Greenville – schnell haben wir das beschauliche Küstenörtchen und damit den Asphalt auch schon wieder hinter uns gelassen. Der Gravelspaß ging also wieder los, diesmal jedoch erstmal auf sehr guter Piste und weitestgehend flach.

Schnell kamen wir voran, ehe in dem Örtchen Panama ein weiterer Polizeicheckpoint wartete. Aufgrund der langen Powerbanks-Ausladepause war es hier, 12 Kilometer hinter Greenville, bereits nach 17 Uhr. Bei Ankunft wurden wir bereits in einem anderen Ton als bei den vorherigen Checkpoints gefragt, was wir denn geben könnten. Wir ignorieren erstmal und machten ganz normal die Passkontrolle durch. Anschließend meinten die Beamten: „All fine, you can go – but you have to pay before!“ Wie bitte?! Für was?! Wir lehnten ab. Die korrupten Polizisten meinten es jedoch ernst, sodass wir mit einem Anruf bei der deutschen Botschaft in Liberia drohten.

Das schüchterte die Polizisten jedoch nicht ein, sie erklärten, dass sie eben alle unsere Taschen durchsuchen wollen, wenn wir nicht zahlen. Wir zählten kurz durch: Wir drei haben 16 Taschen. Das würde mindestens 2,5 Stunden dauern…die Beamten wissen, wie sie uns erpressen können, bis dahin wäre es schließlich dunkel gewesen und bei einem korrupten Polizei-Checkpoint möchten wir nicht auch noch unser Zeltlager aufstellen.

Die Zahlung von umgerechnet einem Euro akzeptierten wir schließlich, damit wir weiterkamen. So konnten wir noch gut eine Stunde und 15 Kilometer fahren, ehe wir bei einem ruhigen Häuschen neben der Gravelstraße landeten. Hier wohnte ein bereits über 70-jähriger ehemaliger Lehrer mit seiner Frau. Wir durften auf dem Grundstück unsere Zelte platzieren.

Zeltplatz.

Den Abend verbrachten wir mit einem interessanten Austausch mit dem Herrn. Er ist ein Ur-Liberianer und nie wirklich rausgekommen, um die weite Welt zu sehen. Dementsprechend war er auch sehr interessiert an unseren Erzählungen von Deutschland. Im Gegenzug brachte er uns auch Liberia auf mehreren Ebenen näher. Insbesondere über das Thema der Politik tauschten wir uns aus. Passenderweise war im Heimatland zu diesem Zeitpunkt ja auch gerade erst die Bundestagswahl vorbei. Wir berichteten dem Herrn, wie in Deutschland Wahl sowie Koalitions- und Parlamentsbildung funktionieren und welche Parteien aktuell für eine Regierungskoalition in Frage kommen. Er zeigte sich sehr dankbar über unsere Erklärungen. Dies beruhte jedoch ganz auf Gegenseitigkeit, als er uns berichtete, dass das Wahlverfahren in Liberia wie in den USA abläuft, die Amtszeit jedoch sechs Jahre beträgt. Aktuell liegt der politische Schwerpunkt auf Projekten für Infrastruktur in Schulen und bessere Bildung. Ein für meinen Geschmack sinnvoller Fokus und eventuell der richtige Weg für die Entwicklung des Landes…gleichzeitig beklagte er sich jedoch über wegfallende Hilfen von den USA seit dem Amtsantritt von Trump. Jaja, die aktuelle politische Großwetterlage macht es halt niemandem leicht…

Nach drei Stunden Austausch war es bereits später Abend und wir legten uns alsbald schlafen. Die Nacht verlief hier mitten in der Natur traumhaft ruhig und ungestört. Am nächsten Morgen bekamen wir vom Gastgeber wieder heißes Wasser für den Kaffee und anschließend zeigte er uns noch seinen Garten mit Orangenbaum. Wir durften uns selbstverständlich eindecken für die Weiterfahrt. Mit bestem Dank für den schönen Kurzaufenthalt zogen wir am späten Vormittag weiter.

Anschauungsunterricht, wie wir die Orange vom Baum bekommen.
Danke für den netten Aufenthalt!

Der gemütliche Eindruck vom gestrigen Tag war letztlich eine Finte, wenige Kilometer nach Aufbruch ging das flache Gelände in kurze, heftig-steile Hügel mit gleicher Abfahrt über, eine wahre Achterbahnfahrt. Auch der Schlamm und die Pfützen auf dem Weg sollten sich bald zurückmelden und ließen die Strecke zum Abenteuer werden. Jannick musste mit seiner defekten Schaltung so gut wie jeden Hügel hinaufschieben, sodass wir bei dem Gelände noch langsamer vorankamen, als es ohnehin der Fall gewesen wäre.

Ein Wort: Steil!

Zudem kam hinzu, dass wir nun wirklich so tief im Dschungel waren, dass man von Zivilisation eigentlich nicht mehr wirklich sprechen konnte. Auf dem Weg waren wenn überhaupt kleinere Siedlungen, eine Mittagspause in einem Restaurant unmöglich.

So mussten wir bereits sehr erschöpft an einem kleinen, schattigen Stück am Wegesrand anhalten. Ich verdrückte eine Portion Sardinen in der Dose, die es hier noch häufig zu kaufen gab.

Mit vielen kleineren Pausen quälten wir uns anschließend langsam aber stetig weiter durch das herausfordernde Gelände, welches einem wahrlich so manchen Schweißtropfen abverlangte.

Am späten Nachmittag erreichten wir nach einem diesmal nicht korrupten Polizei-Checkpoint ein Dorf, wo wir uns wieder mit Wasser und Snacks eindecken konnten. Auch gab es hier ein Restaurant, welches noch einmal mir Handkuss für eine späte Einkehr genutzt wurde. Die Portion Reis war durchaus gut gemeint, ich schaffte sie nicht und vermachte den Rest einem Einheimischen.

Bereits nach 17 Uhr, wollten wir noch knappe 10 Kilometer weiter ins nächste Dorf fahren. Die Hügel ließen jedoch einfach nicht nach. Jannick schien langsam vom Schieben über die zahlreichen, steilen Hügel wahrlich am Ende zu sein. Bereits in der Dämmerung und zwei Kilometer vom Dorf entfernt, entdeckten wir schließlich eine kleine Siedlung, bei der wir übernachten durften: Ende nach nur 35 Kilometern. Man bot uns sogar an, in einem Raum zu schlafen. Die anderen beiden bevorzugten jedoch ihr Zelt, während ich offen gegenüber Abwechslung zum Zelten war.

Mein Schlafplatz.

Die Matratze, die in den kleinen Raum gelegt wurde, war zwar sehr dünn und bot nicht den höchsten Schlafkomfort, für eine Nacht war’s aber schon okay. Außerdem durften wir immerhin die Grundwasserpumpe gegenüber der Straße benutzen, um uns etwas frisch zu machen. Zudem wurden wir wieder zum Abendessen eingeladen, was wir diesmal wegen der vorangegangen Mahlzeit jedoch ablehnten.

So sieht dann das abendliche Duschen aus: Einer pumpt, der andere verrenkt sich.

Ansonsten legten wir uns aufgrund allgemeiner Müdigkeit früh schlafen, Empfang war hier sowieso keiner, als dass einen das Handy lange vom Schlafen abhielt. Problem war lediglich, dass die Einwohner bis 23 Uhr draußen laut diskutieren und Musik hören. Zudem geht der Betrieb ab halb 6 in der Früh wieder los, wirklich erholsamer Schlaf war also auch mit Ohrstöpseln schwierig.

Aber es half ja nichts. Immerhin durften wir uns wieder Warmwasser für Kaffee und Porridge nehmen, bevor wir uns dann wieder starteten. Leider fühlte sich nun Jannick nicht gut mit laut eigener Aussage malariaähnlichen Symptomen. Er nahm sogar vorsichtshalber wieder das Medikament. Entwarnung: Es war ein Fehlalarm, hier handelte es sich eher schon um leichte körperliche Erschöpfungssymptome.

Dennoch waren das natürlich nicht die besten Voraussetzungen für die kommende Etappe, die es wahrlich in sich hatte. Der Matsch wurde nochmal deutlich mehr, die Hügel wurden stellenweise sogar nochmal länger bei gleicher Steilheit. Jannick in Kombination mit schlechter Verfassung und defekter Schaltung bedeutete dann dabei eins: Wahres „Schneckentempo“.

Sieht nicht steil aus, aber auch hier musste geschoben werden.

Inklusive aller normalen Pausen sowie der Schiebe-Wartepausen haben wir nach 2,5 Stunden stolze fünf Kilometer zurückgelegt. Zwischenzeitlich diskutierten wir darüber, ob wir nicht beim nächsten Truck mitfahren sollten bis zum Asphalt, weil es ja wenig Sinn macht, wenn Jannick jetzt auch noch krank wird…das Problem: Wie soll auf dieser Piste ein Truck durchkommen?! Nein, wir waren jetzt schon auf uns allein gestellt…

Im nächsten Ort nach ganzen sechs Kilometern machten wir Pause in einem kleinen Snackladen mit Sitzbank. Auch für mich war diese Strecke am Maximum. Aber was tun nun? Es war 14 Uhr mittags. Wir fragten den Ladenbesitzer nach der Distanz zum nächsten Dorf, dieser wollte sich jedoch zunächst keine konkrete Information entlocken lassen, ehe er nach mehrmaliger Nachfrage meinte: „Around 10 kilometers“. Gut – wir einigten uns darauf, dass das trotz der schlechten Voraussetzungen schon noch irgendwie machbar sein sollte in den kommenden vier Stunden, nachdem ein vorzeitiger Abbruch des Fahrradtages im Raum stand. Die Antwort der Frage auf den Zustand der Route sowie die Hügel auf den kommenden Kilometer ließ uns jedoch Respekt davor einflößen: „At first worse – after the next village better.“ Schlechter als bis hierher?!?! Puhhh…

Jannick fuhr gleich vor, da er mehr Zeit bräuchte. Bald darauf fuhr auch ich los, während Lucas länger Pause machen wollte. Der Weg war überraschenderweise zunächst besser, man kam schneller voran. Doch just in diesem Moment bremste ich mich selbst aus: Vereinzelt kamen nämlich wieder Schlammlöcher und Pfützen. Bei einer Serie von drei Pfützen hintereinander wollte ich im Slalom drumherum fahren.

Bei der letzten passierte es schließlich: Die Kluft zwischen Wegesrand und Schlammloch war zu klein, um sauber drumherum zu manövrieren. Das Hinterrad geriet in den Matsch und blieb stecken. So ging es ganz schnell: Ich verlor die Balance, kippte zur Seite um und machte mit vollem Gewicht einen Abflug in die Pfütze. Da diese einen halben Meter tief war, konnte ich auch einmal richtig eintauchen. Eine Ganzkörpererfrischung, die ich mir so nicht gewünscht habe. Und ob das Handy jetzt noch funktioniert?!

Das war so nicht geplant.

Etwas geschockt und perplex über das Vorkommnis wuchtete ich mein Schlammfahrrad wieder aus der Pfütze und richtete meine Gepäcktaschen wieder. Bald traf auch Lucas ein und wurde Zeuge das Elends. So bekam ich immerhin noch ein Erinnerungsfoto in komplett verschlammter Kleidung.

Weiter geht’s…

Egal – hinfallen kann man immer. Aufstehen, Krone richten und weiter geht’s! Ich wollte mich nicht entmutigen lassen und schwang mich wieder auf mein Fahrrad. Aufgrund meiner komplett schlammigen Kleidung und der bescheidenen Gesamtsituation war meine Stimmung aber etwas im Keller. Das bekam leider auch Lucas zu spüren, als er mir hinter mir fahrend etwas mitteilen wollte und ich so vor einem steilen Hügel abbremsen musste und nicht mehr rechtzeitig runterschalten konnte – Schieben war angesagt. Anschließend las ich ihm die Leviten, wie man sprichwörtlich sagt – eine emotionale Überreaktion von mir.

Es sollte auf den kommenden Kilometern nicht der einzige Schiebehügel sein. Meine Kraft und Konzentration ließen leider stark nach, und die Hügel waren diesmal extrem zerklüftet, technisch und steil. Ein Abkommen von der kleinen, fahrbaren Linie war gleichzusetzen mit Schieben. Jenes Schieben ist aber in dem schottrigen Gelände ohne Halt an den Füßen mindestens genauso kraftaufwändig: Einen Schritt vor, zwei zurück.

Tolle Landschaft, aber unheimlich anstrengend.

Ein Blick auf die Strava-Aufzeichnung verriet, dass 10 Kilometer zurückgelegt waren. Ein Dorf war jedoch weit und breit nicht in Sicht. Auf Nachfrage bei einem Motorrollerfahrer erfuhren wir, dass es noch etwas dauert bis zum Dorf.

Immerhin waren die Hügel bald erstmal nicht mehr ganz so schlimm. Dennoch mussten am späten Nachmittag auch längere, aber flachere Trailanstiege im untersten Gang gefahren werden. Die Kraft war einfach weg in diesem Moment.

Nach einem freundlichen und unkorrupten Polizeicheckpoint war schließlich nach genau 16 statt 10 Kilometern seit dem Dorf endlich das nächste erreicht. 16 statt 10?! Wir waren uns sicher: Der hat wohl Kilometer mit Meilen verwechselt bei seiner Auskunft…wer soll es ihm verdenken. Hier in Liberia sind nunmal Meilen die Haupteinheit für Entfernungsmessung…

Egal – wir haben uns durchgekämpft und fanden nach kümmerlichen 22 Kilometern Tagesleistung an einem kleinen, familiengeführten Laden schnell einen Platz zum Ausruhen, wir durften unter dem schützenden Vordach sogar unsere Zelte aufbauen.

Schlafplatz unterm Vordach.

Ein Blick in meine Taschen sorgte jedoch für einen weiteren Schockmoment: Das Schlammwasser drang aufgrund des Tauchganges tief ein. Insbesondere meine Kleidung war komplett vermatscht und nass. Alles musste erstmal aufgehangen werden…eine Waschmöglichkeit war leider so schnell nicht vorhanden.

Auch, mich selbst vom gröbsten Schlamm zu befreien, stellte sich als herausfordernd dar. In dem Dorf Warkpo war Wasser generell knapp und ein kleiner Kübel Eimerdusche half lediglich begrenzt weiter bei dem Grad an Verschmutzung. Die Verwendung von viel Seife half dann wenigstens so weit, dass ich mich nicht mehr vor mir selber ekeln musste.

In Sachen Verpflegung bot die Familie an, dass wir Zutaten für Spaghetti im Laden erwerben, und sie uns anschließend die gewünschte Mahlzeit kochen. So mischten wir Spaghetti mit Sardinen aus der Dose, Zwiebeln, Eiern sowie ein wenig Tomatensoße – fertig war ein köstliches Abendmahl.

Mahlzeit.

Lange noch hielten uns die neugierigen Einwohner wach, die uns kennen lernen wollten und den Hintergrund unserer Reise wissen wollten. Schließlich jedoch mussten wir uns in unserem übermüdeten Zustand ins Zelt verabschieden.

Am nächsten Morgen immerhin war mein Handyanschluss wieder trocken vom Schlamm und ich bekam wieder Strom – Durchatmen 2.0! Der Morgen zog sich jedoch, da erst noch die verschlammte Wäsche in der Morgensonne getrocknet und dann wieder eingesammelt werden musste.

Zudem war es ein liberischer Feiertag: Der Mittwoch, 12. März war der zweite Mittwoch im März und damit der „Decoration Day“, ein traditioneller Feiertag in Liberia, an dem Ausflüge zu den Friedhöfen unternommen werden und den Ahnen gedenkt wird. Zudem fließt auch der Alkohol in rauen Mengen. Viele Einheimische verloren so schon am Vormittag einen Großteil ihrer Hemmungen, wodurch wir nur bedingt in Ruhe unser Zeug zusammenpacken konnten.

Abschiedsfoto mit Daumen auf der Linse – vielleicht war auch hier schon Alkohol im Spiel😉

So waren wir doch froh, als wir bald weiterkamen. Nur das Auffüllen von Wasser gestaltete sich noch schwierig, da es weder welches zum Verkauf gab, noch die Pumpe vom Ort funktionierte. Schließlich füllte eine Dame uns das Wasser aus einem Kübel auf – wir vertrauten mal.

Nach einem relativ flachen ersten Kilometer ging die Achterbahnfahrt von vorne los. Jannick war immer noch etwas angeschlagen und wir kamen kaum schneller als am Vortag voran. Der Weg war noch matschiger und voller Pfützen.

Immer wieder das gleiche Spiel.

Bis zum nächsten Ort waren es 20 Kilometer, ab hier, so versicherte man uns, solle es endlich besser werden. Bis dahin war es jedoch ein weiter, mühsamer Weg.

So sah der Großteil des Weges aus.

Einmal bestand eine Sackgasse zwischen drei großen Pfützen – man durfte sich aussuchen, durch welche man nun hindurchschiebt. Ich entschied mich für die linke ganz am Rand des Weges. Doch selbst am Rand war diese so tief, dass meine Gepäcktaschen am Fahrrad fast versenkt wurden. Das Rauswuchten am Ende der Pfütze aus dem Matsch kostete außerdem enorm viel Kraft.

Nächster Tauchgang.
Zwischen dem Matsch konnte man sich bestem Regenwald erfreuen.

Hinzu kam, dass Jannick noch einmal hinfiel bei einer huckeligen Abfahrt über Stock und Stein, da nach Matschkontakt die Reifen überhaupt keinen Grip hatten und einfach wegrutschten…gottseidank nur bei Gehtempo.

Immer wieder: Schieben!

Erst am Nachmittag haben wir uns über Stock, Stein und Matsch in den langersehnten Ort gekämpft und überlegten, dort Essenspause einzulegen. Hier gab es jedoch kein Restaurant und das nächste Dorf war nur fünf Kilometer weg, sodass wir weiterfuhren – diesmal über deutlich bessere Gravelpiste. Jedoch nur für ein paar Kilometer, schnell kam der ein oder ander steile, zerklüftete Hügel zurück. Bei einer kurzen Brücke über einen Teich mussten wir uns an einem LKW vorbeischlängeln, der sich an der Steigung festgefahren hatte und anschließend halb in dem Teich hing – ein krasser Anblick. Nicht nur wir verzweifeln auf dieser Piste.

Der Weg war kurz deutlich besser.

Dass hier jedoch wieder LKWs unterwegs waren, ließ die Hoffnung nähren, dass es eventuell bald besser wird.

Im nächsten Ort bat ich schließlich aber darum, dass wir es für diesen Tag bleiben lassen. Ich fühlte mich wahrlich am Ende meiner Kräfte. Erst einmal mussten wir jedoch durch einen Polizeicheckpoint durch. Hier dauerte es etwas länger, da die Beamten mehr auf dem Herzen hatten, als nur unsere Reisepässe zu kontrollieren.

„What’s your mission?“ ist die Frage, die wir uns in Liberia jeden Tag anhören dürfen, wie auch hier. Die meisten gehen davon aus, dass wir von der deutschen Politik entsandte Auslandsvertreter seien, die in Form einer Fahrradtour die Beziehungen zu afrikanischen Ländern pflegen sollen.

Jedesmal müssen wir erklären, dass wir keinerlei politischen Hintergrund haben und lediglich Touristen sind, die diese Reise nur für sich selbst machen. Hier wollten die Polizisten das jedoch nicht gelten lassen und fragten danach, was wir denn als deutsche Vertreter für Liberias Entwicklung tun könnten: „You see this bad road here. We need investments for better roads. Can’t you do anything as you come from germany?“

Wir versuchten zu erklären, dass wir einfache Bürger sind, schon einmal gar nicht mit unserem Privatvermögen in die Restaurierung von Liberias Straßen investieren könnten und keinerlei Kontakte zu hochrangigen Politikern haben, die den Einfluss haben, ein entsprechendes Projekt starten zu können. Jedoch, so unsere Argumentation, würden ja über diesen Blog genug Leute sehen, wie katastrophal die Straßen in Liberia sind. Vielleicht ist ja auch eine Person dabei, die eventuell mehr Macht und Einfluss hat als wir 😉

Auch das ließen sie jedoch nicht gelten, die Logik: Als reiche Deutsche müssen wir ja irgendwas tun bzw. ändern können. In forderndem Ton wollten sie unsere Telefonnummern, um über ein solches Projekt mit uns in Kontakt zu bleiben. Wir tauschten ein paar Zahlen aus bei den Telefonnummern, ehe man uns nach Herausgabe der Fake-Nummern schließlich ziehen ließ.

In dem Ort fanden wir schnell ein ruhiges Plätzchen neben einem kleinen Restaurant, wo wir nach Zeltaufbau fragten. Wir bauten unser Lager auf und verschlangen im Restaurant eine Portion Reis. Heute immerhin 25 Kilometer…

Das Lager im Aufbau.

Schnell entdeckten wir an diesem Mittwochabend zudem, dass dieses Dschungeldorf zwar kaum fließendes Wasser und sonstigen Komfort bietet, zwei Häuser weiter gab es jedoch ein Public Viewing, wo Champions League lief. Obendrein war daneben sogar eine Station zum Laden von elektronischen Geräten eingerichtet.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich nahm meine Powerbanks mit, gab ihnen wertvollen Strom und schaute mit währenddessen die Schlussphase von Lille gegen Dortmund an. Erst danach jedoch füllte sich der Laden, denn das Highlightspiel Atletico Madrid gegen Real Madrid wartete. Wenn man über die Liberianer eins sagen kann: Sie sind heißblütige Fußballfans, mehrheitlich für den Weltclub Real Madrid (wie überall hier).

Auch Lucas kam mit, konnte sich als Nicht-Fußballfan jedoch nicht für die emotionale, laute Atmosphäre in dem Schuppen begeistern. Er verließ nach 30 Spielminuten, sodass ich nun als einziger Weißer dem Public Viewing beiwohnte. Die Zuschauer zeigten sich jedoch mehr als herzlich, wie häufig durfte ich mir bei einzelnen Gesprächen die Sätze „You are one of us!“ oder „We are all from the same world! Welcome!“ anhören?!? Einer gab mir und Lucas zu Beginn des Spiel sogar Softdrinks aus. Der Spruch schien sich mal wieder zu bewahrheiten: Fußball verbindet!

Großer Fußballabend.

Ich fühlte mich daher sehr geborgen und sog die elektrisierende Stimmung geradezu auf in Verbindung mit dem hochspannenden Europapokal-Fight. Ich genoss den tosenden Applaus im Saal, als ein Mbappé auf einmal Grätschen auspackte, das Raunen, als ein Vinicius Junior einen Elfmeter über das Tor jagte, den Emotionsausbruch, als ein Toni Rüdiger den entscheidenden Elfer irgendwie ins Tor zitterte. Ich bin gewiss kein Real-Fan, aber generell als Fußballfan war es ein sehr gelungener Abend, hier irgendwo im Dschungel…

Aufgrund Verlängerung und Elfmeterschießen kam ich so erst um halb 12 Uhr ins Zelt, aufgrund der Müdigkeit konnte ich immerhin direkt schlafen.

Das war auch bitter nötig, denn der nächste Tag sollte micht minder anstrengend werden. Der Polizei-Checkpoint half uns zumindest in einer Sache: Hier gab es nämlich eine Weggabelung. Rechts führte ein Weg ab, der in der App Komoot gar nicht eingezeichnet war. Diese wollte uns über den linken Abzweig ganz außenrum führen zum Ziel der Stadt Barclayville. Die Polizisten versicherten, dass rechtsherum die direktere und bessere Route ist.

Zur Sicherheit fragten wir jedoch im Dorf herum, wo uns ebenfalls der rechte Weg empfohlen wurde. Wir wussten zwar nicht, wie groß die Abkürzung sein würde, da der Weg ja nicht auf der Karte sichtbar war, aber wir probierten es dann einfach.

Es begann dann auch wiederum mit der Überquerung einer abenteuerlichen Brücke direkt nach dem Ort, ehe bald auch wieder unangenehm steile Hügel warteten – wenn auch nicht mehr ganz so steil. Immerhin war der Matsch nun erstmal weg. Mancherorts wilde, zerklüftete Wege blieben jedoch.

Lieber absteigen hier.
Immer wieder solche Hügel.

Sobald wir nach knapp 15 Kilometern auf die große Straße kommen, so versicherte man uns, würde der Weg endgültig besser werden.

So bissen wir uns durch, inklusive wiederum kleiner Mittagspause in einem Mini-Dörfchen mit Bananenchips (eine Minimarktkonstante im Dschungel neben Sardinen aus der Dose) und Ananas.

Hiernach mussten noch einmal fünf hügelreiche Kilometer überwunden werden mit abenteuerlich-zerklüfteten Graveltrails, ehe man endlich den Abzweig zur größeren Straße erreicht hatte.

Am Abzweig befand sich dann auch der belebte Ort Wropluken mit Markt und Streetfoodständen. Wir machten hier zwar keine Pause, dennoch kam so schon sehr der Eindruck von mehr Zivilisation und dem nahenden Ende des liberischen Dschungel-Abenteuers in uns hoch. Auch die Regenwald-Vegetation wurde weniger dicht, die Landschaft damit wieder offener. Mit Barclayville schien die nächste größere Stadt greifbar nahe. Ganz sollte uns dieser abenteuerliche Gravelabschnitt der Tour jedoch noch nicht aus seinem Schwitzkasten nehmen…

2 Antworten zu „Dschungeldurchquerung 2/2: Eine Grenzerfahrung”.

  1. Sehr interessanter Beitrag über eine sehr spannende Erfahrung!

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