einer Schnur meines Zeltes. So sollte ich durch das Rütteln wach werden, wenn ein Langfinger mein Fahrrad davontragen möchte.

Die Nacht verlief dann auch in der Hinsicht problemlos, jedoch nicht ohne Zwischenfälle. Aufgrund entsprechender Berichte in iOverlander dachte ich nämlich, dass man hier nicht fragen müsste für das Campen. Ein Irrtum. Um 23 Uhr wurde ich per Taschenlampe geweckt. Die Person fragte, ob ich die Erlaubnis zum Campen beim Chef du Village eingeholt hätte. In mir kamen bereits böse Flashbacks hoch. Ich verneinte und beteuerte, dass ich am nächsten Morgen direkt abhauen würde.

Der Kontrolleur erklärte mir, dass das Interesse besteht, dass Touristen bitteschön ein Hotel nehmen sollten und die Strafe eigentlich 20.000 Francs betragen würde. Er ruderte jedoch sogleich zurück: „Je crois que tu es très jaune et tu n’as pas l’air d’avoir beaucoup d’argent. Et tu es un tourist alors tu ne peux pas savoir. Alors donne-moi 50.000 Francs et c’est bien.“ („Ich glaube, du bist sehr jung und hast wahrscheinlich nicht viel Geld. Und du bist Tourist und kannst es nicht wissen. Also gib mir 50.000 Franken und es passt.“)

Ich war mir nicht sicher, ob das einen ernsten Hintergrund hatte, oder ob es sich um einen Betrüger handelte, der sich das Geld in die eigene Tasche steckte. In dem Moment wollte ich aber einfach schlafen und war froh, gegen umgerechnet 5 Euro mit dem Schrecken davonzukommen. So ließ der Mann auch von mir ab, nachdem ich den Geldbeutel geöffnet hatte. Die restliche Nacht verlief dann auch mehr als ruhig, das Gequacke der Frösche war die einzige Geräuschquelle.

Nach einem ruhigen und stimmungsvollen Sonnenaufgang über dem Flusslauf packte ich zusammen und machte mich auf die restlichen 40 Kilometer bis zum Airbnb in Conakry. Da meine Essensvorräte leer waren und ich eh alle Zeit der Welt hatte, machte ich nach einem Kilometer beim ersten Restaurant zurück an der Hauptstraße ausgiebige Frühstückspause.

Stimmungsvoller Sonnenaufgang.
Erstes Morgenlicht am ruhigen Flussbecken.
Gegen die Diebe.
Morgenstimmung am Zelt.

Es gab Atchéké (Maniok-Couscous) mit Fisch und Zwiebelsoße. Ich kam mit dem Mann der Köchin ins Gespräch, der sich für meine Fahrradtour interessierte. Als ich ihm erzählte, dass ich Deutscher wäre und in Deutschland gestartet sei, war er noch einmal viel netter als vorher. Er schwärmte von Deutschland und erzählte mir, dass viele seiner Bekannten nach Deutschland ausgewandert und dort aufgenommen worden seien. Hierbei musste ich unweigerlich an dieses politisch brisante Thema und die Neuwahlen in drei Wochen denken. Ich bin mal sehr gespannt, wie die Zukunft dieser Migranten aussieht, wenn sich in den nächsten geschätzt 1 1/2 Monaten die Koalition für die nächsten Jahre abzeichnet. Aber das nur als kurzer Einwurf, ich möchte hier ja nicht in politisch stark polarisierende, sensible Themen abdriften…

Jedenfalls erzählte mir der Mann weiter, dass er und seine Frau selber Migranten sind und zu Bürgerkriegszeiten aus dem benachbarten Sierra Leone flohen. Nachdem wir uns verabschiedeten, tauschten wir Nummern aus, da er darum bat, mich auf dem Laufenden zu halten. Er war bereits in vielen Ländern auf der angepeilten Reiseroute und kann ja eventuell auch gute Tipps geben…

Nach dem Gespräch machte ich mich wieder auf und stürzte mich in den nun deutlich chaotischer werdenden Verkehr in Richtung Conakry-Halbinsel. Die Straße war für eine Hauptverkehrsroute in Richtung des wirtschaftlichen Zentrums eines Landes wahrhaft katastrophal, gesäumt mit Schlaglöchern. In der hügeligen Landschaft fuhren stinkende LKWs an dir vorbei, wo Mitfahrer ungesichert auf dem Dach balancierten und Ware festhielten – wahrhaft wilde Eindrücke auf dem Weg Richtung Hauptstadt.

In der anfangs noch recht klaren Luft konnte man linkerhand noch majestätische Berggipfel bewundern. Bald jedoch setzte sich der Abgas-Smog der Stadt Conakry durch, die Sicht wurde zunehmend eingetrübt und der Verkehr immer chaotischer bei tropischer Hitze. An mancher Baustelle gab es mitten auf der Hauptverkehrsroute dann eine wahre Buckelpiste. Das Passieren von Kreisverkehren bedeutete Chaos pur.

Keine Ahnung wie der Gipfel heißt, aber eine Majestät wie die Lechtaler Wetterspitze.

Erst, als man ein paar Kilometer vor dem Airbnb in dem ruhigeren Viertel Nongo von der Hauptverkehrsstraße wegfuhr, wurde es nach dem Passieren eines lokalen Marktes etwas ruhiger. Hier machte ich dann einen Kilometer vor dem Ziel noch eine entspannte Mittagspause. Als der Restaurantbetreiber erfuhr, dass ich Deutscher wäre, schwärmte er ebenso von diesem Land und zeigte mir den Deutschlandschal in den Räumlichkeiten seiner Gaststätte. Als Deutscher wird man hier wohl sehr viel wohlwollender empfangen als bspw. als Franzose…

Staub, Hitze, Chaos, Abgase.
Die Räumlichkeiten der Gaststätte.
Hügelig-dreckiges Conakry.

Nach dem Genuss meines Essen musste ich dann, ganz im Stile einer Berühmtheit, noch für zahlreiche Fotos mit den Restaurantbetreibern posieren, ehe ich bergab den letzten Kilometer zum Airbnb rollte. Hier genoss ich eine Auszeit von der Hitze und die kühlende Dusche, bevor ich auf die anderen wartete. Ein Blick in den Spiegel zeigte mir dann erst, wie dreckig und staubig diese Stadt eigentlich ist…durch den Stadtverkehr von Conakry zu fahren, ist ein Erlebnis für sich. Mal abwarten, ob sich die Tage danach der Eindruck von dieser Stadt noch bessert. Aufgrund der Beschaffung von Visas müssen wir hier ja eh ein bisschen bleiben…mehr dazu im nächsten Blog.

Radfahren in Conakry: Gezeichnet von Dreck, Staub und Abgasen.

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