6 Uhr morgens in dem idyllischen Küstenörtchen Elands Bay. Nachdem klar war, dass die beiden Kumpanen andere Pläne und Interessen als ein baldiges Ende der Tour hatten, war ebenso klar, dass mich nun nichts mehr halten würde, das Ziel so greifbar vor Augen. Hierauf reagierte auch wieder mein Schlafrythmus. Nachdem ich die vorherigen Tage, als ich von einem Kurzurlaub an der Küste als Wartezeit auf die beiden ausgegangen bin, für meine Verhältnisse spät um ca. 7 Uhr wach war, ist diesmal bereits um 6 Uhr ob einer gewissen Aufgeregtheit und inneren Unruhe nicht mehr an Schlaf zu denken.
Ruhig Blut! Nichts überstürzen! Erstmal plante ich eine nochmals kurze Etappe ein, um alles zu optimieren für die letzten knapp 270 Kilometer. Mickrige 23 Kilometer sollten es sein. Das belgische Paar, das ich in Steinkopf kennengelernt habe, empfahl mir nämlich einen magischen Ort in Form eines Campingplatzes bei einer Lodge direkt am Strand. Ursprünglich war geplant, hier sogar unter Umständen zwei Nächte zu bleiben, um auf die beiden zu warten.
Diesen Plan verwarf ich ob der Umstände nun wieder. Bei der kleinen Etappe kann man das ja eh als einen vollen Erholungstag verbuchen. Zeitstress hatte ich so trotz der frühen Aufwachzeit dennoch nicht. Entspannt genoss ich die magische Morgenstimmung an der Bucht, sowie ein kurzes Frühstück und packte ohne Hektik zusammen. Um 8 Uhr ging’s dann los. Am Anfang hieß es nochmal: Höhenmeter machen!


Der Felsrücken der Steilküste von Elands Bay musste einmal überwunden werden in Form von kurzen, aber knackigen 150 Höhenmetern. Zudem war ich froh, dass ich mir an diesem Tag nicht viel vorgenommen habe: Ein böser Gegenwindtag bahnte sich an. Er war bereits in den frühen Morgenstunden spürbar. Die Abfahrt auf der anderen Seite des Felsrückens hatte natürlich nichtsdestotrotz einen gewissen Spaßfaktor – so schlimm war’s dann zu so früher Stunde auch noch nicht.

Das anschließende, flache Reststück bot dann natürlich einen kleinen Vorgeschmack auf so manche Gegenwindstrecken, die gewissermaßen den „Endgegner“ darstellten. Ich war relativ froh, dass ich bei den Bedingungen zu früher Stunde um halb 10 bereits Feierabend machen konnte – ein wahrhaftiger Erholungstag, um nochmal Energie für den Endspurt des Endspurts zu tanken.
Nach Auskunft der Managerin war der Campingplatz voll belegt. Man konnte mir jedoch eine Lösung in Form eines freien Mitarbeiterzimmers anbieten für umgerechnet 20 Euro. Für einen Erholungstag eventuell gut investiertes Geld. Es handelte sich nämlich um eine Luxuslodge. Bei einem normalen Bungalow zum regulären Preis hätte ich meine Tour wohl doch eher fortsetzen müssen…
So nahm ich das Angebot an. Ob der frühen Tageszeit war das Zimmer aber noch nicht bereit und ich checkte erst einmal den Strand ab. Wahrhaft wunderschön, der Atlantik im Kontrast zu knallig-bunten Blumen an den Dünen des Strandes. Eine Stunde lang genoss ich meditativ einfach diese Naturschönheit. Ich kann verstehen, dass das belgische Paar hier sogar zwei Nächte verbrachte. Auf ein Bad in den Wellen verzichtete ich diesmal jedoch. Mit dem bereits starken Wind konnte ich mich kaum überwinden…

Ich kehrte zurück und bezog mein nun fertiges Zimmer. Es hatte zwar keinen Luxusstandard. Ein Bett und Dusche machte einen jedoch mehr als glücklich. So begann ich mit einer Art Vorbereitung für die letzten Tage. Handwäsche und ein kurzer Check des Fahrrades. Hierbei eine Schrecksekunde: Der Vorderreifen hatte beim Drucktest kaum mehr Luft. Oh Nein! Platter Reifen Nummer 6…
Nun gut, ich hatte ja Zeit. Schnell das Rad ausbauen und den Reifen von der Felge nehmen…dank des Waschbeckens im Zimmer war das Loch im Schlauch schnell gefunden. Da ich mittlerweile gelernt habe, den Reifen nach dem Abnehmen von der Felge immer mit dem Ventil auf „12 Uhr“ vor mich hinzulegen, konnte ich auch den möglichen Bereich am Mantel für den Übeltäter schnell abgrenzen.

So begann ich, diesen Bereich im Mantelbett zu inspizieren und abzutasten. Einmal, zweimal, dreimal…ich konnte einfach keine Ursache für den platten Reifen finden. Da ich jedoch bereits vor zwei Wochen einen platten Reifen über Nacht hatte, muss da irgendwas sein! So langsam war ich am Verzweifeln. Sind Mantel und Schlauch im A****?! Muss ich jetzt beides tauschen?! Dann habe ich keinen Ersatz mehr für den Notfall, nur noch Flickzeug…klar, auf etwas über 200 Kilometern sollte normal auch so nichts mehr passieren. Das schlechte Gefühl und eine subtile Angst im Hinterkopf spielen jedoch immer mit…
Nun ja, wie gesagt: Ich habe Zeit! Also weiter untersuchen…im x-ten Versuch konnte ich doch eine minimale Unregelmäßigkeit, einen kleinen Widerstand im Mantel, ertasten. Beim Inspizieren gewissermaßen „mit der Lupe“ konnte man schließlich einen mikroskopisch kleinen Draht von vielleicht einem Millimeter Länge tief im Mantel verorten. So weit, so gut. Das nächste Problem: Mit meiner groben Zange hatte ich keine Chance, diesen Draht irgendwie zu greifen und zu entfernen.
Ich wandte mich also an das Hotelpersonal und fragte nach der feinsten Pinzette, die man hier auf Lager hätte. Hierfür erntete ich etwas überraschte Blicke, eine solche Anfrage hat man hier wahrscheinlich auch nicht alle Tage. Dennoch konnte man mir nach kurzer Suche gottseidank eine entsprechende aushändigen.
Ich machte mich also zügig wieder an diese doch sehr feinmotorische Arbeit. Auch mit der Pinzette war es erstmal unmöglich, den kleinen, fiesen Übeltäter „dingfest“ zu machen.
Immerhin konnte man an der Außenseite des Mantels die vermeintliche Einstichstelle ausfindig machen. Vergleichbar mit einer wahren Akupunktur drückte ich also bestimmt ein Dutzend mal mit der feinen Pinzette an dieser Stelle mit voller Kraft gegen, damit der Draht sich vielleicht etwas weiter in das innere des Mantels durchdrückt. Nach zahlreichen Versuchen konnte ich so schließlich das mikroskopisch kleine Teil endlich von innen greifen und entfernen – durchatmen! Eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle!
Der Rest war schnell erledigt. Der Schlauch konnte nun problemlos geflickt werden. Alles wieder auf die Felge, Rad wieder einbauen und fertig. Schließlich dauerte die Prozedur über eine Stunde. Glück im Unglück: Immerhin passiert mir das im Hotel am Erholungstag und nicht irgendwo auf der Straße – das wäre ein Spaß geworden und ich hätte es wohl niemals so gewissenhaft gemacht!
Zusätzlich war ich auch froh, dass ich das Problem direkt angegangen und gelöst habe. Ab dem Mittag holte mich eine fiese, einseitige Kopfschmerzattacke inklusive Übelkeit ein. Das kommt bei mir leider in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder vor. Manchmal auch monatelang gar nicht. Den Nachmittag verbrachte ich also eher mit Schlafen. War ich froh, dass ich unter den Umständen in ein Zimmer investiert habe!
Nur zum Sonnenuntergang am Strand konnte ich mich nochmals aufraffen. Nach drei Stunden Schlaf war meine Verfassung etwas besser, aber immer noch nicht berauschend. Ich überlegte, ob ich nicht doch eine zweite Nacht dranhängen sollte. Na ja, früh schlafen, Wecker auf halb 6 stellen ob der Windvorhersage (ab dem Mittag wieder stürmischer Gegenwind) und dann mal schauen, ob es mir nachhaltig besser geht…


Dankenswerterweise waren die Kopfschmerzen dann nach viel Schlaf im bequemen und vor allem auch warmen Bett (8 Grad in der Früh) auch weg und ich konnte doch durchstarten, ab in den Endspurt! Ziel war die Stadt Langebaan in 80 Kilometern, idyllisch gelegen an einer Lagune. Von hier aus sind es noch etwas mehr als 100 Kilometer bis Kapstadt.
Um halb 7 war ich fertig und abfahrbereit. Das Problem: Das Eingangstor des Geländes der Lodge war verschlossen. Die Rezeption war kurioserweise trotz des hohen Standards wohl nicht 24/7 besetzt. Aufgrund meines Mobilfunktarifs für Südafrika, der nur Internetdaten umfasste, konnte ich die Notfallnummer nicht kontaktieren. Ne oder?! Ernsthaft?!
Leicht fluchend blieb nur eine Lösung: Am Eingangsgate alles Gepäck abbauen, über den Zaun schmeißen und Fahrrad auf die anderen Seite hieven. Anschließend über das Gate klettern und auf der anderen Seite wieder alles aufbauen. Insgeheim hoffte ich, dass hier keine Überwachungskameras sind. Dennoch waren die Betreiber in meinen Augen natürlich auch ein wenig selbst Schuld bei der mangelnden Organisation. Und schließlich hatte ich keine Zeit zu verlieren, man muss hier mit dem Wind gehen! Gegenwind ist für mich gewissermaßen wie die Pest. Ich möchte es um jeden Preis vermeiden…
Mit etwas ungeplanter Verzögerung strampelte ich also los im Morgenlicht. Zu Beginn gab’s nochmals eine 10 Kilometer lange Gravelpassage entlang der Bahnlinie mit etwas Waschbrett. Man überstand es dennoch, denn man wusste: Das war das Ende von jeglichem Gravelschund. Bis zum Ziel sollte mich nun bester Asphalt begleiten!

Bei leichtem, aber gut fahrbarem Gegenwind war man immer entlang der Küste alsbald in dem schönen Örtchen Dwarskersbos, das freilich rechts liegen gelassen wurde. Nur etwas mehr als 10 Kilometer weiter wartete schließlich bereits das Örtchen Velddrif mit Shopping- und Einkehrmöglichkeiten.

Bald überlegte ich: Brauchst du wirklich eine Pause?! Der Gegenwind ist jetzt schon spürbar, wenn auch wenig hinderlich. Zieh doch einfach durch bis Langebaan in 40 Kilometern und kümmer dich dann um alles Weitere! Ich fuhr kurzentschlossen weiter…
Es war alles soweit flach, nur ein längerer Hügel stellte sich einem in den Weg. Oben angekommen gab’s dann doch nochmal eine kleine Stärkungspause. Anschließend musste lediglich noch eine kurze Zwangspause eingelegt werden, weil die Straße, die ich nehmen wollte, noch wegen kurzfristigen Bauarbeiten gesperrt war. Zwischendrin hielten nochmals einheimische Autofahrer für mich an, um mir ob des zunehmend heißen Wetters an diesem Tag eine Flasche Wasser zu überreichen – vielen, lieben Dank!
Lange musste ich mich an der Zwangspause jedoch nicht aufhalten. Alsbald konnte ich weiter nach Langebaan fahren. Am Ortseingang, weniger als 10 Kilometer vom angepeilten Campingplatz entfernt, entdeckte ich schließlich ein Novum: Ein McDonald’s! Der erste seit Marokko! Ok, das schreit nach einer Einkehr…aufgrund der überschaubaren Restkilometer war mir der zunehmende Gegenwind nun egal und ich genoss eine reichlich ungesunde Mahlzeit…

Anschließend quälte man sich auch eher nur noch so die letzten paar Kilometer durch nun böigen Gegenwind zum Ziel – geschafft! Wieder 80 Kilometer im Kasten! Und wiedermal eine Bestätigung für mich, warum ich hier nur halbtags fahre und so früh starte…
Am Campingplatz von Langebaan war man mal wieder nicht alleine: Alsbald wurde ein einheimischer Campingurlauber auf mein Fahrrad aufmerksam und fragte mich aus. Er wollte gar nicht mehr aufhören, zu reden. Ein sehr gesprächiger Geselle. Ich hatte in diesem Moment jedoch irgendwann andere Sorgen. Zunehmender Hunger und auch Durst ließen mich den Zeitgenossen freundlich, aber bestimmt abwimmeln. McDonald’s hält eben insbesondere bei diesem Kalorienverbrauch doch nicht allzu lange satt…
Zu Fuß erkundigte ich den netten Touristenort und holte mir dringend benötigte Verpflegung. Auf dem Rückweg gab’s am Strand im türkisen Wasser der Lagune von Langebaan ein erfrischendes Bad bei nun laut Recherche 14,5 Grad Wassertemperatur – es geht aufwärts 😉


Zurück am Campingplatz konnte ich dem Campinggast wieder mehr Aufmerksamkeit schenken. Dank der Konversationen mit dem kontaktfreudigen Zeitgenossen ging der Nachmittag schnell vorbei. Nach einem letzten kurzen Abstecher zum Sonnenuntergang an den Strand und einem kleinen Abendessen lag ich bereits im Zelt, bereit für die nächste Etappe. 90 Kilometer sollten es sein bis zum Ort „Melkbosstrand“, nur noch etwas mehr als 20 Kilometer von Kapstadt entfernt.

Die Windvorhersage war wieder gleich: Ab dem Mittag stürmischer Gegenwind. Dementsprechend wurde der Wecker wieder auf halb 6 gestellt. Wiederum war ich um halb 7 abfahrbereit. Deutsche Campingurlauber, die wohl ebenfalls zur Sorte „früher Vogel“ gehörten, wurden noch auf mich aufmerksam und wollten mich sogar noch zum Frühstücken einladen. Hier musste ich aber leider ablehnen – ich habe doch Zeitstress…Gegenwind ist keine Option!
Ich bedankte mich und fuhr los. Beginnend mit einem erstmal ordentlichen Anstieg wieder raus aus Langebaan. Anschließend folgte eine malerische Abfahrt hinein in den West Coast Nationalpark. Hierfür musste man auch mit dem Fahrrad vier Euro Eintritt bezahlen, um einmal 20 Kilometer durchzufahren. Nun ja, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an…


Ich entrichtete das Entgeld und setzte meinen Weg fort durch den nochmals sehr hügeligen Nationalpark. Die Kilometer vergingen trotzdem wie im Flug, da ich mit einem Rennradfahrer auf seiner Trainingsrunde ins Gespräch kam. Er war tief beeindruckt von meinem Hintergrund und wollte meine Geschichte bei den lokalen Medien verbreiten. Nach Nummernaustausch war ich dann alsbald wieder alleine, da er mit dem Rennrad natürlich ein anderes Tempo hat als ich mit meinem schweren Reiserad.
Alleine war ich dann zügig wieder am Exitgate des landschaftlich ganz netten Küstenparks und zurück auf der Hauptstraße in Richtung Kapstadt. Auf den letzten Kilometern des Nationalparks gab es zudem einen ersten, emotionalen Moment: Das, da hinten in der Ferne – das ist der Tafelberg!!! Junge, du bist so nah dran!!! Verrückt…

Anschließend kam auf der Hauptstraße ein erstes Schild: „Cape Town 88“. 88 Kilometer! Du bist nur noch eine zweistellige Anzahl an Kilometern entfernt!! Hochmotiviert trat ich in die Pedale und in Verbindung mit meiner Spotify-Playlist brachte ich eine durchaus ambitionierte Pace auf die Straße. Der Wind meinte es soweit auch noch gut mit einem…

Leicht hügelig ging’s so wie im Flow immer weiter dahin. Nebenbei wurde der Tafelberg peu a peu immer größer. Innerlich hätte ich langsam schon heulen können vor Freude.

Voller Energie und sprichwörtlich „gehyped“ fuhr ich fast ohne Pause durch und um 11 Uhr waren die 90 Kilometer bis zu einem großen Campingplatz in dem Ort Melkbosstrand bereits absolviert. In mir reifte die Erkenntnis: Junge, du bist quasi am Ziel, 23 Kilometer vor Kapstadt!! Kann mich einer zwicken?!
Voller Zufriedenheit und ohne jegliche, vorangegangene Gegenwindqual baute ich mein Zelt auf, ließ ein wenig Zeit bei Erfrischung im Pool der großen Ferienanlage ins Land ziehen und genoss den Strand nebenan mit Blick auf den nun greifbar nahen Tafelberg auf. Was für Momente! In mir herrschte eine hohe Emotionalität…knapp 90 Kilometer trennen einen noch vom Kap der guten Hoffnung! Innerlich begann an diesem Nachmittag bereits ein wenig der Verarbeitungsprozess dieser langen Reise, ich rekapitulierte ein wenig und schwelgte in Erinnerungen…

Ok, zurück zur Realität! Jetzt erstmal das Ding auch zu Ende bringen. Für den nächsten Tag war die Durchquerung von Kapstadt geplant, um das Lager irgendwo in der Nähe vom Kap aufzuschlagen. Sicher hätte man auch direkt durchfahren können. Es gab jedoch zwei gute Argumente dagegen: Erstens der vorhergesagte, stürmische Gegenwind, der auf der Halbinsel südlich von Kapstadt nochmal intensiver wehen soll. Und zweitens die Öffnungszeiten des Nationalparks, in dem sich das Kap befindet. Man muss bis 18 Uhr wieder raus sein. In Verbindung mit Gegenwind und einer späten Ankunftszeit wäre mir das doch alles ein wenig zu stressig gewesen. Und Stress habe ich mir die letzten Tage bereits genug gemacht wegen diesem lästigen Feind namens Gegenwind.
Bis in die Haarspitzen motiviert, war ich natürlich trotzdem wiederum früh wach und bereit für eine Durchquerung Kapstadts. Das Wetter spielte leider so gar nicht mit. Über Nacht zog dichter Küstennebel herein. Der Tafelberg war von den Wolken verschluckt. Das hinderte mich jedoch nicht. In aller Frühe rollte ich los.
Relativ schnell verließ ich Melkbosstrand und war alsbald im Eingangsbereich von Kapstadt. Pause war nicht geplant und wäre auch nicht erstrebenswert gewesen. Zu Beginn musste man nämlich an dem Bloubergstrand vorbei. Einige Einheimische haben mich vor den Überfällen hier gewarnt. Bei der morgendlichen, samstäglichen Ruhe und dem gruseligen Nebel rollte ich lieber zügig daran vorbei.
Ab dem Beginn von Kapstadt gab es zwei Optionen. Entweder den Tafelbergmassiv rechts herum (westlich) über das Zentrum der Stadt und dann die Küste entlang passieren. Oder links herum (östlich) über die deutlich flachere, aber auch unspektakulärere Route. Aufgrund des Nebelwetters, das eh keine großen Ausblicke zuließ, entschied ich mich für die zweite Variante.
Hierbei sollte es jedoch auch durch ein, zwei „Cape Flats“ gehen. Eben genau jene Bezirke bzw. Townships von Kapstadt, vor denen gewarnt wird. Stichwort ausgeraubt werden. Die einfache Lösung: Man hält sich auf dem Highway durch die Stadt. Hier muss man sich nicht mit möglichen Überfällen auseinandersetzen, sondern nur mit stellenweise etwas gefährlicherem Verkehr. Alleine unterwegs war das für mich verständlicherweise das kleinere Übel.
Also hieß es: Weg von dem Promenadenweg an der Küste und einmal Augen zu und durch! An der ein oder anderen Highway-Ausfahrt war natürlich äußerste Konzentration gefragt, wenn die Autos mit 100 Sachen ausfädeln und deinen Weg am Straßenrand kreuzen. Dennoch war es letztlich gut machbar. Schwieriger war da eher der Gegenwind, der einen gegen Ende schon gut ausbremste.
Schließlich brachte ich diese letzte Herausforderung jedoch schnell hinter mich und war bereits am mittleren Vormittag wieder in dem Ort Muizenberg an der Küste angekommen nach ca. 50 Kilometern. Kurzerhand checkte ich in ein preiswertes Hostel ein und hörte wieder auf ob des unangenehmen Gegenwindes. Von der Etappe kann ich leider kaum Fotos präsentieren, da es wegen der Bewölkung eh kaum vorzeigbare Eindrücke gab und der Verkehr meine Aufmerksamkeit erforderte. Diese Etappe konnte man wohl eher als „Pflicht vor der Kür“ titulieren.
Dennoch hatte ich nun alle Zeit der Welt und der sehr touristische Surfort bot zahlreiche Möglichkeiten zum Verweilen. Ich genoss in einem der vielen Restaurants ein spätes Frühstück ob der Tageszeit im warmen Innenraum. Mit dem Wind war es draußen nicht gerade angenehm ohne wärmende Sonne.
So blieb es dann auch den ganzen Tag. Das Gewölk hing einfach in den Hängen des Tafelbergs, sodass hier mal wieder arges Herbstfeeling hochkam – nichts mit Sommer, Sonne, Sonnenschein. So ließ ich mich einfach nur stundenlang bei Kaffee mit Blick aufs Meer treiben, ehe ich mich noch im üppigen Supermarktangebot mit Abendessen eindeckte und mich den Rest des Tages im Hostelbett erholte.

Die Frage war nun: Morgen finishen? Du bist ja nur noch weniger als eine Marathondistanz entfernt! Das Problem: Die Windvorhersage ließ nichts gutes erahnen. Von der Früh weg fauchender Gegenwind! Ich entschied mich dafür, dass ich in der Früh nochmal die Vorhersage checke und dann bei Realbedingungen einen Entschluss fasse.
Wiedermal voller Aufregung war ich natürlich früh auf den Beinen. Mein Plan war ob der günstigen Preise, erstmal wieder in dem Frühstückscafé vom Vortag den Sonntag einzuläuten. Als ich die paar hundert Meter dahin losrollte und mir bereits einige fauchende Windböen ins Gesicht pfiffen, ließ die Entscheidung auch nicht lange auf sich warten: Kein Finish! Heute ruhig! Klar, bei der Distanz wäre es auch so möglich gewesen. Aber will ich das bei den Bedingungen?! Will ich ausgelaugt und tot dort ankommen und mich dann am Ziel vom Wind fast wegblasen lassen?! Nein! Ich will diesen für mich fast epochalen Moment ja auch etwas auskosten und genießen!
So legte ich ohne Zeitstress in dem Café eine längere Frühstückspause ein, ehe ich überlegte, wo ich denn dann heute überhaupt hinfahre? Der Kompromiss war schließlich ein Campingplatz im Ort Simons Town, dem letzten vor dem Nationalpark des Kaps. 22 Kilometer entfernt von dort. Die Distanz bis hierhin waren 16 Kilometer. Das sollte auch bei quälendem, stürmischem Gegenwind irgendwie machbar sein. Und dann bist du wirklich nur noch einen Steinwurf, bzw. eine Halbmarathondistanz vom Ziel entfernt! Ja, das klingt doch nach einem guten Plan…

Ohne jede Geschwindigkeitsambitionen oder Zeitdruck fuhr ich nach langem Frühstück entspannt los und rang dem Gegenwind in niedrigem Gang bei idyllischer Küstenlandschaft die paar Kilometer ab. Zwischendurch konnte man im Ozean sogar Wale spotten – wow!
Dank der entspannten Fahrweise war ich letztlich nach den 16 Gegenwindkilometern nicht zu sehr ausgepowert, bei 12 Km/h Durchschnittstempo aber auch froh, diese unwirtlichen Bedingungen nun am Campingplatz einfach noch aussitzen zu können. Zumal es bei Windböen bis Tempo 60 auch irgendwann gefährlich wird bei viel befahrenen Straßen…hinzu kommt: Morgen früh herrschen perfekte Bedingungen laut der Wettervorhersage – Sonnenschein bei absolut schwachwindigen Verhältnissen. Es scheint wie vorbestimmt zu sein: Petrus will einfach, dass ich an diesem Montagmorgen, den 13. Oktober, ins Ziel komme.
Freilich herrschte trotz des beißenden Windes an diesem Sonntag strahlender Sonnenschein, sodass ich nach äußerst herausforderndem letzten Zeltaufbau dieser Reise (wieder einer dieser Momente, wo man dem Wasser sehr nahe steht nach weit über 200 Zeltnächten) den Ort Simons Town erkundete.


Wiedermal war Kaffeetrinken angesagt in einem der vielen Cafés des hochtouristischen Ortes, inklusive eines Spazierganges über den Straßenmarkt und einer langen Ausspannsession an der malerischen Strandpromenade mit Blick auf die Klippen des Tafelbergmassivs.



Im Kopf war man freilich schon bei dem für einen selber geschichtsträchtigen, morgigen Tag. Es war die Ruhe vor dem Sturm, eines der wohl emotionalsten Momente in seinem Leben. Richtig emotional wurde man, als man nach der Beobachtung von Pinguinen am bekannten Boulders Beach und anschließendem Sonnenuntergang in sein Zelt zurückkehrte und sich für die letzte Zeltnacht schlafen legte. Das war es damit jetzt einfach. Unfassbar!
Mein Schlaf war freilich in dieser Nacht äußerst unruhig, zu groß war die Aufregung ob des bevorstehenden Ereignisses. Bereits um 5 Uhr war ich wach. Nun konnte mich nichts mehr halten. Noch im Dunkeln fing ich an, mein Zeug zusammenzupacken und mein Zelt abzubauen. Der nächste emotionale Moment, wo einem fast die Tränen kamen. Das letzte Mal Zeltabbau!!

Im Sonnenaufgang war ich schließlich unterwegs zum Kap. Untermalt von eindrucksvoller Landschaft mit dem Meer linkerhand und Gebirge rechterhand. Der Gebirgszug wurde schließlich an seinem südlichsten Ende einmal überquert auf 150 Höhenmetern Anstieg, sodass es nochmals ein paar Schweißtropfen gab.



Garniert freilich mit malerischer Morgenstimmung und magischem Blick auf die Buchten rund um das Kap. Nach dem durchaus teuren Eintritt in den Nationalpark (über 20 Euro) ging’s dann tendenziell nur noch bergab mit ein paar Gegenanstiegen. Die Kilometer bis zum Ziel wurden immer weniger – begleitet von ein paar Baboons auf der Straße rollte ich dahin.

Da ich so früh dran war, entschied ich spontan, vorher nochmal einen kurzen Abstecher zum Cape Point etwas oberhalb vom Kap der guten Hoffnung zu machen. Die paar Höhenmeter wurden nochmals durch eindrückliche Ausblicke in der Morgenstimmung belohnt.


Nach einigen Minuten aufsaugen dieser magischen Eindrücke bei bestem Sonnenschein und Windstille schwang ich mich ein letztes Mal in den Sattel und rollte die letzten sechs Kilometer nur bergab runter an die Küste. Und auf einmal war es sichtbar, das Schild mit der Aufschrift „Cape of good hope“. Die letzten Meter zum Parkplatz…und auf einmal stand man davor. Fast lethargisch stieg ich aus dem Sattel, lehnte mein Fahrrad an das Schild und vergrub unter dem Anblick von drei Touristen erstmal mein Gesicht in den Händen, damit man nicht sehen konnte, wie mir ein paar Tränen über die Wangen liefen. ES IST GESCHAFFT!!!!!


Ich blieb freilich von den Herrschaften nicht unbemerkt. Alsbald hatten sie natürlich Verständnis für meinen Emotionsausbruch. Unter Gratulationswünschen boten sie mir an, einige Erinnerungsfotos an dem Schild zu schießen. Anschließend verabschiedeten sich sich auf ihre Wandertour. Dank der frühen Uhrzeit von 8 Uhr hatte nun diesen hochtouristischen Ort ganz für mich alleine.
Ich hockte mich hin und ließ den Blick auf das weite Meer schweifen, sowie die Pinguine, die sich auf den Felsen sonnten. Meine Gedanken fuhren Achterbahn. Dieser Moment, auf den du gute 15 Monate lang hingearbeitet hast, für den du zahlreiche Höhen und Tiefen durchlebt hast. Für den du nicht nur einmal physisch, aber vor allem auch mental an deine Grenze gegangen bist – nun ist er wirklich Realität! Ein Traum wird wahr! Was für ein magischer Morgen, was für intensive Momente! Ich blickte weiterhin stoisch hinaus auf das Meer – begleitet von weiterhin der ein oder anderen Träne, die über meine Wangen rinnte…dieser 13. Oktober 2025, er wird mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Der wohl beste Montagmorgen meines Lebens…



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