Pointe-Noire – zurück am Meer, an der Atlantikküste der Republik Kongo! Nach dem Überspringen von gut 800 Kilometern sollte nun ein neuer Abschnitt der Fahrradtour durch Afrika beginnen, gewissermaßen ein Neuanfang unter neuen Bedingungen.
Der neue Ausgangsort bedeutete auch, dass die Grenze zu Angola nur noch gute 40 Kilometer entfernt war. Wobei, nicht nach Angola direkt, sondern zur Exklave Cabinda. Zwischen der Exklave und dem „richtigen“ Angola zwängt sich nämlich noch eine nicht ganz 100 Kilometer breite Zunge der Demokratischen Republik Kongo herein. Aus nachvollziehbaren Gründen war jedoch der Plan, dieses Stück mit der Fähre von Cabinda nach Soyo zu umschiffen.
Erstens ist die Visabeschaffung für die Demokratie Republik Kongo extrem anspruchsvoll und zudem mit 200 US-Dollar auch sehr teuer. Die Sicherheitslage in dem Land treibt zudem auch Abenteurern wie uns die ein oder andere Sorgenfalte auf die Stirn. Ob sich der Aufwand und das Risiko lohnen für eine Durchquerung von knapp 100 Kilometern? Aus unserer Sicht ein ganz klares Nein.
Im Gegenteil – wir waren um die Umfahrung per Fähre sogar ganz froh. Ein Ruhetag in Pointe-Noire konnte nämlich kaum dazu beitragen, unsere Ausgelaugtheit sowie das mentale Tief, das die Republik Kongo bei uns hinterlassen hatte, zu überwinden.
Wir liebäugelten sogar damit, eine Fähre direkt von Cabinda in die Hauptstadt Luanda zu nehmen. Der Hintergrund hiervon war neben unserer mentalen und physischen Verfassung auch die knappe Visazeit in Angola. Man muss hier zwar nichts zahlen für das Visa on Arrival, dafür hat man für die knapp 1.800 Kilometer Durchquerung auch nur 30 Tage Zeit – ein sportliches Programm.
Das lässt sich eigentlich nicht mit einer größeren Pause in Einklang bringen. Diese hatten wir jedoch bitter nötig, am besten in einer großen Stadt mit kulturellem und kulinarischem Angebot und allgemein Infrastruktur – wie eben Luanda. Aufgrund dieser Umstände waren wir bereit, bei Gelegenheit noch einmal zu „cheaten“.
Immerhin war Jannick in den letzten Zügen seiner einwöchigen Antibiotika-Zeit aufgrund einer Infektion mit der Fliegenmadenkrankheit. Die Heilung der juckenden Pusteln auf den Beinen zeigte große Forschritte und dank der Gewöhnung an die Antibiotika kann er nun ruhigen Gewissens auch wieder schrittweise belasten – dann also nichts wie auf!
Da wir jedoch vorzugsweise Grenzübertritte morgens erledigen, ließen wir es an diesem Tag noch langsam angehen. Nur 27 Kilometer waren geplant – zu einer Hotelanlage am Strand ca. 15 Kilometer vor der Grenze, wo Camping geduldet war.
Nach einem genussvollen Frühstück sowie gewissenhaftem Zusammenpacken machten wir uns mittags auf den Weg aus der Ruheoase in Richtung Süden. Übrigens war auch die Hamburger Backpackerin von unserem angepeilten Zeltplatz begeistert und wollte uns hierher per Mototaxi folgen, um noch einen gemeinsamen Abend zu verbringen, ehe sich die Wege wieder trennen.
So machten wir den gemeinsamen Treffpunkt aus und uns auf den Weg. Erst einmal mussten wir mühsam über Sand wieder bis zur Hauptstraße schieben. Auch auf dieser war die ein oder andere sandpistenartige Passage unumgänglich, sodass das Vorankommen allgemein sehr zäh war. Das Wetter zeigte sich neblig-trüb und allgemein fast frisch – immerhin perfekt zum Radfahren.
Der Verkehr war chaotisch und der Einzugsbereich von Pointe-Noire als eines der zwei großen Wirtschaftszentren der Republik Kongo (neben Brazzaville) zog sich hin. Als kleine Essenspause konnten wir am Weg an einem Streetfood-Stand immerhin köstliche Plantines (Kochbananen) zu uns nehmen. Dieses typisch afrikanische Straßenessen werde ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland definitiv sehr vermissen!

Als wir endlich wieder in ruhigere, unurbane Gefilde kamen, war dann der Übernachtungsplatz auch schon bald erreicht. Hierbei handelte es sich um einen wahren Luxusresort mit Bungalows. Der Übernachtungspreis lag dementsprechend bei mehreren 100 Euros, inklusive Restaurant, Bar sowie Lagune und Strand direkt ums Eck – ein Paradies.

Wir baten höflich um Erlaubnis, unsere Zelte auf der Fläche nebendran aufzustellen. Erst waren die verantwortlichen Hotelmitarbeiter wenig kooperativ, wollten uns die Erlaubnis nur gegen Verzehr eines kompletten Menüs im Restaurant erteilen – und das Essen war definitiv teuer. Wir hatten aufgrund der Nähe zur Grenze zum nächsten Land nur noch ein paar Reste der kongolesischen Währung im Geldbeutel.
Erst Omar mit seinen Verhandlungskünsten überzeugte schließlich unsere Ansprechpartner, dass wir umsonst unser Zelt aufschlagen konnten. Heilfroh machten wir nach dieser kleinen „Aufwärmtour“ und nicht ganz 30 Kilometern bereits am Nachmittag Feierabend und genossen die paradiesische Lage.


Erholung war auch bitter notwendig: Da es Dienstag war, und die Fähre von Cabinda nach Soyo nur von Montag bis Freitag garantiert fährt, mussten wir Gas geben. Eine sofortige Mitnahme ist nämlich nicht garantiert. So mussten wir eigentlich am nächsten Tag direkt nach Cabinda fahren, um am Donnerstag direkt die Chance zu haben, die Fähre zu erwischen. Der Freitag hätte dann gewissermaßen als Puffer fungiert. Wir mussten hierbei immer im Hinterkopf behalten: In Angola, diesem riesigen Land, haben wir nur 30 Tage Zeit! Für gute 1.800 Kilometer!
Erschwerend kam hinzu, dass man spätestens um 8 Uhr am Fährenterminal sein sollte, um eine realistische Chance auf ein Ticket am selben Tag zu haben. Am nächsten Morgen die restlichen Kilometer bis Cabinda zu fahren und die Strecke zu splitten, war daher auch keine Option…
Bis Cabinda waren es 115 Kilometer – inklusive Grenzübergang ein durchaus ambitioniertes Vorhaben für den nächsten Tag. Wir wussten jedoch auch: In Angola gibt’s keine Ausreden, hier müssen wir einfach durchziehen. So war der Plan, um 7 Uhr loszukommen.
Am Abend stand daher, nachdem die Hamburger Reisekumpanin auch eingetrudelt ist und den etwas versteckten Resort gefunden hatte, nur noch Essen auf dem Programm.
Aus Dankbarkeit für die Möglichkeit zum Zelten und weil ich noch genügend Restgeld hatte, bestellte ich im Restaurant immerhin ein Banana-Split als Dessert für stolze 7 Euro. Es lohnte sich jedoch: Eine Geschmacksexplosion aus frischen Bananen, Schokosauce, Vanilleeis und Sahne ließ mein Schlemmerherz höher schlagen! Ebenso wie das Brot, das Omar später noch über dem Lagerfeuer, das wir an der Feuerstelle des Hotels entfachen durften, röstete.

Anschließend legten wir uns schlafen, wobei ich es eher versuchte. Die meiste Zeit lag ich wach und meine Schlafqualität war bescheiden, ehe es schon 6 Uhr in der Früh war – beste Voraussetzungen für 115 Kilometer Radfahren und einen langen Tag.
Leider war es natürlich auch klar, dass sich Kaffee und obligatorisches Frühstück ziehen würden. Statt der angepeilten Zeit kamen wir so erst um 7:45 Uhr los – das geht ja schon gut los!
Hinzu kam, dass die Straße bis zur Grenze nur so gesät war von sandigen Abschnitten und Schlaglöchern – über die Strecke geflogen sind wir definitiv nicht. Um 8:40 Uhr war die Grenze schließlich erreicht nach knapp 15 Kilometern.
Wer nun dachte, der Länderwechsel würde wenigstens schnell und unkompliziert vonstatten gehen, der sah sich getäuscht. Erst einmal verlangten die Grenzbeamten Kopien von Reise- und Impfpass, die wir mühsam in einem Büro nebenan mit Drucker besorgen mussten. Anschließend zog sich die Bearbeitung eines riesigen Formulars, wo man sich quasi wieder „bis auf die Unterhose nackig“ machen musste. Anschließend wurden unsere Daten noch zweimal handschriftlich übertragen und wir mussten für unzählige Bilder mit unseren Fahrrädern parat stehen. Wofür genau und warum mehrmals, erschloss sich uns leider kaum.
Inklusive Geldwechsel für die Verpflegung bis zum ersten ATM in Cabinda zog sich das Prozedere hin bis 11 Uhr, über zwei Stunden. Es war absehbar: Diese Etappe stand unter keinem guten Stern.
Auf angolanischer Seite hielten wir Ausschau nach einer kurzen Mahlzeit, die uns im besten Fall für die verbleibenden 100 Kilometer bis Cabinda satt hält. In Form von Reis mit Kassava und Bohnen wurden wir fündig. Schnell wurden sich zwei große Teller hinter die Kiemen geschoben in Verbindung mit ein paar Frozen Yoghurts von einem benachbarten Stand. Mittlerweile zeigte die Uhr 11:45 Uhr an – noch 96 Kilometer bis zum Ziel!

Jetzt aber auf! Vollgas! Attacke! Gut genährt fingen wir an, die verbleibenden Kilometer schrittweise abzubauen. Die Strecke wurde aber wieder hügelig und war insgesamt kaum geeignet, zügig voranzukommen. Es blieb also zäh, auch weil man Jannick anmerkte, dass er noch nicht bei 100 Prozent war. Zwischenzeitlich überlegten wir sogar, bei Gelegenheit einfach einen Truck anzuhalten, weil das gefühlt einfach alles viel zu spät wurde…
Langsam, aber stetig kamen wir jedoch voran, auch weil die Strecke bald insgesamt flacher wurde. Noch 70 Kilometer…noch 60 Kilometer…noch 50 Kilometer….

Hier kamen wir im Ort Lândana ans Meer auf den wohl niedrigsten Punkt der Strecke, ehe sich die Straße an der klippenartigen Küste wieder spektakulär in die Höhe schraubte. Eine schöne Strecke – wenn man denn keinen Zeitstress hätte. Insbesondere, wenn Jannick nun anfängt, bei den steilen Aufstiegen zu schieben. Aus dem Grund, dass sein Puls aufgrund der Antibiotika wohl noch immer eine Frequenz von 130 nicht überschreiten solle. Dies erzählte er uns jedoch erst hinterher.

In der akuten Situation machte sich Stress breit – und auf der Reise habe ich mich bereits sehr gut kennengelernt, wie ich in manchen Situationen reagiere. Unter dem Einfluss von enormem Stress neige ich leider dazu, mir selbst am nächsten zu stehen und egoistisch zu handeln – ich wollte ungern in die Dunkelheit kommen, bzw. nicht zu lange. Auch Omar wollte in dem Moment Zeit für sich haben und seinen eigenen Rhythmus fahren. So ließen wir unkollegialerweise Jannick „im Stich“ und waren schnell in dem weiterhin sehr hügeligen Gelände „über alle Berge“.
Nachdem also lange Zeit jeder für sich gefahren ist, trafen Omar und ich uns 30 Kilometer vor dem Ziel wieder. Nun sahen wir unser Fehlverhalten ein und fuhren in einer langen, ebenen Passage bewusst langsam mit 13 bis 14 Stundenkilometern, um Jannick aufschließen zu lassen – Dunkelheit hin oder her, es lässt sich ja nun wohl eh nicht mehr verhindern…
Das Problem war nur, dass Jannick dachte, er hätte uns eh verloren und daher nochmal länger Pause machte zwischendrin. Kommunizieren konnten wir ja leider nicht, da wir in einem neuen Land waren und noch keine Möglichkeit hatten, eine SIM-Karte zu ergattern.
Gemeinsam mit Omar näherten wir uns dem Ziel. 20 Kilometer vor Cabinda traten noch einmal einige giftige Anstiege mit Steigungen jenseits der 10 Prozent auf. Die Hoffnung schwand, dass Jannick bald zu uns aufschließt ohne große Wartezeit.
Nach den vielen schweißtreibenden Hügeln wurden wir immerhin durch eine kilometerlange Abfahrt bis an den Beginn von Cabinda an die Küste entschädigt – inklusive eines spektakulären Sonnenunterganges.

Im letzten Licht kamen wir an einem Kreisverkehr an, wo es rechterhand in ca. fünf Kilometern ins Zentrum von Cabinda ging. Omar und ich besprachen uns. Warten? Oder doch gleich ein Hotel anvisieren? Aber wie sollen wir Jannick Bescheid geben?! Ein Motorrollerfahrer, der uns hier passierte, erklärte mir auf Nachfrage, ob er denn einen dritten Radfahrer gesehen hatte, dass dies der Fall wäre und dieser so 25 Minuten entfernt sei als grobe Schätzung.
Puhh – eine knappe halbe Stunde hier warten auf ihn? Omar und ich sondierten iOverlander nach passenden Hotels. Schnell hatten wir eins im Visier. Wir versuchten, das Kommunikationsproblem zu lösen, indem ich an einem Shop neben dem Kreisverkehr jemanden ansprach und ihm mit Englisch, Französisch, etwas Spanisch sowie Händen und Füßen versuchte, beizubringen, dass er einen dritten Radfahrer, der bald hier vorbeikommt, anhalten und ihm den Namen des Hotels inklusive Wegbeschreibung weisen solle.
Letztendlich hat er es wohl begriffen und wir fuhren gedankenlos weiter. Erst wenig später kam mir ein Haken: Ob Jannick sich wirklich alleine in der Dunkelheit von einem wildfremden Menschen stoppen lässt? Allmählich beschlich uns beide ein extrem schlechtes Gewissen – was haben wir hier gerade für unkollegiale und verwerfliche Sachen getan? Klar, Stress undso…aber das darf natürlich keine Ausrede sein für dieses rückblickend indiskutable Verhalten.
Hinzu kam, dass nach quälend langen fünf Kilometern in der Dunkelheit und mit immernoch unzureichendem Licht das anvisierte Hotel wohl ausgebucht war. So versuchten wir, eines in der Nähe zu begutachten. Hierzu instruierten wir wieder den Hotelchef des ursprünglich ausgewählten Hotels, dass dieser einen dritten Radfahrer zu jenem Hotel weisen solle.
Dieses zweite Hotel war jedoch auch kein Glücksgriff und außerhalb des Budgets. Erst im dritten Anlauf fanden wir ein akzeptables Hotel – jedoch auch hier erst nach Verhandlung. Falls Jannick noch kommen sollte, buchten wir ein Dreierzimmer. Dieses bestand darin, dass man in einem eh schon kleinen Doppelzimmer einfach eine Matratze in den kleinen Zwischenraum zwischen Bett und Wand legte – Luxus geht anders. Unser Gepäck mit Fahrrädern mussten wir draußen lassen, das Zimmer war zu klein.
Aufgrund der wenigstens großzügigen Überwachung des Geländes mit vielen Kameras inklusive Security war das jedoch in Ordnung. Zudem mussten wir ja eh am nächsten Morgen wieder ganz früh auf den Beinen sein – Auspacken lohnte sich also eh nicht. Immerhin konnten wir das Hotelpersonal bezüglich des Preises noch etwas herunterhandeln aufgrund der widrigen Umstände.
Nachdem all dies scheinbar erstmal erledigt war, hieß unsere oberste Priorität „Essen“. Seit dem Reis am späten Vormittag haben wir nichts mehr gegessen, wir waren ausgehungert.
Hierfür mussten wir in Cabinda wenigstens nicht lange suchen. Diese Stadt ist direkt ein großer Kontast zur Republik Kongo: Modern mit vielen Supermärkten sowie reicher Auswahl an Imbissen und Restaurants. Jenes direkt neben unserem Hotel hatte große Burger im Angebot sowie eine Espressomaschine – das erste Mal seit Abidjan in der Elfenbeinküste! Unsere Augen wurden groß – trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit von 20 Uhr gönnten wir uns den Koffeinbooster. So etwas muss einfach mal sein nach einem solch anstrengenden und nervenaufreibenden Tag.

Der hilfsbereite Mitarbeiter gab uns zudem einen Internethotspot, sodass wir Jannick Bescheid geben konnten sowie checken, ob er zwischendrin mal Internet bekam und (hoffentlich) wohlauf ist. Nicht zu vergessen: Cabinda ist laut auswärtigem Amt sogar eine rote Zone, insbesondere nach Sonnenuntergang sind Raubüberfälle und andere Delikte nicht selten. Deshalb haben wir uns für ein Hotel entschieden, anstatt wie ursprünglich geplant an der Kirche der katholischen Mission von Cabinda zu zelten. Hier wird Campen quasi auch geduldet.
Ein Blick in WhatsApp gab Erleichterung: Jannick hat es ans Ziel geschafft und steuerte die katholische Mission an, da er diese als „inoffiziellen“ Treffpunkt in Erinnerung hatte. Ein anderer Reisender, den er zufällig antraf, hatte ihm den Weg dorthin geleitet und ihm geholfen – gottseidank!
Dennoch plagte uns noch immer ein schlechtes Gewissen, wodurch wir spontan per Mototaxi noch bei ihm vorbeischauten und wir kurz sprachen. Natürlich war er alles andere als begeistert und drohte mit persönlichen Konsequenzen, falls derartiges nochmal vorkommt. Schließlich war das Thema damit jedoch auch schnell wieder vom Tisch. Wir entschuldigten uns und machten das wahrhaft begeisternde Abendrestaurant als Treffpunkt um 7 Uhr zum Frühstücken aus, bevor es direkt zum Fährterminal gehen sollte. Fazit: Was für ein Tag!
Dieser hatte jedoch noch immer nicht sein Ende. Als wir uns nach dem abenteuerlichen Besuch von Jannick und einer etwas angsteinflößenden Fahrt durch unbeleichtete Ecken von Cabinda endlich schlafen legen wollten in dem engen Zimmer, kam ein Mitarbeiter und wollte von uns doch den ursprünglichen Preis, sonst müssten wir sofort gehen mit Verweis auf seinen Chef. So ein Streit fehlte uns jetzt noch, die Nerven waren am Ende.
Immerhin nahm Omar als Verhandlungskünstler die Situation in die Hand und wies den Mitarbeiter an, per Telefon seinen Chef anzurufen – er würde die Situation direkt mit ihm klären. Letztlich konnten wir uns ohne Aufpreis aus der Affäre ziehen und der Mitarbeiter ließ von uns. Mit dem letzten geraubten Nerv legten wir uns um 23 Uhr schließlich schlafen und konnten endgültig einen Haken an diesen Tag setzen…
Am nächsten Morgen war der Wecker auf halb 7 gestellt. Da wir nicht ausgepackt haben, ging es diesmal schnell. Nächster Halt: Frühstückscafé. Blöd nur, wenn sich die Mitarbeiter vom gestrigen Abend nicht an die Absprache halten, dass ab 7 Uhr Frühstück möglich sei. Die Schotten waren dicht. Nach fünf Minuten warten hatten wir genug und zogen in ein anderes Frühstückscafé auf dem Weg zum Hafen um – Zeit hatten wir sicherlich keine zu verschenken.
Doch auch dieses Frühstückscafé erinnerte einen fast an europäischen Standard. Es gab hier auch eine Espressomaschine, köstlichen Cappuccino und wahrhaft deliciöse Pastei de Natas. Wenn ich eine Sache aus Portugal vermisst habe, dann sicherlich dieses Gebäck – yummi!
Nach diesem wahrhaft sehr gesunden Frühstück mussten die anderen beiden direkt weiter, um noch schnell Geld zu wechseln. Ich habe, weil ich immer mehr auf Sicherheit bedacht bin, gleich etwas mehr an der Grenze zu einem etwas schlechteten Kurs gewechselt und konnte daher noch kurz entspannen.
Anschließend fuhr ich weiter in den Hafen und war sogar vor Jannick und Omar am Fährterminal. Hierbei traf ich auf Jannicks Reisebekanntschaft vom vorherigen Tag aus Israel, die wir bereits bei der Immigration nach Angola kurz und flüchtig kennengelernt haben.
Er hatte wahrhaftig mitgedacht und bereits Tickets für uns drei gezogen. Deswegen muss man nämlich so früh am Hafen sein: Man zieht eine Nummer und ist dann gewissermaßen in einer Warteschleife. Je schneller man eine Nummer zieht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mitfahren kann. Ich bedankte mich aufrichtig, dass er an uns gedacht hatte. So war vorerst das wichtigste erledigt. Der nächste Schritt war dann der Check-in, wo sich entscheidet, ob wir direkt mitgenommen werden.
Das würde wohl mindestens eine Stunde dauern, hieß es. So ging ich in einem Einkaufszentrum 200 Meter entfernt noch in Ruhe Snacks und Getränke einkaufen für die Fährfahrt. Bei Rückkehr dann die Überraschung: Omar, Jannick und auch unser Israeli waren bereits am Schalter. Ich war noch gerade so rechtzeitig, um auch schnell meinen Reisepass vorzuzeigen.
An diesem Morgen hatten wir dem Israeli alles zu verdanken. Die Dame am Schalter gab nämlich ursprünglich die Auskunft, dass eine Fahrt heute nicht möglich sei und wir erst am Samstag fahren könnten. Wir würden also zwei Tage an Wartezeit hier verlieren, die uns vom Visa abgehen…
Hier sprang unser Freund in die Bresche, der so richtig Lust auf Verhandeln hatte. Dank seiner eloquenten Art, die Dame um den Finger zu wickeln, durften wir am Ende doch alle gleich heute mitfahren. Wir mussten sogar nicht mal etwas zahlen für die Mitnahme unserer Fahrräder – manchmal muss man einfach Glück haben und die richtigen Leute treffen!
Nun waren wir eingecheckt und nachdem wir von der Immigrationspolizei noch zahlreiche Ablichtungen mit unseren Zweirädern über uns ergehen lassen mussten inklusive Wiegen des Fahrrades, hatten wir alle Zeit der Welt. Die Fahrräder waren sicher im Gepäckraum und wir mussten erst um 14 Uhr wieder da sein, da die Fähre um 15 Uhr ablegt laut Fahrplan.

Die Zeit wollten wir nutzen, um SIM-Karten zu kaufen. Der Shop des Anbieters Unitel war bereits um 10 Uhr vormittags sehr gut besucht. Als weiße Touristen wurden wir jedoch vorgewunken an den Schalter. Ein Privileg, das uns gar nicht mal so angenehm war. Aber wir nahmen es an.
Nun gingen jedoch die Schwierigkeiten los. Die Sprachbarriere verkomplizierte die Kommunikation mit der etwas überforderten Mitarbeiterin. Jannick wollte eine SIM-Karte mit 13 Gigabyte, Omar und ich mit jeweils 20 Gigabyte Datenvolumen. Es verging bereits viel Zeit, bis die Dame dies scheinbar verstand. Leider nur scheinbar.
Bei der Buchung der SIM-Karten brachte sie einiges durcheinander. Sie buchte nur auf Jannicks SIM-Karte das korrekte Volumen von 13 Gigabyte. Auf meine jedoch wurden ebenfalls nur 13 Gigabyte gebucht, obwohl ich 20 bestellen wollte. Bei Omar funktionierte die Buchung gar nicht. Ich wies die Dame daraufhin, dass ich gerne 20 statt 13 Gigabyte hätte. Daraufhin buchte sie mir zusätzlich zu den 13 Gigabyte nochmal 20 Gigabyte auf die Karte, dass ich auf einmal 33 Gigabyte hatte.
Als die Dame ihren Fehler bemerkte, brach sie geradezu in Tränen aus. Omar gab etwas sauer seine SIM-Karte zurück, während ich zu dem Chef des Ladens ging, um zu prüfen, ob man die 13 Gigabyte nicht rückgängig machen könnte oder transferieren auf Omars Karte. Leider war hier nichts mehr rückgängig zu machen. Einmal gebucht ist gebucht. Leicht genervt zahlte ich für die 33 Gigabyte, die ich gegen meinen Willen bekommen habe. So kann ich theoretisch abends im Zelt jeden Tag Youtube schauen 😉
Die Dame war auf jeden Fall mehr als froh, dass ich die 33 Gigabyte akzeptierte und sie nicht die Konsequenzen ihres Fehlers tragen musste, sodass sie mir immerhin anbot, mich anzurufen zur Aktivierung meiner SIM-Karte. Das einmalige Verbinden mit dem Telefonnetz war nämlich ein hierfür notwendiger Schritt. So musste ich wenigstens nicht noch extra für ein Minimum an Telefonguthaben zahlen…
Nach all dem Drama ging’s langsam zurück in den Hafen. Die Sache mit den SIM-Karten zog sich 3 (!!) Stunden hin. Im Hafen gab’s das nächste Problem: Die zuständiger Helfer für die Beladung der Fähre wollten unsere Fahrräder in einem Transporter zum Schiff bringen und einladen. Mit Händen und Füßen versuchten wir, klarzumachen, dass wir unsere Fahrräder gerne selbst zur Fähre bringen würden aufgrund des Risikos eines Schadens. Nach langer Verhandlung akzeptierten die Mitarbeiter.
Allgemein herrschte hier das typisch afrikanische Chaos. Bevor wir zur Fähre durften, wurden wir von A nach B nach C und wieder zurück nach B geschickt, ehe wir zu Immigrationszwecken noch einen Stempel in den Reisepass bekamen. Nun endlich durften wir – vor allen anderen Passagieren – zur Fähre.
Hierbei wurden die beladenen Räder durchaus abenteuerlich und nicht gerade sicher über die Rehling aufs Schiff gehoben – da kann einem durchaus mal kurz das Herz in die Hose rutschen…
Gottseidank ging am Ende alles gut und die Fahrräder wurden immerhin professionell per Spanngurt fixiert – da sollte nichts passieren. Mit freier Platzwahl machten wir es uns auf der Fähre bequem. Erst nach und nach trudelten die restlichen Passagiere ein. Entgegen mancher Berichte war die Fähre jedoch überhaupt nicht überfüllt.



Auf Nachfrage hieß es, dass der Donnerstag wohl ein entspannter Tag sei und die meisten am Samstag verreisen. Reisegepäck kostet am Samstag auch 30 Euro – da hatten wir wohl wirklich Glück gehabt. Sehr zufrieden genossen wir, als die Fähre mit reichlich Verspätung um 16 Uhr endlich ablegte. Die etwas über 100 Kilometer lange Fahrt dauerte ganze drei Stunden, sodass wir erst im Dunkeln die Lichter von der auf den ersten Blick sehr modernen Stadt Soyo erblickten.

Erst nachdem alle restlichen Passagiere die Fähre verlassen haben, konnten wir schließlich auch mit unseren Fahrrädern an Land gehen. Diesmal sehr entspannt durch die Tür, da kein Höhenunterschied herrschte zwischen der Kaimauer und dem Einstieg auf die Fähre – die Nerven wurden nicht strapaziert.
Nun standen wir im Dunkeln und hatten noch eine Aufgabe: Einen Schlafplatz für die Nacht finden. Erst versuchten wir, über einen Fährenmitarbeiter eine Möglichkeit zum Zelten direkt im Hafen zu bekommen, letztendlich erhielten wir aber wohl berechtigterweise eine Absage. Der Platz sei zu gefährlich zum Zelten.
Zumindest gab’s unweit vom Hafen ein Hotel. Nach zäher und langwieriger Verhandlung aufgrund der Sprachbarriere konnten wir uns für 30.000 Kwanza ein Hotelzimmer zu dritt teilen (ca. 9 Euro pro Person). Das war in diesem Moment jedoch egal. Wir waren nur froh, ein diesmal geräumiges Zimmer mit Strom und Dusche zu haben.
Nun wartete aber noch eine letzte Aufgabe, bevor wir endgültig ins Bett fallen und dem Tag einen Haken verpassen konnten: Essen finden! Nach kurzer Suche landeten wir hierbei einen echten Glücksgriff am Straßenmarkt ums Eck. Für 1.000 Kwanza (weniger als 1 Euro) bekam man einen super leckeren Fisch, sowie perfekte, leicht süßliche Kochbananen mit Auberginen- und Zwiebelbeilage. Was ein Festmahl! Das waren wohl die meisten Nährstoffe und Vitamine, die mein Körper seit langer Zeit aufgenommen hat! Eine Wohltat!

Zufrieden und gesättigt legten wir uns am bereits späten Abend schlafen. Aufgrund der späten Uhrzeit und den letzten beiden, sehr stressigen Tagen, beschlossen wir, es am nächsten Tag ruhiger angehen zu lassen und erst einmal aufzuschlafen. Omar musste ja eh noch eine SIM-Karte besorgen bevor es losgeht…
Insgesamt war der Plan jedoch stramm, der Visacountdown tickte nun unnachgiebig – bis zum 8. August müssen wir es nach Namibia schaffen. So war die Devise, auch am nächsten Tag trotz spätem Start soviele Kilometer wie möglich zu schaffen. Im besten Fall 100 Kilometer, da wir anpeilten, in vier Tagen im 400 Kilometer entfernten Luanda anzukommen, der Hauptstadt Angolas. Trotz der stressigen Vorgeschichte: Erholung war so schnell erstmal nicht in Sicht, einer der wohl intensivsten Abschnitte dieser Fahrradreise…


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