Das Grenzdrama

12 Kilometer – so viel Sandpiste trennte uns noch von der Grenze zu Namibia. Diese 12 Kilometer, sie mussten sich jedoch bei wie immer strahlendem Sonnenschein hart erarbeitet werden. Der Sand wurde nämlich immer tiefer, häufig half nun wirklich nur noch schieben.

Erst weniger als fünf Kilometer vor dem Zwischenziel ging der tiefe Sand wieder mehr in festgebackenen, rumpeligen Schotter über. Der Geschwindigkeit kam dies trotzdem nicht zugute, weil der Schotter echt böse rumpelig war und einen so richtig durchschüttelte. Weniger als drei Kilometer vor dem Ziel kamen wir dann endlich wieder zum Abzweig Richtung Grenze auf eine größere Gravelpiste. Diese war frisch gemacht und führte einen vergleichsweise komfortabel die letzten Kilometer zur Grenze – nach über einer Stunde für 12 Kilometer.

Bald geschafft: Die letzten Meter grobe Schotterpiste.

Im Grenzbereich mit Shops, Restaurant und Bar war die Stimmung prächtig. Wir hatten schließlich alle Zeit der Welt und einen Grund zur Freude: Namibia ist erreicht! Wir hatten bereits in einer Entfernung von nicht einmal 10 Kilometern eine Campside im Blick, inklusive Pool und Restauranr im WLAN. Es war also für diesen Tag nicht mehr viel geplant, man sah sich schon, bei einem Bier am Pool liegend, die Ankunft in Namibia feiern und entspannen.

Vorher nahmen wir im Restaurant noch ganz entspannt ein frühes Mittagessen zu uns. Zudem stießen wir jetzt schon mit einem Bier auf den Abschied aus Angola an – was ein tolles Land, wir haben es extrem unterschätzt und können es jedem Lesenden nur wärmstens ans Herz legen! Ich wechselte noch schnell meine verbleibenden Kwanza in Namibian Dollar und dann ist das Kapitel Angola endgültig vorbei!

Obrigado, Angola!

Nach allen den Feierlichkeiten an diesem besonderen Tag ging es schließlich zur Grenze, erstmal mussten wir uns den Ausreisestempel aus Angola holen. Wie bereits bei der Einreise, wurden hier nochmals unsere Fortbewegungsmittel dokumentiert, wir standen für Ablichtungen mit unserem Zweirad bereit.

Ablichtungen an der Grenze.
Auf einen letzten Rückblick.

Kompliziert war es aber keineswegs, schnell erhielten wir den Stempel und gingen weiter zum Einreisehäuschen von Namibia. Wir meldeten uns an und legten unsere Reisepässe vor.

Freie Fahrt nach Namibia?!

„Can I see your eVisa, please?“, fragte uns einer der Beamten. „We have no eVisa, we would like to do it here!“, antworteten wir zunächst selbstbewusst. Der Hintergrund: Namibia hat ja im April dieses Jahres eine Visumspflicht eingeführt, was viele vorherige Regeln und Bestimmungen über den Haufen warf.

Daher informierten wir uns natürlich auf der Seite des auswärtigen Amtes sowie auf anderen Portalen. Hier erhielten wir die Information, dass man das eVisa im Voraus online beantragen kann, dieses jedoch nicht zwingend erforderlich wäre. Man könnte auch direkt an der Grenze das Visa ausfüllen, ausstellen lassen und 80 Euro zahlen, um ins Land zu gelangen.

Laut verschiedener Berichte käme es beim eVisa jedoch häufig vor, dass man nur 30 Tage bekäme. Vor Ort an der Grenze kann man direkt klar machen, dass man die 90 Tage braucht. So erschien es für uns nur folgerichtig, dass wir das Visum einfach direkt an der Grenze machen. Wir haben uns bereits in Angola abgehetzt, 30 Tage wäre einfach viel zu kurz gewesen.

Nur fragte der Grenzbeamte also nach unseren eVisas. Wir verneinten freundlich und wiesen auf die Möglichkeit hin, dieses doch direkt hier zu machen.

Diesem Anliegen wurde jedoch direkt eine Absage erteilt: „It’s not possible to do the Visa here. You need an eVisa!“ Wir waren baff. „Seriously?! On the website of the embassy, it’s described that it’s possible to do it at the border!“

Der Grenzbeamte klärte uns weiter auf: „That’s right, but only the big border in Santa Clara has the devices to do a visa on arrival. Here you need eVisa!“

Und nun? Die angesprochene Grenze von Santa Clara nach Oshikango war gute 250 Kilometer entfernt. „But we are here with bicycle. It’s not that easy for us to just move to another border. Is it possible to find a solution?“

In der Verzweiflung boten wir den reichlich unkooperativen Polizeibeamten einige Lösungen an. Können wir nicht unser Zelt hier im Grenzbereich aufstellen und im Zweifel ein oder zwei Nächte campen, bis das Visa bestätigt ist?! Kann man nicht mit der autorisierenden Stelle einen Eilantrag stellen, das Visa für uns notfallmäßig im Expressverfahren zu genehmigen?! Das scheiterte aber alles schon daran, dass es hier im Grenzbereich keine WLAN-Verbindung gab bzw. niemand auch nur irgendwie gewillt war, uns Internet zu geben.

Als nächsten Schritt schalteten wir die deutsche Botschaft in Namibia ein und fragten am Telefon nach Hilfe, da die Information nicht beim auswärtigen Amt zu finden war. „Sorry, da kann ich euch leider nicht weiterhelfen“, so die knappe, wenig hilfsbereite Antwort.

„Please! We need a solution!“, drückten wir weiter auf die Tränendrüse. Auch, weil unser Visum an jenem Tag um 24 Uhr ablief. Wir hatten also gar nicht die Zeit, noch einmal zu einer anderen Grenze zu radeln. „It takes us two or three days to get to another border, with sandy gravel minimum four days. Our visa expires today! It’s not possible!“, klagten wir.

Nun berieten die Grenzbeamten tatsächlich über eine mögliche Lösung. Lange 15 Minuten durften wir hoffen, ehe doch die Ernüchterung folgte: Nichts zu machen, wir müssen zur anderen Grenze…

Wir mussten also umkehren und wieder zurück nach Angola. Der erste Schritt war, auf angolanischer Seite der Grenze den Ausreisestempel wieder zu stornieren. Dies war extrem wichtig. Im Falle des Vergessens hätte es eine böse, strafrechtliche Überraschung in Form von illegaler Einreise und sogar möglicher Haft gegeben. Spätestens, wenn wir bei der anderen Grenze wieder nach Namibia hätten kommen wollen.

Wir überlegten auch, ob wir nicht einfach einen neuen Stempel für Angola in den Pass bekommen könnten und damit die 30 Tage von neuem beginnen lassen. Logischerweise war das nicht möglich, da wir ja de facto gar nicht ausgereist sind. Wir waren ja nicht in einem anderen Land.

So gab es für uns nach all dem Stress, der uns gute zwei Stunden kostete, nur eine Möglichkeit: Irgendwie bis Mitternacht zu der anderen Grenze kommen. Egal wie. Wir mussten es schaffen. Falls nicht, hätten wir mit dem Ablauf des Visums und nicht rechtzeitiger Ausreise wiederum andere, möglicherweise kostspielige Probleme vor uns gehabt.

Man muss sich das mal vorstellen: Wir haben uns 90 Kilometer über diese unwirtliche Sandpiste gekämpft, träumten nach all den Strapazen bereits von einem entspannten Tag nach Grenzübergang – und dann das.

Nun war Improvisieren gefragt in dieser Notsituation. Nachdem wir bereits auf angolanischer Grenzseite beim Stornieren des Ausreisestempels die Beamten verzweifelt fragten, ob sie uns helfen könnten in Form einer Mitfahrgelegenheit, machten wir bei allen Menschen im weiteren Grenzbereich genauso weiter, fragten jeden um Hilfe – leider ohne Erfolg.

Man riet uns lediglich, in den 15 Kilometer entfernten, nächsten Ort Caleque zu fahren. Hier wäre die Wahrscheinlichkeit wohl höher, dass jemand plant, zur Grenze in Santa Clara zu fahren. Es war bereits 14 Uhr und wir hatten nun keine Zeit mehr zu verlieren – auf geht’s!! Mit dem Mute der Verzweiflung!

Auf dem Weg über die Gravelpiste war der Plan, jeden Truck und jeden Pick-up anzuhalten und nachzufragen.

Beim ersten hatten wir noch Pech, ehe uns auf der wenig befahrenen Straße im Pampa-Grenzgebiet nach bereits fast 10 Kilometern ein Pick-up entgegen kam. Omar, ca. 50 Meter hinter mir, schrie bereits aus voller Kehle: „STOPP IHN! STOPP IHN!!“

Ich als Vorausfahrender fuchtelte wie wild mit den Armen. Durch mein Gestikulieren hielt der Pick-up-Fahrer tatsächlich an. Als wir nun von unserem Problem erzählen, wirkte die Antwort fast wie ein 6er im Lotto: „Yea Santa Clara is the destination of my transport today. It should be possible to take you there!“

Wahnsinn! Was haben wir nur für ein Glück im Unglück! Jetzt nur noch schnell die Räder irgendwie tetrismäßig auf die viel zu kleine Ladefläche bringen. Mit einigem Quetschen und etwas Improvisation in Form von Spanngurten schien alles geregelt. „But I don’t go directly. I have to bring and pick up some other people“, dämpfte der Fahrer etwas unsere Euphorie: „It could become late…“

Das war uns in dem Moment jedoch so sch***egal! Hauptsache wir haben eine Mitfahrgelegenheit und kommen einfach vor Mitternacht an, um das Visum nicht zu überziehen!

Mit zwei Mitfahrern stiegen wir nach der erfolgreichen Beladung also in den Pick-up ein – zu einer der wohl wildesten und auch gefährlichsten Fahrten unseres Lebens.

Mit seinem 4×4-Pickup gab der Fahrer, fast im Stil eines Michael Schumachers, ziemlich Gas. Mit 80 Stundenkilometern manövrierte er das Fahrzeug durch den tiefen Sand bei stellenweise extrem schmaler Fahrbahn. Oftmals war der Weg links und rechts zugewachsen und vereinzelt schliffen sogar einzelne rausstehende Dornen am Fahrzeug.

Man kann es nur erahnen…

Ich konnte mir das ganze entspannt aus dem Innenraum des Fahrzeuges anschauen und bekam lediglich aufgrund des Tempos so manchen Adrenalinschub. Jannick und Omar jedoch saßen hinten auf der Ladefläche und erlebten so manche Beinahetoderfahrung. Aufgrund des angesprochenen Dornenrisikos musste alsbald ein Fahrradhelm aufgezogen werden, um sich bei einer Durchfahrt von 80 Stundenkilometern zu schützen. Der Kopf musste zwingend eingezogen werden. Eine Dorne verfehlte Jannicks Auge nur haarscharf…

Außerdem war auf der Ladefläche wenig Platz und das Sitzerlebnis sehr unkomfortabel. Die beiden mussten ständig die Position wechseln. Ja, irgendwann legten sie sich bei den schmalen Gassen durch zugewucherte Strauchlandschaften gar bäuchlings auf das Dach des Puckups, um Schutz zu haben.

Kurzum: Es war eine Fahrt für die Geschichtsbücher dieser Reise. Aufgrund der vielen Zwischenstopps wegen anderer Fahrgäste zog sie sich zudem wahrlich in die Länge.

Bis zum Sonnenuntergang verbrachten die beiden volle 3 1/2 Stunden die Fahrt auf der Ladefläche, ehe wir schließlich wieder alle im Inneren des Wagens Platz hatten. Bald waren wir dann nach 150 Kilometern Sandtrail auch endlich wieder auf Asphalt unterwegs. Noch 100 Kilometer bis zur Grenze in Santa Clara.

Hier sollte jedoch die nächste Herausforderung warten. Laut unseres Fahrers und Retters in der Not war der Tank wohl ziemlich knapp. Die nächste größere Stadt Ondijva war noch 50 Kilometer entfernt.

Wenn wir jetzt liegen bleiben, so wäre das definitiv verheerend. Bange 45 Minuten später konnten wir aufatmen: Wir haben es zur Tankstelle in Ondijva geschafft. Jetzt konnte wahrlich nichts mehr schief gehen, als wir zu bereits später Stunde die letzten 50 Kilometer in Angriff nahmen.

Um ca. 21 Uhr war nach einem wilden Ritt über fast sieben Stunden endlich die Grenze erreicht. Nun war jedoch noch lange nicht Feierabend. Wir mussten ausladen, unser Gepäck wieder ans Fahrrad bringen – und natürlich die Bezahlung mit dem Fahrer und Retter regeln. Das Problem: Wir haben ja (inklusive mir an der Grenze) bereits alle unsere verbleibenden Kwanza gewechselt.

Fast erwartbar sah er in diesem Moment die Dollarscheine vor seinem geistigen Auge fliegen, nachdem er vorher noch von ca. 25 Dollar Spritkosten sprach. Mehr Bargeld hatten wir leider auch nicht, als der Fahrer auf einmal 100 Dollar veranschlagte.

Unser Mitfahrer findet jedoch häufig die passenden Worte, so auch hier: „Should I tell you something? Don’t see it as work! It was kind of helping us in an emergency situation. We are extremely thankful for you. And as I learned: Thankfulness can’t be expressed in money. We can give you these 25 dollars now, but the thankfulness which we feel for you will last forever!“

Sogar sichtlich leicht berührt akzeptierte unser Fahrer schließlich. Ein schöner Abschluss dieser Fahrt! Nun ging es wirklich auf zur Grenze. Knapp entkommen wir nun doch noch einem möglichen Verzug der Ausreise. Auf ein neues holten wir uns nach üblichem Ausreiseprozedere den Stempel, um voranzuschreiten auf die namibische Seite der Grenze. Mittlerweile war es ungefähr 22 Uhr. Wahrscheinlich die späteste Einreise in ein Land meines ganzen Lebens.

Wir zeigten unsere Reisepässe und durften nun ohne Probleme das Datenblatt für das Visum ausfüllen und abgeben. Anschließend hieß es nochmals 30 Minuten warten. Dann war bereits alles erledigt und wir hatten nach der durchaus kostspieligen Bezahlung von 80 Euro Visumsgebühr pro Person unser Eintrittsticket für Namibia schließlich in der Tasche – bzw. im Reisepass.

Ende gut, alles gut? Eine Baustelle blieb noch. Der Grenzort auf namibischer Seite, Oshikango, war bekannt für kriminelle Übergriffe zu später Stunde draußen. Wir hatten ein ungutes Gefühl damit, jetzt noch in den Ort zu fahren und nach einem Hotel zu suchen.

Bei den Grenzbeamten äußerten wir unsere Sicherheitsbedenken und erörterten unsere Situation. Wir fragten, ob wir nicht irgendwo im gesicherten Grenzbereich unsere Zelte aufstellen und uns am nächsten Tag dann schnell „verpissen“ könnten.

Nach kurzer Verhandlung wurde uns dankenswerterweise grünes Licht gegeben und wir konnten auf der Wiese ums Eck das Zelt aufstellen. Nach einer kurzen Mahlzeit war es Mitternacht.

Was für ein Tag! Die entspannte Stimmung und Vorfreude auf einen erholsamen Nachmittag vor der Grenze. Die totale Depression und Panik um 14 Uhr nach der Abweisung an der Grenze, die Freude und Hoffnung nach dem Auffinden einer Mitfahrgelegenheit. Das Adreanlin dieser Formel-1-Fahrt durch die Sandpisten. Die Erleichterung bei Ankunft an der Grenze und dem Meistern dieser Herausforderung. Kurzum: Wir waren geschafft und auch absolut glücklich. Ein Highlight dieser Reise, eine Dramaturgie, wie sich sich wohl kein Drehbuchautor besser ausdenken könnte.

Im Endeffekt überwiegen bei diesem erinnerungswürdigen Tag natürlich die positiven Aspekte. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch etwas Schatten. Unsere Pläne bezüglich der Route durch Namibia waren nun wieder über den Haufen geworfen. Wir mussten nun wieder improvisieren und spontan umplanen. Wohin wird die Reise gehen?! Das wird Thema des nächsten Blogs sein. Erstmal war ein paar Stunden Schlafen angesagt. Dieser Tag war der Inbegriff von „intensiv und erinnerungswürdig“.

3 Antworten zu „Das Grenzdrama”.

  1. Hallo ihr drei Radkämpfer! Hatte schon überlegt was passiert sein könnte weil es so ruhig war. Aber der Bericht erklärt einiges. So einfach ist es doch nicht durch Afrika zu fahren. Aber ihr schafft es doch. Hut ab und Respekt. Weiterhin gute Fahrt und viel Glück.
    Grüße aus Deutschland

    Sini

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  2. Wie egoman muss man sein, seine Kumpels durchgehend auf der Ladefläche kauern zu lassen während man selbst in der gemütlichen Fahrgastzelle chillt? Cyprian so: hold my beer. Unglaublich.

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    1. Es war tatsächlich wirklich so, dass die beiden gar nicht wechseln bzw. rotieren wollten. Sie hatten trotz des Abenteuers auch den Spaß ihres Lebens und genossen die wilde Fahrt auf der Ladefläche durch afrikatypische Natur. Sofern es jemandem zuviel gewesen wäre, hätte ich mich natürlich sofort auf die Ladefläche begeben 😉 so war am Ende niemand unglücklich.

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