Samstag, den 12. April um 13:30 Uhr – nach dem Abschied 2.0 von Lucas strampelten Jannick und ich los, weg vom südlichsten Punkt Ghanas wieder in Richtung Zivilisation.
Der Weg führte zunächst über eine klassische Gravelpiste, gleich zu Beginn gab es zwei wahrlich knackige Anstiege von geschätzt knapp über 10 Prozent, aufgrund des Schotters kamen kurze Erinnerungen an den Dschungel in Liberia hoch. Sie waren im untersten Gang gerade so tretbar, ehe man oben noch einmal einen letzten Rückblick auf die Südspitze Ghanas werfen konnte.

Anschließend lehnte sich das Gelände zurück und wir konnten locker über die Piste die ersten Kilometer zurücklegen über kleine Dörfer. Bei einer Rechtsabbiegung versuchten wir nochmals, über Komoot Strecke abzukürzen. Erwartungsgemäß endete dieser Versuch jedoch schnell wieder im Abenteuer. Zwar gaben einem einige verrückte, entgegenkommende Rollerfahrer das Gefühl, dass die Strecke schon in Ordnung sei, der Pfad wurde jedoch immer schmaler.
Schließlich mussten wir abenteuerlich einige Teiche über instabile Bambusbrücken überqueren. Zwischendrin rutschte sogar das Fahrrad zwischen die zusammen geknoteten Bambusstöcke und musste wieder herausgewuchtet werden, während man auf dem engen Raum irgendwie das Gleichgewicht halten musste.

Nachdem wir unbeschadet durchgekommen sind, beschlossen wir, doch bei der nächsten Möglichkeit wieder auf die Hauptstraße zu kommen. Bald wurde der Gravel zumindest mal wieder breiter und komfortabler, ehe wir nach einem einem weiteren fiesen Hügel schließlich in dem nächsten kleinen Ort rauskamen. Ein sehr zuvorkommender Einheimischer schenkte uns kaltes Wasser und Cola bei den schweißtreibenden Temperaturen.
Etwas erfrischt machten wir uns auf die letzten Kilometer leicht hügeliger Gravelpiste mit einem Stopp im nächsten Ort, da Jannick nicht der geborene Frühstücker ist und um mittlerweile halb 4 Uhr nachmittags immer noch nicht wirklich was gegessen hat. Als wir dann nach kurzem Einkaufsstop einen schattigen Platz fanden für eine kleine Pause, sorgten ein paar Scheiben Honigbrot für etwas Abhilfe.
Aufgrund der schwierigen Strecke haben wir bisher gerade einmal etwas über 20 Kilometer gemacht. So führten wir eine rege Diskussion: Wir hatten zwei Optionen, nämlich über die Kleinstadt Agona wieder auf die Hauptstraße zu kommen und einen Bogen von fünf Kilometern zu unserem Warmshowers-Host nach Takoradi zu fahren, oder weiter über Gravelpiste in direktem Weg. Erste Option waren noch knapp 35 Kilometer, zweite Option knapp 30 Kilometer.
Kurz befanden wir uns wieder auf (mehr oder weniger) fahrbarem Asphalt, ehe eine Rechtsabbiegung kam, wo wir uns schließlich zwischen beiden Varianten entscheiden mussten. Da wir uns nicht einig wurden, musste ein „Schere, Stein, Papier“-Spiel entscheiden. Jannick siegte und wir fuhren die etwas längere Asphalt-Variante über Agona.
Ohne Zeit zu verlieren blieben wir auf der Hauptstraße und erreichten über viele Schlaglöcher und vereinzelte Hügel schließlich die Kleinstadt. Von hier aus waren es noch 28 Kilometer bis zum Ziel, die Uhr zeigte 16:45 Uhr an und um 18 Uhr wird es langsam dunkel. Keine Frage: Gas geben war angesagt!
Leider war die Straße nur anfangs komfortabel und verwandelte sich bald in eine endlose Baustelle, da in Ghana aktuell sehr viel in Infrastruktur und Straßenbau investiert wird. Über die staubige Baustellenpiste kämpften wir uns immer näher an Takoradi heran. Einmal verloren wir Zeit, da wir an einem Checkpoint kontrolliert wurden und die Beamten Jannick in scharfem Ton mit ernsthaften Konsequenzen drohten, wenn dieser nicht sofort seinen Helm aufsetzt. Währenddessen fuhren zahllose Rollerfahrer vorbei…ohne Helm…
Wir gehorchten dennoch, um unseren Weg schnell fortzusetzen. Als wir das Einzugsgebiet von Takoradi erreicht haben, war die Sonne bereits weg. In der Rushhour kam hier der Verkehr komplett zum erliegen, noch immer in einer Endlosbaustelle. Wir schlängelten uns durch den Stau durch und konnten bald an einer halb fertig gebauten Brücke die Hauptstraße verlassen, um die letzten zweieinhalb Kilometer zu vervollständigen. Schließlich erreichten wir um halb 7 beim letzten Tageslicht das Anwesen unseres Gastgebers.
Hierbei handelte es sich um einen Belgier, der aufgrund eines Straßenbauprojektes seines Arbeitgebers für einige Zeit nach Ghana entsandt wurde. Von der ersten Sekunde an fühlten wir uns in Sam’s Wohnung pudelwohl und genossen seinen Melonensmoothie zur Begrüßung.
Zudem trafen wir auf einen weiteren Besucher, ein Italiener, der mit dem Motorrad durch Afrika unterwegs war. Gemeinsam machten wir uns dank Sam’s Ortskundigkeit auf in ein Restaurant und es gab leckeren Fisch zum Abendessen. Wiederum jedoch sehr scharf, die in Soße getunkte Zwiebelbeilage bekam ich kaum herunter 🥵 Wie gut, dass es nebenan einen Eisstand gab zum Abkühlen…
Da Sam dank seines Berufes mit der Baubranche eng verflochten ist, konnte er uns einige Insights erzählen. Generell ist es wohl üblich, dass man sich extrem große Projekte wie den Neuausbau diverser Straßen in Ghana vornimmt, dann die Umsetzung aber oftmals von Inkonsequenz geprägt ist auch über längere Zeit eingestampft wird. Und ich dachte schon, Deutschland stünde mit Projekten wie Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen alleine da. Die halb fertige Brücke bei der Einfahrt nach Takoradi war da wohl bezeichnend.
Nach dem Abendessen entführte uns Sam noch einmal kurz in das Nachtleben von Takoradi in Form von zwei Bars. Erstere war fast überbesucht und man fühlte sich vom Flair her fast heimisch bei der vorherrschenden Partystimmung, in der anderen wurde „Wettnageln“ gespielt – auch hier fühlte man sich für einen Moment fast wie in Bayern 😉 Leider kann ich hiervon jedoch keine Fotos liefern, da mein Handyakku leer war und ich allgemein auch sehr müde nach dem langen Tag…
Um 2 Uhr kam dann endlich die wohlverdiente Bettruhe, bzw. Fußbodenruhe. Das Gästezimmer war nämlich vom anderen Besuch belegt und Jannick war schneller bei der Anfrage des Sofas im Wohnzimmer. Ja mei, gibt Schlimmeres…

Der folgende Sonntag war dann größtenteils von Entspannung dominiert, abgesehen von den sehr neugierigen Kindern der Hausdame der Wohnung, die mein Gepäck sehr genau durchsuchten. Irgendwann, als es an Sachen wie Bargeldvorräte ging, musste ich dann doch einschreiten 😉

Nach einem vorzüglichen Mittagessen machten wir uns dann an die Reparatur meines Fahrrades, da ich Sam erzählte, dass ich einen Achter im Hinterrad habe. Er hatte hiermit bereits Erfahrung und wollte es sich anschauen. Als wir schließlich mein Hinterrad kontrollierten, war die Ursache ziemlich schnell ausgemacht: Eine Speiche hing ursprünglich noch lose im Rad, gewissermaßen ein versteckter Speichenbruch.
Dank meines Ausrüsters Hannes hatte ich die passenden Ersatzspeichen im Gepäck. Also ging die Prozedur los: Rad ausbauen, Kasette ausbauen, Bremsscheibe ausbauen. Eine alte Kette in Jannicks Gepäck konnten wir als Kettenpeitsche improvisieren, um die Kasette zu lösen. Anschließend setzte Sam die Speiche akkurat ein, während ich zusah und lernte, wie man außerdem die Spannung reguliert. Alle anderen Speichen bedurften nämlich ebenfalls einer Kontrolle. Schließlich wurde alles wieder zusammengebaut und mein Fahrrad hoffentlich soweit wieder fit. Da hatte ich mal wieder Glück! Vielen lieben Dank, Sam! Nun spare ich mir wohl sogar den Fahrradladenbesuch in Accra!

Später wurden auch unsere Liquiditätsprobleme ohne Hindernis gelöst: Wir streckten Sam das Geld vor, er hob am Geldautomaten ab. Das sollte nun erstmal reichen – hoffentlich!
Schließlich führte uns Sam noch zu einem sehr modernen Einkaufszentrum von Takoradi, um ein paar Lebensmittel für die Weiterfahrt zu kaufen. Da die Stecker in Ghana amerikanisch sind, nutzte ich zudem die Chance, im Samsung-Store noch den passenden Adapter zu ergattern. Mein ausgeliehener Universal-Adapter ist wohl auch dem Schlamm im Dschungel zum Opfer gefallen – sorry, Mama! Ich werde für Ersatz sorgen 😉
Auf dem Markt vom Einkaufszentrum gab es zudem Hemden in traditionellem ghanaischem Stil. Bei einem wurde ich schwach und musste es kaufen. In Kombination mit meinem während der Reise angefangenen Sammelhobby, in jedem Land ein Fußballtrikot zu ergattern, quillt meine Kleidungstasche langsam über. Da werde ich wohl dem nahenden Besuch bald ein paar Kleidungsstücke mitgeben müssen 😉

Am Abend rundete Sam unseren Tag unseren Aufenthalt in Takoradi wiederum mit dem Besuch einer europäisch anmutenden Bar ab – inklusive Pizzaessen, zwei Fernsehern mit Live-Fußball und Billiardtisch. Die Künste beim Spielen von Letzterem waren aber ehrlicherweise nie überragend und sind nach all den Monaten nochmals abgestumpft – dabei sein ist alles! 😉

Deutlich früher als am Vorabend ging es schließlich in die Heia. Nächstes Ziel war der Ort Cape Coast, ca. 80 Kilometer entfernt. Da es Montagmorgen war und Sam seiner Arbeit nachgehen musste, verabschiedeten wir uns relativ früh am Morgen und durften dank seines Vertrauens noch in der Wohnung bleiben, um uns entspannt fertigzumachen. Danke, Sam! Danke für deine Gastfreundlichkeit und die gute Zeit!
Trotz der 80 Kilometer machten wir uns nicht zu viel Stress, da der Weg größtenteils relativ flach über Asphalt führen sollte.
Um 11 Uhr fuhren wir schließlich los, um in einem anderen Einkaufszentrum von Takoradi, das direkt auf dem Weg lag, nochmal einen Halt einzulegen. Das Sortiment war beeindruckend, das Gebäude riesig inklusive Möbelhaus. Ghana hat in Bezug auf Shopping insbesondere in den größeren Städten doch einiges zu bieten.

Nach dem Stöbern war es schließlich 12 Uhr und 80 Kilometer lagen vor uns. Jetzt aber wirklich los! Schnell strampelten wir aus der Stadt raus in wieder kleinere Orte. Nach etwas über dreißig Kilometern gab es dann eine faustdicke Überraschung: Wir trafen auf zwei weitere Fernradler – der Ire Daragh mit dem deutschen Paul.
Schließlich stellte sich heraus, dass es sich um genau die zwei Fahrradfahrer handelte, mit denen wir im Begriff waren, Nigeria zu durchqueren. Ja, das wohl gefährlichste Land der Reise steht schon unmittelbar bevor und wir schlossen uns bereits mit zwei anderen Radlern kurz, die Leon uns vermittelte, weil er sie seinerseits zufällig auf dem Weg getroffen hatte. Diese wiederum trafen eben jenes Radlerduo und wir waren im Begriff, zu 6t durch Nigeria zu fahren aufgrund der Sicherheitsbedenken. Nun treffen wir dieses Radlerduo zufällig auf der Straße – die Welt ist manchmal einfach klein.
Wir radelten also gemeinsam weiter nach Cape Coast. Paul war bekennender Fußball- und VfB-Stuttgart-Fan. Mich freute es: Endlich jemand, mit dem ich mich über Woltemade, Kane und Co. austauschen konnte. So verging mit zwei kurzen Pausen und viel Rückenwind die Zeit bis Cape Coast wie im Flug, ehe wir uns wieder verabschiedeten, da unsere Unterkunft etwas entfernt von der Küste war. Bis – hoffentlich – ganz bald wieder!



Da wir weiter mehr als genug Zeit hatten, blieben wir zwei volle Tage in Cape Coast. Eine böse Überraschung gab es jedoch: Die Unterkunftsleiter konnten uns – abweichend zur Beschreibung in Booking.com – nur Bargeldzahlung anbieten. Das war so nicht einkalkuliert und verschärfte die Cash-Situation nochmals – eventuell müssen in der Hauptstadt doch nochmal US-Dollar nachgetauscht werden…
Für den Moment war egal, außer dass ich eigentlich damit liebäugelte, den Kakum Nationalpark zu besuchen. Aufgrund gesperrter Kreditkarte und nun wieder angespannter Bargeldsituation musste ich mich leider davon verabschieden. So fuhren wir am nächsten Tag nur mit dem Taxi zur Küste und schauten uns den doch sehr touristischen Ort an.
Als ich eine Führung durch das koloniale Cape Coast Castle unternahm, waren viele Europäer zu identifizieren. Auf dem informativen Rundgang zeigte uns der Guide, wie in den kleinsten, unterirdischen Gefängnissen bis zu 200 Sklaven gefangen gehalten wurden. Sie bekamen zwei handgroße Mahlzeiten am Tag und die meisten von ihnen verhungerten elendig.


Zudem zeigte der Guide uns den Zugang zu einem unterirdischen Tunnel, durch welchen die nach Amerika deportierten Sklaven direkt auf das Schiff kamen, ohne ans Tageslicht zu kommen. Da dieser Ausgang jedoch oftmals von Turbulenzen wie Sturmfluten und heimgesucht wurde, wechselte man zu einem Ausgang in eine ehemals geflutete Bucht hinter der Burg, gekennzeichnet mit der berühmten „Door of no return“. Nach Ende der Sklaverei wurde die Rückseite der Tür symbolisch zur „Door of Return“ für nach Amerika deportierte Sklaven: Eine Rückkehr ist möglich!Heute herrscht hier Ebbe und die Bucht ist durch einen Fischmarkt inklusive Hafen gekennzeichnet. Direkt daneben ist ein Treppenzugang nur für die britischem Kolonialisten zum Obergeschoss der Burg, um nicht mit den Sklaven in Kontakt zu kommen.


Hierüber gingen wir in die Räumlichkeiten von Wohn- und Schlafzimmer des britischen Gouverneurs, die wenig überraschend einen anderen Standard besaßen als die Sklavengefängnisse.

Weiter ging es zu den aufs Meer ausgerichteten Kanonen, um Kolonialisten aus Frankreich, den Niederlanden und auch Portugal fernzuhalten von diesem begehrten Standort an der Goldküste Ghanas. Aus strategischen Gründen wurde in Form einer zweiten Burg auf einem nur unweiten Hügel daher noch ein Militärstützpunkt geschaffen. Hierdurch sollten Angreifer frühzeitig entdeckt werden.


Zum Schluss führte uns der Guide zum Kantine der Soldaten auf der Burg – heute handelt es sich hierbei um ein normales Café für Touristen auf dem Gelände – laut Guide mit dem „besten Kaffee in ganz Ghana“. Laut Aufschrift sogar von der ganzen Welt…

Leider konnte ich ihn nicht verköstigen, da ich nun wieder zu Jannick in einen nahegelegenen Supermarkt ging. Jannick wollte sich aufgrund seiner nicht zu bändigenden Kochleidenschaft nämlich lieber dem Einkauf von Lebensmitteln widmen. Nachdem wir uns wiedergetroffen haben spazierten wir noch etwas über den Markt und besuchten die auf einem Hügel gelegene, imposante St. Francis de Sales Kathedrale. Die römisch-katholische Kirche wird dem Fürstbischof Franz von Sales gewidmet. Sie ist die erste katholische Kathedrale in Ghana und wurde 1928 erbaut. Die Aussicht von dem Hügel ist zudem auch nicht von schlechten Eltern.


Der Sightseeing-Spaß war jedoch nur von kurzer Dauer, als ich merkte, dass ich den Schlüssel zu unserer Unterkunft in dem Restaurant vergessen habe, wo wir zu Mittag aßen. Immerhin hat der Restaurantleiter ihn gefunden und sicher verwahrt, sodass wir ihn dort ohne größere Probleme zurückerhielten.
Schließlich fuhren wir mit dem Taxi wieder zurück und erlebten einen geruhsamen Abend und aufgrund des obsoleten Nationalparkbesuches auch einen geruhsamen 2. Erholungstag. Es wäre jedoch eh schwierig geworden, da Jannick mal wieder an Magen-Darm-Problemen in Verbindung mit leicht erhöhter Körpertemperatur laborierte. Ursache war sehr wahrscheinlich wieder einmal ein nicht mehr frisches Ei…ach herrje…
So bestand meine Hauptaufgabe für den Tag darin, ein Restaurant zu finden, wo das Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen Inter Mailand übertragen wird. Dieses wichtigste Spiel der Saison durfte ich mir nicht entgehen lassen!
Auf meinem Erkundungsspaziergang traf ich unter anderem auf einen KFC – wann hab ich das letztes Mal eine Filiale von diesem Fast-Food-Restaurant gesehen?!?! Doch, Ghana kommt seit Marokko als erstes Land wieder annähernd an europäischen Standard heran. Nach langem Spaziergang wurde ich schließlich bei einem kleinen Einkaufszentrum fündig. Auch nach fünfmaliger Nachfrage versicherte mir das Personal, dass sie das Spiel zeigen. Gut, so vertraue ich…

Am Abend wurde ich dann jedoch nicht ganz unerwartet enttäuscht, da unglücklicherweise zeitgleich Real Madrid gegen Arsenal spielte. Die Einheimischen eifern hier leider Gottes alle dem spanischen Hauptstadtclub nach. Ich bettelte die Betreiber der Anlage an, ob sie nicht auf einem der diversen Fernseher das andere Spiel zeigen könnten – leider vergebens. Auch ein weiterer Rundgang durch den Ort brachte leider keinen Erfolg, sodass ich zur Halbzeit dann wieder im Apartment war in der Gesellschaft des bettlegrigen Jannicks. Mir blieb dann nur übrig, das Spiel im Radio zu verfolgen…

Schließlich war ich nach dem enttäuschenden Ausgang in Verbindung des Zerplatzens vom Traum des „Finale dahoam“ froh, dass wir am nächsten Tag weiterfuhren. So musste ich mich nicht allzu lange damit aufhalten. Na ja, der Plan war zumindest so. Ob Jannicks Gesundheitszustand es zulässt, war die andere Frage…
Da es dem Apartmentleiter egal war, wann wir auschecken, schlief er dann auch stolze 14 Stunden am Stück bis 11:30 Uhr – da muss einer die Erholung und Bettruhe wohl doch bitter nötig gehabt haben 😉 Zur Sicherheit klärte ich schonmal ab, ob wir zur Not noch eine Nacht länger bleiben können.
Jannick gab jedoch schnell grünes Licht, dass er fahren könne. Da wir weiterhin aufgrund unseres zeitlichen Rahmenplans mit einem Besuch in Togo Ende April Zeit ohne Ende hatten, war der Plan eh, nur halbtags ein paar Kilometer in Richtung der Hauptstadt von Ghana zu machen und dann einen Schlafplatz zu suchen…
Als wir dann nach der Vernichtung der restlichen Lebensmittel und dem erneuten Zusammenpacken um halb 3 Uhr loskamen, lief es dann nach schleppendem Start auch erstaunlich gut und wir konnten bis zum Sonnenuntergang noch gute 50 Kilometer machen mit einer kleinen Essenspause inklusive des obligatorischen Fufu-Genusses, ehe wir bei einer Tanke Unterschlupf fanden. Glücklicherweise hatte diese sogar einen Shop, dass unsere leeren Vorräte nicht zu stark ins Gewicht fielen.



Blöd war nur, dass die ganze Anlage in der Nacht hell beleuchtet war. Jannick machte so etwas nichts aus, ich kann so im Zelt jedoch kaum ein Auge zudrücken, also musste ich unter das Dach der Tankstellenräumlichkeiten ausweichen, wo sich die tropische Hitze noch einmal staute. Hier war es zwar dunkel, der Schweiß rinnte mir jedoch am ganzen Körper geradezu herunter. Letztendlich konnte ich schlafen und in der Nacht wurde es etwas angenehmer, doch die Handwäsche von Kopfkissen und Luftmatratze war so natürlich nach einer Nacht wieder für die Katz…

Am nächsten Tag, dem Karfreitag, war der Plan, bis in den Einzugsbereich von Accra zu radeln, um am nächsten Tag entspannt zur gebuchten und im Zentrum gelegenen Unterkunft zu fahren. Insgesamt waren es noch 95 Kilometer.
Da Jannick naturgemäß wieder länger schlief als ich, beantragte ich am Morgen gleich mein Visum für Togo. Leider war das Online-Formular mal wieder nicht intuitiv und hatte einige Tücken, wodurch Jannick am Ende sogar auf mich warten musste, ehe wir aufbrachen.
Aufgrund des lockeren Zeitplans konnten wir es sehr entspannt angehen. Zudem schob uns der Rückenwind über die schnurgerade Straße fast an, ehe wir nach 37 Minuten bereits 14 Kilometer absolviert haben und eine Brunch-Pause einlegten am späten Vormittag. Weiter ging’s immer entspannt durch vereinzelte kleine Dörfer, ehe wir nach bereits 35 Kilometern bei der zunehmenden Hitze nochmals eine kleine, schattige Mittagspause einlegten. Wie passend, dass genau in dem Moment mein Vater anrief, da er seinerseits Schwierigkeiten beim Bearbeiten des Visums hatte. Am Telefon ließ es sich schließlich lösen, bevor wir unbeirrt unseren Weg fortsetzten.
Bald jedoch ging der asphaltierte Promenadenweg mal wieder in eine staubige Endlosbaustelle über, wo die Autos chaotisch links und rechts überholten. Aufgrund des Stress in Verbindung mit der Hitze legten wir nochmals eine zweistündige Pause in einem wiederum schattigen Restaurant am Straßenrand, ehe wir um 16 Uhr nochmals Motivation fanden.
Die Baustelle blieb bestehen, Kilometer und Kilometer kämpften wir uns über die hügelige Staubpiste, während die ersten Vorore des riesigen Einzugsgebietes von Accra begannen.
Schließlich ging die Endlosbaustelle in einen stark befahrenen Highway über, auf dem die Autofahrer mal wieder geradezu rücksichtslos ohne Seitenabstand an einem vorbeizogen. Als unser Airbnb nur noch 25 Kilometer entfernt war, suchten wir nach einer Tankstelle zum Übernachten.
Hierbei gab’s jedoch bald eine böse Überraschung: Da wir bereits im urbanen Raum waren, gestaltete sich die Suche längst nicht so unbeschwert wie sonst immer. Wir probierten eine Tankstelle nach der anderen, sechsmal hagelte es jedoch eine waschechte Absage. Grund: Es gäbe keine Security und daher wäre es zu unsicher und sie wollen nicht verantwortlich sein, falls uns was passiere. Oder der Manager war nicht vor Ort bzw. nicht erreichbar, um die Erlaubnis einzuholen.
Schließlich war es bereits stockdunkel und wir hatten immer noch keinen Schlafplatz. Insbesondere ich war mit den Nerven bei dem chaotischen Verkehr in der Dunkelheit ziemlich am Ende. Ein Hotel wäre zwar die Notlösung gewesen, jedoch hätten wir dieses so spontan in Cash bezahlen müssen – das hätte ein anderes Problem von uns noch einmal verschärft.
Bei der siebten Tankstelle gab es schließlich die Erlösung. Noch besser: Es wurde uns sogar ein Raum mit zwei Matratzen angeboten – von der Verzweiflung direkt zum Luxus! Im Shop nebenan gab’s dann erstmal Nervennahrung und ein ganzer Pott Eis wurde vernichtet 😉

Der von unserer Radreise begeisterte und auch sonst super zuvorkommende Tankstellenleiter bot uns sogar eine Eimerdusche an, die wir in unserem Zustand dankend annahmen.
Zudem lernte ich durch ihn noch eine Besonderheit der ghanaischen Kultur. Er fragte mich nämlich nach dem Wochentag, an dem ich geboren wurde. Als ich ihm dem Mittwoch antwortete, wurde ich direkt „Kwaku“ genannt. Der Hintergrund: Der Wochentag der Geburt wird hier nämlich einem bestimmten Namen zugeordnet und hat eine ähnliche Bedeutung wie bei uns die Zuordnung zu einem Sternzeichen. Ihr könnt mich also gerne in Zukunft nur noch „Kwaku“ nennen.

Am nächsten Morgen gab’s dann jedoch die nächste Überraschung: Der Tankstellenleiter weckte uns um halb 7 auf, da anscheinend bald einige Damen etwas in dem Raum erledigen müssen. Eine etwas kryptische Erklärung, aber wir akzeptieren natürlich und packten schnell unser Zeug. Wir haben ja eh in unserer Verzweiflung am Vorabend versprochen, dass wir abhauen, wann immer es gewünscht ist.
Immerhin durften wir – bzw. ich in Form von äußerst nährstoffreichem Eis aus dem Shop und kaltem Instantkaffee aus meiner Wasserflasche – noch an der Tanke verweilen und frühstücken. Der Tankstellenleiter bereite sogar nochmal Wasser vor und forderte mich geradezu auf, noch einmal eine Dusche zu nehmen. Warum? Stinke ich etwa immer noch bestialisch nach Schweiß? Für mich ergab es wenig Sinn, wenn ich gleich losradel und nach 10 Minuten eh wieder verschwitzt bin, doch ich nahm natürlich aus Höflichkeit an.

Danach noch ein obligatorisches Foto mit unserem „Retter in der Not“, dem Tankstellenleiter – dann waren wir um halb 9 auch schon am Weg ins Zentrum von Accra. Vorher war bereits abgesprochen, dass wir früher in unser Airbnb einchecken – ohne jedes Problem.

Es waren zwar nur 23 Kilometer, diese sollten jedoch intensiv werden. Zuerst fuhren wir am „Weija Reservoir“ vorbei, einem idyllischen See bereits mitten im Stadtgebiet von Accra, fast vergleichbar mit dem Maschsee in Hannover oder dem Baldeneysee in Essen. Leider konnte man aufgrund des zugebauten Ufers keinen wirklich idyllischen Blick vom Highway aus erhaschen.

Anschließend wurde der Verkehr immer chaotischer mit vielen rücksichtslos überholenden Autofahrern, inklusive eines Crahes, als ein Mann mit beladener Schublade auf einmal meinte, über die Straße gehen zu müssen. Mein Bein striff jedoch nur seine seine über den Rand der Schubkarre hinausragenden Grünabfälle, sodass ich mit dem Schrecken davonkam.
Spannend wurde es schließlich auch noch einmal, als wir den chaotischen Kaneshie Market passierten und uns durch das Getümmel an Autos und Fußgängern durchkämpften. Hier hielt uns ein Polizist an und fragte nach unserer Fahrerlaubnis. Für ein Fahrrad? Verdutzt verneinten wir, ehe der Mann deshalb Wasser und Geld wollte. In einem unaufmerksamen Moment entkamen wir gottseidank dem korrupten Polizisten und tauchten im Getümmel unter.
Auf den letzten Kilometern des Highways konnte man schließlich bereits einen kleinen Blick auf das Zentrum von Accra mit seinen Gebäuden werfen, ehe wir bereits um 10 Uhr am Ziel des Airbnbs waren, deutlich früher, als wir an so manch anderem Tag gestartet sind…

Nach dem Einchecken unter dem äußerst freundlichen Gastgeber Jonathan konnten wir uns über fast fünf volle Tage Pause in der Hauptstadt Ghanas freuen – es war wohl aufgrund der Rahmenbedingungen eine der entspanntesten Phasen der ganzen Reise.
Den Lesern wünsche ich in dem Sinne ebenso entspannte Ostern – genießt die Feiertage!


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